Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Viereth (Gemeinde Viereth-Trunstadt, Kreis Bamberg)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Aus dem jüdischen Gemeindeleben   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen  
Links und Literatur   

    

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde                   
    
In Viereth bestand eine kleine jüdische Gemeinde bis 1904. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 16./17. Jahrhunderts zurück. Bereits 1586 lebten Juden auf dem an die Herren Zollner von Brand verliehenen Lehen des Kloster Michelsberg. Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges (1640) lebten keine Juden mehr am Ort.  Um 1672 hatte der Abt vom Kloster Michelsberg selbst Juden in Viereth aufgenommen. Der erste namentlich bekannte Jude in Viereth war Wolf Nathan (1702). 1760 waren vier jüdische Familien am Ort.
   
Die Blütezeit der (aber weiterhin kleinen) Gemeinde war in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts. 1809 werden sechs jüdische Familien genannt (neben 41 christlichen Familien). 1824/25 waren es 40 jüdische Einwohner (5,3 % von insgesamt 757), 1835 45, 1840 52 (9,4 % von 554), 1852 57 (9,2 % von 617). Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ging die Zahl der jüdischen Einwohner durch Aus- und Abwanderung zurück: 1875 waren es noch 25 jüdische Einwohner (3,8 % von 659), 1890 17 (2,6 % von 657), 1895 acht (1,3 % von 612) und 1900 sieben (1,2 % von 600).  
    
Die jüdische Gemeinde hatte eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule und ein rituelles Bad. Ein jüdischer Friedhof war zu keiner Zeit vorhanden; die Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof in Walsdorf beigesetzt. Zur Besorgung der religiösen Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der meist gleichzeitig als Vorbeter und Schächter tätig war. 1822 wird Salomon Wiesenfelder als Vorsänger genannt, Maier Rindskopf als Schächter. Seitdem von Seiten des Staates geprüfte Lehrer für den Unterricht der jüdischen Schulkinder verlangt waren, werden genannt: nach 1829 Hirsch Frank aus Buttenheim. Frank war auch bereits für Trunstadt zuständig. 1835 wurde die gemeinsame Lehrer- und Vorbeterstelle für Trunstadt und Viereth vertraglich geregelt: seitdem wechselte der Sitz der Religionsschule zwischen beiden Orten vierteljährlich, der Gottesdienst wöchentlich. Seit 1857 war Lehrer und Vorsänger an beiden Orten Nathan Stern, ab 1875 Pfunfud Pfunfud (auch Pfunfut Pfunfut), 1885 Leopold Röthler, 1885-1887 Adolf Löwenstein, 1891 Hermann Rose, 1893-1897 Alexander Gutmann. 1891 schloss sich Bischberg den vereinigten Gemeinden Viereth und Trunstadt an. Seitdem wurde gemeinsam ein jüdischer Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (siehe Anzeigen von 1886 und 1892 unten).
   
Die Gemeinde gehörte bis zu ihrer Auflösung 1905 beziehungsweise Vereinigung mit der Israelitischen Kultusgemeinde in Bamberg (s.u.) zum Rabbinatsbezirk Burgebrach. Nach der Abwanderung des letzten jüdischen Einwohners von Viereth 1907 nach Bamberg erhielt die jüdische Gemeinde Bamberg die noch verbliebenen Gemeindebesitzungen. 
   
Von den in Viereth geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): in den beiden Listen werden keine Personen aus Viereth genannt.    
   
   
   
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
  
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet gemeinsam mit Trunstadt und Bischberg 1886 / 1892

Vieret Israelit 09091886.jpg (52352 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. September 1886: "Lehrergesuch
Die israelitischen Gemeinden Trunstadt, Viereth, Bischberg suchen zum sofortigen Eintritt einen Religionslehrer. Derselbe muss Vorsänger und auch Schächter sein. 
Die Gemeinden liegen an der Bamberger Straße 1/2 und 1/4 Stunde voneinander entfernt. 
Der fixe Gehalt beträgt per Jahr 600 Mark nebst Holz und freier Wohnung. Nebenverdienste inklusiv Schächterlohn ca. 300 Mark. 
Offerten nebst Zeugnissen sind sofort an den Kultusvorstand B. Heß, Trunstadt bei Bamberg einzureichen". 
  
Vieret BA Israelit 11041892.jpg (44283 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. April 1892
"Die erledigte Religionslehrer-, Vorbeter und Schächterstelle der vereinigten Kultusgemeinden Trunstadt, Viereth und Bischberg ist mit einem Fixum von 600 Mark sofort neu zu besetzen. Nebeneinkommen 200 bis 250 Mark. Meldungen mit Zeugnissen versehen sind zu richten an 
B. Heß,
Kultusvorstand in Trunstadt."

  
  
Aus dem jüdischen Gemeindeleben    
Schwierigkeiten im christlich-jüdischen Miteinander in Viereth (1886)   

Vieret BA Israelit 28011886.jpg (95146 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Januar 1886: "Aus Oberfranken, 20. Januar 1886: Ein in Viereth am Main bei Bamberg ansässiger israelitischer Handelsmann wurde letzten Samstag eingeladen, sich zu dem katholischen Pfarrer nach Trunstadt zu begeben. Dortselbst wurde dem verblüfften Israeliten die überraschende Eröffnung gemacht, dass seine 22-jährige Tochter bereits seit zwei Jahren zum Christentums übergetreten sei; die Taufe soll der jugendliche Kaplan von Viereth vollzogen haben. Der Handelsmann hat auf dieses hin seine Tochter aus dem elterlichen Hause verstoßen. - Gestern rotteten sich in Viereth die Bewohner zusammen; es hatte sich das Gerücht verbreitet, die getaufte Jüdin sei von ihrem Vater fortgebracht worden, der sie heimlich töten (!) wolle. Ein Israelit, welcher die aufgeregte Menge beruhigen wollte, wurde misshandelt, halb totgeschlagen, dann wurde den Juden die Fenster eingeworfen und der Eine faktisch gezwungen, seine Tochter, die sich in Erlangen bei Verwandten befand, telegraphisch zur Rückkehr aufzufordern. - So berichtet der 'Nürnberger Anzeiger', dem wir die Verantwortung für die Mitteilung überlassen müssen." 

   
Die Auflösung der jüdischen Gemeinde Viereth - Verkauf der Ritualien (1904)  

Vieret Israelit 28011904.jpg (57549 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Januar 1904: "Wegen Auflösung der Kultusgemeinde Viereth werden zwei noch gut erhaltene Sefer-Thoras, 6 Perochos, dieselbe sind mit Gold und Seide ausgearbeitet, mehrere Mäntelchen, sechs messinge Leuchter preiswert abgegeben. Offerten richte man an A. Wiesenfelder, Viereth bei Bamberg." 

  
Vereinigung der israelitischen Kultusgemeinde Viereth mit der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg (1905)  

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 17. März 1905: "Bamberg. Die Regierung von Oberfranken hat die Vereinigung der israelitischen Kultusgemeinde Viereth (2 Stunden von hier mainabwärts) mit der israelitischen Kultusgemeinde Bamberg genehmigt. die durch einen Beteiligten in Viereth eingelegte Beschwerde gegen diese Vereinigung ist vom Ministerium des Innern abgewiesen worden. Wegen der künftigen Verwaltung des Vermögens der israelitischen Kultusgemeinde Viereth durch jene in Bamberg steht die Entscheidung des hierfür zuständigen Verwaltungsgerichtshofes noch aus."    

      
      
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde 
Suche nach Erben eines verstorbenen Ehepaares (1876) 

Vieret Israelit 16021876.jpg (115788 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Februar 1876: "Aufforderung
Da ich als Testaments-Exekutor gerichtlich nach dem Testament, welches die beiden verlebten Eheleute Bärlein und Rückel Rosenblüth zu Viereth bei Bamberg in Bayern hinterlassen haben, bestellt bin, und die abwesenden und unbekannten Erben hierüber auffordere, ihre Erbansprüche durch Nachweis bei mir anzumelden, besonders dass sich ein Bruder unter dem Namen Sanwel oder Samuel Rosenblüth, welcher schon vor langen Jahren in ledigem Stande von Viereth sich entfernt soll haben und der Aufenthaltsort, so ledig oder verehelicht, ob derselbe noch lebt oder gestorben ist, ob derselbe Kinder hinterlassen hat, dieses ist alles unbekannt in hiesiger Gegend. Derselbe hat auch außer seinem treffenden Erbteil noch besonders ein Legat von achtzig Gilden aus dem Nachlass seines Bruders Bärlein Rosenblüth zu erhalten. 
Daher bitte ich jeden Mann in Ungarn, gefälligst diese Aufforderung an diesen Sanvel oder Samuel Rosenblüth, oder an dessen hinterlassene Kinder bekannt zu geben, oder auch den genannten Sanwel und dessen Nachkommen, mir selbst Notiz über ihre Erbansprüche und Legat genau Namen, Wohnort und Bezirk des Gerichtes in Ungarn innerhalb 6 Monate, von heute an pr. Post, unter meiner Adresse bekannt zu geben, widrigen Fall nach sechs Monaten die Auseinandersetzung und Ausgleichung dieses Nachlasses ohne Berücksichtigung erfolgt und Weitere ausgeschlossen werden mit allen Ansprüchen. 
Hochachtungsvoll Salomon Schlenker, Testaments-Exekutor in Werneck (Bayern) in Unterfranken".

   
   
   
Zur Geschichte der Synagoge                    
    
Eine Synagoge wurde kurz vor 1760 eingerichtet, da sie in diesem Jahr als "schola (judaica) neodenominata" ("neu dazu bestimmte Judenschule" = Synagoge) in einer Urkunde genannt wird. Im Obergeschoss der Synagoge befanden sich auch die Lehrerwohnung und ein "Schullokal". Neben der Synagoge war ein rituelles Bad (Mikwe), die allerdings erst seit 1808 nachgewiesen werden kann. 1787 konnte auf Grund einer Stiftung des Schlamm Wolf die Beleuchtung in der Synagoge durch zwei neue Leuchter verbessert werden.  
  
Seit 1835 hatten sich Viereth und Trunstadt auf einen gemeinsamen Lehrer und Vorsänger geeinigt. Seitdem wurden wöchentlich abwechslungsweise die Gottesdienste in Viereth und Trunstadt gefeiert. Als sich auch 1891 Bischberg dem Gemeindebund zwischen Viereth und Trunstadt anschloss, sollte der Gottesdienst abwechselnd in den drei Synagogen abgehalten werden. 
  
Bis 1862 war die Synagoge in dem Gebäude Blumenstraße 11. In diesem Jahr wurde das Gebäude für 400 Gulden an Marx Hellmann verkauft, der es als Wohnhaus nützte. Dafür richtete die jüdische Gemeinde eine neue Synagoge im Haus Blumenstraße 17 (damalige Haus-Nr. 25) ein, das von Jakob Hellmann für 900 Gulden gekauft wurde. 
  
1904 wurde die Gemeinde aufgelöst, das Synagogeninventar, darunter zwei Torarollen und sechs Toraschreinvorhänge u.a.m. zum Kauf angeboten (siehe Anzeige oben). Das Gebäude der Synagoge wurde vermutlich noch in diesem Jahr zu einem Wohnhaus umgebaut, das 1906 dem Viehhändler Josef Wiesenfelder gehörte , der inzwischen in Bamberg lebte. 1909 verkaufte er das Anwesen an einen nichtjüdischen Bewohner in Viereth. 1910 wurden weitere Umbaumaßnahmen vorgenommen. Am Gebäude erinnert heute nur noch ein großes Rundfenster im Giebel an die Geschichte als jüdischen Gotteshaus.   
   
   
Adresse/Standort der SynagogeBis 1862 Blumenstraße 11, nach 1862 Blumenstraße 17.    
   
   
Fotos
(Fotos: alle aus der Sammlung Nüßlein, Viereth; die Aufnahme von 2007 von Hahn, Aufnahmedatum: 9. April 2007)  

Viereth Synagoge 180.jpg (56872 Byte) Viereth Synagoge 181.jpg (57051 Byte) Viereth Synagoge 182.jpg (55887 Byte)
1930: Das Synagogengebäude wird bereits 
als Wohngebäude verwendet.  
Nach 1945: Durch weitere Umbauten verliert das Gebäude 
sein Aussehen als ehemalige Synagoge.
          
Viereth Synagoge 200.jpg (66510 Byte) Viereth Mikwe 180.jpg (53430 Byte) Viereth Mikwe 181.jpg (49891 Byte)
2007: Bis zur Gegenwart erinnert äußerlich nur das kleine 
Rundfenster im Giebel an die ehemalige Synagoge.  
Der Zugang zur Mikwe (rituelles Bad)
       

       
        

Links und Literatur

Links:

Website der Gemeinde Viereth-Trunstadt   

Literatur:  

Israel Schwierz:  Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 223.
Klaus Guth (Hg.) u.a.: Jüdische Landgemeinden in Oberfranken (1800-1942). Ein historisch-topographisches Handbuch. Bamberg 1988. zu Viereth S. 324-332 (mit weiteren Quellenangaben).   

      
       

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 17. Februar 2016