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zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Riedlingen
(Kreis Biberach)
Zur Geschichte jüdischer Einwohner
In Riedlingen waren vermutlich bereits im Mittelalter Juden ansässig
(einzige Nennung 1384).
Erst nach 1867 konnten nach jahrhundertelangem Niederlassungsverbot
wieder einige Familien in der
Stadt zuziehen, die zur Synagogengemeinde in Buchau gehörten.
1878 waren es inzwischen zwei angesehene Kaufmannsfamilien in der Stadt, über die anlässlich
von antijüdischen Äußerungen des katholischen Vikars der Stadt ein
Bericht in der überregionalen jüdischen Presse erschien:
Artikel
aus der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. Dezember
1878: "Aus Württemberg. 17. November (1878)....
In Riedlingen wohnen seit ca. 6 Jahren zwei israelitische Familien,
sehr angesehene Kaufleute und bei den dortigen Katholiken sehr geachtet.
Die Tochter eines derselben besucht die dortige obere Mädchenschulklasse
und hat sich ihrer Talente und guten Sitten wegen viele Freundinnen unter
ihren Mitschülerinnen erworben, besonders unter den Kindern der dortigen
Beamten. Deshalb brachte es auch eine große Aufregung unter der
Bevölkerung hervor, als vor einigen Wochen der katholische Vikar beim
Religionsunterricht in Abwesenheit des jüdischen Mädchens seine
Katechumenen ermahnte: 'Ihr solltet Euch schämen, mit einem Judenmädchen
Euch zu befreunden, man muss stets wissen, dass man Christ ist und seine
Würde als solcher wahren. Diese Wucherjuden sollen froh sein, dass man
sie bei uns leben lässt usw.'. Diese und noch weitere intolerante
Äußerungen des jungen fanatischen Geistlichen bewirkten gerade das
Gegenteil von Dem, was derselbe damit beabsichtigte. Alle Eltern, die
durch ihre Kinder von diesen 'religiösen Belehrungen' Kenntnis erhielten,
besonders die Beamten, bezeugten dem Vater ihre Sympathien und
veranlassten ihn, die Angelegenheit der kirchlichen Behörde zur
Entscheidung vorzulegen, welche wahrscheinlich die Versetzung des Vikars
dekretieren wird." |
Ausführlich mit der jüdische Geschichte
Riedlingens beschäftigt hat sich der katholische Theologe Christoph Knüppel
(Herford). Über einen Vortrag im Oktober 2005 in Riedlingen liegt folgender
Bericht vor:
Artikel
im "Alb-Boten" (Lokalteil der Südwest-Presse Ulm) vom 15.
Oktober 2005: "Geschichte / Vortrag von Christoph Knüppel zu
'Riedlinger Juden': Geschäftsleute aus Buttenhausen. Artikel von
Waltraud Wolf.
Der katholische Theologe Christoph Knüppel hatte die lange Reise von
Herford nach Riedlingen gemacht, um auf Einladung des Altertumsvereins
über jüdische Familien und ihr Schicksal zu berichten, die einst in der
Donaustadt lebten. Einige von ihnen waren aus Buttenhausen zugezogen.
RIEDLINGEN. Eine größere jüdische Gemeinde bestand in Riedlingen zu
keiner Zeit, informierte Christoph Knüppel. Es waren nie mehr als zehn
bis 20, die in der Stadt lebten. Vermutlich gab es einzelne, die im Spätmittelalter
in Riedlingen ansässig waren. In der Neuzeit tauchten jüdische
Wanderhändler auf. Festen Wohnsitz hätten Juden in der Donaustadt jedoch
erst wieder 1871 genommen. Es waren die Familien Abraham und Moritz
Landauer, die beide aus Buttenhausen stammten und davor in
Buchau ein Textilgeschäft
betrieben haben.
Bis auf das Ehepaar Simon und Klara Adler seien alle im Textilhandel
gewesen, die meisten von ihnen sehr erfolgreich. Dazu kam eine Filiale des
Ulmer Lebensmittelgeschäftes Gaissmaier, die mit Herbert Oettinger einen
jüdischen Geschäftsführer beschäftigte. Die Geschäftsgründer und
ihre Ehefrauen kamen fast alle aus Buttenhausen. An den hohen jüdischen
Feiertagen schlossen sie ihre Läden, um die Synagoge zu besuchen. Auch
verbrachten die Kinder ihre Ferien häufig bei den Großeltern in Buttenhausen.
Vor allem die Söhne der Juden absolvierten die Lateinschule und knüpften
Freundschaften mit nichtjüdischen Kindern. Nach 1933 gab es auch hier
antisemitische Anfeinden.
'Nach allem was wir wissen, verlief das Zusammenleben von Juden und
Christen in Riedlingen bis 1933 weitgehend friedlich', klärte Knüppel
auf. Die Verfolgung der Juden in der Donaustadt setzte am 1. April 1933
mit einem Boykott jüdischer Geschäft ein. Längerfristig, so Knüppel,
habe er wohl keinen Erfolg gehabt, denn bald erschienen wieder Anzeigen
der Geschäfte in den Zeitungen. 1935 wurde erneut zum Boykott aufgerufen
und gegen jene gehetzt, die dennoch dort einkauften.
Ende 1935 wurde Herbst Oettinger als Geschäftsführer der Riedlinger
Gaissmaier-Filiale entlassen. Die Familie zog nach Stuttgart und konnte
1941 nach New York ausreisen. Immer stärker wurde auch der Druck auf die
Unternehmer, ihre Geschäfte abzugeben: 1937 verkauften Isak Strauss und
sein Schwiegersohn David Weil das Textilgeschäft Julius Weil & Co..
Die Familie Weil wanderte im August 1940 nach Kalifornien aus. Isak
Strauss starb in Theresienstadt. Die zweite Firma, die 'arisiert' wurde,
war das Textilgeschäft Landauer. Ihre Besitzer Herbert Siegfried und
Karoline Oettinger fanden in Auschwitz den Tod. Ihr Sohn, der promovierte
Jurist Ernst Oettinger, war bereits im September 1937 in die USA
emigriert. Er nahm 1946 als amtlicher Beobachter an den Nürnberger Prozessen
teil. Seine Schwester Eva soll nach Schweden ausgewandert sein.
Das Textilgeschäft Ernst Oettinger, das seit 1919 ihrem Schwiegersohn
Albert Bernheim gehörte, ging 1938 in 'arischen' Besitz über. Bernheim
und seine Frau wurden 1941 nach Riga deportiert und dort vermutlich
erschossen. Ihre drei Kinder hatten sie zuvor in England in Sicherheit
gebracht.
Hatten Riedlinger Geschäftsleute gehofft, mit der Vertreibung der
jüdischen Händler unliebsame Konkurrenz auszuschalten, so stellten sie
jetzt fest, dass sie durch die Übernahme einmal durch Ludwig Biber und
zum anderen durch den Fabrikanten Alexander Riempp nur die alte gegen eine
neue, vielleicht sogar bedrohlichere eingetauscht hatten.
Im Jahresrückblick wurde die 'Ausmerzung sämtlicher drei Judengeschäfte
und ihre Überführung in arischen Besitz' als wirtschaftlicher
Fortschritt gefeiert, zitierte Knüppel aus dem 'Riedlinger Tagblatt' von
damals. Die noch in Riedlingen lebenden erwachsenen Juden mussten ihren
Vornamen Sara beziehungsweise Israel hinzufügen.
Zuletzt beleuchtete Knüppel die Bedeutung jüdischer Vieh- und
Pferdehändler für die damals bedeutenden Riedlinger Viehmärkte für
ganz Oberschwaben. Sie kamen aus Buchau,
Buttenhausen und Haigerloch.
Bestrebungen, für die jüdischen Händler ein Marktverbot auszusprechen,
hatte sich Bürgermeister Fischer bis zum November 1937 entzogen, weil er
fürchtete, die Märkte könnten an Attraktivität einbüßen. Danach fügte
auch er sich. Doch konnte er nicht verhindern, dass einzelne jüdische
Viehhändler in privaten Stallungen Handel trieben.
Die meisten jüdischen Kinder, die 1933 noch in Riedlingen lebten, konnten
Deutschland rechtzeitig verlassen, informierte Knüppel zum Schluss. Der
geistig behinderte Ludwig Oettinger jedoch viel in Grafeneck dem
Euthanasieprogramm der Nazis zum Opfer. Ermordet wurden außerdem der
20-jährige Walter Oettinger und der 30-jährige Ernst Weil.
Bei seinen Recherchen zur jüdischen Familie Landauer haben Christoph
Knüppel Erinnerungen von Siegfried Landauer, der seine Ferien in
Riedlingen verbracht und darüber ein Tagebuch verfasst hatte, in die
Donaustadt geführt. Motivation, sich mit dem Thema zu beschäftigen, war
für ihn auch, dass man sich bislang bei der Geschichte der Juden auf ihre
Opferrolle fixiert habe, wobei sehr viel von dem Reichtum ihrer Kultur und
Menschlichkeit verloren gegangen sei." |
Von den in Riedlingen geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem): Albert Bernheim (1885), Irma Bernheim geb.
Oettinger (1893), Herbert Oettinger (1883), Karoline (Carolina, Carry) Oettinger
geb. Hirschfeld (1882), Nelly Oettinger geb. Mayer (1883), Walter Oettinger
(1922), Ernst Weil (1912).
Literatur:
 | Ausführliche Darstellung:
Christoph Knüppel: Zur Geschichte der Juden in Riedlingen. Erschienen in
"Heimatkundliche Blätter für den Kreis Biberach. Jahrgang 29. Nr. 2
November 2006. S. 38-65. Online
als doc-Datei zugänglich |
 | Dazu: Briefe von Rosa
Landauer an Gustav Landauer (Anhang) Online
als doc-Datei zugänglich |
 | Erich Bernheim: Mein Leben bis zum Ende des Zweiten
Weltkriegs. Hg. und übersetzt von Christoph Knüppel (Erinnerungen, die
Erich Bernheim aus Riedlingen im Dezember 1982, kurz vor seinem Tod für
seine Angehörigen niederschrieb). Online
als htm-Datei zugänglich. |
 | dazu Anhang: "Alles geht weg, nur wir sehen keinen
Ausweg". Briefe aus den Jahren 1939 und 1943. Online
als htm-Datei zugänglich. |
 | neu in 2008: Christoph Knüppel:
"Denn deine Kraft ist in den Schwachen mächtig". Leben und Briefe
der jüdischen Christin Nelly Oettinger. In: BC - Heimatkundliche Blätter
für den Kreis Biberach Jg. 31 Heft 2 (November 2008). S. 32-53. Online
als pdf-Datei zugänglich. |
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