Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Neudenau (Landkreis Heilbronn) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge

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Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
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Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen
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Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  (english version)

In der bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts kurmainzischen Stadt Neudenau bestand eine jüdische Gemeinde zunächst im Mittelalter, die durch die Judenverfolgungen 1298 und 1349 vernichtet wurde. Seit 1492/1508 wird jeweils wieder ein Jude in der Stadt genannt. Möglicherweise waren im ganzen 15. und 16. Jahrhundert (zumindest vereinzelt) Juden in Neudenau. Das mittelalterliche Wohngebiet war vermutlich die 1454 erstmals genannte 'Judengasse' (1965 in Kronengasse umbenannt).   
  
Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde geht auf das Ende des 17. Jahrhunderts zurück. 1667 war es jedoch nur ein jüdisches Einwohner (Manneß), der damals 24 Gulden "Schutzgeld" zu bezahlen hatte. 1769 lebten 36 jüdische Personen in acht Familien in der Stadt.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1806 54 jüdische Einwohner (in elf Familien, 4,5 % von insgesamt 1.195 Einwohnern), 1825 36 (3,4 % von 1.066), 1841 55, 1848 48 (3,5 % von 1.357), 1880 50 (3,7 % von 1.354), 1900 39 (3,4 % von 1.151), 1910 26 (2,1 % von 1.212). Die jüdischen Familien lebten überwiegend vom Vieh-, Pferde- oder Textilwarenhandel. 
  
An Einrichtungen hatte die Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule (Ende des 19. Jahrhunderts gemeinsame Besetzung der Stelle mit Stein am Kocher, siehe die Ausschreibungstexte unten), ein rituelles Bad sowie einen Friedhof. Das rituelle Bad lag bis 1835 im Haus des Gumbel Klein (Standort unbekannt), seither an der Siglinger Straße (1965 abgebrochen), wo es von dem noch vorhandenen "Judenbrünnle" gespeist wurde. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (siehe Ausschreibungstexte unten). Bekannt ist unter den Lehrern des 19. Jahrhunderts Wolf Strauß, der von 1836 bis zu seinem Tod 1876 in Neudenau tätig war. Die jüdische Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Mosbach
 
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Siegmund Haas (geb. 1.4.1898 in Neudenau, vor 1914 in Stuttgart wohnhaft, gef. 26.7.1918). Sein Name steht auf dem Gefallenendenkmal des städtischen Friedhofes.   

Um 1925 (12 jüdische Gemeindeglieder, 1,0 % von insgesamt 1.216 Einwohnern) waren die Vorsteher der jüdischen Gemeinde Abraham Haas und Sigmund Weinberg, Die damals noch drei schulpflichtigen jüdischen Kinder erhielten Religionsunterricht durch Lehrer Moritz Bloch (Adelsheim). Um 1932 war Vorsteher der Gemeinde Sigmund Weinberg.  
   
1933
bestanden an jüdischen Geschäften noch die Pferdehandlung Leopold Haas (Kirchplatz 2), das Textilgeschäft Heinrich Rosenberg (Neue Anlage 10) sowie das Manufakturwarengeschäft Sigmund Weinberg und Textilgeschäft Helmar Spier (Hauptstraße 5). Bereits 1933 waren insgesamt nur noch neun jüdische Personen in der Stadt. Am 8. November 1937 wurde die Gemeinde aufgelöst; die hier noch lebenden Juden wurden der Gemeinde Billigheim zugeteilt. Mit Ausnahme von Mina Haas, die noch in Neudenau starb, verzogen die jüdischen Einwohner zwischen 1935 und 1940 nach Pforzheim, Weinheim, München und Berlin. Am Tag der Deportation der badischen Juden wohnte in Neudenau selbst keine jüdische Person mehr. Doch wurden mehrere Neudenauer Juden von anderen Orten aus deportiert (Ehepaar Spier mit der kleinen Tochter Ingrid von Berlin aus).
    
Von den in Neudenau geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):  Karoline Bier geb. Hirsch (1898), Leopold Fröhlich (1877), Klementine Landheimer geb. Haas (1896), Hedwig Rosenberg (1879), Heinrich (Henry) Rosenberg (1878), Karoline Rosenberg (1881), Selma Rosenberg geb. Levi (1883), Sofie Rosenberg (1888), Wilhelm Rosenberg (1870), Helmar Spier (1906), Ingrid Gerda Spier (1937), Irma Spier geb. Weinberg (1909), Lina Weinberg (1911), Mina Weinberg geb. Rosenberg (1878), Sigmund Weinberg (1879).     
   

In Neudenau geboren ist Carola Rosenberg-Blume (1899-1987), Pionierin der Frauenbildung in den 1920er-Jahren in Stuttgart.
    
     

    

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1879 / 1881  

Neudenau Israelit 11061879.jpg (42696 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Juni 1879: "In der israelitischen Gemeinde Neudenau in Baden ist die Stelle eines Religionslehrers, Schächters und Vorbeters vakant und sofort zu besetzen. 
Fixer Gehalt 600 Mark, Nebeneinkünfte ca. 300 Mark, Schulgeld Mark 2.20, wobei jedoch in der Nachbargemeinde Stein a. Kocher 2mal wöchentlich der Religionsunterricht zu versehen ist. 
Gefällige Anmeldungen sind zu richten an Leopold Rosenberg, Vorsteher."  
 
Neudenau Israelit 08061881.jpg (75035 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Juni 1881: "Auskündigung einer Religionsschulstelle
Die beiden vereinigten Religionsschulstellen bei den israelitischen Gemeinden Neudenau und Stein, Synagogenbezirk Mosbach, mit welchen ein fester jährlicher Gehalt von 600 Mark, ein jährliches Schulgeld von 2 Mark 20 Pf. für jedes Schulkind, nebst freier Wohnung, mit dem Wohnsitze in Neudenau, sowie der Vorsänger- und Schächterdienst mit den davon abfließenden Gefällen, die sich auf ca. 300 Mark jährlich belaufen, verbunden ist, sind am 15. Juni dieses Jahres zu besetzen. 
Berechtigte und qualifizierte Bewerber um dieselben wollen sich sofort mit ihren Gesuchen unter Vorlage ihrer desfallsigen Zeugnisse und der Zeugnisse über ihren sittlichen und religiösen Lebenswandel bei unterzeichneter Stelle melden. 
Mosbach am Neckar (Großherzogtum Baden), den 31. Mai 1881. 
Das Großherzogliche Bezirksrabbinat: S. Weil.

      
   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde  
Zum Tod des langjährigen Gemeindevorstehers Maier Ullmann (1879)   

Neudenau Israelit 12031879.jpg (171443 Byte)Nachruf in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. März 1879: "Neudenau a.S., im Adar. 'Wenn Adar eintritt, mehre sich die Freude' wird uns gelehrt. Leider ist uns diese Freude sehr, sehr getrübt worden. Unsere kleine Gemeinde hat einen herben Verlust zu beklagen. Herr Maier Ullmann ist ihr durch den Tod entrissen worden. Der Verstorbene bekleidete geraume Zeit das Amt eines Vorstehers in hiesiger Gemeinde mit seltener Pünktlichkeit und Gewissenhaftigkeit. Das Wohl seiner Gemeinde zu fördern, lag ihm stets am Herzen. Dabei war er von echter Gottesfurcht beseelt. Er ruhte und rastete nicht, bis die hiesige Gemeinde eine ihrem heiligen Zwecke angemessene Synagoge hatte. Sein Eifer für die heilige Sache überwand und besiegte mit Gottes Hilfe alle Hindernisse, die bei einer so kleinen Gemeinde wie die hiesige keine geringen waren. Stets war er der erste beim Gebete und versah, als die Gemeinde noch ohne Lehrer, das Amt eines Vorbeters. Allgemein bekannt war seine Friedensliebe, er war ein echter, der den Frieden liebt und dem Frieden nachjagt. Sein edler Charakter, sein Biedersinn und seine Uneigennützigkeit erwarben ihm nicht nur die Liebe und Anhänglichkeit seiner Gemeinde, sondern Aller, die ihn kannten und mit ihm Umgang hatten. Sein Leichenbegängnis, zu dem Leute von Nah und Fern herbeigekommen waren und dem auch viele Christen, insbesondere aus den besseren Ständen, folgten, legte lautes Zeugnis davon ab, in welcher Achtung der Verblichene in allen Kreisen gestanden. Der allgemeinen Beliebtheit - eine Krone ist ein guter Name - deren sich der Hingeschiedene zu erfreuen hatte, und der allgemeinen Trauer, die ob seinem Ableben sich Aller bemächtigte, gab Herr Bezirksrabbiner Weil aus Mosbach in ergreifender Weise am Grabe Ausdruck. Der Verblichene hinterlässt eine trauernde Gattin und obgleich die 43jährige Ehe mit dieser kinderlos blieb, so hat sich der Verewigte durch seine guten Werke eine Hinterlassenschaft, ein Monument gegründet, dauerhafter als Erz und Stein. Möge er in jenen lichten Höhen den reichlich verdienten Lohn dafür ernten. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens. H."

     
Zum Tod von Hannchen Rosenberg (1921)  

Neudenau Israelit 21071921.jpg (89790 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Juli 1921: "Neudenau, 11. Juli (1921). Einen schweren unersetzlichen Verlust hat die hiesige kleine israelitische Gemeinde durch das Hinscheiden der Frau Hanchen Rosenberg erlitten, deren irdische Überreste am jüngsten Freitag der Erde übergeben wurden. Die Dahingeschiedene, die das Alter von 76 Jahren erreicht, gehörte zu den echten frommen Frommen und wirkte während ihrer ganzen Lebenszeit getreu den Traditionen gemäß, die unsere heilige Tora ihren Bekennern ans Herz legt. Gemeinsam mit ihrem vor wenigen Jahren verstorbenen Gatten führte sie in vorbildlicher Weise ein Haus, das in jeder Beziehung als mustergültig bezeichnet werden darf. Vornehme Wohltätigkeit, Gastfreundschaft und Menschenliebe waren die Eigenschaften, die ihrem Hause zur Zierde gereichten. Das Leichenbegängnis, dem viele Freunde von Nah und Fern anwohnten und bei welchem Herr Bezirksrabbiner Dr. Löwenstein aus Mosbach der Verblichenen einen wohlverdienten, ehrenden Nachruf widmete, legte Zeugnis davon ab, welcher Beliebtheit die Dahingeschiedene in allen Kreisen sich erfreuen dürfte. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."  

   
Hässlicher antijüdischer Presseartikel einer Tageszeitung vom 30. Juni 1936 zur Teilnahme von Christen an der Beerdigung von Mina Haas
 
(zugesandt von Helmut Gehrig, Neudenau)   

Neudenau PA 061936.jpg (109737 Byte)Presseartikel vom 30. Juni 1936: "Die letzte Ehre - eine Jüdin erwiesen. 
Neudenau.
Es gibt hier noch seltsame Leute, die hinter dem Mond zu leben scheinen. So wurde vor einiger Zeit die Jüdein Mina Haas zu Grabe getragen. 58 Juden und - 46 Deutsche gaben der Jüdin das letzte Geleit, und dies, obwohl in den frühen Morgenstunden das Gerücht umging, dass Deutsche, welche mit der Judenbeerdigung gingen, gefilmt würden! Viele versteckten sich unter dem aufgespannten Regenschirm, um nicht erkannt zu werden. Aus lauter Vorsicht, dass die Judenbeerdigung gefilmt werde, vergaßen die Deutschen den Rosenkranz zu beten.  
Es ist tief bedauerlich, dass Deutsche als Leidtragende den Nachfolgern der Christusmörder die 'letzte Ehre (!) erweisen'. Sie haben seit der Machtergreifung tatsächlich nichts hinzugelernt. Bei vielen mag es ihrer Dummheit angerechnet werden, aber von Staats- und Gemeindebeamtenfrauen kann verlangt werden, dass sie sich über die einfachsten weltanschaulichen Dinge Klarheit verschaffen."   

  
    
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen  
Junger Mann für Manufakturwarengeschäft Rosenberg gesucht (1902)  

Neudenau Israelit 17071902.jpg (54441 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Juli 1902: "Suche für mein an Samstag und israelitischen Festtagen geschlossenes Manufakturwarengeschäft einen tüchtigen, branchekundigen und militärfreien jungen Mann, welcher selbständig die Bücher führen kann und kleinere Detailreisen bei nur gut eingeführter Kundschaft zu machen hat. Eintritt könnte eventuell sofort oder auch später erfolgen. Den Offerten sind Zeugnisse, nebst Gehaltsansprüchen bei freier Station beizuführen. 
Gustav Rosenberg, Neudenau, Baden."

   
    
   
  

Neudenau Judengasse 05.jpg (56910 Byte)Zur Geschichte des Betsaales/der Synagoge

Das mittelalterliche Wohngebiet war vermutlich die 1454 erstmals genannt "Judengasse" (1965 in Kronengasse umbenannt; siehe Foto links). Über Einrichtungen des Mittelalters ist nichts bekannt. 
    
Über eine Synagoge ("Judenschule") erfährt man erst um 1780. Sie gehörte damals Gumbel Wolf, dem (jüdischen) Eigentümer der Gaststätte "Zum Engel". Bei der Einführung der staatlichen Feuerversicherung im Kurstaat Mainz meldete dieser zum 1. Januar 1781 "die Judenschul hinter dem Haus" zur Feuerversicherung an. Die Einrichtung dürfte schon einige Zeit vor 1780 in diesem Gebäude bestanden haben. 1808 erwarb die jüdische Gemeinde von Gumbel Wolf die Synagoge. Bis dahin war sie im Brandversicherungsbuch immer unter seinem Namen eingetragen.  
   
Nach einem Bericht des jüdischen Gemeindevorstehers Samuel Wolff Rosenberg vom 4. August 1818 war die Synagoge inzwischen in einem solch baufälligen Zustand, "dass der Ruin derselben ganz nahe ist und man daher den größten Bedacht nehmen muss, um der hieraus entstehenden Gefahr vorzubeugen". Der damalige Bürgermeister Keim bat Maurermeister Michael Steiger und Zimmermeister Gregorius Großkinsky um ein Bauguten. Auch sie kamen zur Feststellung, dass das Gebäude "ganz baufällig sei". Einige Felder des Fachwerks seien bereits ausgefallen und mit Brettern zugenagelt worden, da sie "von wegen zerfaulten Balken und Riegeln" nicht zugemauert werden könnten. Am Dach seien "Sparren und Latten ganz vermodert". Zwei Jahre später ist von einem "gänzlich ruinösen Zustand" die Rede, ganz abgesehen davon, dass der Raum für die Gemeinde viel zu klein war: es sei ein "wirklicher Vogelkeffich" (Vogelkäfig), von dem "die größte Gefahr des Einsturzes drohe". 
  
Unter diesen Umständen war der Neubau einer Synagoge dringend geboten. Freilich waren die erforderlichen finanziellen Mittel der Gemeinde nicht vorhanden. Der größte Teil der Familien war damals völlig verarmt und lebte vom sogenannten Nothandel (Handel mit Trödel), sodass es keine Aussichten gab, das Geld für eine neue Synagoge zu beschaffen. Der Neudenauer Stadtrat sah zwei Möglichkeiten: entweder ein Haus kaufen und dasselbe zu einer Synagoge umbauen, was auf 1.200 Gulden geschätzt wurde oder eine neue Synagoge bauen, für die man etwa 2.000 Gulden veranschlagte. Gemeindevorsteher Rosenberg schickte 1819/20 mehrere Briefe an die zuständigen Behörden mit der Bitte, eine Kollekte bei den jüdischen Gemeinden des Landes veranstalten zu dürfen, was jedoch auf Grund der fehlenden Eigenmittel der Gemeinde nicht genehmigt wurde. Es gelang immerhin, für 661 Gulden von Ratsdiener Joseph Mayer und Johannes Herrmann ein Haus zu kaufen, dessen Grundstück sich für einen Synagogenbau geeignet hätte (heutiges Grundstück Neue Anlage 20). Auch die Behörden taten ihr Möglichstes, mussten aber darauf hinweisen, dass für fehlende Eigenmittel auch kein anderer öffentlicher Fond einspringen würde. Selbst der Oberrat der Israeliten konnte keine Unterstützung gewähren und wies mit Schreiben vom 13. April 1820 darauf hin: "Die Baukosten für eine Synagoge sind wie alle anderen örtlichen kirchlichen Bedürfnisse bloß allein von der Gemeinde zu tragen". In Neudenau hatte man immer noch gehofft, dass es eine Lösung geben könnte. Inzwischen hatte sogar Baumeister Storf aus Billigheim Pläne für das neu erworbene Grundstück ausgearbeitet. Die Kosten für die neue Synagoge würden nach seiner Schätzung auf 1.238 Gulden kommen. Es half alles nichts: auf Grund der schlechten Finanzlage der jüdischen Gemeinde der Neubau einer Synagoge damals nicht verwirklicht werden.   
      
So musste die bisherige Synagoge nochmals notdürftig hergerichtet werden. Am 1. Mai 1820 alarmierte der damalige Engelwirt Ludwig Kreutter, dem das Nutzungsrecht des Erdgeschosses unter dem Betsaal zustand, dass die vordere Wand so "gewichen" sei, "dass das Fußgebälk kaum mehr auf den Mauerlatten aufsitze". Dieser gefährliche Zustand führte schon Tags darauf zu einem vom Amt Mosbach ausgesprochenen Versammlungsverbot in der Synagoge. Weitere Akten liegen aus diesem Jahr nicht mehr vor. Irgendwie scheinen es die Neudenauer Juden kurz darauf fertig gebracht zu haben, die baulichen Mängel so zu beseitigen, dass nochmals 50 Jahre in der alten Synagoge Gottesdienste gefeiert wurden.  
      
Aus den Versicherungsbüchern der Stadt geht Näheres zum Inventar des Betsaales hervor. Zwischen 1854 und 1880 waren vier Torarollen auf Pergament vorhanden, fünf sonstige "kirchliche Requisiten und Ornate", womit der Toraschmuck gemeint sein wird. Weiter ist von den Betstühlen und sonstigem Schreinerwerk, von messingenen Leuchtern und "verschiedenen Kirchenbüchern" die Rede. 
      
Im Laufe des 19. Jahrhunderts waren die jüdischen Familien Neudenaus zu ausreichendem Vermögen gekommen zu sein, sodass sie um 1870 an die gründliche Instandsetzung ihrer Synagoge denken konnten. Am 8. November 1874 bat der Synagogenrat den Gemeinderat um Unterstützung bei der Finanzierung. Die jüdische Gemeinde habe auf Grund des baufälligen Zustandes der Synagoge schnell handeln und die Renovation durchführen müssen, "wenn uns... der morsche alte Bau nicht während des Gottesdienstes über den Köpfen zusammenfallen soll". Der Gemeinderat schlug einen Beitrag von 50 Mark vor, der am folgenden Tag durch den Bürgerausschuss einstimmig auf 85,71 Mark erhöht wurde. Am 29. Januar 1875 wurde die renovierte Synagoge von Rabbiner Weil aus Mosbach eingeweiht. Bürgermeister Geißler, der ganze Gemeinderat, Pfarrverwalter Christophl und der Pfarrverwalter Götz von Herbolzheim waren bei der Feier anwesend, wobei der Chronist der Neudenauer Gemeinde festhielt, dass der Rabbiner "eine schöne Predigt" gehalten haben soll. 
      
Die Einrichtung der Synagoge war bei die Renovierung großenteils erneuert worden. Im Fahrnisverzeichnis der Feuerversicherung werden neben den vier Torarollen nun genannt: ein von rotem Samt mit Gold gestickter doppelter Vorhang vor dem Torarschrein, sonstige Feiertags- und Werktagsornate, verschiedene hebräische Schriften und Kirchenbücher, verschiedene Kronleuchter mit 24 Lichtern, messingene Leuchter mit je sechs Arm, ein neu gefertigter Toraschrein mit neuer Verzierung, neun Stück neue Subsellien (Bänke) oder Betstühle, zwei Stück Kandelaber vorne an der Lade, sechs neue kleine Leuchter, ein neuer Lesepult, eine neue große Bank und eine Opferbüchse. Der Gesamtwert wurde mit 2.538 Mark angegeben.  
      
Die Synagoge diente den immer weniger werdenden jüdischen Familien der Stadt als Gotteshaus bis in die 1930er-Jahre. 1925 wurde offensichtlich noch elektrisches Licht eingerichtet. Spätestens 1937 wurde die Synagoge geschlossen. Beim Novemberpogrom 1938 werden im Zusammenhang mit der ehemaligen Synagoge in Neudenau keine besonderen Vorkommnisse berichtet.
      
1950 erwarb Engelwirt Martin Lang das ganze Gebäude; bis dahin gehörte - wie schon 150 Jahre zuvor - dem Engelwirt nur das Erdgeschoss, in dem sich Stallungen befanden. Da das Dach inzwischen sehr schadhaft war, wurde es abgebrochen, ebenso der erste Stock mit dem Betsaal. 1980 wurden die Stallungen zu einem bis heute bestehenden Getränkelager umgebaut. Vom ehemaligen Synagogengebäude ist nur noch ein Teil der Umfassungsmauern des Erdgeschosses erhalten (Standort Grundstück 245 in der Gasse hinter Haus Hauptstraße 5).  
   
   

     
Fotos 
Historische Fotos: 

Historische Fotos sind nicht bekannt, Hinweise bitte an den 
Webmaster von "Alemannia Judaica", E-Mail-Adresse siehe Eingangsseite

Plan:

Neudenau Plan 01.jpg (127130 Byte) 

Plan der Altstadt von Neudenau; auf 
Grundstück Nr. 245 ist die ehemalige 
Synagoge eingetragen (rote Markierung)


Fotos nach 1945/Gegenwart:   

Fotos um 1985:
(Fotos: Hahn) 
Neudenau Synagoge 102.jpg (90785 Byte)  Neudenau Synagoge 103.jpg (94557 Byte) 
   Reste (Untergeschoss) der ehemaligen Synagoge
   
  Neudenau Synagoge 100.jpg (84604 Byte) Neudenau Synagoge 101.jpg (67386 Byte)
         
Fotos 2004 
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 11.5.2004)
Neudenau Synagoge 230.jpg (72286 Byte) Neudenau Synagoge 231.jpg (60607 Byte) Neudenau Synagoge 232.jpg (52153 Byte)
  Reste (Untergeschoss) der ehemaligen Synagoge, rechts Rückseite
       
Ehemalige jüdische Häuser
(Fotos: Hahn, 
Aufnahmedatum 11.5.2004)
Neudenau JHaus 120.jpg (69090 Byte)  
  Pferdehandlung Leopold Haas 
(Kirchplatz 2) 
 
     
Neudenau JHaus 121.jpg (46016 Byte) Neudenau JHaus 122.jpg (59439 Byte) Neudenau JHaus 123.jpg (49033 Byte)
Hauptstraße 6  Manufakturwarengeschäft 
Sigmund Weinberg und Textilgeschäft
 Helmar Spier (Hauptstraße 5) 
Manufakturwarengeschäft Gustav Rosenberg 
(Neue Anlage 10) 
  
           
Erinnerungen im Josefine-Weihrauch-
Museum der Stadt
(Volkskundliche Sammlungen)
Neudenau Museum 100.jpg (50727 Byte) Neudenau Museum 101.jpg (53828 Byte)
Im Museum wird zum einen an die
 Geschichte der jüdischen Gemeinde
 erinnert, zum anderen an 
Carola Rosenberg-Blume  
Kleiderbügel aus dem
 Manufakturwarengeschäft 
Gustav Rosenberg  
Erinnerungen an 
Carola Rosenberg-Blume 
     

   
  

Links und Literatur 

Links: 

Website der Stadt Neudenau   
Informationen zum Josefine-Weihrauch-Museum der Stadt Neudenau bzw. auf der Website der Stadt Neudenau  
Zur Seite über den Friedhof in Neudenau (interner Link)  
Informationen zu Carola Rosenberg-Blume über folgende Links oder hier  

Literatur:  

Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 213-214. 
Germania Judaica III,2 S. 941. 
Wolfram Angerbauer/Hans Georg Frank: Jüdische Gemeinden in Kreis und Stadt Heilbronn. 1986. S. 177-181. 
Fridolin Mayer: Geschichte der Stadt Neudenau an der Jagst. 1937. 
Josefine Weihrauch/Heiner Heimberger: Neudenauer Überlieferungen. Hg. von Peter Assion. Neudenau 1979. S. 88.  
Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern - Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem 1986. S. 411-412.  
synagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007.    
  
  

  

     
     


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel. 

Neudenau.  Baden. Jews are mentioned from the mid-13th century and were victims of the Rindfleisch massacres of 1298 and the Black Death persecutions of 1348-49. In the 15th century, the community dwindled and was only revived in the 18th century. Throughout the 19th century the Jews maintained a population of around 40-50 (3-4 % of the total). A small synagogue was erected in 1875. Of the ten Jews present in the Nazi era, nine left for other German cities; all were subsequently deported, six perishing in Auschwitz in 1942-43.
   

    

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 09. Dezember 2011