Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Gailingen am Hochrhein (Kreis Konstanz)
Texte/Berichte zur jüdischen Geschichte des Ortes 
Seite 2: Berichte aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben

Die nachstehend wiedergegebenen Texte mit Beiträgen zur jüdischen Geschichte in Gailingen wurden in jüdischen Periodika gefunden. 
Bei Gelegenheit werden weitere Texte eingestellt. Neueste Einstellung am 15.12.2013.   
  
Ein Teil der Texte muss noch abgeschrieben werden - bitte zum Lesen die Textabbildungen anklicken!  
    

    
Übersicht:  

Berichte aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben (in chronologischer Reihenfolge)  
-  Auf Grund zu befürchtender Pogrome fliehen jüdische Einwohner in die Schweiz (1848)  
-  Geburtstagsfeier für den Großherzog sowie 50-jähriges Ortsjubiläum des Lehrers Halle (1862)   
-  Über den Gottesdienst und die Kasualien im jüdischen Gemeindeleben (1867) 
-  Über die Stiftungen in der Gemeinde (1867)  
-  Über die jüdischen Vereine in Gailingen (1867)   
Ausschreibungen der Salomon Oettinger'schen Stiftung (1850 / 1869 / 1883 / 1888 / 1890 / 1893 / 1903)  
20-jähriges Bestehen der "Luxus-Tilgungskasse" (1868)    
200-jähriges Bestehen der Chewra Kadischa (1877)   
Ein frommer Reisender hat am jüdischen Leben in Gailingen ein paar kritische Punkte anzumerken (1871)   
Gründung eines Jugendvereins Chewrat Neurim (1885)   
Gründung eines Talmud-Tora-Vereins (1890)   
Anklage gegen einen antisemitischen Redakteur sowie Versammlung zum Bahnprojekt Gailingen - Hilzingen (1894)  
Schwierigkeiten mit dem (schweizerischen) Schächtverbot in Dießenhofen (1894)   
Festumzug an Purim (1895)  
Der Festumzug zu Purim war nur durch eine Schabbat-Gebots-Übertretung möglich (1895)  
Einweihung eines neuen Parochet (= Toraschreinvorhang, 1895)   
Enthüllung eines Kriegerdenkmals 1870/71 im Synagogenhof (1895)   
Einweihung einer durch Emil Moos gestifteten Tora-Rolle (1896)    
25-jähriges Jubiläum des "Vorschussvereins" (1897)   
50-jähriges Bestehen des Synagogenchores (1897)  
100-jähriges Bestehen der Brüderschaft / Chewre "Dower tow" (1903)      
B. Guggenheim wird an Simchat Tora Chatan Tora (1904) 
Der Gemeinderat will den Purim-Umzug verbieten, scheitert jedoch bei der Regierung (1906)      
70-jähriges Bestehen des Israelitischen Frauenvereins (1909)   
Russisch-jüdische Soldaten im Gefangenenlager auf dem Heuberg werden besucht (1915)   
75-jähriges Bestehen des Synagogenchors (1923)   
250-jähriges Bestehen der Chewra Kadischa (1926)  
Referat von Rabbiner Dr. Bohrer über die Bedeutung des Toralernens (1928)   
Umzug zu Purim (1928)   
Feier von Simchat Tora - gemeinsam mit der Gemeinde in Randegg (1928)   
Bericht über "Purim in Gailingen" (1930)  
B
rief von Erholungstagen in Gailingen im Sommer 193   
Gründung einer Jugendgruppe des Agudas Jisroel (1937)   
Vortrag von Selig Schachnowitz über "Israel und Ismael" (1937)   
Reisebericht über einen Besuch in der jüdischen Gemeinde in Gailingen (1938 !)       

    
    
Berichte aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben (in chronologischer Reihenfolge)   
Auf Grund zu befürchtender Pogrome fliehen jüdische Einwohner in die Schweiz (1848)
  

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. April 1848: "Auch im Badenschen hat die Judenverfolgung sich wieder erneuert; aus Randegg und Gailingen sind flüchtige Juden auf schweizerischem Boden angelangt."      

   
Geburtstagsfeier für den Großherzog sowie 50-jähriges Ortsjubiläum von Lehrer Halle (1862)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Oktober 1862: "Gailingen, 10. September (1862). Wir feierten gestern den Geburtstag unseres allverehrten und allgeliebten Großherzogs. Wenn dies auch jedes Jahr der Fall, so war diesmal die Feier doch noch inniger aus besonderem Dankgefühl für unseren geliebten Herrscher, unter dessen weiser Regierung nunmehr die Schranken, die bis jetzt die Juden noch beengten, gefallen. Die Emanzipation ist jetzt bei uns zur Wahrheit geworden, hoffen wir, dass dies auch bald in der uns benachbarten Schweiz der Fall sein wird. Dort, besonders im Kanton Aargau war die Aufregung in letzter Zeit groß, indem ein Teil der Bevölkerung glaubte, sie würde durch die Emanzipation in ihrem materiellen Interesse beeinträchtigt, doch hat sich die Aufregung schon bedeutend gelegt und überzeugt sich erst das Volk, dass es sich in seiner Voraussetzung getäuscht, so wird das frühere Einverständnis auch völlig wieder hergestellt. Ich habe Ihnen auch noch über eine andere Feier, die vor mehreren Wochen hier stattfand und die ein schönes Zeugnis ablegte, wie friedlich die verschiedenen Konfessionen hier zusammen lebten, zu berichten, über das 50-jährige Jubiläum des sehr verdienten Lehrers der hiesigen Gemeinde, des Herrn Halle. Derselbe fungierte diese ganze Zeit hindurch in unserer Gemeinde und sind wohl sämtliche Gemeindeglieder dessen Schüler. Herr Halle erfreute sich stets der Liebe und Achtung nicht nur seiner Gemeinde, sondern auch der ganzen Stadt, was sich bei seinem Jubiläum besonders zeigte, da die ganze Stadt an dieser seltenen Feier Anteil nahm. Der Jubilar erhielt vom Großherzog die silberne Verdienstmedaille, zu deren Überreichung Herr Oberrat Altmann hier herkam. Derselbe ward bei seiner Ankunft mit Böllersalven empfangen und konnte man an dem allseitigen herzlichen Entgegenkommen erkennen, wie man hier das segensreiche Wirken dieses wackeren Mannes zu schätzen und würdigen weiß. Die feierliche Überreichung der Medaille fand in der Synagoge statt. Vom Festlokale bewegte sich der stattliche Zug, worunter sich der Herr Dechant, die Spitzen der Behörden, die ganze Gemeinde sowie viele christliche Bürger befanden, nach der Synagoge, wo der Herr Dechant, Herr Oberrat Altmann, Herr Rabbiner Picard aus Randegg, sowie der Jubilar selbst der Feier entsprechende Reden hielten. Nach Beendigung dieser Feierlichkeit, vereinigte man sich zu einem frohen Male, das durch heitere Laune und manchen herrlichen Toast gewürzt wurde, und einen großen Teil der Gesellschaft bis zur späten Nachtstunde zusammenhielt. Wir werden diese schöne Feier noch lange im Gedächtnisse behalten und möge es dem Jubilar vergönnt sein, sich derselben noch viele Jahre zu erinnern und zu erfreuen."        

  
Über den Gottesdienst und die Kasualien im jüdischen Gemeindeleben (1867)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. November 1867: "Aus dem Großherzoglich badischen Rabbinatsbezirke Gailingen. (Fortsetzung). Gottesdienst. Der Gottesdienst in Gailingen verdient nicht nur das Prädikat eines am Sabbat und Werktag wohl geordneten, sondern wir glauben, dass er ein musterhafter genannt werden kann und für den Gottesdienst mancher großen Stadtgemeinde ein würdiges und nachahmenswertes Vorbild wäre.  
Über die Amtsverrichtungen des Herrn Dr. Sondheimer beim Gottesdienste entnehmen wir dem Berichte, dass in Gailingen alle drei Wochen gepredigt und an denjenigen Sabbaten, an welchen die Predigt ausfällt, im Schulsaale in der freien Form von Schrifterklärungen ein homiletischer Vortrag vor versammelter Gemeinde gehalten wird. Diese Institution ist eine Veredlung (?) der von jeher hier üblichen Lehrversammlungen, Schiurim. In auswärtigen Gemeinden findet, abgesehen von Gelegenheitsreden, in der Regel jährlich nur einmal eine Predigt statt.  
Die Feier der Trauungen besteht in Rede und Trauung, womit da, wo ein Chor besteht, ein einleitender und Schlussgesang verbunden ist. Bei Beerdigungen wird in Gailingen in der Regel, in auswärtigen Gemeinden nur auf Verlangen, eine Rede gehalten. Bei einzelnen Festtagsgottesdiensten pflegen sich in Gailingen sehr viele christliche Zuhörer von da und aus den umliegenden schweizerischen Ortschaften einzustellen. Trauungen finden allenthalben in Anwesenheit zahlreicher christlicher Zuhörer statt. Als ein erfreulicher Zug unserer Gemeinden ist der außerordentlich fleißige Besuch des Gottesdienstes hervorzuheben.  
Aus dem Abschnitte über Sittlichkeit verzeichnen wir die erfreuliche Bemerkung: 'in den Gemeinden herrscht durchgehends Frieden'. 
Es folgen Bemerkungen über Sittlichkeit im engern Sinne (z.B. dass seit einer Reihe von Jahren kein uneheliches Kind in irgendeiner der Gemeinden geboren wurde), Nüchternheit, beziehungsweise Genusssucht, Luxus, Kleiderpracht, bürgerliche Hantierungen (Handel, Handwerk Ackerbau, Wissenschaft), Sprache (Dialekt) usw. Als ein sehr erfreulicher Zug der Gemeinden wird die altherkömmliche jüdische Wohltätigkeit hervorgehoben, rücksichtlich welcher wir hiermit wieder ausführlichere Mitteilungen aus dem Berichte geben wollen.  
Aus nachfolgender Darlegung wolle entnommen werden, auf welch schöner Stufe der Entwicklung sich das Stiftungs- und Vereinswesen im Rabbinatsbezirke befindet.  
Stiftungen. Im Jahre 1852 wurde vermöge Erlasses Großherzoglicher Oberrats vom 26. Januar j.J. eine Übersicht über das israelitische Stiftungsvermögen des Landes gefertigt. Das Stiftungsvermögen des Synagogenbezirks Gailingen, einschließlich der Gemeinde Randegg (Anmerkung: Auch die Gemeinde Randegg gehört nämlich zum Rabbinatsbezirke Gailingen, hat aber das Recht, einen eigenen Rabbinen anzustellen. Gegenwärtig wirkt daselbst Herr Rabbiner Picard), welche wir rücksichtlich der Stiftungen und Vereine in den Kreis unserer Darlegung ziehen, betrug damals 19.910 Gulden und mit den der Oettinger'schen Stiftung angehörigen, zu 3.000 Gulden veranschlagten Liegenschaften, welche nicht in die Übersicht aufgenommen waren 22.910 Gulden. Am 1. Januar dieses Jahres betrug dasselbe aber in der Gemeinde Gailingen 24.440 Gulden, in der Gemeinde Randegg 8.045 Gulden, in der Gemeinde Wangen 950 Gulden, in der Gemeinde Tiengen 350 Gulden, in der Gemeinde Worblingen 300 Gulden, Summe: 34.091 Gulden - hat sich somit seitdem um 11.181 vermehrt.  
Die Verwaltung der Lokalstiftungen jeder Art ist nach § 2c der landesherrlichen Verordnung vom 15. Mai 1833 dem Synagogenrate übertragen. In Gailingen werden dieselben seit 27. Februar 1864...

    
Über die Stiftungen in der Gemeinde (1867)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. November 1867: "aus dem Großherzoglichen Rabbinatsbezirke Gailingen (Fortsetzung).  Die Stiftungen in den einzelnen Gemeinden sind folgende: Wir lassen hier wieder nur einen kurzen Auszug aus dem Berichte folgen. 
I. In der israelitischen Gemeinde Gailingen.  
1) Stiftung des Landrabbiners Salomon Levi Spiro im Betrage von fl. 100 nebst einer Zustiftung von dessen Sohne Elias Levinger mit fl. 60;   
2) Stiftung der Mirjam Levinger, Ehefrau des Landrabbiners Spiro im Betrage von fl. 50;  
3) Stiftung des Josef Kuß im Betrage von fl. 100;  
4) des Abraham Gut im Betrage von fl. 200;  
5) des Simon Dettelbach im Betrage von fl. 100; 
6) des Elias Biedermann im Betrage von fl. 300;  
7) des Elias Rothschild im Betrage von fl. 500;   
8) der Fanny, Ehefrau des Sal. M. Weil im Betrage von fl. 20;  
9) des Jacob Moos im Betrage von fl. 100;  
10) der Klara, Ehefrau des Samuel Erlanger, im Betrage von fl. 600;  
11) des Daniel Rothschild im Betrage von fl. 200;  
12) der Fanny, Ehefrau des Leopold Rosenthal im Betrage von fl. 195;   
Die genannten Stiftungen haben Armenunterstützung und Verrichtung von Seelengebeten an der Jahrzeit zum Zwecke.   
13) die Holzstiftung der israelitischen Gemeinde Gailingen im Betrage von fl. 4.500.  
Dieselbe wurde am 8. April 1841 von hiesigen Gemeindemitgliedern gegründet, welche zur Lieferung von Holz an israelitische Ortsarme fl. 1.434 zusammenlegten. Im Jahre 1852 betrug das Stiftungsvermögen fl. 2.200, am 1. Januar dieses Jahres fl. 4.500.   
Im Jahre 1866 betrugen die freiwilligen Gaben fl. 162 38 kr., die Jahreseinnahme fl. 388, die Ausgabe fl. 286, die Vermögenszunahme fl. 102.   
14) die Brautausstattungsstiftung des Salomon Oettinger im Betrage von fl. 14.038. Vermögensstand am 1. Januar dieses Jahres fl. 17.421.   
Bis jetzt wurden 15 Legate im Betrage von fl. 550 verabfolgt und 8 Legate sich zugesichert. Es werden aber, bis die rückständigen ausbezahlt sind, mit Genehmigung Großherzoglichen Verwaltungshofs vorerst keine weiteren Legatszusicherungen erteilt."   

  
Über die jüdischen Vereine in Gailingen (1867)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Dezember 1867: "Aus dem Großherzoglichen badischen Rabbinatsbezirke Gailingen (Fortsetzung).  Sämtliche Stiftungen in Wangen, Tiengen und Worblingen bezwecken teils Armenunterstützung, teils Verrichtung von Seelengebeten.   
In demselben Verhältnisse wie das Stiftungsvermögen, lesen wir im Berichte weiter, hat sich das Vermögen der wohltätigen Vereine vermehrt.   
Die wohltätigen Vereine.   
Diese Vereine werden von gewählten Vorständen geleitet, wirken außerordentlich segensreich und erfreuen sich daher lebhafter Unterstützung. Deren Vermögen betrug am 1. Januar dieses Jahres  
in Gailingen fl. 8.149, in Randegg fl. 3.760, in Wangen fl. 3.400, in Tiengen fl. 394,  in Worblingen fl. 325, 
zusammen fl. 16.028.  
Hiezu kommen eine Menge Torarollen, silberne Geräte und kostbare Vorgänge zum Synagogenschmuck, welche in jeder Gemeinde von einzelnen Vereinen in die Synagoge gestiftet wurden.  
Die Ausgaben der Vereine betrugen im Jahre 1866
in Gailingen  fl. 1.226, in Randegg  fl. 406, in Wangen fl. 110,  in Tiengen fl. 18,  in Worblingen fl. 15, 
zusammen fl. 1.775,  welche Summe den 5 %-Zins aus 35.500 repräsentiert.   
Neben dieser bedeutenden Ausgabe hat sich das Vereinsvermögen noch wesentlich vermehrt. 
Aus dem berichtlichen Verzeichnisse der Vereine und ihrer Wirksamkeit geben wir hiermit einige Notizen.    
I. Israelitische Gemeinde Gailingen.  
1. Die heilige Brüderschaft. Deren Gründung geht in die ältesten Zeiten der Gemeinde zurück. Statuten über eine Renovation des Vereins im Jahre 1723 liegen vor. Zweck des Vereins: Unterstützung von armen Kranken und persönliche Leistungen bei Kranken und Toten. Vermögen: Der Begräbnisplatz und fl. 1.264. Einnahme im Jahr 1866 fl. 358, hierunter fl. 150 freiwillige Gaben, Ausgaben fl. 218.    
2) der Krankenverein. Zweck: Unterstützung bedürftiger Personen mit Geld, Besorgung von Krankenwächtern und Bezahlung der Ausgaben für Doktor und Apotheke für diejenigen Mitglieder, welche hiervon Gebrach machen wollen. Der im Jahre 1858 gegründete Verein hat gegenwärtig 165 Mitglieder. Vermögen: fl. 2.950. Einnahme im Jahr 1866 fl. 850, hierunter fl. 400 freiwillige Gaben. Ausgabe fl. 700.   
3) Brautausstattungsverein. Zweck: alljährlich fl. 150 an ein armes unbescholtenes Mädchen zum Behufe der Verehelichung zu verabreichen. Vermögen fl. 3.000, Einnahme im verflossenen Jahre 247, Ausgabe fl. 188;  
4) Verein zur Beförderung des Torastudiums. Vermögen: fl. 560.  
5) Verein für Beförderung guter Zwecke. Vermögen: fl. 295.  
6) Wohltätigkeitsverein. Vermögen: fl. 70.  
7) Frauenverein. Vermögen: fl. 70.  

       
Ausschreibungen der Salomon-Oettinger'schen Stiftung (1850 / 1869 / 1875 / 1883 / 1888 / 1890 / 1893)  

Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 25. Februar 1850: "Diejenigen Mädchen, welche auf die Salomon Oettingersche Brautausstattungs-Unterstützung durch ihre Verwandtschaft mit dem Stifter, oder mit dessen Witwe Mathilde geborene Detelbach Ansprach zu haben glauben und sich noch nicht gemeldet haben, werden zur Anmeldung in portofreien Briefen hiermit aufgefordert.  
Zugleich wird bemerkt, dass die Zuteilung des Stiftungslegats einzig und allein nach den Bestimmungen des Testaments geschieht und daher alle Begünstigungsgesuche fruchtlos sind.  
Gailingen (im Großherzogtum Baden), in Februar 1850.  
Der israelitische Stiftungsvorstand: 
J. Löwenstein
, Bezirksrabbiner, B. Kaufmann, Synagogenratsvorsteher."      
 
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Mai 1869: "Bekanntmachung.
Mit Genehmigung Großherz. Verwaltungshofs werden die am 26. März 1867 mit dessen Zustimmung eingestellten Verlosungen der Aussteuerpreise der 
Salomon Oettinger'schen Stiftung
nunmehr wieder aufgenommen, und die anspruchsberechtigten aufgefordert, ihre Anmeldungen unter Vorlage legaler Zeugnisse über Alter, sittlich-religiöses Betragen, Armut und Verwandtschaftsgrad binnen 6 Wochen bei uns einzureichen.
Gailingen, den 4. Mai 1869.    
S. Oettinger'sche Stiftungsverwaltung: Dr. Sondheimer."    
 
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 31. August 1875: "Bekanntmachung
Der dahier verstorbene Salomon Oettinger hat ein Kapital gestiftet, dessen Zinsertrag zur Ausstattung armer Mädchen aus seiner Familie und der seiner verstorbenen Ehefrau Mathilde geb. Detelbach mit je 550 fl. verwendet werden soll. Anspruchsberechtigte werden hiermit aufgefordert, ihre Anmeldungen unter Vorlage legaler Zeugnisse über Alter, sittlich religiöses Betragen, Armut und Verwandtschaftsgrad binnen 6 Wochen bei uns einzureichen. 
Gailingen (Baden), den 23. August 1875. 
Die Sal. Oettinger'sche Stiftungsverwaltung. Dr. Löwenstein.
"  
 
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 20. März 1883: "Bekanntmachung
Der dahier verstorbene Salomon Oettinger hat ein Kapital gestiftet, deren Zinsertrag zur Ausstattung armer Mädchen aus seiner Familie und der seiner verstorbenen Ehefrau Mathilde geb. Detelbach mit je 942 Mark 86 Pfennig verwendet werden soll. Anspruchsberechtigte werden hiermit aufgefordert, ihre Anmeldungen unter Vorlage legaler Zeugnisse über Alter, sittlich-religiöses Betragen, Armut und Verwandtschaftsgrad binnen 6 Wochen bei uns einzureichen.  
Gailingen (Baden), den 8. März 1883. 
Die Salomon Oettinger'sche Stiftungsverwaltung.
Dr. Löwenstein."     
 
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. Mai 1888: Bekanntmachung
Der dahier verstorbene Salomon Oettinger hat ein Kapital gestiftet, dessen Zinsertrag zur Ausstattung armer Mädchen aus seiner Familie und der seiner verstorbenen Ehefrau Mathilde geb. Detelbach mit je 942 Mark 86 Pfennig (55 Gulden) verwendet werden soll.; die betreffenden Mädchen sollten das 18. Lebensjahr vollendet und das 40. nicht überschritten haben. Anspruchsberechtigte werden hiermit aufgefordert, ihre Anmeldungen unter Vorlage legaler Zeugnisse über Alter, sittlich religiöses Betragen, Armut und Verwandtschaftsgrad binnen 6 Wochen bei uns einzureichen.  
Gailingen (Baden), den 22. April 1888. 
Die Salomon Oettinger'sche Stiftungsverwaltung: Adolf Guggenheim
(Jeder Anfrage wolle 10 Pf.-Marke für Rückantwort beigelegt werden.)  
 
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Oktober 1890: "Bekanntmachung. Die unterzeichnete Verwaltung ist in dem Falle, einem Talmudgelehrten aus der Familie des dahier verstorbenen Salomon Oettinger einen Jahresschiur auf Lebensdauer übertragen zu müssen; mit der Funktion ist ein Einkommen von Mark 17,14 per anno verbunden. Bewerbungen um diese Funktion sind, mit Zeugnis über Befähigung und Verwandtschaftsgrad belegt, binnen 14 Tagen bei uns einzureichen.   
Gailingen, den 10. Oktober 1890. Salomon Oettinger'sche Brautausstattungsstiftung: Adolf Guggenheim."    
 
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Juni 1893: "Bekanntmachung!  Aus der Braut-Ausstattungs-Stiftung des verstorbenen Salomon Oettinger hier ist ein Legat im Betrage von 942 Mark 86 Pfennig an ein armes Mädchen, welches mit dem Stifter oder dessen Ehefrau Mathilde Oettinger, geborene Dettelbach, verwandt ist, zu vergeben. Anspruchsberechtigte werden hierdurch aufgefordert, ihre Anmeldungen unter Vorlage beglaubigter Zeugnisse über Alter, sittlich-religiöse Führung, Bedürftigkeit und Verwandtschaftsgrad binnen 6 Wochen bei unterzeichneter Stelle einzureichen. 
Gailingen
(Baden), 12. Juni 1893.  Verrechnung der Salomon Oettinger'schen Stiftung."     
 
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Juli 1903: "Bekanntmachung. Aus der Salomon Oettinger'schen Brautausstattungs-Stiftung dahier werden alle 2 Jahre 2 Legate im Betrage von je Mark 942,86 an arme Mädchen, welche mit dem Stifter oder dessen Ehefrau, Mathilde Oettinger geb. Dettelbach verwandt sind, vergeben. Anspruchsberechtigte werden hierdurch aufgefordert, ihre Anmeldungen unter Vorlage beglaubigter Zeugnisse über Alter, sittlich-religiöse Führung, Bedürftigkeit und Verwandtschaftsgrad binnen 6 Wochen bei unterzeichneter Stelle einzureichen. 
Gailingen (Baden), den 1. Juli 1903. Die Verrechnung der Sal. Oettinger'schen Stiftung."       

    
20-jähriges Bestehen der "Luxus-Tilgungskasse" (1868)     

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 7. Januar 1868: "Gailingen, im Dezember (1867). Es befindet sich hier eine interessante Einrichtung, die zur Nachahmung zu empfehlen ist. Ich meine die Luxus-Tilgungskasse, die seit etwa 20 Jahren besteht und ein Vermögen von 130.000 Gulden besitzt, das sich zu 7 Prozent verzinst. Die israelitischen Bräute verzichten nämlich auf den Hochzeitsschmuck, der in goldenen Ketten, Uhren etc. bestand und sehr kostspielig war. Ihre Bräutigame kaufen ihnen dagegen Aktien à 100 Gulden das Stück, die sie in obiger Kasse einlegen, welche Darlehn-Geschäfte macht, sodass ihre Aktien zu den besten gehören. Der Rechner hat für seine Mühewaltung nur 150 Gulden."       

  
200-jähriges Bestehen der Chewra Kadischa (1877)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Januar 1877: "Gailingen, 24. Dezember (1877). - In unserer Gemeinde fand am jüngsten Schabbat Chanukka (sc. am 1. Dezember 1877) eine so seltene Feier statt, dass sie wohl wert ist, durch Ihr geschätztes Blatt der Öffentlichkeit mitgeteilt zu werden. Die Feier galt nämlich dem 200-jährigen Bestehen der heiligen Bruderschaft Chewra Kadischa. Dieses hohe Alter ist das beredteste Zeugnis von der Lebensfähigkeit eines Vereins, der zu einer Zeit gegründet wurde, wo die 'Gründungen' noch auf solidester Grundlage ruhten. So erhebend demnach das Bewusstsein ist, einem so altehrwürdigen Vereine anzugehören, dessen Hauptbestreben dahin geht, seinen Mitgliedern in Krankheits- und Todesfällen eine Stütze zu sein, so erhebend war auch dieses 200-jährige Jubiläumsfest. Durch das Festkomitee wurde alles bestens vorbereitet und u.a. die Prägung einer größeren Silbermünze besorgt, welche zur bleibenden Erinnerung mit entsprechender Inschrift versehen, unter die Mitglieder verteilt wurde. Am Festtage selbst wurde zunächst die Feier durch die Predigt des Bezirksrabbiners Dr. Löwenstein würdig eingeleitet. Der Redner sprach von der Bedeutung des Chanukkafestes und schilderte die verschiedenen Tempelweihen aus der Geschichte Israels, wie ihre Bedeutung für die jeweilige Zeit. Seit der letzten Tempelweihe, die unserem Chanukkafest zugrunde liegt, so ungefähr fuhr der Redner fort, beten wir, dass der Ewige bald jene Zeit bringen möge, wo wir die Weihe eines Tempels begehen, dessen Wiederaufbau das Ziel unserer Hoffnungen ist. Bis dahin, wo der eigentliche Gottesdienst, der Opferdienst wieder unter uns heimisch wird, ist es unsere jüdische Aufgabe, für die beiden anderen Grundpfeiler des Judentums, für Tora und Wohltätigkeit zu wirken und tätig sein. Jenes ist das spezifische Jüdische, dieses ist das Jüdisch-Menschliche, deren Pflege unsere höchste und heiligste Verpflichtung ist. Diese Wohltätigkeit ist es, die den Gründern des Vereins, der heute sein 200-jähriges Bestehen feiert, als wichtiger Bestandteil des jüdischen Gemeindelebens erschien. Redner schilderte dann den Zweck des Vereins und dessen bisherige Leistungen, ermahnte die Mitglieder, anlehnend an einen Ausspruch des Talmud (Sota 14a), ihren heiligen Obliegenheiten auch fernerhin nach Kräften sich hinzugeben und erflehte für sie schließlich den himmlischen Segen. - Die feierlich ernste Stimmung, in welche die Zuhörer durch die Worte des   
Gailingen Israelit 03011877a.jpg (153435 Byte)Rednern versetzt wurden, wich am Nachmittag einer heiteren Stimmung bei dem Festmahle, das die Vereinsmitglieder in froher Gesellschaft vereinigte. Das Mahl, dem auf Einladung der Rabbiner, der Synagogenrat und die Lehrer anwohnten, verlief unter sinnigen und launigen Reden, Vorträgen und Gesängen auf die schönste Weise. Es wurde toastiert auf das Gedeihen des Vereins, auf dessen Gründer, auf die auswärtigen Mitglieder, Ehrenmitglieder und Festgäste, auf das Festkomitee, auf die Einigkeit im Verein und in der Gemeinde überhaupt. Der Dank, welcher den beiden Vereinsvorständen, den Herren Vorsteher M.F. Moos und Henri Weil, für ihre 20-jährige uneigennützige wackere Amtsführung gezollt wurde, endete mit einem kräftigen 'Hoch' auf dieselben und mit Überreichung eines passenden Ehrengeschenks. Auch auf das Wohl der anwesenden zwei ältesten Mitglieder, die nun 60 Jahre dem Verein angehören, wurde ein Glas geleert. Als dann, wie im geistigen Zusammenhang dieses Weihefestes mit dem Chanukkafest, in fröhlichster Stimmung aus dem Munde der Festgenossen, unter Solobegleitung unseres wackeren Vorsängers Lißberger, das Maos Zur Jeschuati (sc. hebräische Anfangsworte des bekannten Chanukkaliedes) erscholl, da herrschte die gemütlichste Stimmung. Erst die späte Nacht trennte die Festteilnehmer und ließ in allen das Bewusststein zurück, einen schönen Tag, eine Freude über die Erfüllung eines religiösen Gebotes gefeiert zu haben, die den Mitgliedern des Vereins in dauernder Erinnerung bleiben wird. Damit aber für Mit- und Nachwelt auch ein bleibender Wert aus dem Feste hervorgehe, wurde beschlossen, dass für die Zukunft jährlich ein Teil der aus dem Vereinsfonds fließenden Zinsen als Stipendium an unbemittelte Jünglinge aus der hiesigen Gemeinde verabreicht werde, die sich dem Studium oder einem Handwerke widmen."     

  
Ein frommer Reisender hat am jüdischen Leben in Gailingen ein paar kritische Punkte anzumerken (1871)  
Anmerkung: die Kritik bezieht sich insbesondere auf die jüdische Jugend, die am Schabbatnachmittag im Café in Dießenhofen sich zu Spielen (mit Schreiben!) trifft und die Praxis, dass ein Junge bei seiner Bar Mizwa-Feier erst am Nachmittag des Schabbat zur Toralesung aufgerufen wird. 

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Dezember 1871: "Aus dem Badischen. Gestatten Sie, Herr Redakteur, dass ich Ihnen in Folgendem einige Mitteilungen über eine Gemeinde mache, deren Verhältnisse ich jüngst auf meiner Reise einigermaßen kennen gelernt. Ich würde mich nicht erkühnen, diesen Gegenstand hier zur Sprache zu bringen, wenn nicht ein Umstand mich dazu zwänge.  
Als eifriger Leser und Verehrer Ihrer geschätzten Zeitschrift nämlich erinnere ich mich noch recht lebhaft, dass vor ca. 3 Jahren in diesen geschätzten Blättern, eine Reihe von Artikeln erschienen, welche in Lobeserhebungen über die geregelten Verhältnisse der Gemeinde Gailingen sich ergingen und dieselbe in religiöser wie in sozialer Beziehung als eine Mustergemeinde schilderten.  Ich freute mich also nicht wenig, eine solche Gemeinde kennen zu lernen und lenkte meinen Reiseplan dahin, dass es mir ermöglicht wurde, einen Schabbat da zu verbringen. Ich besuchte den Freitag-Abend-Gottesdienst und war sehr befriedigt sowohl durch den demselben innewohnenden jüdischen Geist, als durch die vortrefflichen Leistungen des Synagogen-Chors. Auch am darauf folgenden Morgen, an welchem ich nach dem Gottesdienste mich durch den Vortrag des Bezirksrabbinen Herrn Dr. Sondheimer sehr erbaute, bemerkte ich noch nichts, das mit meinen Erwartungen in Widerspruch geraten wäre. Wer beschreibt jedoch mein Erstaunen, als ich im Laufe des nachmittags in das stark frequentierte Café Adler in Dießenhofen kam und eine Schar junge Leute antraf, die seltsame Begriffe von einer würdigen Sabbatfeier zu haben schienen. Nicht nur, dass man sich die Zeit mit Spielen allerlei Art zu vertreiben suchte, man scheute sich auch   
Gailingen Israelit 20121871a.jpg (199554 Byte)nicht, die beim Spielen nötigen Notizen mit der Kreide selbst zu machen. Es sind dieses leider traurige Vorkommnisse, denen man allerdings in jeder Stadt heutzutage häufig begegnet; allein, wenn man in einer Gemeinde, die als Muster dargestellt worden, solches antrifft, darf es gewiss auffallen, insbesondere dem Fremden, demjenigen, der in Folge der erwähnten Artikel eine so gute Meinung für die genannte Gemeinde gefasst und am liebsten seine Erwartungen anstatt getäuscht noch übertroffen gesehen haben würde. Mit sehr trüben Betrachtungen über überhandnehmende Religionslosigkeit verließ ich das Lokal und verfügte mich zurück nach Gailingen, um dem Mincha-Gottesdienste anzuwohnen.  
Hier darf ich einen besonderen Umstand nicht unerwähnt lassen, der zwar mehr komisch und lächerlich erscheint, aber doch umso ernster ist, als er den Religionsunterricht, der den jüdischen Kindern Gailingens erteilt wird, in höchst trauriger Weise charakterisiert. - Es wurde nämlich ein Jüngling an die Tora gerufen. Die ungewöhnliche Aufmerksamkeit, die man diesem doch nicht ungewöhnlichen Teile des Gottesdienstes widmete, veranlasste mich, nach dem Grund zu tragen. ich erfuhr nun, dass dieser Jüngling heute Bar Mizwa geworden. Auf meine weitere Frage, warum derselbe nicht wie an allen Orten schon morgens zur Tora gerufen wurde, belehrte man mich folgendermaßen: 'Früher war das hier auch, aber man hat den Jugendunterricht so sehr vernachlässigt, dass es häufig vorkam, dass der Bar Mizwa nicht  nur nicht die übliche Parascha (Wochenabschnitt der Tora) lernte - davon weiß man schon lange nichts mehr - sondern sogar die Brachat HaTora (Segenswort über der Tora) nicht konnte. Das rief Heiterkeit (?) und Gelächter hervor und so traf man die weise (!!) Einrichtung, diesen Akt erst beim Abendgottesdienste, welcher, Dank dem Adler'schen Café-Etablissement nicht so stark besucht ist, zu erledigen.  
En passant erfuhr ich ferner, dass in der jüdischen Gemeinde noch ein Institut besteht, das ebenfalls keine Nachahmung verdient und gewiss auch als Unikum dastehen wird. 
Es existiert nämlich daselbst ein jüdischer Rasierer, der Schamesch (Synagogendiener) nämlich, der sowohl sich als viele andere Gemeindemitglieder rasiert und doch, höre und staune! als Trauungszeuge fungiert. Es ist wohl unnötig, die betreffende Stelle des Schulchan Aruch anzuführen, um nachzuweisen, dass dies nicht erlaubt ist. Wenn als der derzeitige Rabbiner denselben doch zulässt, so ist es allerdings kein glänzendes Zeugnis für seine Gesetzestreue und unerschrockene Frömmigkeit.  Möchten doch die dortigen Israeliten, angesichts so trauriger Ereignisse, wie sie diese Gemeinde in jüngster Zeit erfahren, die doch ebenfalls ein memento mori in anschaulicher Weise predigen, bedenken, dass Irdisches nicht der Güter Höchstes ist, dem man darum sein ganzes Streben widmen müsse. G."  

  
Gründung eines Jugendvereines Chewrat Neurim (1885)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Juli 1885: "Gailingen (Baden), 6. Juli (1885). Vor einigen Jahren hat sich dahier ein Verein israelitischer Knaben, im Alter von 13-17 Jahren gebildet, 'Chewrat Neurim' (Jugendverein) benannt, der eifrig den edlen Zweck verfolgt, seine Mitglieder zum regelmäßigen Besuche des Gottesdienstes anzuhalten und dieselben zur pünktlichen Beobachtung der religiösen Vorschriften anzueifern, von öffentlichen Religionsentweihungen abzuhalten, sowie jeweils einen Teil seines Barvermögens zu wohltätigen Zwecken zu verwenden.   
Es ist freudig mit anzusehen, wie sich die wackeren Knaben trotz häufiger Sticheleien neologisch gesinnter Spötter nicht verführen lassen, unsere heiligen Gebote zu vernachlässigen und zu verachten, wie es jedem Einzelnen derselben als oberste Pflicht gilt, die Vorschriften unserer heiligen Religion gewissenhaft zu beobachten. Nebenbei sei erwähnt, dass sich die Knaben jeden Sabbat versammeln, um aus der reichhaltigen Lektüre des 'Israelit' weitere Belehrung und Unterhaltung zu empfangen. - 
Möchte an allen Orten die Jugend Israels zu solchen Vereinen sich verbinden, um in uns die Hoffnung wachzurufen, dass Israels Söhne auch ferner festhalten werden an dem Prinzipe ihrer Religion. Dem jungen Vereine aber wünschen wir zu seinem Gedeihen reichliches Glück und Segen, zu seinem Heile und zum Heile von ganz Israel.   --t."  

  
Gründung eines Talmud-Tora-Vereins (1890)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Juni 1890: "Gailingen, im Juni (1890). Während man allgemein darüber klagte, dass das jüdische Leben in Haus, Gemeinde und Schule leider so sehr im Abnehmen begriffen sei, kann ich Ihnen vom hiesigen Platze zur erfreuliche Tatsachen mitteilen. Zu den vielen jüdischen Vereinen, die hier zum Wohl und Heil der Mitmenschen wirken, hat sich wiederum ein neuer Verein Chewra Talmud Tora gesellt, der sich die Unterstützung armer, hilfsbedürftiger Jünglinge, die sich dem Rabbiner- oder Lehrerstand widmen wollen, zum Ziele gesetzt hat. (Ziel ist,) um aufzurichten, was gesagt ist: ein Baum des Lebens ist sie (die Tora) den an ihr Festhaltenden und denen, die sie lernen... (nach Sprüche 3,18). 
Dieser Verein wurde von jungen, religiös gesinnten Männern ins Leben gerufen, die sich auch gleichzeitig mit Freuden dazu bereit erklärten, von Zeit zu Zeit in einem bestimmten Lokale sich zu versammeln, um dort den Worten unserer heiligen Lehre zu lauschen. 
Überhaupt dürfte die hiesige Gemeinde in der Art und Weise, wie sie Werke der Liebe und Menschenfreundlichkeit übt, vielen anderen Gemeinden als Muster dienen."    

   
Anklage gegen einen antisemitischen Redakteur sowie Versammlung zum Bahnprojekt Gailingen - Hilzingen (1894)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Januar 1894: "Aus Baden, im Januar (1894). Wie der in Heidelberg erscheinende antisemitische Badische Volksbote mitteilt, ist gegen seinen Redakteur, Herrn Reuther von der Staatsanwaltschaft Untersuchung eingeleitet auf Grund des § 130 'Aufreizung zum Klassenhass'. Es werde sich Herr Reuther jedenfalls dieserhalb vor dem Mannheimer Schwurgericht zu verantworten haben. Die Anklage stützte sich auf verschiedene Artikel des Badischen Volksboten, sowie auf das Gedicht 'der Schwarzwald', Stoßseufzer einer christlichen Seele in St. Blasien.     
Bei der in Hilzingen stattgehabten Versammlung zur Besprechung eines wichtigen Bahn-Projektes, Gailingen-Hilzingen, führte Herr Adolf Guggenheim in Gailingen (Israelite) den Vorsitz. Unter den Mitgliedern des leitenden Komitees befand sich auch Herr E.D. Moos aus Gailingen. R."   

  
Schwierigkeiten mit dem (schweizerischen) Schächtverbot in Dießenhofen (1894)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. März 1894: "Dießenhofen. Durch das Schächtverbot sind die hiesigen Metzger beträchtlich in ihren Interessen geschädigt, indem die Israeliten Gailingens und von auswärts gern ein paar Rappen mehr für das Kilo Fleisch, das hier in besserer Qualität zu haben war, bezahlten, als dasselbe von den israelitischen Metzgern in Gailingen zu beziehen. Ein Gesuch der hiesigen Metzger, nun in Gailingen schächten zu dürfen und das Fleisch zurückzunehmen, ist, wie wir vernehmen, in der Gemeinde auf heftigen Widerstand gestoßen und wird voraussichtlich höhern Orts entschieden werden müssen. Aber nicht nur für den Metzger, sondern auch für die Landwirtschaft der Umgegend wird die Neuerung erheblichen Nachteil bringen, indem der Fleischverbrauch hier bisher ein sehr erheblicher war."     

  
Festumzug an Purim (1895)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. März 1895:  "Als Merkwürdigkeit wird uns von Gailingen (Baden) berichtet, dass daselbst am Purim ein prachtvoller kostümierter Festzug in 10 Gruppen unter Teilnahme von Tausenden von Fremden, wovon die meisten Nichtisraeliten aus der Schweiz waren, stattgefunden hat."  

  
Der Festumzug zu Purim war nur durch eine Schabbat-Gebots-Übertretung möglich (1895) 

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. März 1895: "Der 'Israelit' brachte kürzlich eine Notiz über den kostümierten Festzug am jüngsten Purim. Derselbe hat eine kleine Vorgeschichte, welche die hiesigen religiösen Zustände besser charakterisiert, als es die glänzendsten Festzüge vermöchten.  
Am Tag vor Purim, am Schabbat Sachor, verbreitete sich morgens vor dem Morgengebet die Nachricht, dass die Regierung zu Konstanz das Abhalten des Festzugs mit Rücksicht auf die Sonntagsfeier bei einer Strafe von 100 Mark verbiete. Während in der Synagoge viele Mitglieder der versammelten Gemeinde ungleich lebhafter als das Gebet die Frage beschäftigte, was einem solchen Unglücke gegenüber zu tun sei, reiste ein Herr am Heiligen Schabbat flugs nach Konstanz, um das Verbot rückgängig zu machen. Nachmittags traf dann per Telegraph die Freudenbotschaft ein, dass die Regierung sich habe erweichen lassen.   
So hatten wir denn einen glänzenden Festzug durch eine offenkundige, flagrante Entweihung des Schabbat (Chillul Schabbos). Ob es recht und billig ist, den Purim auf Kosten des Schabbat zu feiern und die Feier dann hinterher noch in einem orthodoxen jüdischen Blatt auszuposaunen, darüber braucht wohl kein Wort verloren zu werden. Wäre die Liebe zum Purim so heiß, wie man aus diesen festlichen Veranstaltungen schließen könnte, so müsste man wohl auch am Taaniß Ester (Fastentag) etwas daran merken.   
Dass dies leider nicht der Fall ist, erscheint noch nicht als das betrübende der ganzen Geschichte. Das Schlimmste ist dabei, dass sich hier auch nicht ein Einziger findet, der durch ein entschiedenes, öffentliches Wort diesem taktlosen, irreligiösen Gebaren entgegen tritt."      
 
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. April 1895:  "Gailingen, 31. März (1895). Der 'Israelit' brachte in Nr. 25 vom 28. März dieses Jahres unter Vermischtes eine Charakteristik vom jüngsten Purim in Gailingen, die sehr der Berichtigung bedarf.   
Es ist richtig, dass wir hier, wenn möglich alle Jahre kostümierte Festzüge halten, welche immer großen Beifall erregen. Am Tage vor Purim kam die Nachricht vom Großherzoglichen Bezirksamt Konstanz, dass - wenn das löbliche Bürgermeisteramt die Aufführung der Sonntagsruhe wegen störend finde, es dieselbe verbiete. In der Synagoge waren wie gewöhnlich am Samstag alle Mitglieder der Gemeinde versammelt. Die Behauptung aber, dass obiger Frage wegen lebhaftere Aufmerksamkeit geschenkt worden sei, als dem Gebete, wir Artikelschreiber meint, muss entschieden zurückgewiesen werden. Unser geehrter Herr Bürgermeister, in Begleitung unseres Narrenvaters, (? Red.) denen wir heute noch herzlich danken, reisten nach Konstanz und haben glücklicherweise die Genehmigung zur Abhaltung der Aufführung erhalten.   
Im Namen vieler Mitglieder der jüdischen Gemeinde   X."
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. April 1895: "Herrn Heinrich Moos in Gailingen. Auf Grund Ihrer wiederholten Zuschriften haben wir uns mit unserem Korrespondenten in Verbindung gesetzt. Derselbe hält seine Angabe betreffs der Entweihung des Schabbat, durch den Ihre Purimfeier zustande kam, vollständig aufrecht. Ob die Andacht in der Synagoge an jenem Schabbat eine größere oder geringere als sonst war, beruht auf subjektiver Anschauung und ist hier nicht von Belang. 
Wir haben trotzdem Ihre sogenannte Berichtigung mit Weglassung aller verletzenden Stellen und alles desjenigen, was nicht zur Sache gehört, aufgenommen, und haben damit der publizistischen Loyalität mehr als genügt. - Die Sache ist hiermit für uns erledigt. 
Unser Korrespondent erklärt sich übrigens bereit auf die Sache zurückzukommen, falls Sie seine Behauptung, dass ein Mitglied Ihrer Gemeinde am Heiligen Schabbat nach Konstanz fuhr, die Erlaubnis zur Abhaltung des Festzugs zu erwirken, öffentlich in Abrede stellen. - Das ist der Punkt, um den es sich lediglich handelt, und hierüber ist von Ihnen nichts berichtigt worden."  

  
Einweihung eines neuen Parochet (= Toraschreinvorhang, 1895)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Juni 1895: "Gailingen, im Mai (1895). Unsere Gemeinde, die schon lange im Besitze mehrerer prächtiger und wertvoller Toraschreinvorhänge ist, wurde vor einigen Wochen wiederum mit einem neuen, wundervoll ausgestatteten Parochet beehrt. Dasselbe gereicht sowohl seinen Stiftern, dem verehrlichen Synagogenrate hier, als auch seinem Verfertiger, Herrn J. Bloch, Goldsticker in Straßburg, zur vollen Ehre, da es wirklich einen Schmuck und eine Zierde unserer Synagoge bildet. Namens der ganzen Gemeinde wird daher dem Synagogenrat der herzlichste und innigste Dank ausgesprochen. Auch Herrn Bloch, der soviel Fleiß und Sorgfalt auf seine Arbeit verwendete, gebührt die vollste Anerkennung und können wir denselben für Anfertigung ähnlicher Arbeiten aufs beste und wärmste empfehlen."  

  
Enthüllung eines Kriegerdenkmals 1870/71 im Synagogenhof (1895)    

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 16. August 1895: "Gailingen, 6. August (1895). Gestern fand die Enthüllung des von der Gemeinde Gailingen für ihre Helden von 1870/71 errichteten Denkmals in feierlicher Weise statt. Nach 2 Uhr fand die Übergabe durch den Herrn Bürgermeister statt; Herr Ludwig Rothschild, Präsident des Kriegervereins, dankte herzlich im Namen seiner Kameraden. Die eigentliche Festrede hielt Herr Dr. Heilbronn, praktischer Arzt. Das Denkmal, das auf dem Synagogenhofe errichtet wurde, ist nicht nur eine Zierde für unseren Ort, sondern auch ein Beweis des friedlichen gegenseitigen Zusammenlebens von Juden und Katholiken, was auch speziell erörtert wurde. Die Tafel enthält 34 Krieger von Gailingen, und zwar 17 Juden und 17 Katholiken. Die Festwirtschaft wurde von Herrn Gerson Wolf, ebenfalls Veteran von 1870>/71 übernommen. Was werden unsere Antisemiten dazu sagen?"       

  
Einweihung einer durch Emil Moos gestifteten Tora-Rolle (1896)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. März 1896: "Gailingen, 26. Februar (1896). Ein seltenes Fest war es, das unsere Gemeinde am vergangenen Schabbat Paraschat Sachor (Schabbat mit der Parascha = Toralesung Sachor = 2. Mose 27,20 - 30,10; das war am 22. Februar 1896) feierte. Unser allverehrtes Gemeindemitglied, Herr Emil Moos, stiftete nämlich anlässlich der Bar-Mizwa-Feier seines einzigen Sohnes eine prachtvolle Torarolle, die an diesem Schabbat eingeweiht wurde. Bei dieser Gelegenheit war es auch unserer Gemeinde einmal vergönnt, wieder nach 30 Jahren, die Parascha von einem Bar-Mizwa-Knaben vortragen zu hören. Zahlreiche Freunde aus Nah und Fern waren herbeigeeilt, um diesem weihevollen Akt beiwohnen zu können.   
Unser verehrter Rabbiner - sein Licht leuchte - hielt bei dieser Gelegenheit in herrlichen und tief zu Herzen gehenden Worten, unter Zugrundelegung des Verses 'Wäre nicht deine Tora meine Ergötzung, dann ginge ich unter in meinem Elend' (Psalm 119,92) eine tief durchdachte Rede, welche die Bedeutung der Einweihung einer Torarolle klarlegte. 
Am Sonntag Mittag fand im Café Biedermann dahier die eigentliche Torafestfeier statt, die sich zu einer wirklichen Freude über das Gottesgebot gestaltete. Für das Benschen allein wurde über 600 Mark gelöst. Dass bei dieser Mahlzeit manch schönes Torawort gesprochen wurde, ist selbstverständlich. Wir wünschen Herrn Emil Moos und mit ihm unserer altehrwürdigen Gemeinde, dass sie noch recht viele solche Freuden(feiern) erleben mögen."       

       
25-jähriges Jubiläum des "Vorschussvereines" (1897)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Juli 1897: "Gailingen, 11. Juli (1897). Ein seltenes Fest war es, das unsere Gemeinde am verflossenen Mittwoch und Donnerstag beging. Der hiesige Vorschussverein, dessen Mitglieder fast ausschließlich israelitische Ortsbürger sind, sowie dessen Kassier Herr Harburger, Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde, feierten nämlich ihr 25-jähriges Jubiläum, mit welchem Feste der 31. Verbandstag der Oberbadischen Wirtschaftsgenossenschaften verbunden war. Aus allen größeren Orten des badischen Oberlandes strömten Fremde herbei, um dem Verbandstage und der sich daran anschließenden Feier beizuwohnen; sogar die hohe Regierung war durch Herrn Geheimen Regierungsrat Jung vertreten. 
Mittwoch Abend 8 Uhr begannen unter dem Vorsitz des Verbandsdirektors die Verhandlungen in dem geräumigen, hübsch dekorierten Saale des 'Café Biedermann'. Nachdem Herr Kassier Harburger die Gäste begrüßt hatte und die kurze Tagesordnung erledigt war, folgten die zahlreich erschienenen Genossenschafter einer Einladung des hiesigen Vereins zu einer gemütlichen Unterhaltung im Café Biedermann, wobei die gut geschulten Männerchöre des jüdischen Gesangvereins besonders lebhaft applaudiert wurden.  
Donnerstag früh 9 Uhr fand die Hauptversammlung        
Gailingen Israelit 15071897b.jpg (162895 Byte)in Anwesenheit des Verbandsanwaltes und des Direktors der Frankfurter Genossenschaft statt. Herr Geheimer Regierungsrat Jung spricht zunächst seinen Dank aus für die freundliche Einladung, wie für die liebenswürdige Aufnahme und entledigte sich gern der angenehmen Pflicht, namens des Großherzoglichen Ministeriums des Innern den Vorschussverein Gailingen, wie den Kassierer desselben zu ihrem Jubiläum recht herzlich zu beglückwünschen. Redner rühmt den Aufschwung des Vereins, der solchen der umsichtigen Leitung seiner Vorstände und Aufsichtsräte, insbesondere Herrn Harburger zu verdanken habe. Er wünsche dem Verein weiteres Blühen und Gedeihen, wie dem Jubilar auch gerner eine segensreiche Tätigkeit. Nach Schluss der über fünf Stunden andauernden Versammlung vereinigte ein reiches Mittagsmahl im Café Biedermann die Mitglieder zu gemütlichem Beisammensein, wobei nochmals des hochverdienten Kassiers, sowie der hiesigen Einwohnerschaft, welche den Gästen freies Nachtquartier gewährt hatte, dankbar gedacht wurde. Herrn Harburger wurde von Seiten des Vereins in dankbarer Anerkennung seiner Verdienste um den Verein durch Herrn W. Moos ein ansehnliches Wertgeschenk überreicht. Den Schluss der Feier bildete ein großes Bankett, an welchem sich die ganze Gemeinde, ohne Unterschied der Konfession beteiligte. Auch hier wurde den Gefühlen der ganzen Gemeinde gegen die Jubilare in schwungvollen Worten Ausdruck verliehen."  


50-jähriges Bestehen des Synagogenchores (1897)
    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Januar 1897: "Gailingen, 3. Januar (1897). 'Ich freue mich über, die, die zu mir sprechen: ins Haus des Ewigen lasset uns gehen' (Psalm 122,1). Wenn dieses Wort des königlichen Sängers, des Psalmisten seit 50 Jahren bei uns zutraf, wenn wir uns stets freuen konnten, die geheiligten Hallen unseres schönen Gotteshauses zu betreten, so uns die herrlichen Zionsgesänge entgegentönten, so war dies ganz besonders am vergangenen Schabbat Paraschat Schemot der Fall, als wir unsere schön dekorierte Synagoge betraten und wo es galt nebst dem gewöhnlichen Schabbat-Gottesdienste, das Fest des fünfzigjährigen Bestehens des hiesigen Synagogenchors zu feiern, welches ich hier auf Wunsch des Vorstandes des Synagogenchors in aller Kürze schildern möchte:  
Nach dem Einheben der Tora erscholl ein eigens zu diesem Feste bestimmter Choral, worauf Herr Rabbiner Dr. Spitz die Kanzel bestieg und in trefflicher Rede die Bedeutung des Festes schilderte, anknüpfend an die Worte der Tora, die lauten 'und heiliget das fünfzigste Jahr' (3. Mose 25,10), in welchen er gleichzeitig die Verdienste des Mitbegründers des Synagogen-Chores, Herrn L. Lisberger hervorhob, welcher die Freude habe, als 85-jähriger Mann in jugendlicher Frische dem Feste beizuwohnen.   
Der Hauptteil des Festes vollzog sich abends von 8 Uhr an im Saale des Café Biedermann bei einem solennen Mahle, wozu alle 'Choristen' vom    
Gailingen Israelit 07011897b.jpg (155107 Byte)Tage der Gründung an bis auf den heutigen Tag eingeladen waren, worunter man viele 70 bis 80-jährige Männer erblicken konnte.  
Der Vorstand des Synagogen-Chores, Salomon Bloch, hieß die Anwesenden herzlich willkommen und erteilte das Wort an Herrn Kantor Eisenmann. Dieser führte in trefflicher Rede aus, wie eigentlich der Chorgesang keine Neuerung, vielmehr seit den ältesten Zeiten in Israel heimisch sei, als Belege hierfür zitierte er die ... und schloss mit dem innigen Wunsche, bald den Schir Chadasch (das neue Lied) anstimmen zu können. Synagogenrat Wilhelm Moos dankte im Namen der Gemeinde sämtlichen Chormitgliedern für ihre seitherige Mitwirkung und ermahnte insbesondere die jungen Herren, den älteren nachzuahmen und stets die Gebote der Religion und die Institutionen der Gemeinde hochzuhalten. Vorsteher Harburger dankte den Anwesenden für ihr zahlreiches Erscheinen, für die Mitwirkung bei allen guten und wohltätigen Zwecken und ermahnte zur ferneren Eintracht und Einigkeit.  
Dr. Heilbronn huldigte den Verdiensten des alten Kantors Lisberger und ganz besonders den Leistungen des Kantors Eisenmann. Der alte L. Lisberger dankte in bewegten Worten Gott für die Gnade, diesen schönen tag noch zu erleben, und der Gemeinde für die viele erwiesene Liebe.
Ein donnerndes Hoch auf unsern vielgeliebten Großherzog als Protektor des israelitischen Landesasyls wurde von Herrn Lehrer Ottenheimer ausgebracht, worin Alle begeistert einstimmten. Dann folgten noch verschiedene Tischreden mit Toraworten gewürzt, sowie Gesänge von älteren Mitgliedern verfasst und vorgetragen bis morgens die Zeit des Schma kam... Nicht unerwähnt kann ich lassen, dass das 'Benschen' versteigert und ein Erlös je für Erez Jisrael, für das Landes-Asyl und für hiesige wohltätige Zwecke verwendet wurde. Das Benschen selbst wurde dem ältesten Chor- und Gemeinde-Mitglied, Abraham Metzger, übertragen. N.G."       

  
Auszeichnung für den jüdischen Gesangverein "Eintracht" (1897)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Juli 1897: "Gailingen. Wiederum hat unser jüdischer Gesangverein 'Eintracht', der sich die Pflege des deutschen Volksliedes zur Aufgabe stellt, bei dem am jüngsten Sonntag in Stockach stattgehabten fünften Höhgaufeste die Siegespalme errungen. Unser Verein, der bei dem dritten und vierten gleichnamigen Feste vor 5 beziehungsweise 3 Jahren ebenfalls Preise davongetragen, war der einzige jüdische Verein; es muss dieses als ein Zeichen des in hiesiger Gegend herrschenden konfessionellen Friedens angesehen werden. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass die Zahl 27 eine große Rolle dabei spielte. 1. Es war am 27. Juni. 2. 27. Siwan. 3. es waren 27 konkurrierende Vereine und 4. unser Verein war durch 27 Sänger vertreten. H.G."        

   
100-jähriges Bestehen der Brüderschaft / Chewre "Dower tow" (1903)          

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Juni 1903: "Gailingen, im Juni (1903). Gailingen, im Juni (1903). Die Nachricht von einem herrlichen Feste, das vergangenen Schobuoth im hiesigen Orte in bescheidenem Rahmen begangen wurde, dürfte ihrer Seltenheit halber wohl wert sein, durch Ihr geschätztes Blatt verbreitet zu werden, da wir annehmen, dass sich auch ein weiterer Kreis für derartige, echt jüdische Feierlichkeiten interessieren dürfte.  
Unsere Brüderschaft Dower tow feierte nämlich am genannten Tage ihr 100-jähriges Jubiläum. Die Feier wurde von Seiten unseres Herrn Bezirksrabbiners, Dr. Spitz, durch eine tief durchdachte und formvollendete Festpredigt eröffnet. Derselbe schilderte in trefflicher Rede Zweck und Ziele des Vereins und schloss mit dem Wunsche, dass es der Jubilarin, die ihrer Devise, zur Ehre Gottes zu wirken, stets treu geblieben ist, vergönnt sein möge, noch viele, viele Jahre zum Wohle und Heile der hiesigen Einwohnerschaft zu wirken.  
Nach Beendigung des Gottesdienstes versammelte sich die Chebra im Hause ihres ältesten Mitgliedes, Abraham Metzger, der heute im Alter von 87 Jahren steht, woselbst Religionslehrer Eisenmann, anknüpfend an der Vers (hebräisch und deutsch): 'Gebirge mögen weichen, Hügel sich auflösen! meine Huld weicht von dir nie! mein Friedensbund wird nie aufgelöst! so spricht der Allerbarmer, der Ewige', eine kurze Predigt hielt.  
Mittags 1 Uhr wurde in den prächtig geschmückten Räumen des Hotels 'Adler' ein Bankett veranstaltet. Dasselbe nahm folgenden Verlauf: Herr Salomon Js. Bloch, Präsident der Chebra, hieß zunächst sämtliche Gäste herzlich willkommen und feierte in kurzen Worten die Gründer des Vereins, die keine Opfer an Zeit und Geld gescheut, um die Bruder-      
Gailingen Israelit 10061903a.jpg (209833 Byte)schaft ins Leben zu rufen. Hierauf hielt Lehrer Eisenmann die Festrede. Unter Bezugnahme auf das Wort des Psalmisten (hebräisch und deutsch): 'Dienet dem Ewigen mit Freuden, kommet  mit Frohlocken vor ihn', betonte derselbe, dass es dreierlei Freude gebe; eine gebotene, eine erlaubte und eine verbotene. Unsere Freude zähle zu den gebotenen, zu den wahren Freuden durch das religiöse Gebot. Sodann suchte Redner in einem kurzen Überblick alles das klar zu legen, was der Verein seit seiner Gründung an Wohltätigkeit geleistet. Mit dem Wunsche (hebräisch und deutsch): 'War auch dein Anfang klein, Deine Zukunft wird umso größer sein', schloss Redner seine mit großem Beifall aufgenommene Ansprache. 
Herr Menke Guggenheim gedachte der verstorbenen Mitglieder, namentlich unseres früheren ersten Vorstandes, Herrn Salomon Wolf, der über 50 Jahre seines Amtes waltete, und appellierte in warmen Worten an den Wohltätigkeitssinn der Mitglieder. Kassier A. Ottenheimer machte besonders aufmerksam auf die religiösen und politischen Zustände, die zur Zeit der Gründung (1800) in Deutschland herrschten. Auch unser ältestes Mitglied, Herr Abraham Metzger, ließ es sich nicht nehmen, einige Worte zur Weihe des Tages u sprechen. Derselbe führte aus, wie schön es sei, wenn Brüder in Liebe und Freundschaft zusammen leben und stets von dem Gedanken beseelt sind, das Wahre, Gute und Schöne zu lieben und zu betätigen. Hierauf las Herr Lehrer Eisenmann die von ihm verfasste Jubelschrift vor. Wir entnehmen daraus, dass dieser Wohltätigkeitsverein, trotz seiner bescheidenen Mittel, doch seit seinem Bestehen viel Gutes geleistet, viele Armen unterstützt und vielen Jüngern zum Torastudium verholen hat, und dass derselbe in der Hauptsache noch im gleichen Sinne wirkt und handelt, wie er von den selig verstorbenen Eltern und Großeltern der jetzigen Mitglieder gegründet wurde. Von Herrn Vorsteher Leopold Jakob Guggenheim, hier, wurde der Jubilarin namens der Gemeinde gratuliert und der Dank gezollt für ihr 100-jähriges segensreiches Wirken. 
Nachdem der hiesige jüdische Gesangverein einige herrliche Lieder zum Vortrage gebracht, schritt man zur Versteigerung des Tischgebets. Herr David Gut aus Rorschach ersteigerte dasselbe für 56 Mark und übertrug es unserem Kantor Eisenmann. Derselbe richtete vorher noch einige warm empfundene Toraworte an die Chebra und ermahnte dieselbe, an dem Baum des Lebens festzuhalten und nie zu vergessen, dass es Gottes Huld und Gnade war, die uns diesen Tag in Gesundheit und Frische erleben ließ. Wir aber wünschen dem Vereine, dass er auch weiterhin wachse, blühe und gedeihe, und dass, wie bisher, auch fernerhin (hebräisch und deutsch) 'Friede, Brüderlichkeit und Freundschaft' die Leitsterne des Vereins sein und bleiben mögen."     
  
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 12. Juni 1903: "Gailingen. Die hiesige Chewre feierte am letzten Schewuothfeste das Fest ihres 100-jährigen Bestehens. Herr Bezirksrabbiner Dr. Spitz hielt beim Morgengottesdienst die Festpredigt. Nachher sprach Herr Lehrer Eisenmann im Hause des ältesten Chewremitgliedes, des 87-jährigen Herrn Abraham Metzger. Mittags 1 Uhr begann das Festbankett im Saale des Hotel Adler; dasselbe nahm - gewürzt von vielen Toasten und Reden - einen durchaus würdigen Verlauf."   

     
B. Guggenheim wird an Simchat Tora Chatan Tora (1904)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Oktober 1904: "Gailingen. Die Chewra-Kadischa in Gailingen veranlasste, dass ihr Mitglied Herr B. Guggenheim am verflossenen Simchas Thoas als Chatan Tora aufgerufen wurde. Herr Guggenheim lud sämtliche Mitglieder des Vereins zu einem kleinen Festmahle, das unter vielen Toraworten sich zu einer wahren Seuda schel Mitzwoh gestaltete."       

    
Der Gemeinderat will den Purim-Umzug verbieten, scheitert jedoch bei der Regierung (1906)      

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 30. März 1906: "Gailingen (Baden). Den hier üblichen Purim-Umzug zu verbieten, hielt der Gemeinderat für notwendig. Auf sofortige Beschwerde bei der Regierung in Konstanz wurde das Verbot noch rechtzeitig rückgängig gemacht, und so konnten die hiesigen Juden unter Teilnahme der gesamten Bevölkerung den Umzug - 18 Wagen, 'alten und neuen Sport' darstellend - unternehmen."    

    
70-jähriges Bestehen des Israelitischen Frauenvereins (1909)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Februar 1909: "Gailingen, 28. Januar (1909). Ein selten schönes Fest beging unsere Gemeinde am 26. dieses Monats anlässlich des 70-jährigen Jubiläums des hiesigen 'Israelitischen Frauenvereins'. In dem prächtig dekorierten Saale des Café Biedermann, wo die Feier um 2 Uhr nachmittags stattfand, war der Saal von den Damen bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Präsidentin, Frau Dr. Heilbronn, ergriff zunächst das Wort, um die erschienenen 145 Damen im Namen des Vorstandes herzlich zu begrüßen. Sie gedachte ferner all derjenigen, welche den Verein gründen und leiten halfen, und besonders auch ihrer verstorbenen Mutter, der Frau Bürgermeister Guggenheim, welche über 20 Jahre mit seltener Umsicht und Energie das Amt einer Präsidentin versehen hatte. Mit einem kurzen Rückblick auf die Geschichte des Vereins und einer Schilderung seiner Zwecke und Aufgaben in der Gegenwart, schloss die Präsidentin ihre mit großem Beifall aufgenommene Rede. Frau Rosa Eisenmann überreicht hierauf mit einem sinnigen Prolog unter Hervorhebung ihrer Verdienste, der Präsidentin einen silbernen Tafelaufsatz im Namen der Mitglieder des Vereins. Für den musikalischen und dramatischen Teil haben sich in glänzender Weise die Damen Lina Bloch, Rosa Eisenmann, Martha Fränkel, Bertha Erlanger, Flora Bloch, Rosa Kaufmann, Selma Adolf Gut, Selma Louis Gut und Jenny Heimann mit hervorragenden Leistungen verdienstlich gemacht. Ebenso hielten mehrere Damen zu Herzen gehende Ansprachen. Von den zahlreich eingegangenen Glückwunschdepeschen sind besonders hervorzuheben, die von Ihren Königlichen Hoheiten Großherzogin Luise aus Karlsruhe und Großherzogin Hilda zur Zeit im Schloss Berlin. Den Schluss der Feier bildete eine Verlosung, deren Resultat allgemeine Befriedigung hervorrief. Am Abend war noch gemütliche Vereinigung mit Herren, woselbst Herr Dr. Heilbronn an die Damen appellierte, die Wohltätigkeit in und außer dem Hause zu hegen und zu pflegen. Herr Kantor Eisenmann gedachte in begeisterten Worten unserer Stammmütter, die er den versammelten Damen als leuchtende Beispiele aufführte. Mit dem Gefühl er Befriedigung über den schönen Verlauf des Festes, trennte man sich in später Abendstunde."        

  
Russisch-jüdische Soldaten im Gefangenenlager auf dem Heuberg werden besucht (1915)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Juli 1915: "Gailingen, 30. Juni (1915). Auf dem nicht weit von hier gelegenen großen Truppenübungsplatz Heuberg befinden sich unter den dort untergebrachten Gefangenen viel jüdische Russen. Auf Anregung des hiesigen Landsturmmannes, Herrn Siegfried Baach, welcher der Wachmannschaft des Gefangenenlagers zugeteilt ist, wurde durch die Präsidentin des israelitischen Frauenvereins, Frau Dr. Heilbronn, eine Sammlung von Tefillos, Machsorim, Tefilim und Talessim veranstaltet, das Resultat war ein so gutes, dass eine reichhaltige Sendung nach Heuberg abgeschickt werden konnte. Die Freude der jüdischen Gefangenen ist unbeschreiblich und der schon lange gehegte Wunsch nach Abhaltung eines Gottesdienstes wird dadurch erfüllt, wozu der hiesige Synagogenrat in bereitwilliger Weise gewiss gerne eine Tora-Rolle zur Verfügung stellen wird."         

  
75-jähriges Bestehen des Synagogenchors (1923)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Januar 1923: "Gailingen, 15. Dezember (1923). Am Schabbes Chanukka beging der hiesige Synagogenchor die Feier seines 75-jährigen Bestehens. Sinnig haben unsere Väter gerade das Weihefest gewählt zur Einführung weihebringender Einrichtungen. Die Entstehung des Gailinger Chors hat nicht viel zu tun mit der an den Namen Israel Jakobsohn anknüpfenden, von protestantischen Vorbildern ausgehenden Bewegung. Wurde auch manches Technische aus nichtjüdischen Kreisen übernommen, so war doch in der Hauptsache der neue Männerchor eine Fortsetzung der Einrichtung der Chorknaben (Meschaurarim), die erwachsen von ihrem frommen und schönen Singen nicht lassen wollten. Durch den Vortrag altgewohnter Weisen und durch den sang wohl einstudierter, neuer Nigunim (Melodien) hat der Chor viel zur Hebung des Gottesdienstes zu allen Zeiten beigetragen. Erst jüngst brachte er eine neue Komposition seines Leiters, des Herrn Lehrer Schapiro, wirkungsvoll zum Vortrag. Seine Bedeutung innerhalb der badischen Judenheit hat der hiesige Chor dadurch gezeigt, dass er auf einem Wettsingen der Synagogenchöre des Landes in Offenburg einen ersten Preis errang mit einem Ausheben, das unser damaliger Kantor, Herr Lehrer Eisenmann seligen Andenkens vertont hatte. Auch im weltlichen Gesang hat unser Chor als Gesangverein 'Eintracht' eine ruhmvolle Geschichte. Der Chor zählt heute noch 22 mitwirkende Mitglieder. Möge sein Singen und Leben stets Eintracht sein angesichts seines hohen Berufs, dazu beizutragen, der himmlischen Harmonie irdischen Ausdruck zu geben."      

  
250-jähriges Bestehen der Chewra Kadischa (1926)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Dezember 1926: "Gailingen, 12. Dezember (1926). Am Schabbos-Chanukka dieses Jahres, am 4. Dezember, konnte die Chewra-Kadischo in Gailingen auf ihr 250-jähriges Bestehen zurückblicken. Dieses seltene Fest wurde besonders feierlich begangene. An dem auf Schabbos-Chanukka folgenden Sonntag wurde ein besonderer Festgottesdienst mit Predigt abgehalten. Mittags fand ein Festessen im Cafe Biedermann statt. Den Abschluss des 250-jährigen Jubiläums bildete eine Chanukka-Feier der Gailinger Jugend. Zum Feste erschien eine umfangreiche Festschrift, in der die Geschichte der Bruderschaft seit dem Bestehen derselben dargestellt ist. Ferner enthält die Festschrift eine Geschichte des Friedhofes, die durch eine Reihe von Abbildungen illustriert wird. Die vielen aus Gailingen stammenden Juden dürften ein Interesse an der Festschrift haben, da wohl jeder einen Ahnen zur ewigen Ruhe auf dem Gailinger Friedhof bestattet weiß. Der Festschrift ist ein Kunstblatt des jüdischen Malers Festenhart beigelegt."      

  
Referat von Rabbiner Dr. Bohrer über die Bedeutung des Toralernens (1928)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Januar 1928: "Gailingen (Baden), 28. Dezember (1928). Zu einer großen Kundgebung am Abend des 26. Dezember im Festsaale des Hotels Biedermann waren zahlreiche Gailinger erschienen. Herr Rabbiner Dr. Bohrer referierte über 'die grundlegende Bedeutung des Thauroh-(Tora)-Lernens für das jüdische Gemeindeleben'. In klaren, scharfen Strichen zeigte der Redner, wie seit den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart die Blüte jüdischen Gemeindelebens einzig und allein von der intensiven Pflege jüdischer Welt- und Menschenbetrachtung in Form des alten jüdischen  Lernens abhing. Der Geist baut sich den Körper. Mit dem Aufhören der Zentralstellung des 'Bethamidrasch' seit dem Zerfall der liebevollen Pflege jüdischen Geistes durch die breiten Massen des jüdischen Volkes, sei auch der Volkskörper auseinandergefallen, habe die trostlose Zersplitterung und Zerklüftung innerhalb des jüdischen Lagers eingesetzt. Daher fordert er alle echten Freunde der Gemeinde, denen die Sicherung der Zukunft am Herzen liege, auf, zu einem kraftvollen Bekenntnis zum alten, jüdischen Lernen, zur Bereitschaft, dem jüdischen Forschen und Lernen auch in Gailingen eine bleibende Stätte zu gründen.
Die Ausführungen des Redners machten auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck. Fast alle trugen ihre Namen in die zirkulierenden Listen ein. So konnte man Lerngruppen für Herren, Damen und Jugendliche beiderlei Geschlechts gründen. Dann setzte eine anregende Diskussion ein. In seinem Schlussworte bringt Dr. Bohrer seine feste Überzeugung vom Gelingen des fundamentalen und heiligen Werkes, das die hochherzige, materielle Förderung einer Reihe von Gönnern bereits gefunden habe, zum Ausdruck."            

  
Umzug zu Purim (1928)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. März 1928: "Gailingen, 11. März (1928). Ein Gailinger Purim gleicht einem Krönungsfest in einer Residenzstadt. Alles ist auf den Beinen, alles feiert mit. Und so gab es wieder viel zu schauen und zu genießen. Der gut besuchten Purimveranstaltung folgten das traditionell gewordene Purimkonzert und die entzückenden Kinderaufführungen. Nicht unerwähnt dürfen wir unsere Heimatdichterin, Frl. Berthy Bloch lassen, die in den beiden Stücken 'Donnerstag Morgen' und 'Rasierseife Chatuschim ist die beste' (spielt sich bei Josef Kurz, Friseur, ab) die Lachmuskeln aller in Bewegung setzte. Beide Stücke sind gedruckt von der Verfasserin zum preise von 1.20 Mark zu beziehen."     

  
Feier von Simchat Tora - gemeinsam mit der Gemeinde in Randegg (1928)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Oktober 1928: "(Es geht auch ohne Ball). Man schreibt uns aus Randegg: Unsere Nachbargemeinde Gailingen hatte den traditionellen Simchostoraball durch einen Unterhaltungsabend ersetzt, und der liebenswürdigen Einladung unseres hochverehrten Herrn Rabbiner Dr. Bohrer folgend, begaben sich die meisten hiesigen Familien abends nach dem Gottesdienste, welcher hier besondern feierlich durch Ausheben sämtlicher Sforim (Torarollen) gefeiert wird, durch die wunderbar sternenhelle Nacht in corpore nach der Nachbargemeinde. Das reichhaltige Programm zeigte das Leben des Chassidiim und führte die Anwesenden in eine unbekannte Welt voll Freude und Innigkeit. Wie immer, hatte es unser verehrter Herr Rabbiner auch hier verstanden, das Simchofest in würdigster Weise zu gestalten und insbesondere auch die Kinderseele zu erfreuen. Herr Dr. Heilbronn brachte mit kurzen, gut gewählten Worten den Dank für die Arbeit des Herrn Rabbiner zum Ausdruck, wobei er nicht versäumte, das harmonische Zusammenwirken der beiden Kultusgemeinden zu betonen. Nach Schluss des offiziellen Programms blieben die Gailinger mit den Randeggern noch lange in gemütlicher Unterhaltung beisammen. Das Fest hat viel zum harmonischen Zusammengehen beider Gemeinden beigetragen."    

  
Bericht über "Purim in Gailingen" (1930)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. März 1930:  "Purim in Gailingen. Von Georg Gidalewitsch.  
Die Purimbräuche des Ostens und Wesents unterscheiden sich nicht sehr voneiannder. Man schickt 'Schlachmones', es gibt 'Lekach', wunderbare 'Homantaschen' und 'Krepplach' und es wird bis spät in die Nacht hinein betrenderlt.   Einmal im Jahr zeigen sich da auch die 'gesetzten Alten' ausgelassen. Während aber im Osten zur Purimzeit noch heute sich die Jungen in phantastischen Verkleidungen auf den Straßen herumtreiben, spielt sich im Westen alles in der 'Schul' ab. Eine Ausnahme macht Gailingen.  
Gailingen in Baden, in der Nähe des Untersee gelegen, ist ein Städtchen, das noch vor 30 Jahren fast nur von Juden bewohnt war (sc. übertriebene Aussage). Damals stellten diese auch den Bürgermeister; doch ist bis heute ihre Anzahl sehr zurückgegangen. Aber sie haben noch ihre Synagoge, ihre Schule, ihren tatkräftigen Rabbiner und was besonders bis auf die Gegenwart nachwirkt, das ist die alte Purimtradition. 
Die Purimfeier der Gailinger Juden, 'Die Judenfastnacht zu Gailingen', wie sie in nichtjüdischen Kreisen genannt wurde, ist in der ganzen Bodenseegegend bekannt und berühmt geworden und von weither kommen dazu die Gäste. Nicht nur die Juden der umliegenden Gemeinden, auch die Nichtjuden feiern mit und nehmen teil an den Vergnügungen.   
Die 'Judenfastnacht' trat in dieser allgemeinen Form zum ersten Mal im Jahre 1865 auf, während vorher Purim nur im engsten Kreise gefeiert wurde und auf den Straßen nur vereinzelt Masken ihre Späße trieben. Weil aber die Bevölkerung vorwiegend jüdische war, wurde die 'Gailinger Judenfastnacht' vom Bezirksamt immer genehmigt. Sie ist nun zur Volkssitte geworden und schon dadurch erleichtert, dass die Umgangssprache der Gailinger christlichen Bevölkerung mit jüdischen Wörtern sehr durchsetzt ist.   
Aus dem Purimfest, das wir sonst nur im eigenen Kreis feiern, ist hier in Gailingen ein Maskenfest geworden, mit einem großen öffentlichen Umzug und dem üblichen 'Mummenschanz'.  
Wochen vorher wird das bevorstehende Purimfest zum Tagesgespräch der Gailinger Juden und der gesamten Bevölkerung am Untersee. In den Küchen wird gebacken und geschmort; in der Schule wird wahrscheinlich nichts mehr gelernt außer Purimversen und -spielen; Masken werden entworfen und die Phantasie aller ist vollauf beschäftigt mit Plänen.   
Wie im Flug vergeht die Zeit bis zum Fest. Dann treiben sich die Kinder, allerlei Ulk verübend, den ganzen Tag auf den Straßen herum und in ihren Verkleidungen sind sie kaum zu erkennen. Unter tosendem Beifall der Zuschauer, unter Papierschlangen und Konfettiregen zieht der Zug durch das Städtchen. Alle Hoffnungen sind in Erfüllung gegangen, die Erwartungen sind weit übertroffen. Abends folgt der Ball, das Feuerwerk und andere Belustigung. Die Gäste zerstreuen sich, das Fest ist vorüber.  
Aber die Ereignisse bleiben noch lange das Tagesgespräch der Leute und alle Zeitungen berichten über die 'Judenfastnacht zu Gailingen', die noch heute jedes Jahr am 14. und 15. Adar stattfindet, wenn auch seit dem Krieg der öffentliche Umzug sehr zurückgegangen ist, ebenso wie das öffentliche Maskentreiben der Juden."         

    
Bericht von Erholungstagen in Gailingen im Sommer 1936     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. September 1936: "Brief aus der Sommerfrische Gailingen.  Um in einer absterbenden Kehilloth (jüdischen Gemeinde) nicht ganz zu verschmachten, entschließt man sich wieder, einige Wochen in Erholung zu gehen. Ein Blick in die Liste des Vereins ritueller Speisehäuser erinnert mich an einen Artikel in einer jüdischen Wochenschrift, wonach an der badisch-schweizerischen Grenze eine Gemeinde besteht, wo noch echt jüdisches Leben sprudelt. Also hinein in den Zug der bayerischen Kleinbahn, dem Ziele entgegen. In der württembergischen Landeshauptstadt wird zum ersten Male getankt, indem man dort nach dem Schacharis- und zwischen Minchoh- und Maariw-Gebete durch aktives Lernen Gelegenheit hat, dem jüdischen Gemüte neuen Treibstoff zuzuführen, der ausreicht, bis uns der D-Zug an den 'Mekor Chajim' bringt.   
Beim Aussteigen aus dem Postauto wurden wir von einem Kreise alter und neuer Bekannter empfangen. Schon beim Abendgottesdienste in der über hundert Jahre alten Dorfsynagoge wurden wir vom Raw zu einem Imbiss eingeladen. Der Speisezettel ist an der Kosel Maarowi (= Westmauer; dem schwarzen Brett an der Westseite der Synagoge) angeschlagen: Es wird verabreicht. Gemoro mit Raschi, Mischno Beruro und an der Frühgottesdienst angeschlossen, eine weitere Auswahl dieser Art. Als leibliche Kost gibt es Kaffee und Kuchen usw.   
Unsere Oberin, die sich durch ihre gewissenhafte, einzigartige Umsicht, unermüdliche Schaffenskraft und wohltuendes stets freundliches Wesen auszeichnet, hat das Hauptverdienst, dass wir - Kurgäste und Patienten - im Israelitischen Krankenhause uns wie eine große Familie fühlen. Der Senior unseres Hauses, Herr Jakob Einstein, weiht unsere Sabbatmahlzeiten mit einem erhebenden Kiddusch, wozu er als 'Kauss' (Becher) den ihm von seiner dankbaren Gemeinde in Württemberg für seine langjährigen Vorbeterdienste verehrten silbernen Becher verwendet.   
Der Gottesdienst ist sowohl an den Werktagen wie auch an den Schabbossaus (Schabbattagen)  durch den tiefempfundenen, nach echt süddeutschen Chasonus geführten Vortrag des Lehrers und Chason verschönt. An Schabbos wird Barmizwo gefeiert, und am gleichen Schabbos findet im Israelitischen Krankenhause Briss (Beschneidung) bei einem Chaluzimpaare mit anschließender Seudo statt. Besonders hervorgehoben seien dabei die tief durchdachten Toraworte des Herrn Rabbiners.  
So scheiden wir nach einigen Wochen, seelisch gehoben und körperlich gekräftigt, von dieser südlichsten Ecke Deutschlands mit dem Gefühle großer Dankbarkeit. Die in der Synagoge gehörten Klänge, die durch den schönen Männerchor besondere Weihe erhielten, waren uns ein reichlicher Ersatz für das an verschiedenen Kurplätzen tagtäglich stattfindende Kurkonzert. Möge es dieser Kehillo, die noch ein weiteres ständiges Minjan in dem so segensreich wirkenden Friedrichsheim besitzt, gemäß ihrer ruhmreichen Tradition vergönnt sein, noch lange, lange Zeit jüdisches Leben und jüdischen Geist zu verbreiten."         

 
Gründung einer Jugendgruppe des Agudas Jisroel (1937)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. März 1937: "Eine neue Jugendgruppe der Agudas Jisroel in Gailingen. Unter der tatkräftigen Führung des Herrn Bezirksrabbiners Dr. M. Bohrer ist hier vorige Woche eine Jugendgruppe ins Leben gerufen worden, die - abgesehen von der ansehnlichen Zahl der ihr sofort beigetretenen Mitglieder - zu schönen Hoffnungen berechtigt. Man wird sich mit Eifer und Verantwortungsbewusststein den Aufgaben widmen, die die Zeit von uns verlangt."    

 
Vortrag von Selig Schachnowitz über "Israel und Ismael" (1937)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Dezember 1937:  "Aus Baden. Mannheim, 3. Dezember (1937). 
Es war dem 'Verein zur Wahrung des gesetzestreuen Judentums' gelungen, Herrn S. Schachnowitz als Redner für drei Orte zu gewinnen. Am 27. November lauschten im Karlsruher Vortragssaal sehr viele Menschen mit gespannter Aufmerksamkeit, als der Redner mit der ihm eigenen souveränen Beherrschung des Stoffes und des Wortes über 'Israel und Ismael' sprach. Es versteht sich von selbst, dass dieser Redner nicht nur das Aktuelle des Israel-Ismael-, d.h. des Araber-Juden-Problems darstellte. Ihm stand die Fülle der Überlieferung, der Midraschim, der Historie zur Verfügung, um den Weg von der Vergangenheit in die Gegenwart zurückzulegen. Der Vortrag klang in Mahnung und Hoffnung aus: Mahnung, dass ein etwas kommendes jüdisches Gemeinwesen nur bestehen könne, wenn es ein wahrhaft jüdisches Gemeinwesen sei, aufgebaut auf dem Gesetz des wahren 'Herrn des Landes'; und Hoffnung dass in Erez Jisroel auch noch einmal die Versöhnung zwischen Israel und Ismael kommen werde. (Eingeleitet wurde der Abend von Prof. Dr. Darmstädter, Mannheim, dem Organisator der Veranstaltungen.). - Am ersten Chanukkaabend weilte S. Schachnowitz am entgegengesetzten Ende des Landes, in Gailingen, und sprach über 'Chanukka in Erez  Israel und in der Gola'. Die Freude der Dorfbewohner und der aus der Umgegend Herbeigeeilten, war nicht weniger groß, und ihr Beifall nicht weniger herzlich als in Karlsruhe, wo Herr Rabbiner Dr. Michalski herzliche Worte des Dankes an den geschätzten Redner richtete. Aber es ist doch so: in der großen Stadt ist selbst die beste Veranstaltung eine unter vielen Veranstaltungen. Im abseits gelegenen Dorf, mit seiner immer noch großen, sehr wachsen und sehr regen Gemeinde, ist's schon ein Ereignis, wenn ein Prominenter kommt. Man soll nicht meinen, dass die Menschen im kleineren Ort den Ereignissen und Problemen, die um Erez Israel kreisen, ferne stehen. Sie hören sehr aufmerksam, wenn einer Ernstes, aber auch einmal eine gute Anekdote, ein gutes Gleichnis zu erzählen weiß und dabei über Juden und Araber, den Jüdischen Staat, die Kenessio Gedaulo und Erez-Jisroel-Arbeit Wichtiges zu sagen hat. Wie wir hören, war es ein einzigartiger Auftakt zu Chanukka, eingeleitet durch das erste Entzünden, beendet durch frohes Beisammensein bis nach Mitternacht. Dazu trugen auch die emunadurchglühten (gemeint:. von religiösen Worten erfüllten) Reden Rabbiner Dr. Bohrers vor und nach dem Vortrage nicht wenig bei. - Am nächsten Tage in Freiburg..." 

  
Reisebericht von Selig Schachnowitz über seinen Besuch in der jüdischen Gemeinde in Gailingen (November 1937, Bericht erschien 1938)  
Anmerkung: Selig Schachnowitz war (siehe oben) im November 1937 zu einem Vortrag in Gailingen. Dass der Bericht von ihm ist, geht aus der Bemerkung vor, er habe vor dreieinhalb Jahrzehnten "in der schweizerischen Nachbargemeinde" gelebt. Gemeint ist damit Endingen, wo Schachnowitz von 1901 bis 1908 als Lehrer tätig war. Im ersten Teil des nachfolgenden Berichtes erinnert er an seine beiden gemeinsamen Reisen mit Rabbiner Dr. Bohrer aus Gailingen nach Osteuropa und Palästina. Im Artikel berichtet der Verfasser auch über seinen in Gailingen gehaltenen Vortrag.   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Februar 1938: "Erlebtes und Erlauschtes auf Vortragsreisen.  
II. In der Landgemeinde am Südrande.
  Am Sonntag Vormittag rattert der 'Eilzug' ohne übertriebene Eile zwischen den weißbetupften Bergen des Schwarzwaldes. In Singen aber steige ich aus - und trete unvermittelt in die weite Ebene Randpolens und die heiße Felsenwüste im Jordantal. Denn dort steht am Auto Freund Bohrer, das geistige Oberhaupt Gailingens, mit dem mich heilige Erinnerungen an die Vierländerfahrt und die Palästinareise verbinden. 
Wir waren gute Fahrtgenossen - erst durch die jüdischen Zentren des Ostens und dann, ein halbes Jahr später, auf dem Mittelmeer in den palästinensischen Frühling hinein. Stunden gemeinsamen tiefen Erlebens, seit fünf Jahren schöne Erinnerung, werden wieder wirklich und gegenwärtig. Wie war es doch damals am langen Tische in Lublin, da wir wie einen Abglanz der Schechina auf einem menschlichen Gesichte schauen durften, und sich aus der Kehle eines schmächtigen Jüngers zur Einleitung der Tafel eine Stimme erhob, wie wir sie nie gehört, ein Gesang erklang, wie wir ihn nie vernommen haben!   
Und in der kleinen Stadt an der Weichsel, wo der kleine große Rabbi, der 'Gerer' seine Residenz hat! Und im Garten bei Wilna, im Lichtkreise Rabbi Chajim Osers!... 
Und dann bei Radin; der Heilige im Lehnstuhl, dessen Auge in die Weite gerichtet war und nur eines sah: Moschiach und die Erlösung!...    
Wer war am Sonntagebend, da wir in Wilna gemeinsam die Rückreise antreten sollten, nicht bei uns - dieweil er sich nach Sabbatausgang leise von uns fortschlich, um auf mühsamen Wegen noch einmal ganz allein zu jenem Lehnstuhl, von dem sich Lichtströme ergossen, zu gelangen?...
Und andere Bilder stürmen auf uns ein, so weit zurückliegend und doch so greifbar nahe. Die Mittelmeerfahrt auf der 'Carnaro'. Der erste Schritt auf den heiligen Boden, da wir am kleinen Hause auf dem Ungarischen Platz leise pochten wie an den Pforten des Vaterhauses. Und als nach einer Weile die Türe aufging, schauten wir in Augen, die etwas von der Farbe und der Tiefe des eben verlassenen Meeres hatten. Ganz vergeistigt, unirdisch stand Rabbi Chajim Sonnenfeld vor uns, der sich uns zu Ehren mit großer Mühe aus dem Krankenbett bringen ließ.  Und die erste Träne, das erste Gebet an der Westmauer, einige Minuten später, war nur wie eine Fortsetzung dieses ersten Jerusalemer Besuches...  
Und später bei Mutter Rahel und noch etwas später an der Außenmauer der Vätergräber in Hebron, und dann mit dem sinkenden Tag an den weißen Grabmälern der Toramärtyrer von Hebron, und noch später auf der Jordanbrücke vor den Toren Transjordaniens, und noch später.  
Nun rattert unser Auto am Südrande Badens der kleinen Residenz meines Freundes zu. An Randegg vorbei, wo noch kurz der Vorsteher begrüßt wird, dann weiter die wellige Straße hinunter. Links die Schweiz, rechts deutscher Boden und eine scheidende Spätherbstsonne grüßt herüber und hinüber, als gäbe es keine Grenzen auf Erden.   
Im Dorfe (sc. Gailingen), früher der größten jüdischen Landgemeinde im Reiche, hängt vor Synagoge und Rabbinerhaus hoch oben die Kiddusch-Lewana-Lampe noch genau so wie vor dreieinhalb Jahrzehnten, als ich in der schweizerischen Nachbargemeinde lebte. Alles, was Beziehung zum Rabbinerhaus hat, ist vor dem Eingang zur Begrüßung versammelt. Vor allem die 'Rebbezin' (sc. Frau des Rabbiners), strahlend, wohlgemut, frisch und gut aufgelegt inmitten ihrer blühenden Kinderschar. Sie spickt ihre Worte so reich mit Talmudzitaten, wie den guten Kuchen, der nun zum Kaffee erscheint, mit Rosinen. Auch die zwei Ziegen, die Milchquellen dieser prächtigen rotwangigen Kinder, stellen sich meckernd zum Empfange ein. Auch ein Mann, der, rocklos und mit einer Tellerkappe auf dem eckigen Schädel, mit Bibelsprüchen den nahen Weltuntergang ankündigt, und derweil ein Vorschuss-Chanukkageld für ein 'Gläschen' erheischt... Ich kenne den Typ von früher her. Auch er gehört zum Bilde einer echten jüdischen Landgemeinde. 
In Synagoge und Vortragssaal. Eine Stunde später ist die ganze Gemeinde im sauberen Schullokal versammelt, das im Winter zur Entlastung der Synagoge als Betsaal dient. Es ist zu Ehren des ersten Chanukkalichtes eine Art Festgottesdienst improvisiert, und ich kann, da das 'Moaus Zur' brausend erschallt, feststellen, dass die vielgerühmten Gailinger Synagogensänger, die sich früher, in der 'Blütezeit', Preise auf Sängerfesten geholt haben, an Schwung und Stimmkraft nichts eingebüßt haben. 
Hier treffe ich auch unseren lieben Doktor und meinen Kollegen von der Feder wieder, der unser Reisegenosse nach und durch Palästina war und seitdem als Teilhaber all jener Erlebnisse mir in Freundschaft verbunden ist. 
Abends ist aber das große jüdische Café, wo in früheren Jahrzehnten sich der weltberühmte Gailinger Purimschanz, unter Beteiligung auch der nichtjüdischen Bevölkerung der ganzen Umgegend, abspielte, bis an den Rand besetzt. Es herrscht eine Stimmung, wie ich sie aus Erfahrung nicht kenne. Gailingen ist in seiner Art einmalig, ohne Präzedenzfall. Es weht hier die traute, milde Luft eines litauischen Städtchens, gepaart mit der impulsiven festfrohen Treue einer chassidischen Niederlassung, und das Ganze ist überstrahlt von der schon in der Sprache sich wiederspiegelnden frischen, natürlichen Herzlichkeit des badischen Oberlandes. Wer die Hunderte im Saale sieht, vermag an den 'Niedergang der Landgemeinde' nicht zu glauben. Freilich sind auch die Nachbargemeinden diesseits und jenseits der Grenze, vorab die gleichgeartete Schwestergemeinde Randegg, fast vollzählig vertreten. Spricht man vom 'lauschenden Publikum' so ist hier damit zu wenig gesagt; die Menschen erleben hier das Dargebotene, mit- und nachschaffend. Die Worte verklingen, aber in Herz und Hirn hallen sie fort - bis zum nächsten Erlebnis, zum nächsten Vortrag. So vergehen beinahe zwei Stunden in gemeinsamer Arbeit, bei der man bald nicht mehr weoß, wer der Gebende und wer der Empfangende ist. Die Uhr an der Wand, eine gute, alte 'Schwarzwälderin', stellt höflicherweise ihr Ticken ein und verwischt alle Zeitgrenzen...
Noch lange bleiben die Menschen im jüdischen Gasthause, das in Wahrheit ein Haus jüdischer Gastlichkeit ist, beisammen, und es ist wohl lange nach Mitternacht, als die Auswärtigen endlich 'über dem Berge' sind, der sich zwischen Gailingen und Randegg erhebt, ohne sie dennoch voneinander zu trennen. Über diesen Berg wandert oft der Rabbiner, der beide Gemeinden und noch andere dazu mit gleicher Liebe und Aufopferung betreut.  
Ein wahrer Bohrer (sc. Bild für Rabbiner Dr. Bohrer), der tief in die Gewissen, Herzen und Gemühter bohrt, bis das Grundwasser des jüdischen Empfindens aus angeblich verschütteten Tiefen wieder hervorsprudelt... Heiße Gluten wohnen in diesem schmächtigen Körper, und jeder, der ihm nahe kommt, ist von ihnen erfasst und hingerissen. Er darf seiner Gemeinde alles sagen, und er tut es auch an diesem Abend in reichlichem Maße im Anschluss an den Vortrag, ohne dass ihm jemand etwas übel nimmt. Man spürt die Liebe des Herzens, aus der die Mussarworte kommen. Er hat nicht umsonst zu Füßen der Meister in Telsiai (sc. Kreisstadt in Litauen mit einer berühmte Jeschiwa) gesessen, vor dem Krankensessel des Chofez Chaim gestanden, dieser Rabbiner der Landgemeinde am Südrande Badens.   
Wer Gailingen vor drei und vier Jahrzehnten in der sogenannten 'Blütezeit' gekannt hat und es heute wieder seiht, hat keineswegs das Gefühl, dass hier die Jahre etwas zerstört hätten. Gewiss hat sich die Gemeinde numerisch etwas verkleinert, und für rauschende Purimmaskeraden durch die Straßen liegt heute weder Voraussetzung noch Veranlassung vor. Aber ich weiß nicht, ob jemals die Sabbate und die Feste inniger und schöner gefeiert wurden in Gailingen als heute, ob die Edelpflanze der jüdischen Gastlichkeit und Gemütlichkeit zu irgend einer Zeit dort höher in die Halme schoss als jetzt. 
Am Montag besichtige ich noch die zwei herrlichen Häuser, auf die nicht allein Gailingen, sondern die gesamte badische Judenheit mit Recht stolz ist: das Altenheim und das Jüdische Krankenhaus. Ungemein idyllisch gelegen, von einer Vegetation und einem Klima begnadet, wie sie in keinem Kurplatz schöner und günstiger sind, sind beide Heime unter vortrefflicher Leitung eine Segensquelle für unzählige Menschen geworden. Das sog. 'Krankenhaus' ist auch ein geeignetes Erfolgungsheim für Gesunde, die ein paar Ferienwochen in gesunder Landluft innerhalb einer schönen jüdischen Gemeinde, bei guter Verpflegung und mäßigen Preisen verbringen wollen. Dieses nur so nebenbei.  
Nach einer weiteren schönen Stunde am gastlichen Tische im Lehrerhause geht es im Auto zurück nach Singen. Der Abschied von der Rabbinerfamilie und 
von all den guten, rasch liebgewonnenen Menschen fällt beinahe schwer. In Singen kommen wir sozusagen unter 'Zollverschluss' bis zum Basler Reichsbahnhof. Und von dort geht es gegen Abend nach Freiburg, das die letzte Etappe der badischen Vortragstournee bildet." 

     

     

     

     

     

 

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Stand: 15. Dezember 2013