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Zurück zur Seite über die Jüdische Geschichte/Synagoge
in Bad Cannstatt
Bad Cannstatt (Stuttgart)
Texte/Berichte zur jüdischen Geschichte von Bad Cannstatt
Die nachstehend wiedergegebenen Texte mit
Beiträgen zur jüdischen Geschichte in Bad Cannstatt wurden in jüdischen Periodika
gefunden.
Bei Gelegenheit werden weitere Texte eingestellt.
Weitere Texte finden sich im Zusammenhang mit der Synagogengeschichte auf der Seite
zur Jüdischen Geschichte / Synagoge in Bad Cannstatt
sowie auf der Seite zum jüdischen Friedhof in
Bad Cannstatt.
Übersicht:
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Lehrer Adler wird Nachfolger von Lehrer Metzger
(1908)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Januar 1908: "Cannstatt, 21.
September (1908). Bei der gestern erfolgten Wahl eines Nachfolgers für
den bisherigen langjährigen Lehrer an der hiesigen israelitischen
Gemeinde, Herrn Metzger, der vor einigen Wochen in den Ruhestand getreten
ist, wurde mit 55 von 75 abgegebenen Stimmen Herr Lehrer Adler aus
Stuttgart gewählt." |
Berichte aus
dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben
Schwierigkeiten mit den Reformen im
Synagogen-Gottesdienst (1861)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 24. September 1861: "Die
Gemeinden Württembergs sind durch die Rabbinate zur Erklärung
aufgefordert worden, ob sie die neue Gottesdienstordnung von Stuttgart für
ihre Synagogen adoptieren wollen. Allein abgesehen von den Kosten, ist
nicht jede Synagoge zur Aufnahme einer Orgel geeignet. Auch ist die
Gemeinde durch fragliche Gottesdienstweise nahezu mundtot gemacht, da
Rabbiner, Vorsänger und Orgel meistens allein in Aktivität sind, während
die Gemeindemitglieder meistens unbeteiligt erscheinen. Die Einteilung des
Schmona-Esra-Gebets, aus welchem die mittleren Benediktionen zur stillen
Andacht degradiert sind, der dreijährige Zyklus in der Weise, wie er in
Stuttgart beliebt wurde, will selbst manchem Cannstatter Badegast nicht
recht goutieren, da nach diesem Zyklus jede Perikope in drei Teile
geteilt, und in je drei Jahren ein Teil durchgelesen werden soll. Man hat
also am Simchas-Tora jeden Jahres nicht einen dritten Teil der Tora,
sondern den dritten Teil zu einer Sidra gelesen."
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Oberrabbiner Kahn (Trier) berichtet aus der Kur in Bad
Cannstatt (1866/67)
Artikel in
der Zeitschrift "Ben Chananja" vom 15. November 1866: "Vom 16. August bis
Anfang September verweilte ich in diesem Jahre im Bade Cannstatt bei
Stuttgart. Ich konnte von dort, wie früher von Bade Ems aus keine
Berichte für den ‚Ben Chananja’ schreiben, da nur wenige Kurgäste
dort waren und die wenigen auch aus der Nähe. Ich trage jetzt noch nach,
was ich damals wahrgenommen und dem ‚Ben Chananja’ von Interesse sein
dürfte. Die israelitischen Kultusverhältnisse sind in Württemberg vom
Staate schon seit langem geordnet und werden von demselben überwacht. Es
besteht eine israelitische Oberkirchenbehörde, dessen geistliches
Mitglied Herr Kirchenrat, Rabbiner Dr. Mayer, ist." |
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Artikel in
der Zeitschrift "Ben Chananja" vom 1. August 1867: "Kahns Bade- und
Reiseberichte. I. Bad Ems, 22. Juli (1867). Seit Freitagmittag bin ich
erst hier, ich kann mithin noch nicht viel, was dem ‚Ben Chananja’ von
Interesse sein könnte, von hier aus berichten. Ich will daher manches über
Cannstatt bei Stuttgart mitteilen. Cannstatt ist auch ein Kurort, der aber
hauptsächlich nur von Württembergern, Badensern und Bayern besucht wird.
Ich traf dort zwei sehr würdige Rabbinen Württembergs, den Rabbiner Wälder
aus Laupheim, einen sehr gemütlichen und menschenfreundlichen Mann,
welcher der konservativen religiösen Richtung, jedoch nicht der
unduldsamen, fanatischen angehört, und den Rabbiner Herz aus Jebenhausen,
aber nicht minder wohlwollenden und gutmütigen Geistlichen, welcher dem
gemäßigten Fortschritte huldigt.
Bekanntlich sind in Württemberg die jüdischen Verhältnisse seit vielen
Jahren vom Staates geordnet durch die von ihm eingesetzte und anerkannte jüdische
obere Kirchenbehörde, deren erstes geistliches Mitglied Herr Kirchenrat
Rabbiner Dr. Maier in Stuttgart ist. Wie in dieser Beziehung eine Parität
zwischen den jüdischen und christlichen Geistlichen herrscht, beweist,
dass neulich dem Herrn Kirchenrat Maier bei Gelegenheit der Feier seines
70-jährigen Geburtstages ein höherer Orden, mit welchem der Adel für
seine Person verbunden ist, vom Könige erteilt wurde.
So segensreich auch diese Organisation in vieler Beziehung ist, so hat sie
doch auch das entschieden Nachteilige, dass diese selbst wieder stabil
wird und eine eigentliche freie Bewegung hemmt, sowie sie auch manches Unjüdische
sanktioniert. So werden z.B. die Eltern, welche ihre Kinder nicht
konfirmieren lassen, vor die Kirchenbehörde geladen, hierüber ermahnt
und wenn sie bei ihrer Renitenz verharren, mit einer Geldstrafe belegt.
– So sehr ich auch für die Konfirmationsfeier bin, so entschieden muss
ich mich gegen jeden Zwang aussprechen, - und gewiss mit mir jeder
Denkende und für das Judentum begeisterte Israelit.
Aus Mangel der freien Bewegung und aus Scheu, gegen die veralteten
Gewohnheiten ihrer Gemeindeglieder offen und freimütig aufzutreten, nimmt
daher auch mancher Rabbiner zu sophistischen Umgehungen derselben seine
Zuflucht. So wurde mir mitgeteilt, dass am verflossenen 33. im Omer zwei
Trauungen in zwei verschiedenen voneinander entfernten Gemeinden von einem
Rabbiner vorgenommen werden sollten. Da dieses aber unmöglich war, so ließ
derselbe am 32. im Omer am Tage vorher um 12 ½ Uhr die Gemeinde das
Mincha-Gebet verrichten, wodurch von dieser Zeit an der ganze halbe
Nachmittag als Nacht und somit als 33. im Omer betrachtet wurde, womit
sich die Parteien zufrieden erklärten und ihr Gewissen beruhigten. Auf
diese Schilderung möge passend folgender Lichtpunkt aus Nr. 171 der
Petersburger Zeitung vom 27. Juni dieses Jahres folgen. Dies wurde mir von
einem sehr intelligenten christlichen Arzt, mit dem ich in Cannstatt
bekannt wurde, mitgeteilt. In dieser befindet sich eine Kritik über einen
Vortrag: ‚Der ewige Jude und der ewige Johannes’ von Hermann Delton,
evangelischem Prediger dort, der, wie mir mein freisinniger Arzt mitteilt,
häufig gegen Berthold Auerbachs neueste Romane in seinen Predigt eifert.
Delton stellt den Grundsatz auf: ‚Der ewige Jude ist das Leben ohne
Hoffnung, der ewige Johannes das Leben in der Fülle gottverklärter
Hoffnung.’ Dagegen äußert sich der Rezensent in der Petersburger
Zeitung also: ‚Auch in der Geschichte sprießt ein neues Leben immer
wieder auf den Grabstätten der Völker. Wenn ein Volk sein Tagewerk
vollendet hat, so macht es einem anderen Platz. Nur ein Volk gibt es, fast
4.000 Jahre alt, |
seit fast
1.800 Jahren aufgelöst und doch noch lebenskräftig; ein Volk, das jetzt
alle Völker durchwandelt und doch seine Eigentümlichkeit nicht verloren
hat; ein Volk, welches die Weltgeschichte nicht begraben kann, wie sie
andere Völker begräbt: das jüdische Volk – dieses Volk in seiner
Zerstreuung und Entfremdung und zugleich in seiner ungebrochenen
Messiashoffnung hat sein Bild in jenem ewigen Juden der Sage. Was dieses
Volk nicht untergehen lässt, ist seine Vergangenheit und Zukunft.’
Ist diese Anerkennung des ewigen Fortbestehens des jüdischen Volkes nicht
ein hell strahlender Lichtpunkt, zumal in der ‚Petersburger Zeitung’?
Und wenn auch der Ausgangspunkt des Rezensenten ein anderer, als der
unserige, sein mag, so wollen wir von dessen Voraussetzungen doch gerne
Notiz nehmen, da sie mit unserer festen Überzeugung, dass das jüdische
Volk und das Judentum ihre heilige Mission gewiss einst erfüllen werden,
übereinstimmen." |
Berthold Auerbach äußert sich patriotisch
(1870)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. August 1870: "Aus Schwaben. Unser
berühmter Landsmann, Berthold Auerbach, der bekannte Schriftsteller, der
sonst nicht gewohnt ist, seine Feder dem Dienste des Krieges zu weihen,
sondern lieber auf den friedlichen Gehöften biederer Dorfbewohner den
Stoff seiner Erzählungen sich bewegen lässt, hat in jüngster Zeit, als
er sich in den Gauen seiner Heimat im Schwarzwald befand, mit einem von
wahrem Patriotismus eingegebenen Aufsatz: ‚Was will der Franzos? Was
will der Deutsche?’ sein engeres und weiteres Vaterland überrascht, der
vermöge seiner echtdeutschen Haltung nicht verfehlen konnte, auf alle
deutschen Leser, die im Ingrimm gegen ihre übermütigen Nachbarn bisher
nicht hatten Worte finden können, um demselben Ausdruck zu verleihen, den
tiefsten Eindruck zu machen. Während seines Aufenthalts in dem schwäbischen
Bad Cannstatt wurde ihm von der Gesellschaft Concordia und von der
Kurkapelle als Zeichen der Verehrung ein Ständchen gebracht, wozu eine
große Menge Teilnehmer vor der Wohnung des Gastes sich sammelte. Seine
geistreiche Ansprache an die hunderte von Anwesenden endete mit einem
‚Deutschland Hoch!’ und rief einen kaum zu beschreibenden Sturm von
Beifallsbezeugungen hervor.
Es
ist dieser Vorfall wieder ein erhebendes Zeichen dafür, dass die
Konfession nicht einen Markstein für den Patriotismus bildet." |
Aufführung des Synagogenvereins im Kursaal -
Jugendgottesdienst in der Synagoge (1892)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. Februar 1892: "Cannstatt,
1. Februar (1892). Wie schön öfters gab er hiesige Synagogen-Chorverein
am 16. vorigen Monats im Kursaal hier wieder eine größere Aufführung,
wobei die Beteiligung des Publikums von hier und Stuttgart, namentlich
aber auch von Christen und hervorragenden Musikern eine sehr starke war.
Wie schon der Name des Vereins besagt, dient solcher in erster Linie der
Aufführung der synagogalen Gesänge, widmet sich aber auch in
hervorragender Weise dem Studium anderer Werke, um seinen Mitgliedern
umfassende musikalische Belehrung, und mit dieser verbunden auch nicht
selten ein gesellschaftliches Vergnügen zu bieten. Daher kommt es auch,
dass in unserem Synagogenchor alle musikbegabten Gemeindemitglieder
beteiligt sind und hierbei durchaus kein Standesunterschied zu bemerken
ist. Am Freitagabend ist mit dem öffentlichen Gottesdienst der so
genannte Jugendgottesdienst verbunden und glaubt Schreiber dieses, gerade
den Freitagabendgottesdienst in mehrfacher Beziehung dem
Samstagnachmittagsgottesdienst für genannten Zweck vorziehen zu dürfen.
Über das oben genannte Konzert äußerten sich alle in Stuttgart und hier
erscheinenden Blätter in sehr lobender Weise." |
Ein Verein zur Unterstützung der armen russischen
Juden wird gegründet (1892)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Mai 1892: "Cannstatt, Ende April
(1892). Auf Veranlassung der Frau Veit Kahn dahier, hat sich hier ein
Verein gebildet, dessen Mitglieder sich verpflichten, jeden Freitag
mindestens 20 Pfennig in eine besondere Büchse zu legen zur Unterstützung
unserer armen russischen Glaubensgenossen. Frau Veit Kahn hat soeben die
erste Sendung im Betrage von Mark 201.60 an die Redaktion des
‚Israelit’ abgesandt. Vielleicht findet dieses Beispiel auch in
anderen Gemeinden Nachahmung." |
Vortrag über "Das Judentum und seine Teilnahme an der
Bodenkultur" (1898)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 18. März 1898:
"Würzburg, 13. März (1898). 'Das Judentum und seine
Teilnahme an der Bodenkultur' lautete das Thema, das am 2. dieses Monats
von Herrn Dr. Finkel im neuen Saalbau des Herrn Hotelier Goldschmidt
behandelt wurde. Alle Kreise der jüdischen Bevölkerung waren vertreten
und lauschten mit gespannter Aufmerksamkeit den interessanten
Ausführungen des Redners. Als der lebhafte Beifall verklungen war,
entspann sich eine anregende Diskussion, die erkennen ließ, dass man
erfasst hatte, der Beruf des Gärtners und Landwirtes sei von größter
Wichtigkeit, und gerade ihm müsste die jüdische Jugend mehr als bisher
zugeführt werden. Als Musteranstalt für die Heranbildung junger Leute zu
tüchtigen Gärtnern und Landwirten wurde die bekannte landwirtschaftliche
Schule in Ahlem erwähnt. Da bei den meisten der anwesenden Herren und
Damen doch die Existenz dieser Anstalt als unbekannt vorauszusetzen war,
so übernahm es ein anwesender Prediger, der einige Jahre vorher, einer
Einladung des hochherzigen Gründers jener Schule folgend, diese eingehend
besichtigt, eine eingehende Schilderung derselben zu geben. Die Diskussion
förderte die sofortige Gründung eines Lokalkomitees, welches sich zur Aufgabe
macht, für Erweiterung und entsprechende Unterstützung der
landwirtschaftlichen Schule in Ahlem nach Kräften tätig zu sein. Das
Komitee besteht vorläufig aus den Herren: Fröhlich sen., Hanauer, Jakobi
Apotheker Landauer, Rechtsanwalt Dr. Alfred Oppenheimer, Vorsitzender der
neugegründeten Loge, Rosenheim, Rechtsanwalt Dr. Stern, 1. Vorsitzender
hiesiger Gemeinde, Seminarlehrer Weißbart. Herr Baron von Hirsch
erklärte im Laufe der Diskussion in bereitwilligster Weise, dem wichtigen
Gegenstande sein Interesse fernerhin bekunden zu wollen. Auch in anderen
Städten, die der Redner mit einem Vortrage bedacht, zeigte sich der
Erfolg in der Bildung eines Komitees in unmittelbarem Anschluss an den
Vortrag. Ein solches setzte sich in Stuttgart- Cannstatt zusammen
aus den Herren: S. Ettlinger, Gustav Gottschalk, Dr. A. Gutmann, Veit
Kahn, Kirchenrat Dr. Kroner, Rabbiner Dr. Stößel, Isak Strauß. Ferner
in Heilbronn aus den Herren: J. Erlanger, Bankier Gumpel, Rabbiner Kahn,
Adolf Oppenheimer, Rechtsanwalt Schloß, M. Wachs. Möge es Herrn Dr.
Finkel gelingen, auch in andere Gemeinden die Überzeugung zu bringen,
dass er einem überaus wichtigen Faktor für die Weiterentwicklung des
Judentums das Wort redet." |
Plenarversammlung der israelitischen Lehrervereins in
Württemberg in Cannstatt (1900)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 17. August 1900: "Cannstatt,
12. August (1900). Die Plenarversammlung des israelitischen Lehrervereins
in Württemberg hat am 8. August stattgefunden. Die Versammlung, unter der
Leitung des Vorstandes, Herrn Lehrer Schmal aus Ludwigsburg, war ziemlich
stark besucht und wurde mit einer meisterhaften Anrede des Vorsitzenden eröffnet.
Nach dem üblichen Rechenschaftsberichte, vorgetragen vom Lehrer Metzger
– Cannstatt, wurde in die eigentliche Tagesordnung eingetreten, und
zwar: 1. Unsere Denkschrift. 2. Belohnung der Kirchendienste
israelitischer Volksschullehrer. Erstere oder eigentlich die Antwort der
Kultusbehörde hierauf wurde unter allseitiger Zustimmung vom Kollegen
Pressburger – Creglingen behandelt, und letztere von Spatz –
Affaltrach in der Weise ausgeführt, dass sie zu einer erneuten Eingabe an
die Behörde führte. An der Debatte beteiligten sich auch die gern
gesehenen Gäste, nämlich die anwesenden drei Rabbiner, wovon jedoch die
Ansichten des Rabbiners Kahn – Esslingen durchaus nicht mit den
Anschauungen der Vereinsmitglieder harmonierten und fast eine Dissonanz in
die Versammlung brachten. Sehr auffallend aber muss es uns vorkommen, dass
wie gewöhnlich immer nur ein oder zwei Sprecher das Wort führen, und die
An- und Absichten anderer fast nie zum Ausdruck und zu Gehör kommen können.
Es ist dies ein großer Fehler unserer Versammlungen und hat die Folge,
dass manche schätzenswerte Mitglieder unseres Vereins der Versammlung
fern bleiben. Außerdem hält man sich zu viel mit nebensächlichen Dingen
auf, sodass die Tagesordnung fast nie erschöpft wird. Daher kommt es,
dass die meisten Teilnehmer sehr unbefriedigt wieder nach Hause gehen. Dem
abzuhelfen, wäre wohl für die Folge eine lohnenswerte Aufgabe des
Ausschusses respektive des Vorsitzenden und ich bin fest überzeugt, dass
unsere Mitglieder mit weit mehr Freude und Eifer unseren Versammlungen
anwohnen werden." |
Denkmal für Berthold Auerbach (1909)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Juni 1909: "Stuttgart, 23. Mai
(1909). Es verstößt gegen das Gesetz der Tora, den großen Männern in
Israel Denkmäler zu setzen – ihre Werke bilden das Denkmal, das sie
sich selbst errichten. So weit ab wir demnach von der Errichtung von Denkmälern
aus Erz und Stein stehen, so vermögen wir gleichwohl zu begreifen und zu
würdigen, wenn die nichtjüdische Menschheit bedeutende und
verdienstvolle Männer durch Monumente zu ehren unternimmt. Von diesem
Gesichtspunkte ausgehend, folgte ich heute einer Einladung zur Einweihung
des Berthold Auerbach-Denkmals auf dem Sulzerrain in Cannstatt- Stuttgart.
Wir gesetzestreue Juden haben als solche keine Ursache, auf Berthold
Auerbach stolz zu sein und ihn zu preisen. Er hat unser Judentum, das
Judentum unserer Väter, nie verstanden und frühzeitig all das von sich
geworfen, was uns heiligste Lebenspflicht ist. Dennoch soll nicht
vergessen werden, dass er sich um seine Stammesgenossen Verdienste
erworben hat. Wir brauchen nur daran zu erinnern, wie der unerschrockene
Volksmann wider Richard Wagner, den berühmten Chirurgen Billrot, den
Historiker Treitschke u.a.m. zu Gunsten seiner geschmähten
Glaubensgenossen kühn auf den Kampfplatz trat, wie er gekrönten Häuptern
gegenüber ohne Scheu vor Missdeutung den Finger auf die Wunde legte, die
Neid |
und Hass
geschlagen und wie er den viel vermögenden Einfluss seiner ganzen Persönlichkeit
daran setzte, um das Los der rumänischen Juden zu lindern, als der
Kongress zu Berlin 1878 tagte…
Der Sulzerrain, innerhalb der Kuranlage des Brunnenvereins
Cannstatt, ist eine Stätte, da Berthold Auerbach oft und gerne weilte.
Auf dieser Höhe wurde einst Auerbach zu Ehren eine Linde gepflanzt, die
seinen Namen trägt. Gegenüber dieser Linde erhebt sich jetzt auf einem mächtigen
Schwarzwälder Granitblock die eherne Büste Berthold Auerbachs. Sinnig
ist der Platz umsäumt von Tannen, die an den Schwarzwald und die
anmutigen Schwarzwälder Dorfgeschichten gemahnen.
Zur Feier hatte sich ein zahlreiches Publikum eingestellt und unter
den Erschienenen befanden sich der Oberbürgermeister von Gauß von
Stuttgart, Gemeinderat Dr. Mattes, Bürgerausschussobmann Dr. Erlanger, Bürgerausschussmitglied
Dr. Wölz, Bankdirektor Pfeiffer u.a.m.
Dr. Anton Bettelheim aus Wien hielt die oratorisch meisterhafte Weiherede,
natürlich nicht ohne kränkende Seitenhiebe auf die Orthodoxie, der sich
Auerbach glücklich entwunden habe. Bettelheim sprach mit großer Wärme
über Berthold Auerbach und wusste die Zuhörer zu fesseln, indem er die
Ritter des Geistes, mit ihren Berthold Auerbach Lob spendenden Urteilen,
der Reihe nach vorüber ziehen ließ.
Nach Bettelheims Rede übergab in einer markigen Ansprache Geheimer Hofrat
Prof. Otto Güntter das Denkmal an den Brunnenverein, dessen Vorsitzender
Gemeinderat Dr. Mattes, die Übernahme erklärte und das Denkmal in
besonderen Schutz zu nehmen versprach.
Hierauf legten Lorbeerkränze mit Worten der Liebe und Dankbarkeit
nieder:
Die Söhne Auerbachs Rudolf und Justizrat Eugen Auerbach, Geheimer Hofrat
Prof. Otto Güntter für den Schillerverein, die Cotta’sche
Verlagsanstalt, der Literarische Club, Dr. Anton Bettelheim, die
Burschenschaft Germania in Tübingen, die Freimaurerloge zur aufgehenden
Morgenröte, die Heimatgemeinde Nordstetten, der Berthold Auerbach-Verein
Stuttgart und die Verwandten Berthold Auerbachs.
Wer Berthold Auerbachs Brief an Jakob Auerbach gelesen hat und die erschütternde,
geradezu vernichtende Wirkung kennt, die der Antisemitismus der achtziger
Jahre auf den Dichter ausgeübt hat, der wird dem Toten die Genugtuung gönnen,
die in dieser Denkmalsfeier liegt. In jener Zeit der Ernüchterung hat
Auerbach – so wie er offen bekannte, in seinem ‚Spinoza’ den
Amsterdamer Rabbinen Unrecht getan zu haben – wohl über manche jüdischen
Dinge anders denken gelernt, wie in seinem Sturm und Drang, und wer weiß,
ob er eines Tages nicht ein gut Stück Weges zu seiner geistigen Heimat
zurückgefunden hätte, wäre ihm längeres Leben vergönnt gewesen." |
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Artikel in
der Zeitschrift "Ost und West" vom Juli 1909: "Das Denkmal für Berthold
Auerbach. In Cannstatt, jenem Erdenfleck, den der Dichter der
‚Schwarzwaldgeschichten’ so geliebt, wurde jüngst sein Denkmal enthüllt.
Die Feier gestaltete sich zu einem erhebenden Gedenken für den Poeten,
dessen bleibende Bedeutung für die deutsche Literatur der Festredner Dr.
Anton Bettelheim, der ausgezeichnete Biograph Auerbachs, in seiner Rede
hervorhob. Der Jude Berthold Auerbach war ein deutscher Dichter, der sein
Vaterland liebte und dessen letzte Lebensjahr vergällt waren durch die
erwachende antisemitische Propaganda dieser Zeit. Und so gewinnt dieses
Denkmal auf deutscher Erde erhöhte Bedeutung." |
Zusammenschluss der Gemeinden Stuttgart und Cannstatt
(1936)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Januar 1936: "Stuttgart. Die jüdischen
Gemeinden Stuttgart und Cannstatt sind mit Wirkung vom 1. Januar zu einer
Gemeinde zusammengeschlossen worden. Anlässlich der Vereinigung fand in
Stuttgart eine Festsitzung des Oberrates der Israelitischen
Religionsgemeinschaft Württembergs und des Israelitischen
Gemeindevorsteheramts Groß-Stuttgart statt."
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Berichte zu einzelnen
Personen aus der Gemeinde
Zum Tod von Samuel Cannstadt in Mainz (1881)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Juli 1881: "Mainz, 30. Juni (1881).
Heute verstarb in seinem 90. Lebensjahre Herr Samuel Cannstadt von hier.
Derselbe war der letzte männliche Spross einer in der Geschichte der
israelitischen Gemeinde zu Mainz hoch berühmten Familie.
Die Familie
Cannstatt hat sich nach der Vertreibung der Juden aus Württemberg im 16.
Jahrhundert in Mainz niedergelassen und gehörte mit zu den Begründern
der Gemeinde, nachdem ungefähr ein jahrhundert lang kein Jude in Mainz
hatte wohnen dürfen. Viele hervorragende Männer, die fast immer an der
Spitze der Gemeinde als Vorsteher oder, wie man damals sagte, als Vorgänger
fungierten, gingen aus dieser Familie hervor. Der Berühmteste von Allen
war Rabbi Moscheh Cannstatt. Derselbe war ein großer Talmudgelehrter und
war Mitglied des von Napoleon nach Paris berufenen großen Synhedriums. In
Mainz war sein Geschäft ein Doppeltes. Er war Inhaber eines jüdischen
Gasthofes und fungierte beim jüdischen Gerichtshofe als Rechtsanwalt
(Morschen). Er hinterließ sechs Töchter und einen Sohn. Eine seiner Töchter,
im Elsass verheiratet, wurde die Schwiegertochter des Berühmten Adolphe
Crémieux. – Sein einziger Sohn, Rabbi Jokew Cannstadt, war ein ebenso
großer Talmudgelehrter wie sein Vater. Der nunmehr verstorbene, älteste
Sohn desselben, Herr Samuel Cannstadt, ist auch der letzte Mainzer Bürger,
welcher noch zur Zeit der kurfürstlichen Herrschaft geboren wurde. Seine
Kindheit und seine Jünglingsjahre fielen in die Zeit des Napoleonischen
Kaiserreichs; in Folge dessen war seine Bildung eine durchaus französische
geworden, was sich namentlich dadurch dokumentierte, dass er nur französische
Zeitungen las. Trotzdem war er ein eifriger, deutscher Patriot, und bei
der jüngsten Reichstagswahl ließ sich der hoch betagte Greis, der nicht
mehr gehen konnte, an die Wahlurne fahren, um seiner Pflicht als Bürger
des deutschen Reiches nachzukommen." |
Louis Elsass wird mit dem Titel
"Kommerzienrat" ausgezeichnet (1892)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 18. März 1892: "Cannstatt am
Neckar, 4. März (1892). Unser um die Gemeinde sehr verdientes Mitglied,
Herr Fabrikant Louis Elsas, wurde am Geburtstagsfeste unseres Königs, am
25. Februar, mit dem Titel ‚Kommerzienrat’ ausgezeichnet. Herr Elsas
ist seit 20 Jahren ununterbrochen im Vorstande der Gemeinde, ständiges
Mitglied der Handelskammer und seit langem Mitglied der städtischen
Kollegien. Möge sich der verehrte Herr recht lange der verdienten
Auszeichnung erfreuen!" |
Auszeichnung für Henriette Unger geb. Mannheimer
(1898)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 26. August 1898: "Der Kaiser
hat Frau Henriette Unger geb. Mannheimer, in Cannstatt die
Centenar-Medaille verliehen." |
Zum Tod von Kommerzienrat Louis Elsass (1898)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 16. September 1898: "In
Cannstatt ist am 9. dieses Monats der allgemein geachtete Kommerzienrat
Louis Elsass, Mitglied der Kirchenbehörde, des Gemeinderats, des Bürgerausschusses
und der Handelskammer, gestorben." |
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Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. September 1898: "Cannstatt,
11. September (1898). Heute Vormittag fand die Beerdigung des im Alter von
74 Jahren verstorbenen Kommerzienrats Louis Elsas unter zahlreicher
Beteiligung von hier und auswärts auf dem israelitischen Friedhofe statt.
Die Grabrede hielt Lehrer Metzger. Er schilderte das reiche Leben des
Verstorbenen und hob seine großen Verdienste um die hiesige israelitische
Gemeinde hervor. L. Elsas, zu Aldingen in bescheidenen Verhältnissen
aufgewachsen, widmete sich frühzeitig der Weberei, gründete später mit
seinen Brüdern in Ludwigsburg eine kleine Fabrik, aus welcher sodann die
mechanische Buntweberei hervorging, die unter dem unermüdlichen Fleiße
des Entschlafenen zu einem ansehnlichen Fabrikanwesen aufblühte. Seine
eifrigen Bemühungen führten vor 27 Jahren zur Gründung einer eigenen
israelitischen Kirchengemeinde, deren Kollegium er von Anfang an angehörte.
Durch das Vertrauen seiner Mitbürger wurde er wiederholt in den
Gemeinderat und Bürgerausschuss gewählt, auch gehörte er viele Jahre
der Vorstandschaft des hiesigen Gewerbevereins an, war vieljähriges
Mitglied der Handels- und Gewerbekammer und wurde vor 15 Jahren zum
lebenslänglichen Mitglied der israelitischen Oberkirchenbehörde ernannt.
Zum Schluss gedachte der Redner noch unter Dankesworten der Mildtätigkeit
und aufopfernden Tätigkeit des Verstorbenen für das Gemeinwohl. Hierauf
legten unter Anerkennung seiner Verdienste Regierungsrat Dr. Schmal namens
der israelitischen Oberkirchenbehörde, Rabbiner Dr. Stößel namens des
Bezirks, Fabrikant Stern namens der hiesigen Gemeinde, Schneidermeister
Reichert namens des Gewerbevereins, Buchhalter Schlossmann namens der
Fabrikbeamten sowie Vertreter der Arbeiter von der hiesigen und
Murrhardter Fabrik Kränze an dem Grabe des Mannes nieder, der zu den
angesehensten jüdischen Bürgern Württembergs gehörte. Friede seinem
Andenken!" |
Denkstein-Einweihung für Levy und Isaak Straus
(1903)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Februar 1903: "Cannstatt, im
Februar (1903). Die Beamten der Bettfedernfabrik von Straus und Comp.,
hier und Untertürkheim, stifteten anlässlich des 60-jährigen Bestehens
des Geschäftes einen Denkstein für die verstorbenen ehemaligen Besitzer
Levy Straus und Isaak Straus. Die Enthüllung geschah in Anwesenheit der
Angestellten und der Ortsbehörden. Die Firma bewilligt bedeutende Beiträge
für die Pensionskasse ihrer Beamten, jedem derselben besondere
Gratifikationen und stiftete noch 10.000 Mark zu wohltätigen Zwecken.
Staatsrat von Grupp sandte namens der Zentralstelle für Gewerbe und
Handel ein Glückwunschschreiben. Von Interesse dürfte sein, dass der
Chef der Firma S.L. Straus das Geschäft mit einem Darlehen von 2.000
Gulden begründete, die er von seinem Hauptmann, Freiherrn von Walzleben,
erhalten hatte. Jetzt hat die Firma einen Weltruf." |
Goldene Hochzeit von Jakob Kops und seiner Frau
(1908)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. November 1908: "Cannstatt, 8.
November (1908). Am jüngsten Schabbat
Lech Lecha feierte Herr Privatier Jakob Kops mit seiner Gattin in
geistiger und körperlicher Frische das seltene Fest der goldenen
Hochzeit. Der Jubilar war lange Jahre Synagogendiener in hiesiger
Gemeinde. Durch Pflichttreue, Fleiß und Bescheidenheit hat er es
verstanden, sich eine geachtete Stellung zu erwerben, dafür war auch die
Anteilnahme der ganzen Gemeinde an ihrem Ehrentage ein beredtes Zeugnis.
Die Söhne des Jubelpaares feierten den Tag durch Anlegung einer Stiftung
von 4.000 Mark, deren Zinsen Armen und Bedürftigen zufallen. Mögen dem
Jubelpaare noch recht viele Jahre ungetrübten Glücks gegönnt sein." |
Zum Tod von Ferdinand Levi (1921)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 7. Januar 1921: "Cannstatt,
31. Dezember (1921). Einen schweren Verlust hat die israelitische
Kirchengemeinde Cannstatt und mit ihr die gesamte israelitische
Religionsgemeinschaft Württembergs zu beklagen. Am 19. Dezember verschied
nach langem, schwerem Leiden Herr Privatier Ferdinand Levi. Derselbe war
einer der immer seltener werdenden Männer, welche aus innerster Überzeugung
und mit ganzer Kraft sich der Sache des Judentums widmeten und durch ihr
Wirken auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens, namentlich aber auf
dem der Wohltätigkeit, sich große Verdiente erwarben und darum in der
breitesten Öffentlichkeit großes Ansehen genießen. – Die Beisetzung
gestaltete sich zu einer wohltuenden Kundgebung der Liebe und der
Verehrung für den Entschlafenen. Die Kapelle des israelitischen
Friedhofes konnte die Masse der Teilnehmenden nicht fassen. Nach der
eigentlichen Grabrede des Herrn Lehrers E. Adler, welcher den Verstorbenen
als einen charakterfesten, aufrechten und für das Wohl seiner
Glaubensgenossen und der Allgemeinheit unermüdlich tätigen Mann, als
treuen Israeliten und als edlen Menschen und guten Bürger schilderte,
sprachen Herr Präsident Dr. von Bälz namens der israelitischen
Oberkirchenbehörde, Herr H. Würzburger im Auftrage des israelitischen
Kirchenvorsteheramts und Herr F. Mayer für den Israelitischen Wohltätigkeitsverein
Cannstatt, dessen erster Vorstand der Verewigte viele Jahre war, Worte des
Dankes, der Anerkennung und der Verehrung aus. Es sprachen ferner Herr
Landgerichtsdirektor Stern für das Waisenhaus Wilhelmspflege, Herr
Fabrikant Hugo Kahn für die Stuttgart-Loge und andere mehr. Herr Oberbürgermeister
Lautenschlager, der persönlich am Erscheinen verhindert war, sprach seine
Teilnahme schriftlich aus." |
Zum Tod von Veit Kahn (1923)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Juli 1923: "Cannstatt, 3. Juli
(1923). Heute bestatteten wir den angesehensten und ehrwürdigsten Mann
unserer Gemeinde zur letzten Ruhe, Veit Kahn. Er hat in der hiesigen Stadt
als einziger orthodoxer Jude streng gesetzestreu gelebt und im Verein mit
seiner edlen Gattin sein haus in diesem Sinne geführt und seine Kinder, Söhne
und Töchter so erzogen, dass sie in ihren Kreisen Muster und Säulen des
altüberlieferten Judentums sind. Geboren in Baisingen und von seinem
Vater, Hirsch Kahn, zum tatkräftigen Bekenner und Betätiger des
Judentums erzogen, hat er trotz anstrengendem und aufreibendem Berufsleben
seine Zeit dem ‚Lernen’ und Ausüben der Mizwaus (Gottesgebote)
gewidmet. Nach Cannstatt, einer Stadt der Reform und später der religiösen
Indifferenz, verheiratet, hat er stets für das Judentum und die Mizwaus
Kampf geführt und sich bald durch seine Geradheit und Offenheit, durch
seine Selbstlosigkeit und seinen idealen Sinn, durch seine unbegrenzte
Wohltätigkeit und Gebefreudigkeit, durch seine Gefälligkeit und Liebenswürdigkeit,
durch seine Menschenfreundlichkeit gegen Reich und Arm, Hoch und Niedrig,
gesunde und Kranke die allgemeine Anerkennung errungen, sodass seine
Gemeindegenossen ihn bald nach seiner Niederlassung ins israelitische
Gemeindekollegium wählten und ihn dann bei allen folgenden Wahlen neu
bestätigten. Die Gastfreundschaft, die er im Vereine mit seiner ihm treu
und gleich gesinnten Frau übte, war beispiellos und ohne Schranken. Die
Hochachtung und Verehrung, die er sich erwarb und die allgemein von Juden
und Christen ihm entgegengebracht wurde, zeigte sich schon bei seinen
Lebzeiten und wurde schon bei Gelegenheit seines 70. und 75. Geburtstages
und seines 40-jährigen Jubiläums als Gemeindevorsteher auch äußerlich
durch Adressen und Besuche der Gemeinde- und Vereinsvorstände usw. zum
Ausdruck gebracht. Weit über die Grenze der schwäbischen Residenz wirkte
er für das Judentum im ganzen Ländle, war auch ein sehr beliebter, weit
berufener Mohel. Kein Wunder, dass auch sein Leichenbegängnis zu einem
Triumphe nicht allein seiner Persönlichkeit, sondern auch des altüberlieferten
Judentums sich gestaltete, indem Vorsänger Adler – Cannstatt, der
Rabbiner der Israelitischen Religionsgesellschaft Stuttgart, Herr Dr.
Ansbacher, ferner Vertreter des Kirchenvorsteheramts, des Wohltätigkeitsvereins,
des Landesvereins der Viehhändler, der Stuttgart-Loge die verschiedenen
Seiten seines Charakters und seines Wirkens als aus seiner echten Frömmigkeit
hervorgegangenen, darstellten und zeichneten. Im Namen der Familie sprach
Rabbiner Dr. Kahn – Mergentheim dem Edlen den Dank der weiteren Familie
aus für die vielen Wohltaten, die er deren einzelnen Angehörigen
zeitlebens erwiesen hatte und hob die Idealität seines Charakters, seine
Liebe zur Wahrheit und seinen Eifer für die Sache Gottes und des
Judentums hervor, indem er ihn mit Pinchas, von dem uns die laufenden
Wochenabschnitte berichten, verglich. Seine
Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
Zum Tod von Siegfried Kahn (1932)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Juni 1932: "Siegfried Kahn – das
Andenken an den Gerechten ist zum Segen. Stuttgart-Cannstatt, 5. Juni
(1932). Am Montag, den 30. Mai, durcheilte in den späten Abendstunden
unsere Stadt die Kunde, dass Siegfried Kahn nach kurzer Krankheit, im
Alter von nur 53 Jahren unerwartet entschlafen sei. Mit Siegfried Kahn,
den man als einen ebenso guten Jehudi wie Menschen bezeichnen darf, ging
einer unserer Besten von uns. Die Achtung und Liebe, die man sowohl in
Stuttgart, als auch im ganzen Lande dem leider viel zu früh seinem
arbeitsreichen Leben Entrissenen entgegen brachte, ging weit über das übliche
Maß hinaus. Man kann das wohl am besten an den ehrenvollen Nachrufen
ermessen, die von den Vertretern verschiedener Vereine und Verbände,
denen der Verstorbene angehört hat, gehalten wurden.
Die Beerdigung fand am Mittwochnachmittag auf dem Israelitischen
Friedhof in Cannstatt statt. Als erster sprach Oberrabbiner (falsch
für: Oberlehrer!) Adler, Cannstatt. Er wies darauf hin, dass der
Entschlafene mit dem Propheten Samuel außer dem Namen, auch die Reinheit
und Erhabenheit der Handlungen und Gedanken gemein hatte. Er betonte
besonders, dass in ihm die Mitwelt einen Jehudi verliere, der nicht so
leicht zu ersetzen wäre, und dass die Armen und Bedürftigen einen stets
hilfsbereiten Freund in ihm vermissen werden. Rabbiner Dr. Bamberger
sprach alsdann für die Mitglieder der Israelitischen
Religionsgesellschaft, Stuttgart. Er hob die zielbewusste Leitung des
langjährigen Leiters der Gemeinde besonders hervor, und dankte dem treuen
Freund und Berater für seine aufopfernde Tätigkeit. Es folgt
Rechtsanwalt Hayum für die Israelitische Landesversammlung, welcher der
Verstorbene seit ihrer Gründung angehörte, Dr. Hasgall für den Vorstand
der Israelitischen Religionsgesellschaft Stuttgart. Er gab in kurzen Zügen
ein klares und liebevolles Bild des toten. Es sprach ferner ein Vertreter
der Offiziere des ehemaligen Landsturmregiments Esslingen, der hauptsächlich
die Vaterlandsliebe des Entschlafenen hervorhob. Alfred Ullmann gab dem
Mitgefühle über den Heimgang des angesehenen Bruders der Stuttgart-Loge
Ausdruck. Zuletzt sprach noch ein Vertreter für das Personal der Firma.
Bei all denen, die den Verstorbenen gekannt haben, wird sein
Andenken bleiben und in höchsten Ehren gehalten werden.
Seine Seele sei eingebunden
in den Bund des Lebens.
Der Vorgänger unseres verehrten Raws, Herr Rabbiner Dr. Ansbacher,
Wiesbaden, hielt noch im Owel-Hause (Trauerhause) eine Ansprache und
widmete warme, sehr zu Herzen gehende Worte dem heimgegangenen Freunde.
Unter den zahlreichen verdiensten hob er besonders hervor, dass die Gründung
des orthodoxen Rabbinats in Stuttgart in erster Linie das Werk Siegfried
Kahns – das Andenken an den Gerechten ist zum Segen – gewesen war. Seine
Lebensaufgabe war der jüdischen Sache geweiht. Mit der Gewissheit, dass
der Name Siegfried Kahn dauernd mit der Geschichte der Stuttgarter
Religionsgesellschaft verbunden bleiben wird, schloss Dr. Ansbacher den
Hesped (Trauerrede). Es
war ein großer Kreis, die gesamte Kehillo
(Gemeinde), die tief ergriffen zu später Abendstunde erschienen war." |
| |
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Juni 1932: "Durch den Heimgang
unseres Vorsitzenden, des Herrn Siegfried Kahn ist unsere Gemeinde
in tiefe Trauer versetzt worden. Seine zielbewusste Führung, seine
selbstlose, gewissenhafte Hingabe, seine unermüdliche Tatkraft waren uns
vorbildlich. Wir werden dem Führer, der in Frömmigkeit und Menschenliebe
wirkte, ein ehrendes Andenken bewahren.
Der Vorstand der israelitischen Religionsgesellschaft, Stuttgart." |
Herbert und Julius Kahn emigrieren (1938)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Februar 1938: "Stuttgart, 20.
Februar (1938). Unsere Religionsgesellschaft teilt das Schicksal aller
Gemeinden Deutschlands. Dass sie wertvolle und verdienstreiche Mitglieder
durch die notwendig gewordene Auswanderung verliert. So sahen wir mit
innigem Bedauern dem Brüderpaar Herbert und Julius Kahn nach. Ersterer
hat unserem Vorstandskollegium angehört, nachdem sein Vater Siegfried
Kahn – Cannstatt lange Jahre dessen Vorsitzender gewesen war, und ist
vor Jahresfrist nach Transvaal ausgewandert. Julius Kahn hat viele Jahre
in unserem Bes haknoses (Synagoge) das leienen (Vorbeter) versehen in
vorbildlicher Pünktlichkeit, obwohl er während der Woche von Geschäft
und Geschäftsreisen vollauf in Anspruch genommen war. Beide Brüder haben
zu den rührigsten Schülern ihres Raw (der orthodoxe Rabbiner in
Stuttgart) gehört und sich schöne Fertigkeit im Gemoro-Lernen
angeeignet. Julius Kahn fährt nach Erez Israel. Möge es beiden Herren,
jedem an seinem Niederlassungsort, gelingen, deutsche Organisation und
Wirksamkeit zum Besten von Tauroh (Tora) und Awaudo (Gottesdienst) zu
entwickeln. Mögen sie ihrer Mutter, die zu ihrer religiösen Entfaltung
soviel beigetragen hat, nur Gutes zu melden haben. Amious." |
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Der Optiker und Graveur J. Dessauer verlässt
Cannstatt (1861)
Anzeige in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 4. Juni 1861: "Wildbad in Württemberg.
Unterzeichneter zeigt hiermit ergebenst an, dass er seinen Wohnsitz von
Cannstatt nach Wildbad verlegt und während der Saison eine Israelitische
Restauration errichtet hat; für reinliche, gute Speisen, verbunden mit
reeller und guter Bedienung, werde ich alle Sorge tragen, und lade zu
zahlreichem Zuspruch höflichst ein.
J. Dessauer, Optiker und Graveur, Hauptstraße No. 183."
|
Anzeige des Hotels von Simon Löwenthal (1882)
Anzeige in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. Juli 1882: "Cannstatt.
Hotel Löwenthal. Koscher.
Empfehle mein neu und komfortabel eingerichtetes Hotel in unmittelbarer Nähe
des Bahnhofs zum Logieren wie auch zur Abhaltung von Hochzeiten.
Restauration zu jeder Tageszeit.
Simon Löwenthal." |
Das israelitische Hotel Löwenthal ist zu verpachten
(1887)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. August 1887: "Israelitisches Hotel
sofort zu verpachten. Das gut renommierte und frequente am Bahnhof
Cannstatt gelegene Hotel Löwenthal ist wegen eingetretenen Sterbefalls
unter günstigen Bedingungen auf eine Reihe von Jahren sofort zu vermieten
und bitte ich Reflektanten, sich gefälligst an mich wenden zu wollen.
Bernhard Ostertag, Cannstatt, Seelbergerstrasse 18." |
| |
Anzeige in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 18. August 1887: derselbe
Text. |
Mitarbeiterin für das Hotel Löwenthal gesucht
(1897)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. November 1897: "Suche für mein
Hotel ein solides, anständiges Mädchen, aus ordentlicher Familie, zum
Servieren. Offerten bitte zu richten
Hotel Löwenthal, Cannstatt am Neckar." |
Anzeige von Frau Siegmund Rothschild (1899)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. September 1899: "Für sofort wird
ein erfahrenes, tüchtiges Mädchen, zu einem alten Ehepaare gesucht.
Guter Lohn und Behandlung zugesichert. Offerten zu richten an
Frau Siegmund Rothschild,
Cannstatt, Württemberg, Olgastraße 44". |
Anzeige von Frau M. Rothschild (1900)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Dezember 1900: "Gebildetes, 20-jähriges
Mädchen
sucht Stellung als Stützte der Hausfrau, in nur erster Familie. Näheres
durch
Frau M. Rotschild,
Cannstatt am Neckar, Schillerstraße 24." |
Mitarbeitersuche der Viehhandlung von Salomon
Rothschild (1903)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Dezember 1903: "1-2 tüchtige junge
Leute als Ein- und Verkäufer bei gutem Gehalt gesucht. Es wollen sich nur
erste Kräfte melden. Offerten mit Gehaltsansprüchen, Zeugnisabschriften
und Photographie erbeten an Salomon Rothschild, Viehhändler, Cannstatt (Württemberg)." |
Konditorei zu verkaufen (1907)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Januar 1907: "Wegen Geschäftsaufgabe
habe ich am hiesigen Platz eine der ersten Konditoreien zu verkaufen oder
auf mehrere Jahre an einen tüchtigen Konditor zu verpachten. Das Anwesen
ist in bester Geschäftslage, nur drei Minuten vom Bahnhof entfernt, und
erfreut sich einer sehr guten Kundschaft.
Dasselbe würde sich speziell für einen israelitischen Geschäftsmann
eignen, da durch Verkauf das einzige jüdische Hotel am Platze per 1.
Februar dieses Jahres eingeht, ein Ersatz noch nicht beschaffen, obwohl
mehrere zur Kultusgemeinde zählende, auswärts wohnende Familien auf eine
rituelle Wirtschaft angewiesen sind, ebenso eine Anzahl junge Leute eine
solche bevorzugen würden. Außerdem wohnen am Platz ca. 130
Familien.
Die Konditorei ist für Weinschank konzessioniert. Lokalitäten sind genügend
vorhanden und es hätte ein tüchtiger Mann mit etwas Vermögen
ausgezeichnete Gelegenheit zur Existenzgründung. Die Übernahme kann
sofort oder per 1. April erfolgen. Selbstinteressenten erfahren gegen
Retourmarke alles Weitere durch den Beauftragten. Jacob Hirsch, Cannstatt,
Karlstraße 64." |
Anzeige der Wurstfabrik L. Rothschild (1909)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Januar 1909: "Wurstfabrik mit
elektrischem Betrieb. Empfehle meine anerkannt vorzüglichen Spezialitäten:
Fleischwürste per Stück 15 Pfennig.
Knoblauchwürste per Stück 15 Pfennig.
Hamburger Gemüsewürste per Stück 1 Mark.
Lyoner Wurst das Pfund 1.20 Mark.
L. Rothschild Stuttgart-Cannstatt.
Wilhelmstraße." |
Anzeige der Viehhandlung von Jakob Thalheimer
(1909)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Oktober 1909: Cannstatt, Württemberg.
Suche für meinen Viehhandel (Zuchtviehhandel) einen tüchtigen
jungen Mann,
der Ein- und Verkauf selbständig besorgen kann und mit der Landkundschaft
umzugehen versteht. Süddeutscher bevorzugt.
Nur tüchtige, vertrauenswürdige junge Leute, welche auf eine dauernde
Stellung reflektieren, wollen sich melden.
Jakob Thalheimer." |
Mitarbeitersuche der Pferdehandlung S. Löwenthal
(1920)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Januar 1920: "Perfekter, selbständiger
Buchhalter und Korrespondent wird zu sofortigem Eintritt gesucht.
Nur erste Kräfte mit ersten Referenzen wollen sich unter Angabe der
Gehaltsansprüche und Zeugnisabschriften melden. S. Löwenthal,
Pferdehandlung. Cannstatt – Stuttgart." |
Geburtsanzeige einer Tochter von Siegfried Kahn und
Else geb. Nathan (1921)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Mai 1921: "Die glückliche Geburt
einer Tochter beehren sich anzuzeigen Siegfried Kahn und Frau Else geb.
Nathan. Cannstatt, 21. April 1921." |
Ausschreibung der Rabbinerstelle der
Religions-Gesellschaft Stuttgart - unterzeichnet von Siegfried Kahn in Cannstatt
(1925)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Februar 1925: "An unserer
Religions-Gesellschaft ist die Stelle eines Rabbiners neu zu besetzen.
Orthodoxe Herren, mit pädagogischer Bildung, die über pädagogische und
rhetorische Kräfte verfügen und im Besitze Hattara
Horaa orthodoxer Autoritäten sind, werden gebeten, ihre Bewerbungen
dem Unterzeichneten baldmöglichst einzusenden. Israelitische
Religionsgesellschaft, e.V., Stuttgart. Der Vorstand: Siegfried Kahn,
Cannstatt". |
Todesanzeige für David Nathan (1931)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. April 1931: "Am Heiligen Schabbat, dem 25. April 1931 entschlief sanft nach kurzer
Krankheit unser lieber, treu besorgter Vater und Großvater, Herr David
Nathan – das Andenken an den
Gerechten ist zum Segen – im 73. Lebensjahr. Cannstatt, 27. April
1931. Im Namen der trauernden Hinterbliebenen: Siegfried Kahn und Frau
Else geb. Nathan. Herbert, Julius und Minne Kahn."
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