Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


Eingangsseite

Aktuelle Informationen

Jahrestagungen von Alemannia Judaica

Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft

Jüdische Friedhöfe 

(Frühere und bestehende) Synagogen

Übersicht: Jüdische Kulturdenkmale in der Region

Bestehende jüdische Gemeinden in der Region

Jüdische Museen

FORSCHUNGS-
PROJEKTE

Literatur und Presseartikel

Adressliste

Digitale Postkarten

Links

 


zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"  
zurück zur Übersicht "Synagogen in Rheinland-Pfalz"  
zur Übersicht "Synagogen im Stadtkreis Neustadt an der Weinstraße"  
   
 

Mußbach (Stadt Neustadt an der Weinstraße)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer/Vorbeter   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Einzelpersonen     
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen  
Links und Literatur   

    

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde         
   
In Mußbach (im Folgenden Mussbach geschrieben)  bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg zurück. 1722 lebten fünf jüdische Familien am Ort, 1743 waren es sechs. 
  
Hinweis: Nach den Angaben von Nicholas H. Sommers (Chicago, Information vom 23.7.2012) gab es bereits Mitte des 17. Jahrhunderts jüdische Einwohner in Mussbach: "Meine Vorfahren haben sich um 1650 in Mussbach angesiedelt. Sie kamen aus Nikolsburg (Mikulov, Südmähren, heute Tschechische Republik): Abraham Teutsch (Avroham bar Gerschon) war der Sohn des Landesrabbiners von Mähren, Gerschon Aschkenazi. Sein Sohn Isak Teutsch und dessen Sohn Jakob Isak wohnten in Mussbach. Jakob Teutsch ist um 1770 nach Venningen gezogen, nachdem seine erste Frau und drei von den fünf Kinder gestorben sind.
   
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte die Gemeinde ihre Blütezeit. Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich wie folgt: 1801 59 jüdische Einwohner (5,4 % der Gesamteinwohnerschaft), 1808 67 (5,0 %), 1825 125 (6,6 %); 1848 139 (in 25 Familien).  
    
1808/09 werden als jüdische Familienvorstände genannt (mit Erwerbszweig): Guillaume Bieler (Viehhändler), Adolph Deutsch (Trödler), Isaac Deutsch (Händler), Jacques Falker (Trödler), Salomon Falker (Trödler), David Faiss (Feiss), Isaac Faiss (Feiss), Jean Frank (Hausierer), Auguste Frieder (Händlerin), Jacques Frieser (Häöndler), Leopold Heller (Mehlhändler), Samuel Linder (Händler), Gottlieb Mehler (Händler), Isaac Süß (Mehlhändler), Isaac Stein (Kurzwarenhändler).  
 
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging die Zahl der jüdischen Einwohner durch Aus- und Abwanderung - insbesondere in die Städte (Neustadt) - zurück: 1875 wurden 108, 1900 noch 71 jüdische Einwohner gezählt. Die jüdische Gemeinde gehörte zum Bezirksrabbinat Frankenthal - (Bad) Dürkheim. 
  
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Gefreiter Otto Samson (geb. 23.10.1895 in Mussbach, gest. an Folge der Kriegsverletzungen 10.1.1920). 
 
Um 1925, als noch 20 jüdische Gemeindeglieder gezählt wurden (0,7 % der Gesamtbevölkerung von etwa 2.800 Personen), waren die Vorsteher der Gemeinde Emil Stein und Leopold Samson. Letzterer war zugleich als Kantor und Schochet tätig. 1932 werden als Vorsteher weiterhin Emil Stein (als Schriftführer und Schatzmeister), Leopold Samson sowie neu Moses Hammerschlag genannt. Als Stiftung mit dem Ziel der Wohltätigkeit bestand in der jüdischen Gemeinde die "Falker-Stiftung". 
 
1933 wurden noch etwa 15 jüdische Gemeindeglieder gezählt. In den folgenden Jahren verzogen die meisten von ihnen auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Repressalien und der Entrechtung vom Ort beziehungsweise wanderten aus. Zu den letzten jüdischen Einwohnern Mussbachs, die 1940 nach Gurs deportiert wurden, gehörte Rosa(lie) Levy. 
   
Von den in Mussbach geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Gertrud(e) Alsberg geb. Feiss (1895), Wilhelmina Blüm geb. Jeremias (1867), Ida Flora Eichengrün geb. Deutsch (1873), Sigmund Friedrich Hiller (1884), Anna Katz geb. Feiss (1878), Friedolina Katz geb. Reiss (1860), Elisabeth (Else) Mayer geb. Hiller (1893), Adele (Adelheid) Morgentau (1885), Berta Neuhauser geb. Palm (1876), Clotilde Rindskopf geb. Deutsch (1889), Elisabeth (Elsa) Rosenstiel geb. Deutsch (1887), Anna Rothenberg geb. Hiller (1892), Clara Samson (1872), Leopold Samson (1864), Lina Stein geb. Bach (1871), Blondine Strauss geb. Jacob (1876), Elvira Stutinsky geb. Jacob (1884). 
Hinweis: die in einigen Listen zu Mussbach als Opfer der NS-Zeit genannte Rosa/Rosalie Levy geb. Adler (1868) hat nach Angaben von Albert H. Keil vom 5.6.2017 die Verfolgungszeit überlebt.   
    
    
    
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer/Vorbeter     
Ausschreibungen einer Vorbeterstelle zum Versöhnungstag 1898 / 1900    

Mussbach Israelit 29081898.jpg (35032 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. August 1898: "Die Gemeinde Mußbach / Pfalz wünscht als Gehilfe am Versöhnungstag einen Vorbeter gegen eine Vergütung von Mark 30. Reflektanten wollen sich beim Vorstande melden. 
Der Vorstand. W. Reiß."     
 
Mussbach Israelit 30081900.jpg (25567 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. August 1900: "Zum Versöhnungstage ein Vorbeter gesucht. Offerten mit Preisangabe an 
Wilhelm Reiß, Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde 
Mußbach, Pfalz."

        
     
   
Zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
   
  
Stadtrat Gernsheim in Dürkheim und Gutsbesitzer und Weinhändler Veit Mahler in Mussbach wurden zu Geschworenen berufen (1838)   

Artikel in der "Allgemeinen Jüdischen Zeitung" vom 2. Oktober 1838: "Eine der köstlichsten Institutionen unserer Pfalz - der Stolz und das Kleinod ihrer Bewohner - ist die der Jures oder Geschworenen - und zu diesem über die wichtigsten Güter des Bürgers - über sein Leben und seine Freiheit sprechenden Amte eines Geschworenen, sahen sich bereits zwei Israeliten (Herr Stadtrat Gernsheim in Dürkheim, der auch kürzlich als Mitglied des Rekrutierungsrats für das Landkommissariat Neustadt fungierte - und der Gutsbesitzer und Weinhändler Veit Mahl in Mußbach) berufen. Es sind Ärzte, sogar Kantons-Ärzte (anderwärts Physikus-Ärzte genannt und bekannt von Königlicher Regierung ernannt) Advokaten, zum Teil ausgezeichnete Männer und dann Gewerbetreibende jeder Art im Kreise - die mosaischen Glaubens sind; und es ist - in letzterer Beziehung - eine lächerliche Angabe (die übrigens de bonne foi gegeben worden), wenn von 28 israelitischen Handwerker-Familien im Kreise die Rede ist. (Dieselbe wurde übrigens auch in der Speyrer Zeitung - von Herrn Lehrer Strauß in Frankenthal, glauben wir - verdientermaßen zurückgewiesen."       

  
Albert Fraenkel, weltberühmter Mediziner (geb. 1864 in Mussbach, gest. 1938 in Heidelberg)    

Fraenkel Fam 01.jpg (43512 Byte)(Fotografie von 1898 der Familie Albert Fraenkel aus dem Beitrag von Jörg Schadt s. Lit. S. 19)     
Albert Fraenkel
ist 1864 als Sohn des Weinhändlers Jakob Fraenkel (1836-1905) und seiner Ehefrau Emilie geb. Deutsch in Mussbach geboren. Er besuchte die Schule in Neustadt und absolvierte danach das Gymnasium in Landau (Abitur 1883); Studium der Medizin in München und Straßburg. An Tuberkulose erkrankt, ließ er sich 1890 in Badenweiler als Arzt nieder, weil er sich dort eine Besserung erhoffte. Fraenkel wurde in Badenweiler leitender Arzt der "Villa Hedwig" und seit 1903 der "Villa Paul". Seit 1893 Aufnahme von Forschungen am Pharmakologischen Institut in Heidelberg. 1896 Übertritt in die evangelische Kirche und Heirat mit Erna geb. Thorade aus Oldenburg (zwei Töchter). 1906 berichtet Fraenkel auf dem 23. Internistenkongress in München über seine mit C.H. Boehringer in Mannheim entwickelte Strophanthintherapie, die sich als bahnbrechend erweist. 1909 betreut er Hermann Hesse in Badenweiler (Beginn einer lebenslangen Freundschaft). Im Ersten Weltkrieg leitender Arzt eines Beobachtungslazaretts und beratender Internist des XIV. Armeekorps. 1920 wird Fraenkel Ehrenbürger von Badenweiler; 1928 ordentlicher Honorarprofessor der medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg. 1933 auf Grund seiner jüdischen Herkunft "beurlaubt"; die Lehrbefugnis wurde entzogen. Am 22. Dezember 1938 stirbt Fraenkel in Heidelberg.  

      
   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen  
Familie Jacob Jeremias sucht eine Haushälterin (1901)  

Mussbach Israelit 25021901.jpg (28416 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Februar 1901: "Ein älterer Witwer sucht als 
Haushälterin
 
eine gesetzte Persönlichkeit, die Haushaltung besteht aus drei Personen. 
Jacob Jeremias
Mußbach bei Neustadt in der Pfalz."
   
Mussbach Israelit 05061901.jpg (33433 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Juni 1901: "Ein älterer Witwer sucht eine 
Haushälterin
 
von gesetztem Alter. Haushalt besteht aus drei Personen. Eintritt 1. Juli. 
Jacob Jeremias, 
Mußbach, Pfalz."     

     
     
     
Zur Geschichte der Synagoge         
    
Die jüdische Gemeinde hatte spätestens seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen Betsaal beziehungsweise eine Synagoge. Im Blick auf das gottesdienstliche Leben war die Gemeinde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Neuerungen aufgeschlossen. So wird 1839 in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" von der Durchführung einer jüdischen Konfirmation (gemeinsame Bar- und Bat-Mizwa-Feier) in Mussbach berichtet:  

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. Februar 1839: "Vom Haardtgebirge, 10. Januar (1839): Noch dürfen wir uns glücklich schätzen, dass wenigstens aus unserer Mitte die vielfach als verderbliche Gleichgültigkeit verschrieene Toleranz noch so ganz gewichen. Die am letzten Sabbat zu Mussbach stattgehabte israelitische Konfirmation, die Protestanten und Katholiken durch ihre Mitwirkung zu verschönern suchten, ab einen Beweis dafür ab, wie auch kürzlich die Begräbnisfeier eines allgemein geschätzten Israeliten, welcher durchgehends die geachtetsten Bürger des Orts beiwohnten. Überhaupt findet das Streben der Israeliten, in edler Geistesentwicklung voranzuschreiten, bei uns stets alle (wohlverdiente) Teilnahme und Unterstützung. 

1886 war aus nicht bekannten Gründen die Neueinrichtung eines Betsaales notwendig. In diesem Jahr kaufte die jüdische Gemeinde das 1793 erbaute Haus Kurpfalzstraße 4. In diesem Gebäude oder dem an dessen Stelle erbauten Haus wurde im Obergeschoss ein 57 qm großer Betsaal eingerichtet. 1901 oder 1902 brach ein Brand aus, doch konnte das Gebäude mit dem Betsaal wieder hergerichtet werden. 
   
Auf Grund der zurückgegangenen Zahl der jüdischen Einwohner konnten bereits um 1930 kaum noch Gottesdienste gefeiert werden, zu denen zehn jüdische Männer anwesend sein müssen (minjan). 1936 wurde durch den letzten jüdischen Gemeindevorsteher Leopold Samson das Synagogengebäude an den benachbarten Bäckermeister für 900 Reichsmark verkauft. Von diesem wurde das Haus umgebaut und in die Bäckerei einbezogen. Das Gebäude blieb beim Novemberpogrom 1938 unangetastet. 1950 musste der neue Eigentümer nach einem Urteil der Wiedergutmachungskammer in Frankenthal eine Nachzahlung von 400 DM an die jüdische Kultusgemeinde der Rheinpfalz leistet. Das Gebäude ist erhalten.    
    
    
Adresse/Standort der SynagogeKurpfalzstraße 4 (frühere Hauptstraße)  
    

    
Fotos   

Historische Fotos sind unbekannt; neue Fotos des Gebäudes werden bei Gelegenheit erstellt; 
über Zusendungen freut sich der Webmaster von Alemannia Judaica, Adresse siehe Eingangsseite   
  
        

     
      

Links und Literatur 

Links:   

Website der Stadt Neustadt an der Weinstraße (Seite der Stadtverwaltung) und Weitere Website zur Stadt (Touristen-Information).

Literatur:  

Alfred Hans Kuby (Hrsg.): Pfälzisches Judentum gestern und heute. Beiträge zur Regionalgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. 1992. 
Otmar Weber: Die Synagogen in der Pfalz von 1800 bis heute. Unter besonderer Berücksichtigung der Synagogen in der Südpfalz. Hg. von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Pfalz in Landau. 2005. S.  117.
Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Mainz 2005. S. 286 (mit weiteren Literaturangaben). 
Jörg Schadt: Der "König von Badenweiler". Albert Fraenkel wirkte als weltberühmter Arzt und Forscher. In: Momente. Beiträge zur Landeskunde von Baden-Württemberg 4/2002 S.18-24. 
Albert H. Keil: "Zu Hilfe kam uns niemand" - Mußbach und die "braune Pest". In: Marita Hoffmann und Bernhard Kukatzki (Hrsg.): "Im Morgengrauen des 18. März 1945 herrschte noch Totenstille." Zum Ende des Zweiten Weltkriegs in der Pfalz. Themenheft (Reihe: Pfälzisch-Rheinische Familienkunde, Band XVIII, Heft 8/9). Verlag Llux. Ludwigshafen 2016. S. 98-103 (in der textidentischen Druckfahne S. 106-111 siehe hier:  http://www.verlag-pfalzmundart.de/go-mussbach-pest.htm); die dort Anm. 26 genannte Quelle ("Alban Haas: Mündlicher Bericht; mitstenographiert durch Albert H. Keil im Mai 1967 im damaligen Schwesternheim an der Josefskirche in Neustadt an der Weinstraße, 1993 als Datei erfasst" ist als pdf-Datei eingestellt).  

  
n.e.  

                   
vorherige Synagoge  zur ersten Synagoge nächste Synagoge   

                  

 

Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an Alemannia Judaica (E-Mail-Adresse auf der Eingangsseite)
Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 05. Juni 2017