Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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München (Bayern)
Jüdische Geschichte / Synagogen

Übersicht:
  
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde 
(english version)    
  
Zur Geschichte der Synagoge:  

Die mittelalterlichen Synagogen  
Die Beträume im 18. Jahrhundert 
Die 1826 eingeweihte Synagoge  
Bau und Einweihung der Synagoge 
Das 50-jährige Jubiläum der Synagoge (1876)  
Fotos / Abbildungen der Synagoge von 1826 
Die Arbeit des "Synagogen-Chor-Komitees" unter Kantor Maier Kohn - Die Entstehung der "Münchner Synagogalgesänge" in den 1830er- und 1840er-Jahren      
Publikationen der "Münchner Synagogalgesänge" in den 1840er-Jahren 
Einführung deutscher Predigten  
Sondergottesdienste in der Synagoge          
Die 1887 eingeweihte (Haupt-)Synagoge 
Pläne zum Bau einer neuen Synagoge  
Die Einweihung der neuen Synagoge 1887 
Fotos / Abbildungen der Synagoge von 1887  
Das 50-jährige Jubiläum der Hauptsynagoge 1937       
Die 1892 eingeweihte orthodoxe Synagoge des Vereins "Ohel Jakob"   
Fotos der orthodoxen Synagoge    
Der 1901 eingeweihte Betsaal an der Herzog-Max-Straße   
Die ostjüdischen Bethäuser und die Planung einer neuen ostjüdischen Synagoge um 1930
Die Einweihung der neuen ostjüdischen Synagoge am 5. September 1931
Die Zerstörung der Hauptsynagoge und die Ereignisse beim Novemberpogrom 1938
Nach 1945  
Die Planung und der Bau der neuen Synagoge am Jakobsplatz 2003/06  

Adressen / Standort der Synagogen (Überblick)  
  
Links und Literatur   
   
   
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde    
   
In München bestand eine jüdische Gemeinde zunächst im Mittelalter. Die erste Erwähnung eines Juden aus München liegt aus dem Jahr 1229 auf einer Regensburger Urkunde vor, auf der ein Abraham de Municha als Zeuge unterschrieben hatte. Bereits im 13. Jahrhundert gab es eine jüdische Ansiedlung in der Stadt ("Judengasse"). Am 12. Oktober 1285 kam es auf Grund einer Ritualmordgeschichte zu einem Judenpogrom, bei dem nach dem Nürnberger Memorbuch 67 Juden den Tod fanden. Um 1300 lebten zwar wieder jüdische Familien in der Stadt in der Stadt, doch nahm ihre Zahl im Laufe der folgenden Jahren nicht stärker zu, zumal die Stimmung in der Stadt durch regelmäßig aufkommende Ritualmord- (1345) oder Hostienschändungsgeschichten zeitweise sehr angespannt war. Die Judenverfolgung während der Pestzeit 1349 zerstörte das jüdische Gemeindeleben in München auf mehrere Jahrzehnte. Nur wenige Juden ließen sich der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wieder in der Stadt nieder. Am Anfang des 15. Jahrhunderts befanden sich die meisten Häuser des früheren jüdischen Wohnviertels in christlichem Besitz. Die frühere ‚Judengasse’ erhielt nun den Namen ‚Schreibergasse’. Das Judenbad wurde in ein bürgerliches Bad umgewandelt und nach seinem späteren Besitzer ‚Schrammerbad’ genannt vgl. die Schrammerstraße). 1416 konnte die jüdische Gemeinde noch einen neuen jüdischen Friedhof ‚zwischen Moosach und dem Rennweg’ anlegen. 1440 wurden die Juden der Stadt von Herzog Albert III. ausgewiesen.    
   
Bis Ende des 17. Jahrhunderts lebten keine Juden in der Stadt. Seit Ende des 17. Jahrhunderts konnten im Zusammenhang mit der Vergrößerung der Stadt wieder einige wenige Juden zuziehen. Am 22. März 1715 befahl Herzog Maximilian Emanuel jedoch, dass sie innerhalb von 24 Stunden die Stadt und das Land verlassen mussten. Im Laufe der folgenden Jahre konnten sich einige wenige Juden wieder niederlassen, doch handelte es sich erst seit den 1780er-Jahren um ganze Familien, da die Situation für eine dauerhafte jüdische Ansiedlung in München noch zu unsicher war. Die Zahl der jüdischen Einwohner in München stieg im 18. Jahrhundert von 17 (1728) auf 20 (1750), 52 (1781), 151 (1792), 216 (1798), 300 (1802). Eine sogenannte 'Judenmatrikel' und eine als 'Regulativ' bezeichnete Rechtsnorm brachten unter Kurfürst Max IV. Joseph 1805 eine leichte Verbesserung der Rechtslage der bayerischen Juden.  Auf Grund des Judenediktes von 1813 konnten in Bayern neue jüdische Gemeinde gegründet werden, falls wenigstens 50 Familien zur Gemeinde gehörten. Im Februar 1815 beschloss daraufhin die Münchner Judenschaft die Gründung einer selbständigen Gemeinde. Bis 1824 hatten sich 592 Juden in München niedergelassen (knapp 1 % der Gesamtbevölkerung).   

Muenchen Israelit 26061867.jpg (99554 Byte)An Einrichtungen der jüdischen Gemeinde war im Laufe des 19. Jahrhunderts neben Synagoge(n), Friedhof, Mikwe u.a.m. seit dem 1. Oktober 1867 auch eine jüdische Gemeindeschule vorhanden. Die Stellen der zunächst sieben Lehrer, die den Unterricht für alle Klassen übernehmen sollten, wurden im Sommer 1867 ausgeschrieben (siehe links, Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Juni 1867). München wurde Sitz eines Rabbinates. Rabbiner waren u.a. Hirsch Aub (Rab. in München 1827-1876), Joseph Perles (Rab. in München 1871-1894, Sprachforscher und Archäologie, zahlreiche Publikationen), Cosman Werner (-1917), Dr. Leo Baerwald. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Zahl der Juden durch einen starken Zuzug aus Landgemeinden zu von 1208 (1852) auf 3600 (1875), 4144 (1880) und 8739 Personen (1900). Der Prozess der bürgerlichen Gleichberechtigung war erst 1872 abgeschlossen.  Mit der Einweihung der neuen Hauptsynagoge 1887 (s.u.) wurde die rechtliche und soziale Emanzipation der Juden auch im Stadtbild erkennbar.

Die jüdischen Einwohner der Stadt leisteten in den folgenden Jahrzehnten große Beiträge zum Ruhm Münchens als Stadt der Kunst, Kultur und Wissenschaft. Bekannte Persönlichkeiten waren der Kunsthändler Lehmann Bernheimer, der Galerist David Heinemann, der Dirigent Hermann Levi, der Chorleiter und Musikschriftsteller Heinrich Porges, der Dichter Karl Wolfskehl, der Chemiker Richard Willstätter und viele mehr. Große Beiträge leisteten jüdische Unternehmer im Bereich des Aufbaus von Industrieunternehmen und im Bereich von Gewerbe und Handel in der Stadt zwischen den 1870er- und 1920er-Jahren.  
    
Die Vorboten der nationalsozialistischen Verfolgungszeit waren in München bereits früh spürbar. 1920 wurde die NSDAP in München gegründet. Während des "Hitlerputsches" im November 1923 nahm die SA eine große Anzahl von Geiseln, darunter viele Juden, fest und inhaftierte sie im Keller ihres Hauptquartiers. Von 1930 an war in München die Parteizentrale der NSDAP und die Führungsorgane der SA und SS. 
      
1933 wurden 9.005 jüdische Einwohner gezählt (1,2 % der Gesamteinwohnerschaft von 735.388 Personen). Sofort nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten trafen die Münchner Juden strenge Maßnahmen. Im Mai 1933 wurden durch die Polizei alle Büros jüdischer Organisationen untersucht; in 50 Fällen wurde das gesamte Eigentum konfisziert, das erst nach scharfem Protest aus Berlin teilweise zurückgegeben wurde. Jüdische Geschäfte und Unternehmen wurden durch SA- und SS-Leute sowie durch Angehörige der Hitlerjugend regelmäßig überfallen, jüdische Einwohner verprügelt. Auf Grund der Nürnberger Gesetze wurden im Oktober 1935 50 jüdische Einwohner wegen angeblicher "Rassenschande" angeklagt. Auf Grund des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der unzähligen entwürdigenden Aktionen und Maßnahmen entschlossen sich bis 1938 3.574 jüdische Einwohner zur Auswanderung. Da die jüdischen Einwohner immer mehr von allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen waren, versuchte die jüdische Gemeinde, ihren Mitglieder zumindest jüdisches Gemeinschaftsleben zu ermöglichen: Krankenhäuser und Sozialdienste wurden eingerichtet, dazu Grundschulen, höhere Schulen und Berufsschulen, Orchester und Theater sowie ein Institut für Erwachsenenbildung (jüdischer Kulturbund). Nachdem bereits im Juni 1938 die Hauptsynagoge abgebrochen werden musste (s.u.), folgten beim Novemberpogrom 1938 weitere Gräueltaten gegen die übrigen Synagogen, Bethäuser, jüdische Einrichtungen (die umfangreiche jüdische Bibliothek wurde vernichtet), Häuser, Wohnungen und Geschäfte. Etwa 1.000 jüdische Männer wurden in das KZ Dachau verschleppt. Bis Herbst 1941 wurden etwa 1.500 jüdische Wohnungen konfisziert. Die daraus vertriebenen Juden wurden in ein Judenlager in der Vorstadt Milbertshofen zwangseingewiesen (bis 1.376 Personen lebten dort). Ab November 1941 erfolgten die Deportationen, zunächst 980 Personen nach Riga, im April 1942 in das Ghetto von Piaski bei Lublin (343 Personen). Weitere 24 Transporte brachten zwischen Mai und August 1942 etwa 1.200 jüdische Personen nach Theresienstadt. Insgesamt wurden 2.991 jüdische Personen aus München deportiert. Von den nach Theresienstadt Verschleppten wurden 297 bei Kriegsende befreit.  
      
Ab November 1941 erfolgten die Deportationen, zunächst 980 Personen nach Riga, im April 1942 in das Ghetto von Piaski bei Lublin (343 Personen). Weitere 24 Transporte brachten zwischen Mai und August 1942 etwa 1.200 jüdische Personen nach Theresienstadt. Insgesamt wurden 2.991 jüdische Personen aus München deportiert. Von den nach Theresienstadt Verschleppten wurden 297 bei Kriegsende befreit. 
  
Nach 1945: Die wenigen in der Stadt insbesondere auf Grund der "privilegierten Mischehe" überlebenden Juden (1945: 84), Überlebende aus Konzentrationslagern sowie Personen auf der Flucht vor neuen Pogromen in Osteuropa (Displaced Persons) sowie zurückkehrende ehemalige Münchner Juden gründeten am 19. Juli 1945 eine neue "Israelitische Kultusgemeinde" in München. Im März 1946 zählte diese etwa 2.800 Mitglieder. Ein Großteil von ihnen wanderte nach Gründung des Staates Israel 1948 dorthin aus. Dennoch nahm die Zahl der in München lebenden jüdischen Personen insgesamt zu, sodass die Gemeinde Ende der 1980er-Jahre etwa 4.000 Gemeindeglieder zählte. Durch Zuwanderung von Personen aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion stieg die Zahl in den 1990er-Jahren (1995: 5.000 Gemeindeglieder) auf derzeit rund 8.000 Personen (2006). An Einrichtungen sind vorhanden: drei Synagogen, eine Betstube, zwei Mikwen, zwei Friedhöfe, eine Grundschule, eine Kindertagesstätte, ein Jugend- und Kultuszentrum, ein koscheres Restaurant, eine koschere Metzgerei und verschiedene Sozialeinrichtungen. 
   
   
   
Zur Geschichte der Synagogen    
         
Die mittelalterlichen Synagogen    
       
Einen erster Betsaal (Synagoge) gab es vermutlich bereits im 13. Jahrhundert. Nach einer alten Überlieferung flüchteten beim Judenpogrom am 12. Oktober 1285 die jüdischen Bewohner in diesen Betsaal und verbrannten in ihm (was eher unwahrscheinlich ist, da ein Brand des Gebäudes auch für die umgebende Altstadt nicht ohne schlimme Folgen geblieben wäre; die Zahl der 67 Toten darf nach dem Nürnberger Memorbuch als gesichert gelten). Der Standort eines solchen ersten Betsaales ist nicht bekannt. Die Mikwe des 13. Jahrhunderts könnte auf dem Grundstück Landschaftsgasse 6 gewesen sein; sie bezog ihr Wasser aus dem nördlich vorbeifließenden Stadtbach. 
        
Die Synagoge des 14. Jahrhunderts stand in der ehemaligen Judengasse, der späteren Schreibergasse bzw. heutigen Gruftgasse. Sie wurde 1380/81 eingerichtet: 1380 hatte die jüdische Gemeinde über den Juden Heinrich ein Haus zur gemeinschaftlichen Nutzung ("den juden gemainichleich") erworben. Es wurde 1381 zu seinem neuen Zweck umgebaut. Für die Synagoge und ein gleichzeitig einzurichtendes Hospital zahlten die jüdischen Familien drei Jahre lang 5 % ihres Vermögens. Nach Ausweisung der Juden aus München (1440) wurde das Synagogengebäude nach einer Urkunde vom 14. September 1442 von Herzog Albrecht III. und seiner Frau Anna von Braunschweig ihrem Leibarzt Dr. Johannes Hartlieb geschenkt. Er erhielt ‚das Haus hier zu München an der Judengassen gelegen, darinnen vor Zeiten die Judenschul gewesen ist, mit aller Zugehörung..." Dr. Hartlieb ließ die Synagoge zu einem Wohnhaus umbauen und richtete im Keller eine Marienkapelle ein. Diese Kapelle wurde von der Bevölkerung viel besucht, sodass sie bald zu klein war und das Gebäude abgebrochen wurde. Der Keller – ‚Kruft’ genannt – wurde überwölbt und auf dem Grundstück eine neue Kapelle erbaut (‚Gruftkapelle’). Nach dem Abbruch der Kapelle in späteren Jahrhunderten erinnerte nur noch der Name ‚Gruftstraße’ (seit 1442 ist dieser Name belegt) an die frühere Marienkapelle an Stelle der Synagoge.

Muenchen Synagoge 050.jpg (55529 Byte)
Die Lage der mittelalterlichen Synagoge (von 1380/81; 
Plan: Bayerisches Haus der Geschichte)

  
  

Die Beträume im 18. Jahrhundert           
   
Vermutlich haben bereits die zwischen dem Ende des 17. Jahrhunderts und der Ausweisung 1715 in München lebenden Juden einen Raum zum Gebet eingerichtet. Wo sich dieser befand, ist nicht bekannt. Auch die seit den 1720er-Jahren langsam wieder in der Stadt zuziehenden Juden werden mit der Zeit einen Betsaal in einem der jüdischen Häuser eingerichtet haben. Ein Bericht über die ‚Zustände in der jüdischen Gemeinde’ und den Betsaal seit Ende des 18. Jahrhunderts erschien in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" im Herbst 1837:   

Muenchen AZJ 21101837s.jpg (257221 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. Oktober 1837: "Die jetzige israelitische Gemeinde, die nun aus hundert und einigen zwanzig Familien und aus etwas über 600 Seelen besteht, zählt ungefähr ein halbes Jahrhundert seit ihrem Entstehen, und ist bis jetzt noch immer die einzige Gemeinde im Isarkreise. Sie bestand in ihren ersten Elementen aus den verschiedenartigsten Zusammenkömmlingen aus allen Kreisen: doch waren diejenigen, die aus dem Rezatkreise kamen, die zahlreichsten, und der erste Rabbiner der Gemeinde war der selige Hessel, der erste Kultusvorstand der verewigte Ullfelder.
Damals hatte die Gemeinde ihre Synagoge in dem Hofe eines Branntweinbrenners, der eben deswegen den Namen ‚Judenbranntweinbrenner’ erhielt. Es war eine lange, unverhältnismäßig schmale, viereckige Stube, die eine kleine, hölzerne, ärmliche Lade hatte. An dieses Zimmer reihte sich eine andere, eben so lange Stube an, die die Abteilung für die Weiber bildete. Es war alles gedrängt und gedrückt voll, und weil der Raum die Menge nicht fasste – denn jenes Wunder des Tempels ereignete sich hier nicht – so bestanden 2-3 Filialsynagogen daneben, die wiederum nur Zimmer waren.
Damals wohnten, wie in der Wüste die Stämme die heilige Bundeslade umlagerten, fast alle Judenfamilien in der Fronte, im Rücken, rechts und links von jenem Hause, das die Synagoge in sich schloss; alle anderen Stadtviertel waren fast von Juden entblößt. Man fühlte es, dass man bloß geduldet war; man wusste es, dass man einst diese Stadt habe verlassen müssen, und so lebte man so stille, so bescheiden, so eingezogen, als nur immer möglich war. Man erzählt sich die lächerlichsten und sonderbarsten Anekdoten aus jener Zeit, in welcher man scheu und furchtsam zuerst wagte die jüdischen Zeremonialgesetze in Ausführung zu bringen. So wurden, um nur eine einzige zu erwähnen, als man zum erstenmal die Posaune am neuen Jahre blies, kleine Buben gemietet, mit hölzernen Trompeten beschenkt, und ihnen aufgetragen, immerwährend zu blasen, um den Lärm der Posaunen zu übertönen – Doch jene Zeiten sind, Gottlob, hinab in das Grab der Vergangenheit, wir wollen ihren Schatten nicht länger heraufbeschwören. Max Joseph, der gütige Vater seiner Bayern, wie aller seiner Untertanen, schenkte auch uns die heiligste Gabe seines liebenden Herzens: Gewissensfreiheit und Religionsausübung. -
Doch hatte auch damals die Gemeinde bald ein besonderes, jüdisches Krankenlazarett. Und so groß auch die Opfer waren, die es erforderte, die kleine Gemeinde trug sie gern und willig, und bestätigte das Wort unserer Alten: ‚Der Israelite ist wohltätig.’
Ein Verein, der schon in jener Zeit begründet wurde, besteht und wirket noch segensreich. Es ist der sogenannte Frommenverein. Sein Zweck ist: Beerdigung der Toten, Krankenbesuch und Anhörung heiliger Vorträge durch den jeweiligen Rabbiner aus jüdischen Autoren am Sabbat und an Feiertagen. Auch bei seine Gründung trug sich eine nicht üble Anekdote zu. Wie bekannt, ist es Eigenheit der Juden, dass sie das Studium des Gesetzes mit dem Worte ‚lernen’ bezeichnen; eine Eigenheit, die übrigens so alt ist, als der Talmud, weil damals sich die Volkslehrer und Weisen aus Bescheidenheit nicht Weise, sondern Schüler der Weisen, also Lernende nannten. Als nun die Deputation des genannten Vereines alte, ehrwürdige Leute zu dem königlichen Polizeidirektor sich begaben, um bei ihm die Genehmigung des zu errichtenden Institutes einzuholen, fragte er sie um den Zweck des Vereines. Sie antworteten in ihrer gewohnten Weise: sie wollten unter Anderem auch lernen. Ei, erwiderte er scherzend, was können solche alte Leute noch lernen! Indessen ward das Unternehmen doch gebilligt und erhielt die nötige Sanktion, und so ward in zarten Anfängen der Grund zu der Gemeinde gelegt, wie sie jetzt blühet und bestehet."
    

  
  
Die 1826 eingeweihte Synagoge     
Bau und Einweihung der Synagoge   

Mit dem Beschluss vom Februar 1815 (ermöglicht in Folge des "Judenediktes" von 1813), eine jüdische Gemeinde in der Stadt zu begründen, wurde auch der Bau einer neuen Synagoge in die Wege geleitet. Auch der staatlichen Aufsichtsbehörde lag nach einem Dokument vom Ende Februar 1815 daran, dass die jüdischen Familien "sich so schleunig als möglich um ein Lokale bewerben, worinnen die ganze kirchliche Gemeinde versammelt werden kann". Im Hintergrund stand das Problem, dass damals keine Privatversammlungen (private "Filialsynagogen") außerhalb der offiziellen kirchlichen Räume geduldet waren. Die Bauplatzfrage erwies sich freilich als sehr schwierig. Die jüdische Gemeinde wollte einen Bauplatz in der Innenstadt bekommen; das Innenministerium wollte die Synagoge nur in einem Außenbezirk erlauben. Seit 1816 wurde der Bau der Synagoge nahe dem Theater am Isartor diskutiert (damalige Theaterstraße, heute Westenriederstraße). Auch dieser war heftig umstritten, da das Grundstück in der Nähe von Schlachthöfen lag, wodurch die Gegend für einen Kultbau unwürdig erschien. Am 26. Juli 1824 konnte endlich in der Westenrederstraße der Grundstein für eine neue Synagoge gelegt werden. Die Einweihung der Synagoge war am 21. April 1826

Zusätzliche Informationen aus Emanuel Kirschner: "Gedenket der Tage der Vorzeit". Erinnerungsworte zum 100. Jahrestage der Synagogen-Einweihung in München am 21. April 1826. In: Bayerische Israelitische Gemeindezeitung vom 2. April 1926:
"Das Bedürfnis nach einer eigenen Synagoge mit einem zeitgemäßen Gottesdienste machte sich (sc. Anfang des 19. Jahrhunderts) immer fühlbarer geltend. Aber erst das Edikt vom 10. Juni 1813 über die Verhältnisse der jüdischen Glaubensgenossen im Königreich Bayern erlaubt ihnen die Bildung einer eigenen, rein kirchlichen Gemeinde und eine eigene Synagoge. Trotzdem sollte noch mehr als ein Jahrzehnte verstreichen, bis der Bau des langersehnten Gotteshauses in Angriff genommen werden konnte. Die Uneinigkeit in bezug auf die Wahl einer geeigneten Bauplatzes verschuldete nicht nur diese Verzögerung, sie drohte vielmehr auch eine Spaltung der Gemeinde herbeizuführen.
Während das erste Mitglied der Kultus-Administration, der Großhändler Israel Hirsch Pappenheimer, von dem Doktor der Medizin Johann Baptist Sax als Synagogenbauplatz dessen Garten an der Theater- nachmalige Westenriederstraße – und Frauenstraße erworben hatte, bekämpfte das zweite Mitglied der Administration, der dänische Kommerzienrat Eduard Marx, die Ausführung dieses Planes aufs heftigste, unter Hinweis auf die ungünstige Lage des Bauplanes und gestützt auf die seinen ablehnenden Standpunkt teilende entschiedene Majorität der Gemeindemitglieder.
Nahezu ein Jahr tobte der Parteienkampf mit ungeminderter Heftigkeit weiter, bis am 4. Juni 1824 die Polizeidirektion der Administration bekannt gibt, dass die Erbauung einer Synagoge auf dem Platze an der Theaterstraße, nach den vorgelegten Plänen und der Aufsicht der königlichen Lokalbaukommission definitiv genehmigt worden sei. Damit ging Pappenheimer als Sieger aus dem langjährigen Kampfe hervor. Am 26. Juli 1824 eröffnete er in Gegenwart von hohen Staatsbeamten, Magistratsmitgliedern und Gemeindebevollmächtigten mit einer Ansprache die Feier der Grundsteinlegung.
Nun galt es, noch vor Fertigstellung des Baues, für die Festlegung einer Synagogenordnung Sorge zu tagen, bei deren Beratung die Kultusadministration beseelt war von dem Wunsche, in der neuen Synagoge einen in jeder Beziehung zeitgemäßen Gottesdienst zu schaffen, während dessen Abhaltung die ehrfurchtsvollste Stille zu herrschen habe und die Gebete mit Andacht und Wohlanständigkeit zu verrichten seien.
Ein Streben, des Schweißes der Edlen wert; denn wie überall in unserem Vaterlande, trug damals auch in München der liturgische Gesang die Ghettospuren ästhetischer Rückständigkeit an sich. Er glich einem verwahrlosten Garten, in dem wohl unter wuchernden Ranken, unter wild wachsendem Gestrüpp, Tonblüten von wundersam leuchtender Pracht in unverwüstlicher Kraft Herz und Ohr erregten und bewegten, die aber einer ordnenden, veredelnden Hand entraten mussten. Da war es denn der Sohn des damals, 1825, bereits verstorbenen Rabbiners Heßel, David Heßel, der von einem gütigen Geschick ausersehen war, noch vor der segensreichen Wirksamkeit des großen Reformators des Synagogengesanges, Salomon Sulzer, die Brücke zu schlagen zwischen der bisherigen gottesdienstlichen Form und einer zeitgemäßen Gottesverehrung, wie sie in der neuen Synagoge Verwirklichung finden sollte.
Für die denkwürdige, überaus eindrucksvolle Synagogeneinweihung am 21. April 1826 schuf er Melodien, die zum Teil noch heute in unserer Gemeinde sowie in vielen anderen Gemeinden gesungen werden und die Kapellmeister Stuntz für 2-, 3- und 4stimmigen Chor mit Orchesterbegleitung bearbeitete und arrangiert für Pianoforte mit Gesang, im Druck erscheinen ließ.
Neben Heßel bemühte sich auch eifrig der begabte Musikliebhaber Isidor Neustätter um das Einstudieren dieser Gesänge sowohl, wie des von Stuntz komponierten 24. Psalms mit einem für diesen Zweck gebildeten Chor, bestehend aus 24 jüdischen Jünglingen und einem Knabenchor, verstärkt durch Sänger des Hoftheaters.
Den Höhepunkt der musikalischen Darbietungen aber bildete eine von Friedrich Wilhelm Bruckbräu gedichtete, vom Hoftheater-Intendanten Freiherrn von Poißl für Soli, Chor und Orchester komponierte Hymne. Trotz eifriger Nachforschungen in Bibliotheken und bei verschiedenen Behörden, ist es noch nicht gelungen, die Musik zu dieser Hymne ausfindig zu machen, von der ein zeitgenössischer Berichterstatter sagt: ‚Über die vollkommene Gediegenheit dieser Musik herrschte nur eine Stimme. Kunstvoll gebaute Chöre wechseln in ihr ab mit Rezitationen und Arien, die von ersten Kräften der Hofbühne zum Vortrag gelangten. Ein mächtiger, fugierter Chor preist den Synagogenneubau als einen emporsteigenden Hoffnungsschimmer, als einen Strahl des Lichts in unserer Herzen dunkler Nacht mit Dank gegen den himmlischen Vater, der uns erhebt.’
Der Rüsttag zum Pessachfeste 5586 = 21. April 1826, ein Freitag, brach an und mit ihm einer der bedeutungsvollsten Tage, ein weithin leuchtender Markstein in der Entwicklung der Münchner jüdischen Gemeinde.
An die Stelle der armseligen, die finstere mittelalterliche Zeit versinnbildlichenden Betstube trat das Symbol des anbrechenden Freiheitsmorgens, die vom Baurat Johann (bzw. Jean Baptiste) Metivier erbaute, prächtige Synagoge.
Eine Vorhalle führte in den majestätisch gewölbten Tempel, der ein Viereck bildend, an der Ostfront seinen halbkreisförmigen Abschluss fand, in dem die mit Säulen verzierte, aus Stein erbaute heilige Lade sich befand. Längs der Seitenwände und der Westfront zog sich die Frauengalerie hin, auf 16 Marmorsäulen ruhend, von denen die ersten vier der erste Bayernkönig Max Joseph der jüdischen Gemeinde gespendet hatte. Auch sein Nachfolger König Ludwig I. und seine Gemahlin Therese bekundeten ihr Wohlwollen durch persönliche Teilnahme an der Synagogeneinweihung, die um vier Uhr nachmittags beginnend, unter begeisternden, von Kapellmeister Stuntz geleiteten Gesängen, unter Mitwirkung des stimmbegabten Kantors Löb-Sänger und mit einer wirkungsvollen Predigt des Rabbiners Hirsch Aub einen glänzenden Verlauf nahm.
Ein Bericht über dieses epochemachende Ereignis schließt mit den Worten: ‚Die herzerhebende Feierlichkeit und die musterhafte Ordnung fand allgemeinen Beifall und lässt nur den einzigen Wunsch übrig, dass die Israeliten die Ordnung und Feierlichkeit dieses Abends als Muster für den Gottesdienst an Sabbat und Feiertage nehmen möchten und dass ihre spätestens Enkel diesen Tag als einen neuen Abschnitt in der Geschichte unserer Glaubensgenossen hoch feiern mögen.’  
 
   
Muenchen AZJ 31101837bsy.jpg (97921 Byte)Aus der Zeit der 1826 erbauten Synagoge liegt folgender Bericht aus der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 31. Oktober 1837 vor: "München hat seine Synagoge. In fast zwei Jahren war es fertig und stand da in seiner erhebenden freundlichen Pracht, das gottgeweihte Haus, in dem Gesang und Predigt und ein schöngeordneter Gottesdienst das Herz erheben. Majestätisch wölbst sich der Tempel, der ein Viereck bildet, und dessen östliche Vorderseite nur einen falschen Halbkreis formt. In diesem Halbkreis prangt die heilige Lade, aus Stein erbaut, mit keinen Säulen verzieret, dem Eintretenden die mahnenden Worte entgegenhaltend: ‚Wisse, vor wem du stehest.’ Aus den beiden Nebenseiten und der westlichen Front springt in nicht unbedeutender Höhe die Galerie der Frauen vor, ruhend auf 14 prächtigen Marmorsäulen. Die vier ersten derselben sind ein Geschenk unseres höchstseligen Königs Max. Drei große eiserne Lüster und zwölf Glaslampen in den Säulengängen bilden die Beleuchtung für die ganze Synagoge, während zwei Kandelaber und zwei Leuchter in Gestalt von Marmorvasen von der heiligen Lade strahlen. Die Bimah wird durch einen achtarmigen Leuchter, der auf einem Marmorpostament ruht, erleuchtet. Die Lampe des ewigen Lichtes hängt düsterstrahlend vor der Lade. Auf der brieten, westlichen Tribune der Frauengalerie, der Lade gegenüber, ist das Chorgerüst erbaut. Es mag unsere Synagoge an Reichtum in Goldverzierungen von anderen leicht übertroffen werden, aber durch einen freundlicheren Anblick erfreut gewiss selten eine andere noch das Auge oder die Seele."  

     
Das 50-jährige Jubiläum der Synagoge (1876)            
    
Am ersten Tag des Passahfestes, dem 9. April 1876 konnte das 50jährige Bestehen der Synagoge
gefeiert werden. Zu diesem Anlass wurde in der Synagoge eine neue Orgel eingebaut. Zu diesem Jubiläum komponierte der damalige Kantor M. E. Löwenstamm eine Kantate, deren Uraufführung 1876 stattfand (Titelblatt siehe unter den Abbildungen). Die Allgemeine Zeitung des Judentums berichtete über das Jubiläum in ihrer Ausgabe vom 2. Mai 1876:  

Muenchen AZJ 02051876.JPG (122212 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 2. Mai 1876: "München, 10. April (1876). Wenn am 26. vorigen Monats in Wien das fünfzigjährige Jubiläum des Tempels weihevollbegangen wurde, so folgte ein ganz gleiches Fest der Münchener Synagoge am gestrigen Tage in solenner Weise. Da von dieser Feier nach außen hin nichts verlautet hatte, so beschränkte sie sich auf die Mitglieder der hiesigen Gemeinde. 
Es wurde in Verbindung mit dem Morgengottesdienste des ersten Passahtages ein Festgottesdienst in dem festlich geschmückten Jubelgotteshause abgehalten. Nach einer einleitenden, vom Oberkantor Herrn Löwenstamm komponierten und gedichteten Kantate, welche von der Klängen der am Abend vorher erst eingeweihten Orgel begleitet wurde, verbreitete sich der Rabbiner Herr Dr. Perles in glänzender, edelgehaltener Rede über die Bedeutung des Tages und entrollte in kurzen, aber frappanten Zügen die Geschichte der israelitischen Gemeinde in München. Über das tragische Schicksal der israelitischen Glaubensgenossen in München im Mittelalter mit versöhnlicher Kürze hinwegeilend, verfolgte er die Entwickelung der Gemeinde von Anbeginn des 19. Jahrhunderts an, ihr Aufblühen unter dem Schutze humaner Fürsten und milder Gesetze unter dankbarem Hinweise auf das bayerische Herrscherhaus. Er warf einen Blick auf die verschiedenen Wandlungen in dem inneren Leben der Gemeinde, ließ dem Geiste der früheren Generation gerechte Würdigung widerfahren und betonte andererseits die Notwendigkeit, auch den Anforderungen des heutigen Geschlechtes Rechnung zu tragen. Die Rede schloss mit einem Segensgebete für das Vaterland, das bayerische Königshaus, die Gemeinde, ihre Vertreter und Beamten. 
Mit den Schlussstrophen der bereits erwähnten Kantate schloss die herzerhebende Feier, welche in ihrer ganzen Anlage durch den edlen Geist, der sie belebte, auch auf jeden Nichtisraeliten einen wohltuenden Eindruck machen musste
.       

   
Fotos/Abbildungen der Synagoge von 1826  

Die Synagoge 
von 1826 
Muenchen Synagoge 042.jpg (103090 Byte) Muenchen Synagoge 034.jpg (85012 Byte)
  Außenansicht der Synagoge 
von 1826 (links, Bildmitte; 
Zeichnung von L. Huber 1889)  
Innenansicht der Synagoge 
von 1826, Aquarell von 
Ferdinand Petzl  
     
Zeichnung / Grundriss  Muenchen Synagoge 041.jpg (105217 Byte) Muenchen Synagoge 040.jpg (34784 Byte)
  Zeichnung und Grundriss der Synagoge an der Theaterstraße  
     
Muenchen Synagoge 033.jpg (68097 Byte) Muenchen Synagoge 030.jpg (101110 Byte) Muenchen Bayr GZ 17031926.jpg (57445 Byte)
Titelblatt des Gebetbuches 
"Tägliche Gebete der Israeliten", 
München 1827 mit Ansicht des
 Toraschreines der Synagoge in München
 und der Inschrift: "Wisse, 
vor wem du stehst"  
Titelblatt der "Cantate zur 
Feier des fünfzigjährigen Jubiläums 
der Synagoge in München am ersten Tage 
des Pessachfestes 9. April 1876" 
Anzeige: Gedenkfeier für die 
alte Synagoge aus der "Bayerischen
 Israelitischen Gemeindezeitung" 
vom 17. März 1926.  
         
Quellen: Gebetbuch aus Theodor Harburgers Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler Bd. 3 S. 592; die Außen- und Innenansicht der Synagoge findet sich in zahlreichen Publikationen zur Geschichte der jüdischen Gemeinde; die Zeichnung und Grundriss aus Schwarz: Die Architektur der Synagoge S. 174; das Titelblatt der Cantate aus Lamm, Vergangene Tage bei S. 112.

    
    
Die Arbeit des "Synagogen-Chor-Komitees" unter Kantor Maier Kohn
Die Entstehung der Münchner Synagogalgesänge in den 1830er- und 1840er-Jahre     
    
Weite Verbreitung fanden seit ihrer Entstehung in den 1830er-Jahren die Münchner Synagogalgesänge. Über die gottesdienstlichen Traditionen in der Münchner Synagoge seit Ende der 1830er-Jahre, in denen der Weg zwischen den liberalen und konservativen Richtungen zu beschreiten versucht wurde, und die Arbeit des "Synagogen-Chor-Komitees" berichtet die "Allgemeine Zeitung des Judentums" am 1. März 1838:  

Muenchen AZJ 01031838.JPG (321832 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. März 1838: "München, Januar (1838). Gottesdienst. Ich gehe von der Geschichte des Entstehens unserer Gemeinde und von der Aufzählung der hier bestehenden Vereine zu unserem Gottesdienste über: Soll ich einen Charakter mit Einem Worte nennen, so ist er versöhnender Art; er wäre vielleicht der sicherste Übergang von dem alten Unfuge beim Gottesdienste zu einer neuen, erhebenden Andacht bei demselben. -
Es ist ein großer Fehler von den Rabbinen, wenn sie bei der notwendigen Umgestaltung des Gottesdienstes sogleich zu hohe Forderungen stellen, und mit einem Male das Kind samt dem Bade ausschütten. Der Jude, der durch Jahrhunderte an das ordnungslose, wilde Mitschreien im Gebete gewohnt war, wird sich nicht sogleich an einen deutschen, der hebräischen Sprache ganz fremden Gottesdienst gewöhnen können. Mag auch der gebildetere Teil unter uns, der, der neueren Generation angehörend, der älteren Weise sich nicht leicht anbequemen kann, sich an einem solchen mehr erbauen, mehr erhoben fühlen, als bei dem älteren, weil ihn eben jene ältere Sprache unbekannt geworden, und er im deutschen Chorale eine seiner Bildung und seinen Gefühlen mehr entsprechende Andacht findet: der Alte, der deutschen Sprache unkundig, wird und kann hierin keine Seelenerhebung, keine Herzensandacht finden, und ein großes Unrecht wäre es, wenn man auch nur einem geringen Teil der Gemeinde einen Gottesdienst formen wollte, der ihn nicht entsprechen könnte.
Aber dasselbe Unrecht begeht man gegen den jüngeren Teil, wenn man den Gottesdienst ganz unverbessert ließe, wenn man den Vorsängern ihre ererbten Rouladen und Tiraden herauszuschreien und herauszugurgeln erlaubte, und der Gemeinde ein gellendes, verworrenes Accompagnement gestattete. Denn erstens ist ein erhebender Gottesdienst das einzige sichtbare Band, durch das jener sich lobpreisende Teil mit dem Judentume vereinigt bleibt, und ferner ist der eben jene Anstalt, durch dessen Verbesserung und Umgestaltung am sicherlichsten und förderlichsten auf eine allseitige Verbesserung und Umgestaltung im Judentume selbst gewirkt werden kann. An dem Leben und regen Weben in der Wissenschaft, das in der jüdischen Theologie sich jetzt offenbart, können die Wenigsten sowohl aus Mangel an Kenntnissen, als der Berufsbestimmung halber, teilnehmen; die Wissenschaft zu bebauen, zu pflegen, zu besorgen, zu hüten, bleibe Sache des Gelehrten, die Frucht nur reicht er dem Laien dar. Der Geist, der in ethischer und dogmatischer Hinsicht die Schule und den Religionsunterricht durchweht, kann nicht mehr auf Männer wirken, die der Schule entwachsen sind. Er wirkt und bildet für die Zukunft, auf die Vergangenheit zurück kann er keinen Einfluss üben. Also an diesen beiden  für das momentane Judentum höchst wichtigen Anstalten nimmt der alte Jude keinen Anteil, aber Anteil nehmen wird und muss er, schon seiner Religiosität halber, an dem Gottesdienste, und darum wird die Synagoge im wahren Sinne des Wortes die Schule, in der auch er erzogen, und für das Neuere wahrhaft Gute gewonnen werden soll. Das kann aber nur dann geschehen, wenn der Unterricht von der Art ist, dass er ihn anzieht, und nicht ängstlich von sich scheucht. Es ist der Gottesdienst, und besonders bei den Juden auf dem Lande, das, woran er mit Leib und Seele hängt, und er fürchtet es als eine Sünde, eine Andachtsstunde zu versäumen, und andererseits offenbart sich doch fast überall ein Streben, den Gottesdienst zu verherrlichen und zu ordnen. Daraus ergibt sich nun leicht, wie vorteilhaft man auf den Juden durch Verbesserung desselben einwirken könne, wenn man nicht gleich Überspanntes von ihm fordert. Der Juden lernt dadurch an eine durch Religion geheiligte Umgestaltung seines ganzen Lebens sich gewöhnen, und wie viel ist dadurch nicht für uns in jeder Beziehung gewonnen. Deshalb, sagte man mir auf meiner jüngsten Ferienreise, deshalb gefällt der Gottesdienst in München so sehr, weil er uns das Alte gelassen, und es als ein Neues uns wiedergegeben hat.  -
     
Muenchen AZJ 01031838b2.jpg (304839 Byte)Von diesem Gesichtspunkte aus ward nun hier der Gottesdienst geordnet. An den Wochentagen wird bei ruhigem, würdevollem Benehmen der Betenden das Gebet ganz nach alter Weise und Sitte, ohne Abänderung und Abkürzung verrichtet. An Sabbaten und Festtagen aber vertritt in den Responsionen, bei den Benedeiungen, sowie bei den andern sehr zahlreichen und schönen Gesängen der Chor die Gemeinde. Aber eben dieses Vertreten ist es, was den Zweck des Chores verrichtet. Er wird dadurch oft zur Unterhaltung, statt dass er die Gemeinde zum andächtigen Wettgesänge stimmen und aneifern sollte, wenn er neukanzonierte Gesänge mit dem Vorsänger vorträgt, und muss oft langweilen, wenn er die alten, allgemein bekannten, Jedermann geläufigen Lieder wiederholt. Die andachtvolle Beschäftigung der Gemeinde, die Aufforderung, dass sie, statt des früheren Wirrwarrs, in kirchlichen Melodien, in schöner herzerhebender Harmonie ihr Gebet verrichte, das muss der Zweck des Chores sein, nicht aber bloß eine theoretisch-kirchliche Vorstellung, bei welcher die Gemeinde sich entweder unterhält und Beifall zollt, oder sich langweilt, und von profanen Dingen schwätzt. Es ist dies besonders bei dem durch die Chorresponsionen gedehnten Lecha Dodi der Fall; und es wäre wirklich nicht schöneres, als eben ein solches Lied von der Gemeinde, durch Vorsänger und Chor unterstützt, vortragen zu hören. Ich erwähne besonders dies Gebet, weil ich mich von der Ausführbarkeit eines solchen Gedankens auf meiner Reise überzeugte. Es war im Markte Uhlfeld im Rezatkreise. Die freundliche schöne Synagoge war des Freitag Abends herrlich beleuchtet; das Minchagebet und die gewöhnlichen Psalmen waren rezitiert, der Vorsänger bestieg den Almemor, ich sehnte mich nach der Münchener Gesangsweise, und darum graute mir heimlich vor dem hässlichen Geschrei, das nun losgehen würde. Aber nein, den herrlichsten Choral stimmte nun die Gemeinde an, und es herrschte dabei eine solche stille Feier, wie ich sie noch nie gefunden hatte..     
 
 
Muenchen AZJ 12031839.JPG (108716 Byte)Über den Stand der Arbeiten des Synagogen-Chor-Komitees und der Publikation der Münchner Synagogengesänge berichtete die "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 12. März 1839: "München, 1. März (1839). Das Komitee des hiesigen Synagogen-Chores geht nun, nachdem es die Subskription auf das annoncierte Werk: Vollständiger Jahrgang für Terzett- und Chorgesänge etc. eröffnet hat, mit vielem Eifer an die Realisierung dieses sehr zeitgemäßen und wünschenswerten Werkes. Es sind und werden noch immer alle möglichen Anstalten getroffen, um dasselbe so vollständig  und gediegen, als nur immer geschehen kann, zu liefern, und von Seiten des Herrn Verfassers, Maier Kohn, und der Buchhandlung Alles aufgeboten, um jeden ausgesprochenen Wunsch berücksichtigen und befriedigen zu können. Allein trotz alles uneigennützigen Anstrengungen wird es doch unmöglich, an die Ausführung des Werkes selbst zu gehen, da ohne eine Zahl mindestens von 150 Subskribenten selbst die nötigsten Kosten nicht gedeckt sind, und trotz der vielseitigen Aufmunterungen und Belobungen, deren dies Unternehmen sich erfreute, bis zur Stunde die Meldungen der Subskribenten noch sehr spärlich einlaufen, und dadurch den Beginn der Herausgabe verzögern. Es wäre daher sehr ersprießlich, wenn die Herren Gemeindevorsteher und Vorsänger, die dieses Werk für ihre Gemeinden und für sich anzukaufen gedenken, die Subskription nicht zu sehr in die Länge schieben, und dadurch die baldige Vollendung des genannten Werkes bewerkstelligen helfen würden.      
    
Muenchen AZJ 14081841.JPG (265816 Byte)Im Sommer 1841 berichtete die "Allgemeine Zeitung des Judentums" in ihrer Ausgabe am 14. August 1841: "München, 19. Juli (1841). Sie haben schon in langer Zeit nichts mehr von unsern hiesigen Verhältnissen berichtet. In der Tat ist auch davon wenig, mindestens nichts Erfreuliches zu berichten, denn die Hemmnisse bürgerlicher Freiheit, anstatt aus dem Wege geräumt zu werden drängen sich auch in die engern Pfade des geistigen Lebens, und der Engel des Lichtes mit gezücktem Schwerte vermochte es noch nicht, den Verderbern die Augen zu öffnen...
Von der hiesigen Synagoge weiß ich Ihnen nichts mitzuteilen, als dass das ihr zur Zierde gereichende Chorinstitut gedeihlich fortbesteht. Das dasselbe leitende Komitee hat erst jüngst die zweite Lieferung der gottesdienstlichen Gesänge, enthaltend die Piecen für Schalosch Regalim überhaupt sowohl, als auch die besonderen für Pessach, Schawuoth, Sukkot, Hoschana Raba und Simchat Tora, bearbeitet vom Herrn Lehrer Maier Kohn, veröffentlicht, und die Inhaber der ersten Lieferung werden sich mit Vergnügen überzeugen, welche reiche Sammlung herzerhebender, schöner, und der jedesmaligen Feier anpassenden Gesänge ihnen damit geboten werden. Insbesondere soll der Bearbeitet auch darin wieder bedacht gewesen sein, aus der reichen Sammlung der hiesigen und von berühmten Tonsetzern gefertigten Chorgesängen nur einfache, melodiöse und leicht auszuführende Stücke aufzunehmen. Man kann bei dieser Gelegenheit nicht umhin, die Bemerkung zu machen, dass die Verbreitung der Chorgesänge, und die Einführung des Chorgesangs in den Synagogen überhaupt  ihr größtes Hindernis nicht in dem Willen der Gemeindeglieder, noch im Mangel an mitwirkender Teilnehmer, sondern in dem Mangel an fähigen Subjekten, den betreffenden Unterricht zu erteilen, findet. Es gehört immer noch zu den Seltenheiten, in kleineren Städten und auf dem Lande besonders, musikalisch gebildete Vorsänger zu finden; dergleichen befähigte Lehrer aber sind es, von deren Mitwirkung allein das Gedeihen dieses Institutes allenthalten abhängt (Anmerkung: sehr auffallend musste es erscheinen, dass in dem von Zunz für das zu Berlin neu errichtete Seminar für jüdische Schullehrer entworfenen Unterrichtsplane der musikalischen Bildung keinerlei Erwähnung geschieht). In welcher größeren oder kleineren Gemeinde der Lehrer es versteht, zu dieser Verherrlichung der öffentlichen Gottesverehrung der männlichen Jugend, und einigen Erwachsenen, die gewiss aller Orten zu einer solchen Mitwirkung sich leicht finden lassen, die Anleitung zu geben ist ein vierstimmiger Chor bald hergestellt, ohne dass der Gemeinde dadurch Kosten entstehen, und wir können mit dem Psalmisten wieder ausrufen: ‚preiset in Chören den Herrn.’
In dem Grade aber, als der Chorgesang sich in den Synagogen immer mehr verbreiten wird, in dem Grade wird das hiesige Chorwerk, das erste der Art erschienene, seine Verbreitung finden, das, ohne auf eine Kritik der einzelnen Piecen eingehen zu wollen, was einsichtsvollen Sachverständigen vorbehalten bleibe, noch das besond
ere Verdienst hat, dass die Chorgesänge die Selbständigkeit des Vorbeters in seinen rituellen Funktionen in keinerlei Hinsicht unterbrechen. Zu den bereits erschienenen zwei Lieferungen kommt noch die dritte und letzte, die Gesänge für die Hohen Feiertage enthaltend, welche wie die Festtage selbst für den Gottesdienst die erhabensten sind, so auch das Würdevollste und Erhabenste an Gesängen enthalten wird.  Es sollen, ungeachtet dieses Werk in allen Buchhandlungen zu beziehen ist, doch die meisten Bestellungen beim Bearbeiter selbst einlaufen, wo sie auch auf das schleunigste besorgt werden.".    

    
Publikationen der "Münchner Synagogalgesänge" in den 1840er-Jahren
    

Muenchen AZJ 16071842.jpg (178367 Byte) Muenchen AZJ 01011846.jpg (111012 Byte)
Im Sommer 1842 verließ nach mehrjähriger Arbeit der
 "Vollständige Jahrgang der Chor- und Terzett-Gesänge 
der Synagoge in München etc.". Eine Übersicht über die
 Lieferungen erschien in der "Allgemeinen Zeitung des
 Judentums" vom 16. Juli 1842.  
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" 
vom 1. Januar 1846 zum Erwerb des "Vollständigen 
Jahrgangs von Terzett- und Chorgesängen der 
Synagoge in München"
  

  
Einführung deutscher Predigten     

Muenchen AZJ 26061838.jpg (92246 Byte)In der Zeit, in der die gottesdienstlichen Liturgien in München behutsam reformiert wurden, sind zugleich regelmäßige deutsche Predigten in der Münchner Synagoge eingeführt worden, die auch von interessierten Christen gehört wurden. 
Die "Allgemeine Zeitung des Judentums" berichtete am 26. Juni 1838: "München, 12. Juni (1838). Wenn je unser Gottesdienst auf irgend eine erhebende Weise verherrlicht wurde, so sind es die gediegenen Predigten, welche in dieser Zeit, Gott sei Dank! keine Seltenheit mehr sind, und von denen wir einst eine Ernte guter Früchte erwarten können. Ähnliches wurde uns dahier am vergangenen Wochenfeste zuteil. Nachdem am ersten Feiertage der hochgeehrte Rabbiner eine dem Publikum erbauende Predigt gehalten, hatten wir am folgenden Tage das Vergnügen, den Rabbinatskandidaten Herrn M. Lilienthal von hier, zum erstenmal auf der Kanzel zu sehen. Dieser junge, talentvolle Mann überraschte wahrhaft durch seine kernhaften, inhaltsreichen Worte, durch seine gewählte, einfache Sprache, wie nicht minder durch seinen lebendigen und zum Herzen gehenden Vortrag. Es war die Synagoge sehr gefüllt, denn außer den zahlreich sich einfindenden Juden waren es auch sehr viele Christen, welche hierher kamen, um die Worte des jungen Predigers zu hören, und sich überzeugten, dass man sich auch im jüdischen Gotteshaus erbauen und die Synagoge gerührt verlassen könne. Allgemein herrscht nun der Wunsch, dass uns öfter dieser Mann mit seinem bekehrenden Vortrage erfreuen möge, und wir sehen der Erfüllung derselben bald entgegen.
Dr. Lehmaier.
  
    
Muenchen AZJ 24051847.jpg (49069 Byte)Die israelitische Kultusgemeinde war bestrebt, angesichts ihrer anspruchsvollen Chormusik und des reformierten Gottesdienstes auch gute Vorbeter zu bekommen. Auf der Suche nach einem neuen Vorsänger wurde am 24. Mai 1847 in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" folgende Anzeige veröffentlicht: 
"Gesuche. Die israelitische Kultusgemeinde in München beabsichtigt die Aufnahme eines Vorsängers. Zur Bewerbung um diese Stelle, mit welcher ein fixer jährlicher Gehalt von 500 Gulden und nicht unbedeutende Emolumente - für welche jedoch nicht garantiert wird - verbunden sind, ist der durch entsprechende Zeugnisse zu liefernde Nachweis, über den Besitz einer kräftigen und wohlklingenden Stimme, gründlicher Kenntnis der Musik und der hebräischen Sprache, sowie eines guten Rufes und religiösen Lebenswandels erforderlich und sich desfalls sowie um die näheren Bedingungen in frankierten Schreiben zu wenden an die 
Administration der israelitischen Kultusgemeinde in München."

    
Sondergottesdienste in der Synagoge     

Muenchen AZJ 08011842.JPG (232929 Byte)In der Synagoge fanden neben den üblichen Wochentags-, Sabbat- und Feiertagsgottesdiensten auch Sondergottesdienste aus besonderen Anlässen statt. Im Dezember 1841 fand für die verstorbene Königinwitwe Karoline von Bayern ein Trauergottesdienst statt, worüber die "Allgemeine Zeitung des Judentums" am 8. Januar 1842 berichtete: "München, 17. Dezember (1841). In allen Synagogen unseres Landes werden und wurden Trauergottesdienste veranstaltet, wegen des Dahinscheidens Ihrer Majestät der Königinwitwe Karoline von Bayern; innere und aufrichtigere Trauer aber als in der unseren, herrschte gewiss in keiner Synagoge. In unserer Mitte war es ja, wo sie jahrelang geweilt, ein Engel der Güte und Milde, wo jeder Leidende, jeder Bedrängte, jeder Bedürftige ohne Unterschied der Religion Linderung seiner Leiden, Trost in seiner Bedrängnis und Hilfe in seiner Not suchte und fand. Aber der Trauergottesdienst in unserer Synagoge war auch der hohen Dahingeschiedenen würdig. Am 2. dieses Monats abends 5 Uhr öffneten sich die Flügel unseres Bethauses einer solchen Anzahl, wie die Hallen unserer Synagoge nur selten und nur bei außerordentlichen Feierlichkeiten zu sehen gewohnt sind. Die Galerie der Synagoge war mit schwarzen Draperien behangen, was auch äußerlich zur Erhöhung der Feier beitrug. Den Anwesenden, unter denen sich unter anderen hohen Gästen auch der Herr Regierungspräsident befand, wurden Programme verteilt, welche die vorkommenden Gesangpiecen und Gebete hebräisch und deutsch enthielten. Es eröffnete die Feier Herr Rabbiner Aub durch ‚ein einleitendes Gebet’ in hebräischer Sprache, welchem ein Choralgesang folgte und diesem unmittelbar die Trauerrede. Wenn schon alle Predigten der Herrn Rabbiner Aub durch Gediegenheit, Gedankenfülle und Kraft des Ausdruckes sich auszeichnen, so sind es vorzüglich seine Gelegenheitsreden, in denen er wahrhaft Treffliches leistet, und so war es auch diese Rede, in welcher der Prediger mit wahrem Enthusiasmus, mit jener Wärme, die ihm in reichem Maße zu Gebote steht, die hohen Tugenden der Verblichenen dem Geiste der Hörer noch einmal vergegenwärtigte. Am Schlusse seiner Predigt, als der Redner von dem Wohltätigkeitssinn der edlen Königin gesprochen, appellierte er passend an den vielfach erprobten Wohltätigkeitssinn seiner Gemeinde, diesen auch in der Unterstützung zu den, in Ägypten zu errichtenden Schulen hervorleuchten zu lassen. Der Redner endigte mit dem letzten Vers des 17ten Psalmes, den der Chor wiederholte. Er sprach hierauf ein ‚Gebet für das Seelenheil der Verklärten und für das Wohl des königlichen Hauses’, hierauf folgte ein Choralgesang, und schließlich wurde vom Rabbinen der ‚Priestersegen’ in hebräischer und deutscher Sprache gesprochen. Auf Vieler Verlangen wurde die Predigt dem Druck übergeben, und hat der Herr Rabbiner vom Prinzen Karl Königlicher Hoheit ein sehr anerkennendes Schreiben erhalten’.    
 
Muenchen Israelit 01091869.jpg (21535 Byte)Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts war die 1826 eingeweihte Synagoge insbesondere an den Hohen Feiertagen zu klein für die rasch wachsende Gemeinde. Es mussten Filialgottesdienste eingerichtet werden. Nach einer Meldung aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. September 1869 konnten die Gottesdienste am Neujahrsfest und am Versöhnungstag des Herbstes 1869 im Odeonsaal abgehalten werden. 

    
   
Die 1887 eingeweihte (Haupt-)Synagoge      
   
Pläne zum Bau einer neuen Synagoge        
    
Als im Jahre 1876 die jüdische Gemeinde das 50-jährige Bestehen ihrer Synagoge feierte und damals auch eine neue Orgel in diesem Bau eingeweiht hatte, gab es bereits mehrjährige Überlegungen zum Bau einer großen neuen Synagoge für die Stadt. 1869 wurde von der jüdischen Gemeinde die Bitte an den Magistrat gerichtet, ein Grundstück für eine neue Synagoge zur Verfügung zu stellen. Von der Stadt erhielt die Gemeinde zwar kein Grundstück, doch einen finanziellen Betrag zum Erwerb eines solchen. Bereits 1870 konnte zunächst an der Ecke Finkenstraße/Wittelsbacherplatz neben dem Ludwig-Ferdinand-Palais ein Grundstück erworben werden. Die Gemeinde forderte verschiedene Architekten auf, Entwürfe für den Synagogenneubau einzureichen. Mehrere Vorschläge gingen ein, darunter Arbeiten von Edwin Oppler, Matthias Berger und Albert Schmidt. 1876 wurde das Grundstück an der Finkenstraße aufgegeben. 
    
Anfang der 1880er-Jahre
wurde ein Bauplatz südlich der Maxburg, zwischen Karls- und Maximiliansplatz aus königlichem Besitz erworben. Für dieses Grundstück legten Matthias Berger und Albert Schmidt Pläne vor. Diejenigen Schmidts wurden schließlich umgesetzt. Sein Plan fand begeisterte Aufnahme in der Gemeinde und bei den Kritikern, die ihn als Beginn einer Neubewertung der Romanik sahen: der Bau war in dunkelrotem Backsteinmauerwerk auf Granitsockel in spätromanischem Stil errichtet. Nach den Plänen Schmidts entstand mit etwa 1.000 Plätzen im Männerraum und 800 Sitzplätzen auf den Emporen eine der größten Synagogen in Deutschland (zum Zeitpunkt der Einweihung 1887 war die Münchner Hauptsynagoge die drittgrößte Synagoge in Deutschland nach Berlin Oranienburger Strasse und Breslau). 

Nicht verwirklichte Entwürfe 
für die neue Synagoge
(Quelle: Schwarz, Die Architektur
 der Synagoge 231ff).
Muenchen Synagoge 039.jpg (42236 Byte) Muenchen Synagoge 038.jpg (58857 Byte)
  Entwürfe für eine Synagoge in München von Edwin Oppler (um 1872)
   
  Muenchen Synagoge 037.jpg (114950 Byte) Muenchen Synagoge 036.jpg (98867 Byte)
  Entwürfe für eine Synagoge in München von Matthias Berger (1880)

  
  
Die Einweihung der neuen Synagoge 1887    

Muenchen AZJ 29091887a.jpg (115382 Byte)Bericht in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 29. September 1887: "München, 18. September (1887). Über die Einweihung der neuen Synagoge geben wir, obschon wir eine kürzere Privatmitteilung darüber erhalten haben, den Bericht des ‚Münchner Boten’ um so mehr, als es uns darum zu tun ist, zugleich die öffentliche Meinung abgespiegelt zu sehen. Er lautet:
Die neue Synagoge, nach dem Urteil Sachverständiger in baulicher Hinsicht eine Zierde der Stadt, wurde am Freitag Abends mit einer Feier eingeweiht, welche in Münchens Geschichte als ein Akt von kultureller Bedeutung zu verzeichnen ist. Die israelitische Gemeinde füllte den schönen Tempelbau, dessen weite Emporen die Frauen einnahmen. Von außen wehten Flaggen in den bayerischen und Münchener Farben, an den drei Portalen und an der Balustrade vor der heiligen Lade grünten Zierpflanzengruppen. Auf den prächtigen ehernen Armleuchtern brannten Kerzen. Im Mittelgang bildeten Knaben und Mädchen mit blau-weißen Schärpen Spalier. Allmählich fanden sich die Ehrengäste ein, von welchen wir nennen: die königlichen Staatsminister Dr. Freiherr von Lutz und Freiherr von Feilitzsch, Regierungspräsident Freiherr von Pfeufer, Hofmarschall Freiherr von Hutten, General von Sprunner, mehrere Landtags-Abgeordnete, darunter Maison und Frankenburger, Hofkapellmeister Levi, der Polizei- und  Regierungsdirektor Dr. von Müller und Rat Meixner, die Bürgermeister Dr. von Erhardt und Dr. von Widenmayer mit den Räten Sickenberger, Schrott, Hergl, Hemmeter, Schreibmayer, Oberbaurat Zenetti, die Gemeindebevollmächtigten Ritter von Schultes, Neuner, Böhm, Buchner und Heldenberg, Stadtarchivar Ernst von Destouches, der Baumeister der Synagoge Albert Schmidt, Landgerichtsrat Epstein, mehrere Vertrete
r der Presse, welchen der vierte Stuhl reserviert war.     
Muenchen AZJ 29091887a2.jpg (213897 Byte)Ein solenner Marsch mit Posaunen und Pauken leitete die Festlichkeit ein, worauf der Einzug der zwölf in prachtvollen Geräten aus Gold und Silber aufbewahrten Torarollen erfolgte. Kantor Kirchner, Rabbiner Dr. Perles und zehn Angehörige der israelitischen Kultusverwaltung trugen im linken Arm diese oben mit Klingeln versehenen Geräte um die Synagoge herum, deren Portale hierbei geöffnet wurden, während vom Chore der 26. Vers des Psalmes 118: ‚Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn’ erklang. Beim Anzünden der ewigen Lampe, welche bedeutet den göttlichen Funken in der Menschenbrust, sprach Dr. Perles den Weihetext hebräisch. Herrlicher Gesang begleitete die Eröffnung der heiligen Lade, welche sich vorne im Mittelpunkt unter romanischen Rundbogenverzierungen befindet. Abermals erfolgte ein Umzug mit den Torarollen unter erhebenden Gesängen, wobei namentlich Kantor Kirchners Soloweisen allgemein bewundert wurden. Als die Torarollen in der heiligen Lade verschlossen und deren Türe mit einer reich in Gold gestickten Samtverkleidung verhüllt wurde, ertönte der Psalm: ‚Wie lieblich sind deine Wohnungen, ewiger Zebaoth!’ Anknüpfend an diesen Psalmvers hielt Rabbiner Dr. Perles seine gehaltvolle Festpredigt; die Schönheit des Tempels und die feierliche Gestaltung des Gottesdienstes sei in Israelit uralt und schon im grauen Altertum, in den Zeiten des ersten und zweiten Tempels baute Israel seine Gottesdiensträume im Bunde mit der Kunst. Es kam eine Zeit, dass Israel seinen Gottesdienst dem Tageslichte entziehen musste, aber jetzt danke er Gott, dass in geordneten gesicherten Zuständen die gottesdienstlichen Räume wieder mit Pracht und Kunst ausgestattet werden können. Die Geschichte der Münchener Synagoge ist alt und reicht bis 1285 zurück, allwo das erste israelitische Bethaus entstand, um den finsteren Anschauungen einer nun Gottlob überwundenen Zeit samt der gesamten Gemeinde zum Opfer zu fallen. Mit besseren Zeiten kamen bessere Elemente und unter Bayerns Königen ward die alte Synagoge erbaut, aber schon nach etlichen  Jahrzehnten drängte das immerwährende Wachsen der Gemeinde zu einem Neubau, zu welchem vor 4 ½ Jahren der Grundstein gelegt wurde. Sie ist das Werk eines hochbegabten Meisters und alles kündet in diesem Haus die Ehre des Herrn. Die Synagoge reiht sich Münchens Kunststätten würdigst an. Jede Parteiung, jeder Fanatismus möge weichen und beim Umzug von der alten Synagoge in die neue möge ein Jeder als die schönste Weihe des Hauses den Frieden mit hinübernehmen!    
Muenchen AZJ 29091887b.jpg (37585 Byte)An die Predigt reihte sich das Weihegebet mit Segen, wobei der Rabbiner in erhebenden Worten für Bayerns König, für das teure Haupt des Prinz-Regenten, für die Minister, für die Verhandlungen der Kammern, für das gesamte Bayernland und besonders für die Stadt München, für seine Behörden und Bürger, für die israelitische Gemeinde und deren Verwaltung um den Schutz und Segen des Himmels bat. – Nun erklang mit Orgel, Posaunen und Pauken der Psalm 150 ‚Halleluja! Lobet Gott in seinem Heiligtum’ und diese großartige Komposition war der Schluss der für alle Teilnehmer denkwürdigen Feier der Einweihung der neuen Synagoge in München."   
 
Muenchen Bayr GZ 01101929.jpg (53106 Byte)Die in den folgenden Jahrzehnten ‚Hauptsynagoge’ genannte Synagoge in der Herzog-Max-Straße war das religiöse Zentrum der "Israelitischen Kultusgemeinde München" bis zu ihrer Zerstörung in der NS-Zeit. Für die gewöhnlichen Gottesdienste der Gemeinde reichte sie aus, allerdings musste an den hohen Feiertagen im Herbst Filialgottesdienste eingerichtet werden. In den 1920er-Jahren fanden diese im großen Saal der Tonhalle (Türkenstraße 5) statt (siehe links: Bekanntmachung in der ‚Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung vom 1. Oktober 1929)  
   

   
   
Fotos / Abbildungen der Synagoge von 1887     

Die nach den Plänen von Albert Schmidt erbaute Hauptsynagoge
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Außenansicht Innenansicht: 
Blick zum Toraschrein  
Innenansicht: 
Blick zur Orgelempore
  
       
Folgende Bilder: Die Münchner Synagoge von 1887 - in Verbindung mit dem Künstlerhaus
 bis 1933 eines der beliebtesten Ansichtskartenmotive der Stadt:
  
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Das 50-jährige Jubiläum der Hauptsynagoge 1937 

Muenchen Bayr 15091937 I.jpg (183164 Byte)1937 konnte die jüdische Gemeinde das 50-jährige Jubiläum der Synagoge feiern. Im "Jüdischen Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern" erschien am 15. September 1937 folgender Bericht: "Die Feier zum 50jährigen Bestehen der Münchner Hauptsynagoge. Als Rabbinat und Vorstand der Gemeinde beschlossen, den 50jährigen Einweihungsgedenktag nicht ohne jedes Erinnern vorübergehen zu lassen, waren sie von dem Gedanken geleitet, dass diese 50 Jahre nicht nur zu zählen, sondern auch zu wägen seien. Dass der verflossene Halbjahrhundert seit der Einweihung des Gotteshauses in der Herzog-Max-Straße eine Epoche besonderer Art und ungewöhnlicher geschichtlicher Wandlungen war, daran sollte die Weihestunde vor Beginn des Rosch-haschono-Festes erinnern.
Gedanken dieser Art gaben den Grundton der Rückschau, die Herr Rabbiner Dr. Leo Baerwald in seiner Festpredigt anstellte. Er gedachte eingangs der selbstlosen Männer, deren Hingabe das Werden des eindrucksvollen Baues ermöglichten und neigte sich besonders vor der verehrungswürdigen Gestalt Emanuel Kirschners, der schon 1887 als Schliach-zibbur die Wünsche der Gemeinde emporgetragen hat. Eine 50-Jahr-Feier habe in der Denkwelt des Juden ihre Berichtigung. Der Redner erinnerte an das biblische Gebot des Jobel-Jahres, das auch nach 50 Jahren zum frommen Innehalten und Gedenken mahnte. Eine Rückschau auf die letzten 50 Jahre, die nicht selten allzu hart abgelehnt werden, müsse uns zur Gerechtigkeit führen: wäre der heilige Funken nicht in Zeiten der Ruhe gehegt worden, er hätte in unseren Tagen nicht wieder zur starken Flamme entfacht werden können. Die Beziehung der jüdischen Familie zum Gotteshaus sei von Ursprung an ungewöhnlich innig: alle festlichen Augenblicke des Lebens finden hier Weihe und Erhöhung. So werden in dieser Jubiläumsstunde Ungezählte in aller Welt, die von diesem Bau stärkste Eindrücke mit auf ihren Lebensweg empfingen, sich uns verbunden fühlen, wie wir uns mit ihnen eins wissen. Eine Gemeinde, die weit über diese Stadt hinauswuchs und in aller Herren Länder ihre Glieder hat, wird zusammengeschweißt, durch das, was in diesem Tempel gegeben wurde. Wenn Rabbiner Perles im Jahre 5648 in seiner Weihe-Predigt dem Herrn danken durfte für den Aufstieg der Gemeinde in den jüngsten Jahren und für die Gnade, mit der er uns bis zu diesem Tag erhielt, dann werden wir heute in Gläubigkeit und Demut dieses Dankesgebet wieder aufnehmen, auch wenn in unserer Zeit der Kreis der Gemeinde kleiner und bedrückter geworden ist als vor einem Halbjahrhundert.
 
Muenchen Bayr 15091937 II.jpg (269179 Byte)Nach dem Vortrag von Lewandowskys ‚Heil dem Menschen’... ergriff der Vorsitzende der Gemeinde zu folgender Ansprache das Wort:
Liebe Mitglieder der Gemeinde! An diesem Tage der Erinnerung sei es gestattet, auch einem menschlichen Erinnern Raum zu geben. 50 Jahre steht dieses Gotteshaus. Eine kurze Zeit für einen monumentalen Bau und doch eine lange Zeit nach dem, was sich zugetragen.
Als dieses Haus errichtet wurde, war ich Zeuge der Begeisterung und Liebe, mit der die Gemeinde das Werk begleitete. Ansehnliche Spenden förderten die innere Ausstattung. Ich lerne den Architekten kennen, Professor Albert Schmidt, einen der führenden Künstler seiner Zeit, der mit unendlicher Liebe sich der ihm gestellten Aufgabe unterzog. Motive vom Dom in Trient sollen für den Oron Kodesch maßgebend gewesen sein. Der Vorstand der Gemeinde, Hermann Müller stand mir persönlich sehr nahe. Der Mann aber, dessen Geist hier waltete, Rabbiner Dr. Joseph Perles, mein hochverehrter und geliebter Lehrer, erfüllte diesen Raum mit seiner vornehmen, menschenfreundlichen, schlichten, gütigen Art, mit seinem umfassenden Wissen, mit seiner in die Tiefe dringenden und die Zeiten beherrschenden Persönlichkeit. Vorbeter war unser allverehrter Meister Kirschner und den Chor leitete Heinrich Frei, dessen Andenken lieb und vertraut heute noch durch die Zeiten zu uns klingt.
Der Übergang von der alten in die neue Synagoge war ein Weg der ‚Kraft in die Kraft’, wie Dr. Perles in seiner Festpredigt ihn bezeichnete. Der Weg führte in ruhiger Entwicklung aufwärts in einer blühenden, mit den bürgerlichen Gemeinwesen und dem Staate eng verbunden, allen edlen kulturellen Bestrebungen zugewendeten Gemeinde.
Es war kaum mehr als die Hälfte der Zeit seit Errichtung des Gotteshauses vergangen, als die Schrecken des Krieges die Völker erfassten und die dramatischen Geschehen einander ablösten bis zum heutigen Tage. Unsere jungen Männer zogen ins Feld und taten ihre Pflicht bis zum äußersten. Es war aber kein Krieg wie frühere Kriege, die das Wesen des Volkes unberührt ließen. Er leitete einen Umbruch der Zeiten ein und schwer lastet diese Wandlung auf unserer Gemeinschaft. Gegenüber solchen elementaren Ereignissen, die in der Geschichte des jüdischen Volkes nicht selten gewesen sind, ziemt es sich die Dinge klar und ohne Erbitterung zu sehen und das Schicksal zu tragen, sich in die Wege der Vorsehung zu fügen und sich nicht mit unserer schwachen Kraft dagegenzustemmen. Große Lücken sind gerissen in unsere Familien, in unsere Wirtschaft. Die Jugend verlässt das Land und es besteht die Gefahr, dass unsere Gemeinschaft im alten Lande erlahmt und verfällt. Hier müssen wir einsetzen und alles tun, uns wechselseitig zu stützen und unsere Einrichtungen soweit irgend möglich zu erhalten. Das höchste aber, was wir leisten müssen, ist, dass wir geistig und seelisch nicht verkümmern. Wenn wir dies erreichen werden wir auch durch die Stürme der Zeit gehen. Gotteshaus, Schule und Lehrhaus sollen viel mehr, als es in diesen 50 Jahren geschehen, die vornehmlichsten Stätten sein, in denen unsere geistige und seelische Kraft immer wieder erneuert wird. Tätige Hilfe wollen wir leisten zum Aufbau des Landes der Väter. Wir bitten Sie, meine Verehrten, und die, welche hier nicht weilen, dass Sie sich der Gemeinde aufs engste verbunden fühlen. Ihre Sorge, Ihre Freude und Ihr Leid sollen die unseren sein. Es gilt für uns nicht eine bloße Verwaltung zu führen, wie sie in ruhigen Zeiten geführt werden kann, es tut Not, den innigsten Zusammenhang zu wahren. Die Gemeinde kann nur bestehen, wenn sie von dem Interesse und dem Einsatz aller Kräfte, der geistigen und der wirtschaftlichen, ihrer Mitglieder getragen wird. Alles was mit ihr zusammenhängt wird zu Ihrer unmittelbarsten und nächsten Angelegenheit. Wir wollen den Zusammenhang pflegen mit denen, die uns verlassen mussten, und mit denen, die den Bestand der Gemeinde hier weiter verbürgen.
Sie fragen mich, wie sollen wir uns denn verhalten, dass wir seelisch bestehen können in dieser Zeit. Es ist nicht eben leicht darauf zu antworten und doch darf ich sagen: Versuchen Sie, unter Zurückdrängung alles persönlichen Leids, etwas Entfernung von den äußeren Geschehnissen zu erlangen. Sie werden die Dinge dann mehr übersehen und besser ordnen können. Sie werden aber auch die geistige Einstellung gewinnen, die uns allein befähigt. gegenüber dem elementaren Ablauf der Zeit standzuhalten. Sie gewinnen die Ehrfurcht vor dem Geschehen der Welt und die Einordnung in dieses Geschehen.
Wir erfahren morgen im Mussafgebet die gewaltige Schau des göttlichen Gerichts:
Uveschoior godol jitokah, die Weltposaune ertönt,
Vesiftach es sefer hasichronos, Du schlägst das Buch der Erinnerung auf.
Umeeloi jikore, von selber liest es sich.
Vechosom jad kol odom ho, und die Handschrift eines jeden Menschen steht darin.
Möge auch die Handschrift unserer Gemeinde in dem Buche der Geschichte ihren Bestand haben und möge dieses Gotteshaus eine Gemeinde in sich vereinigen, die aufrecht durch die Zeiten schreitet. In höchster Erfüllung ihrer Pflicht und getragen von der Gnade des Ewigen! 
   
Die musikalische Umrahmung (Einleitung: Lewandowskys ‚Wie lieblich sind...’ und Abschluss: Kirschners Vertonung des 150. Psalms) entsprach der, die vor 50 Jahren erklang. In ihrer einfachsten und festlichen Wiedergabe, bei der Chor und Kantor ihr Bestes gaben, entsprach sie der Würde, die der gesamten Erinnerungsstunde ihr Gepräge gab."
 
   
Anmerkung: In obigem Artikel und an anderer Stelle dieser Seite wird mehrfach der Name des Kantors Emmanuel Kirscher genannt. Er war der bedeutendste Kantor Münchens und hat sowohl bei der Einweihung der Synagoge 1887 wie beim 50jährigen Jubiläum vorgesungen. Schließlich hat er am Vorabend der Zerstörung 1938 beim Abschiedsgottesdienst noch als Kantor mitgewirkt

   
   
   
Die 1892 eingeweihte orthodoxe Synagoge des Vereins "Ohel Jakob"    

   
Auch in München gab es im Zusammenhang mit den Neuerungen im Bereich des Gottesdienstes in der Hauptsynagoge (Orgel, gemischter Chor, neues Gebetbuch 1876 usw.) Spannungen zwischen den liberalen Reformern und der orthodox geprägten, toratreuen Mitgliedern der Gemeinde. Letztere gründeten 1873 den Verein "Ohel Jakob" und trafen sich fortan in einem eigenen Betsaal in der Kanalstraße 29 (der späteren Herzog-Rudolf-Straße). Es kam trotz dieses separaten Gottesdienstes nicht zu einer Spaltung der Gemeinde. Die Kultusgemeinde erhob keinen Einspruch bei den Behörden gegen die Aktivitäten des Vereines. wenngleich sie den orthodoxen Separatgottesdienst im Grunde missbilligte. 1887 bemühte sich der Verein Ohel Jakob nach Einweihung der neuen Hauptsynagoge darum, die alte Synagoge an der Westenrieder Straße von der Kultusgemeinde mieten zu können. Die Kultusgemeinde wollte freilich das Synagogengrundstück an der Westenrieder Straße aus finanziellen Gründen verkaufen. Die Übernahme der alten Synagoge durch den Verein "Okel Jakob" kam nicht zustande, 1889 wurde das Gebäude abgebrochen.  

Muenchen Israelit 28031892.JPG (226550 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. März 1892: "München, 16. März. Die religiösen Gegensätze, welche im Laufe der letzten dreißig Jahre fast in allen jüdischen Gemeinden Deutschlands bald in schärferer, bald in milderer Form zum Durchbruch gelangten, haben auch in der hiesigen Kultusgemeinde schließlich dazu geführt, dass sich neben der allmählich immer mehr einer reformistischen Richtung zugewandten Haupt-Synagoge kleine Nebensynagogen bildeten, die den Bedürfnissen einer der gesetzestreuen Richtung treu bleibenden Minorität Rechnung zu tragen suchten. Schon im Jahre 1873 war unter dem Namen Ohel Jacob in der Kanalstraße ein den damaligen Verhältnissen entsprechender Betsaal errichtet worden. In Folge des natürlichen Zuwachses der Gemeinde war derselbe in den letzten Jahren zu klein geworden. Nach langen Mühen und unter großen, nur von Wenigen getragenen Opfern ist es endlich gelungen, ein neues, den Forderungen der Neuzeit entsprechendes Bethaus zu erbauen, das am 25. dieses Monats eingeweiht werden soll. Nach den einschlägigen bayerischen Gesetzen ist bekanntlich die Bildung von Sondergemeinden unzulässig. Es war daher eine außerordentlich schwierige Auggabe, ohne Verletzung dieser Gesetze und Störung des heutzutage angesichts der leider auch bei uns nicht spurlos verlaufenden antisemitischen Bewegung besonders wünschenswerten Friedens unter unseren Glaubensgenossen innerhalb der Gemeinde das nunmehr glücklich erreichte Ziel zu erstreben. Schon vor drei Jahren wurde im Einklang mit der vorgesetzten Behörde ein Reglement für die Abhaltung privater Gottesdienste am hiesigen Platze vereinbart. Dieses Reglement wurde von den Vorständen der beiden hier bestehenden Privatsynagogen getreu befolgt. Erst mit dem Neubau in der Kanalstraße tauchten neue Schwierigkeiten auf. Die loyale Behandlung der Angelegenheit seitens aller Beteiligten hat aber auch diese glücklich überwunden und so können die bisherigen Besucher des Betsaales Ohel Jakob in froher Stimmung und Zuversicht den Einzug in ihr neues Haus halten. Dasselbe wurde in geringer Entfernung von dem alten Betsaale, der nur gemietet war, auf dem Grund und Boden des zur Förderung jüdischer Wissenschaft gegründeten, gerichtlich anerkannten Vereines, der gleichzeitig die Leitung des Bethauses übernahm, nach den Plänen des hier besonders beliebten, talentvollen Architekten Herrn August Exter im romanischen Stil erbaut. Die einfache, nach Osten gelegene Front ist durch eine über dem Chor angebrachte große, mit farbigen Gläsern geschlossene Rosette und kleine, geschmackvolle Säulen geziert. Die beiden Haupteingänge liegen an der Südseite des nach Westen hin sich lang erstreckenden Gebäudes. In den unteren Männerraum gelangt man durch eine Vorhalle, von welcher zwei Türen in die durch Steinsäulen gebildeten Seitenschiffe führen, über welchen die geräumige Frauengalerie liegt. Der alten Sitte entsprechend ist der Almemor in der Mitte des Gebäudes gerade unter der reichlich Licht spendenden Kuppel angebracht; das Innere macht im Ganzen einen freundlichen, wohltuenden Eindruck und wird trotz der bescheidenen Dimensionen wenigstens für eine Generation ausreichen. Mögen die Gesetzestreuen unserer Stadt in ihrem neuen Gotteshause stets eine Et Razon (Zeit des Wohlgefallens) finden."   .
  
Muenchen Israelit 31031892an.JPG (230549 Byte)Aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. März 1892: "München, 27. März (1892). Ein Ereignis, das eine neue Ära in der Geschichte der hiesigen Kultusgemeinde inauguriert, hat letzten Freitagabend, 25. dieses Monats hier stattgefunden. Seit fast 20 Jahren hatten die Anhänger des gesetzestreuen Judentums dahier einen Separatgottesdienst unterhalten, nachdem sie sich mit den, Anfangs der 1870er-Jahre in der Hauptsynagoge eingeführten Reformen nicht befreunden konnten, zwar in einem Betsaal, der längst nicht mehr der immer wachsenden Anzahl der Besucher genügen konnte. Die geradezu beispiellose Opferfreudigkeit weniger Familien hat nun in nächster Nähe des alten ein herrliches neues Gotteshaus, würdig der Kunstmetropole München, entstehen lassen, das letzten Freitag seiner Bestimmung übergeben wurde. Die Feier begann mit einem Abschiedsgottesdienste im alten Betsaale, woselbst nach Verrichtung des Mincha-Gebetes der Lehrer des Vereins zur Förderung jüdischer Wissenschaft, (welch Letzterer die Leitung der neuen Synagoge übernommen), der als jüdischer Gelehrter rühmlichst bekannte Herr Dr. H. Ehrentreu eine die Anwesenden aufs Tiefste ergreifende Ansprache hielt. Ausgehend von dem Bibelverse (Psalm 118, 5): 'Aus der Enge rief ich G"tt, mich erhörte im Geräumigen G"tt' entwickelte Redner die Gedanken, die uns beim Verlassen des alten Gebäudes bewegten und die Vorsätze, die uns beim Betreten des neuen leiten sollten. Tiefe Rührung ging durch den Saal, als Redner der großen Toten gedachte, welche in diesen Räumen einstens betend waren in der Gemeinde und es bedurfte nicht der Erwähnung der Namen eines Josef Wolfsheimer, Abraham Merzbacher, Raphael Rabbinowitz, J.L. Feuchtwanger seligen Angedenkens, um in den andächtig Lauschenden das Gefühl zu erwecken, dass die Schüler respektive Söhne solcher Männer eine besondere Verpflichtung tragen, weiter in deren Sinn zu leben, zu arbeiten und zu wirken. Nach Schluss des Abschiedsgottesdienstes begaben sich die Mitglieder in die im hellsten Lichterstrahl ergänzende neue Vereinssynagoge, woselbst sich inzwischen auch der Herr Rabbiner und der gesamte Ausschuss unserer Kultusgemeinde mit zahlreich Geladenen eingefunden hatte. Als die letzten drei Torarollen in die heilige Lade verbracht wurden, durchbrauste das Ma Towu Eloheicha Jaakow des Chores die herrlichen Räume, ein Moment von wunderbar weihevoller Stimmung! Hierauf nahm Herr Rabbiner Dr. Perles den Weiheakt durch Anzünden des Ner Tamid (ewiges Licht) vor und hielt daran anschließend eine formvollendete Ansprache. Auf den Inhalt der verschiedenen Reden kann erst eingegangen werden, wenn dieselben im Drucke vorliegen. Hier sei nur hervorgehoben, dass Redner besonders die Angehörigkeit der Vereinsmitglieder zur Gesamtgemeinde betonte, ihren Bestrebungen und ihrer Opferwilligkeit innerhalb des Vereins wie der Gesamtgemeinde rückhaltslose Anerkennung zollte und mit dem Wunsche schloss, dass die heutige Feier zur weiteren Festigung des Friedens innerhalb der Gemeinde beitragen möge. Sodann bestieg Herr Dr. Ehrentreu, der mit Genehmigung des Herrn  Rabbiners die eigentliche Festrede hielt, die Kanzel. Aus seinen Worten, die begeistern wirkten     
Muenchen Israelit 31031892bn.jpg (85242 Byte) und auf jeden der Zuhörer ohne Unterschied der Parteistellung den ergreifendsten nachhaltigsten Eindruck hervorbrachten - verrieten sie doch in gleicher Weise das immense jüdische Wissen, den Reichtum der Gedanken, die Innigkeit des Empfindens - sei vorläufig nur hervorgehoben, dass Redner die Inschrift, welche unser Beit Hakenesset (Synagoge) schmückt: Hier ist nichts anderes als Gottes Haus  in geistvollster Weise dahin deutete, dass dieses Haus nichts anderes als ein Gotteshaus sei, nicht zum Menschentrutz, nicht zum Kampf und Parteihader, sondern lediglich zur Ehre Gottes errichtet sei. Daran anknüpfend gab Redner der Dankbarkeit des Vereins gegen den Herrn Rabbiner und die Kultusgemeinde für ihre Teilnahme am Festakte wärmsten Ausdruck und schloss mit dem Gebete auf König, Staat und Gemeinde. 
Die glanzvolle Einweihung der neuen Synagoge und der weihevolle Gottesdienst, der in der würdigen Umrahmung solch schöner Räume abgehalten werden kann, ist wohl der schönste Lohn für die IOpferfreudigkeit und das unermüdliche Streben, Kämpfen und Ringen der Wenigen, die heute mit berechtigtem Stolz auf ihr herrlich gelungenes WErk sehen können."       

   
   
Fotos der orthodoxen Synagoge    

Muenchen Synagoge 072.jpg (41428 Byte) Muenchen Synagoge 066.jpg (109056 Byte)  
Außen- und Innenansicht der Synagoge "Ohel Jacob"   
   

   
   
Der 1901 eingeweihte Betsaal an der Herzog-Max-Straße     
   
Über die Einweihung dieses Betsaales liegt ein Bericht vor:  
   
Einweihung des neuen Betsaales an der Herzog-Max-Straße (1901)       

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Dezember 1901: "München, 1. Dezember (1901). Unter großer Beteiligung von Mitgliedern der hiesigen Synagogengemeinde fand am 24. November, nachmittags, die Einweihung des neuen Betsaales an der Herzig-Max-Straße statt; die Mitglieder der Kultusverwaltung hatten sich fast vollzählig eingefunden. Der neue Betsaal dient während des Winters für die Morgen- und Abendgottesdienste, sowie für die hohen Festtage, an denen die Synagoge sich als räumlich ungenügend erwies, weshalb schon in diesem Jahre in einem gemieteten Saale ein Filialgottesdienst während der hohen Festtage abgehalten werden musste. Herr Dr. Werner vollzog der feierlichen Akt mit einer gedankenreichen, eindrucksvollen Ansprache. Das von Herrn Oberkantor Kirschner vorgetragene Maariw-Gebet beschloss die Feier."        

     
     
    
 
Die ostjüdischen Bethäuser und die Planung einer neuen ostjüdischen Synagoge um 1930  

Seit der Zuwanderung von ostjüdischen Familien Ende des 19. Jahrhunderts gab es in München auch Betstuben der insbesondere auf Grund dortiger Pogrome aus Polen, Russland usw. zugewanderten Juden. Die Zahl dieser Ostjuden stieg bis Ende der 1920er-Jahre auf etwa 2.000 Personen in der Stadt. Sie trafen sich zu Gottesdiensten in mehreren über die Stadt verstreuten Betstuben und kleineren Synagogen. 

Muenchen Bayr GZ 01101929ab.JPG (198848 Byte)Ende der 1920er-Jahre beschäftigten sich Vorstand und Gemeindevertretung der Israelitischen Kultusgemeinde mit der Frage des Baus einer ostjüdischen Synagoge. Die wirtschaftliche sehr schwierige Situation dieser Zeit war für ein solches Projekt freilich wenig günstig. In der Sitzung des Vorstandes und der Gemeindevertretung am 19. September 1929 fand der Antrag auf weitgehende Finanzierung einer neuen ostjüdischen Synagoge durch die Israelitische Kultusgemeinde noch keine Zustimmung. Im Protokoll der damaligen Sitzung wurde festgehalten (Artikel in der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung vom 1. Oktober 1929): ‚Errichtung einer ostjüdischen Synagoge. Herr Horn vertrat das Verlangen der ostjüdischen Kreise mit großer Wärme. Eine Kegelbahn bilde seit Jahren das größte Gotteshaus der Ostjuden in München. Kaum 300 Leute würde diese fassen. Es gäbe aber 2.000 Ostjuden in München. Die Ostjuden hätten ein Haus im Werte von RM 150.000.- im Besitz, das mit RM 100.000.- verkauft werden könne. RM 50.000.- würden die Ostjuden selbst aufbringen, damit habe man einen großen Teil der für den Bau einer Synagoge erforderlichen Mittel in der Hand. Rechtsanwalt Dr. Werner erklärte das allgemeine Einverständnis der liberalen Fraktion. Eine Synagoge sei nötig. Aber der Vorschlag sei nicht annehmbar. Die Rechnung, die Herr Horn aufgestellt habe, sei nicht richtig. Der Hausverkauf würde höchstens einen Barerlös von RM 60.000.- bringen und die Gemeinde müsste RM 300.000.- zum Bau der Synagoge zusteuern. Das sei aber unmöglich.
Herr Grünbaum schilderte die unwürdigen Zustände in den Bethäusern und hob die Notwendigkeit der Schaffung einer ostjüdischen Synagoge hervor. Justizrat Dr. Feuchtwanger würdigte das Vorbringen der Ostjuden im Namen seiner Fraktion. Die Notwendigkeit Abhilfe zu schaffen, sei unbedingt anzuerkennen. Aber nach den Vorschlägen der Ostjuden sei nicht abzuhelfen. Mann könne aber auf diesen Vorschlägen aufbauen. Er beantragte die Sache dem Bauausschuss zur weiteren Vorbereitung zu übergeben.
Dr. Wilmersdörfer erklärt, der erste Wille sämtlicher Gemeindemitglieder zu helfen, sei sicher, aber ebenso sicher sei, dass der Antrag zur Zeit nicht durchführbar sei. Herr Lichtenauer stellte dann folgende Anträge:
1. Die Kultusgemeinde erkennt die Verpflichtung an für die Errichtung einer ostjüdischen Synagoge Sorge zu tragen.
2. Es wird zu diesem Zwecke ein Betrag von vorerst RM 50.000.- bewilligt.
Herr Rechtsanwalt Dr. Werner erklärte, dass gegen Antrag 1 des Herrn Lichtenauer geschäftsordnungsmäßige Bedenken bestünden. Hieran schloss sich eine längere Geschäftsordnungsdebatte, bei der Rechtsanwalt Dr. Siegel erklärte, man dürfe nicht einer Entscheidung aus dem Wege gehen. Wenn man auch die verlangten 300.000.- nicht bewilligen könne, so könne man doch zu Antrag 1 Stellung nehmen.
Rechtsanwalt Dr. Werner ersuchte dann nochmals Antrag 1 geschäftsordnungsmäßig nicht zuzulassen. Infolge nicht genügender Information sei er und seiner Freunde nicht in der Lage, die Notwendigkeit eines besonderen ostjüdischen Ritus anzuerkennen.
Die Weiterbehandlung des Antrags 1 wurde dann geschäftsordnungsmäßig mit 11:8 Stimmen abgelehnt. Nach einer weiteren Debatte wurde dann über die übrigen Anträge abgestimmt mit dem Ergebnis, dass der Antrag des Herrn Horn, RM 300.000.- für den Bau einer Synagoge zu bewilligen, abgelehnt wurde. Ebenso erging es dem Antrag des Herrn Lichtenauer RM 50.000.- für einen Synagogenbaufonds zur Verfügung zu stellen. Angenommen wurde ein Antrag der liberalen Fraktion, der den ostjüdischen Vereinen nahe legt, zu versuchen, ein Projekt auszuarbeiten, dass durch Mietung von Räumen vorerst ihre Raumnot behoben werde. Die Gemeinde werde dabei mit den nötigen Mitteln helfend eingreifen. Nach kurzer Debatte nahm der Vorstand einen Antrag des Herrn Oberstlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer an, der dahin geht, dass sich die Mitglieder des Vorstandes persönlich von den Verhältnissen in den ostjüdischen Bethäusern überzeugen sollten und Vorschläge zur Abhilfe machen möchten.  "
    
  
Trotz dieser zunächst ungünstigen Beschlüsse kam es 1930/31 zum Bau einer ostjüdischen Synagoge:   

   
Die Einweihung der neuen ostjüdischen Synagoge am 5. September 1931    

Über ihren Bau und ihre Einweihung am 5. September 1931 war in der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeit am 15. September 1931 zu lesen: "Einweihungsfeier der neuen Synagoge in München. Am Samstag, den 5. September wurde die neue Synagoge der ostjüdischen Betsaalvereine Linath-Hazedek und Agudath-Achim in München an der Reichenbachstraße in einem feierlichen Akt, an dem die gesamte jüdische Gemeinde München ohne Unterschiede der Richtungen teilnahm, ihrer Bestimmung übergeben. Über das Wesen und Werden der ostjüdischen Gemeinschaft in München, namentlich über die verschiede neu religiösen kulturellen und karitativen Vereine der Münchener Ostjuden gibt in der letzten Nummer des ‚Jüdischen Echo’ Dr. Emanuel Horn einen Überblick. Hier werden auch die Gründe erörtert, die zur Erhaltung der Münchener Ostjuden als einer besonderen, für das Judentum wertvollen, kulturell eindeutig bestimmten Gesellschaftsschicht führten. Eine echte Soziologie der Münchener Ostjuden wäre noch zu schreiben.
Die Einweihungsfeier erhielt ihr denkwürdiges Gepräge durch die einmütige Teilnahme aus allen Kreisen der Münchener Juden und nahm in allen Teilen einen würdigen, wohlgelungenen Berlauf. Nach der Übergabe der Synagoge durch den Vorsitzenden des Bauausschusses, Herrn Samuel Knoblauch, nahm Herr Kornhauser als Vorsitzender der vereinigten Betvereine das Wort und dankte der Münchener Kultusgemeinde, den Stiftern und dem Künstler, die zum Gelingen des Werkes beigetragen haben, in bewegten Worten. Unter dem Chor-Gesang ma-towu und waj’hi bin’soa wurden sodann in feierlichem Zug die Tora-Rollen hereingetragen. 
Die folgenden Weihereden der Herren Rabbiner hinterließen bei der Versammlung einen nachhaltigen und tiefen Eindruck. Zuerst bestieg Seiner Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Ehrentreu die Kanzel und sprach den Segen über das gelungene Werk. Den Mittelpunkt seiner Ansprache bildete die Deutung von drei Ereignissen aus der biblischen Geschichte: Der Altarbau der zweieinhalb Stämme am Jordan, die Entrüstung der westjordanischen Stämme über den vermeintlichen Frevel der abgesonderten Kultstätte gegenüber Pinchas ben-Eleasar-hakohen (Josua 22,12ff), ferner das Wort des Königs David an den Propheten Nathan (2. Samuel 7,2): ‚Ich wohne in einem Zedernpalast und die Lade Gottes weilt hinter einem Tuchzelt’, endlich der Wiederaufbau der Gotteshäuser in der Verbannung aus der Asche und den Trümmern des zerstörten Tempels. – Herr Rabbiner Wiesner knüpfte seine Glück- und Segenswünsche an eine Erklärung der verschiedenen einander ergänzenden Auffassungen unserer Weisen über die Grundelemente der jüdischen Lehre. Herr Rabbiner Dr. Baerwald sprach in andächtigen, die Zuhörer tief ergreifenden Worten den Dank für das wohlgelungene Werk der Eintracht und erbat vom Himmel den Segen für das neue Gotteshaus und seine Beter.
Nach den Ansprachen der Herren Rabbiner ergriff Herr Oberstlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer das Wort zu folgender Rede:
’Sehr verehrte Festversammlung! Ich bringe Ihnen die Glückwünsche der Kultusgemeinde München und des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden, der öffentlich rechtlichen Vertretung des Landes. Es ist ein erhebendes Schauspiel, das sich vor unseren Augen hier auftut. In einer Zeit, in der wirtschaftliche Not die Aufgaben kultureller Art zurückdrängt, ersteht ein Gotteshaus meisterlicher Art, geschaffen durch die Hingabe und die Opferwilligkeit eines kleinen Kreises von Glaubensgenossen. Es gibt ein eindrucksvolles Wort von Maimonides in ‚Mischne tora’, worin auf Grund talmudischer Quellen die Pflicht für alle Inwohner einer Stadt festgesetzt wird, eine Stadtmauer aufzurichten und eine Synagoge zu erbauen und die nötigen Torarollen und anderen heiligen Schriften anzuschaffen, dass jeder, der lesen will, sie auch lesen kann.
Hier wird für alle Inwohner einer Stadt diese Pflicht festgestellt als Grundlage jüdischer Gemeinschaft. In unserem Falle aber hat ein kleiner Ausschnitt aus einer großen Gemeinde dieses Werk vollbracht aus eigener Kraft.

Ein helles Licht wirft diese gemeinnützige Tat in unsere so materiell veranlagte Zeit. Über den Rahmen unserer Gemeine und der Gemeinden des Landes hinaus wohnt ihr eine große bildhafte Bedeutung bei. Denn diese Tat zeigt die Lebenskraft unserer jüdischen Gemeinschaft, sie zeigt den siegreichen jüdischen Gedanken, der über alle Hindernisse des Tages hinweg seine Verwirklichung findet und fähig ist, seine weltgeschichtliche Bedeutung weiter zu erfüllen. Darum danke ich im Namen der jüdischen Gemeinschaft für diese hochherzige Tat.
Das Werk lohnt den Meister. Unser Dank gebührt dem Architekten, der das Haus geschaffen, dem als echten Künstler der Geist der Dinge Antwort gegeben, der den religiösen Gedanken in so ergreifender und uns so tief berührender Weise verwirklicht hat. Es ist uns der bürgerlichen Gemeinde München auch eine Genugtuung, dass es in dieser schweren Zeit möglich geworden ist, einer großen Reihe von gewerblichen Betrieben und Arbeitern lohnende Beschäftigung zu geben.
Zur besonderen Freude aber gereicht es mir als Vertreter der Kultusgemeinde meine Glückwünsche auszusprechen. Denn das Gotteshaus ist eine Zierde unserer Gemeinde und es ist das sichtbare Zeichen, dass der ostjüdische Bevölkerungsteil sich wohl in unserer Gemeinde fühlt. Es ist das auf Jahre zurückreichende Bestreben unserer Gemeindeverwaltung, dem Frieden nachzugehen, in Eintracht mit allen Teilen der Gemeinde zu leben und dahin zu wirken, dass alle Richtungen und Erscheinungsformen in der Gemeinde, unbeschadet ihrer selbständigen geistigen und religiösen Einstellung, zum Wohle des Ganzen zusammenstehen und seine Interessen fördern. Und dieses unser Bestreben hat das volle Verständnis der hier beteiligten Kreise gefunden und so darf ich in dieser bedeutungsvollen Stunde feststellen, dass die ostjüdischen Bevölkerungskreise in voller Harmonie mit der Gemeinde leben und zu ihrem Teil die wertvollsten Dienste der Gemeinde leisten.
So möchte ich denn unserer Feier die Worte zum Geleit geben: Möge dieses Haus sein eine Stätte echter Andacht und wahrer Gottesfurcht. Möge das Haus Beispiel geben als Denkmal gemeinnütziger Gesinnung und treuester Opferbereitschaft, Möge der Frieden des Herzens und der Welt über diesem Hause schweben für alle Zeit!
Herr Justizrat Dr. Elias Straus ging bei seiner darauffolgenden Ansprache von dem Midrasch zu dem laufenden Tora-Abschnitt ‚atem nizowim’ (5. Buch Moses 29,9) aus: ‚Ihr steht heute alle vor dem Angesicht Gottes, eure Stammhäupter, eure Richter, eure Alten, eure Amtleute.’ Er gab eine Deutung des Begriffes der Agudah echod, der einen Gemeinde, die sich sehr wohl mit den einzelnen geschlossenen Gruppen innerhalb der Gemeinschaft vertrage. Justizrat Straus erinnerte an den seit frühesten Zeiten zu beobachtenden landsmannschaftlichen Zusammenschluss der einzelnen jüdischen Gruppen, z.B. in Amsterdam, Hamburg, Saloniki usw. Diese Gruppierung habe sich von jeher erhalten und spiegele das Golusschickicksal der Judenheit wieder, es widerstreite nicht dem wohlverstandenen Einheitsgedanken. Mit dem Gedanken an die jüdische Vergangenheit habe sich in jedem Augenblick des jüdischen Bewusstseins die große Idee an die jüdische Zukunft verbunden.
Herr Wiesel, von der Vorstandschaft der Betvereine, dankte in herzlichen Worten allen Redner.
Mit dem Chorvortrag von Psalm 30 ‚Schir-chanukkat-habait’ wurde die eigentliche Festordnung beendigt, woran sich das Mussaph-Gebet anschloss.
Die Einweihungsfeier bezeugte in erhebender Weise den Geist, der die Münchener jüdische Gemeinde in ihrer Gesamtheit beseelt – dank der überlegenen, weitschauenden und von jedem Parteigeist fernen Leitung ihrer Führer. Von dieser Feier nahm man die absolute Gewissheit mit, dass dieser Geist der Treue, der einträchtigen und festen Sicherheit die Münchener jüdische Gemeinde über die ausnehmend großen Schwierigkeiten der Gegenwart hinweghelfen wird.
Über die Einzelheiten des Baues entnehmen wir dem ‚Jüdischen Echo’ noch folgende Angaben: Der große Betraum, zu dem man durch eine kleine Vorhalle gelangt, wirkt schon beim Betreten durch die beherrschende Lichtführung. Dem Betrachtet bietet sich sofort ein Überblick über die Männerabteilung, zu der drei Stufen hinabführen, um dem Psalmworte Genüge zu tun: ‚Aus den Tiefen ruf’ ich Dich!’ Der Blick wird gefesselt von der in sattem Gelb strahlenden Marmorverkleidung (aus veronesischem Nembro giallo) der großen Nische, die den Aron-Ha-Kodesch in sich birgt. Der türkisblaue Ton der Wände steht hierzu in einem angenehmen Farbkontrast, der durch die cremefarbene Decke und die gleichgetönte weit hereinragende Brüstung der Frauenempore überbrückt wird. Durch das cremefarbene Opalessenzglas des mächtigen Oberlichts bringt tagsüber gleichmäßige Helle ein, die besonders dem Mittelfeld des Männerraums mit dem Almemor, der Ostnische und den Frauenemporen zugute kommt. An den Abenden sorgen Lichtquellen in Mattglaskugeln und mächtige, auch dekorativ gut wirkende Lichtsäulen für ausreichende Beleuchtung. So wird, unterstützt durch Messingverzierungen am Aron-ha-Kodesch und Almemor, eine goldene Lichtfülle im Raume lagern, die von dem warmen Braun des eigens für diesen Raum vom Architekten entworfenen Gestühls aufgenommen wird.
Einen besonderen Schmuck erhält der Saal durch die in wirksamen zarten Farben gehaltenen Glasfenster, die nach den Entwürfen des Herrn Meyerstein geschaffen und von einigen Damen der Synagoge gestiftet worden sind. In einer geschickten, durchaus unserem Kunstempfinden entsprechenden Art sind in diesen Kunstverglasungen an den fünf Fenstern des Untergeschosses, an vier Durchbrüchen der Westwand der Empore und im Rondo der Ostnische jüdische Symbole zur Darstellung gelangt. So wird in einer unaufdringlichen Weise die Weihe des Orts unterstrichen.
Durch die auf schwarzgrundigem Marmorsockel in pompejinischem Rot leuchtende Vorhalle gelangt man auch in die Werktagssynagoge, die in ihrem hellen auf Gelb, Rot und Grau getonten Farbklang sehr freundlich wirkt.
Die in den Durchgang zum Hof führende Fassade ist mit ihren Blenden, in denen die Fenster sitzen, gut gegliedert und lässt durch ihre helle Tönung die Farbmotive des Innern anklingen. Mit dieser künstlerisch wie technisch vollauf gelungenen Leistung hat Gustav Meyerstein, München um eine beachtliche Synagoge bereichert und seine Eignung gerade auf dem Gebiete des jüdischen Kultbaus erwiesen.
Die dreischiffige Synagoge ist (mit der Nische des Aron-ha-kodesch) 27 Meter lang, 14 Meter breit, die Höhe beträgt 8 Meter. Sie enthält in drei Bankreihen etwa 330 Herrenplätze, auf der Empore in drei Reihen an den Seiten und in sechs Reihen an der Rückwand etwa 220 Frauenplätze. Die Empore ist in einer freiaufliegenden, weitgespannten Eisenbetonrahmenkonstruktion ausgeführt; ihre ganze Last ruht auf nur zwei Säulen. 
Der kleine Betsaal enthält etwa 30 Plätze. Der 300 Quadratmeter große Hof bietet für die Feiertage einen genügend großen, von der Straße und der Einsicht abgeschlossenen Raum; in die Hofrückwand, an der der Kaiblmühlbach vorbeifließt, wurde ein Fenster eingebrochen, damit man von dort aus Taschlich machen kann.
Der neue Betsaal ist gemeinsames Werk einer Reihe von angesehenen Münchener Firmen. Die Gesamtbauleitung hatte Architekt Diplomingenieur Gustav Meyerstein inne, der ja auch die Pläne ausgearbeitet hat; die statischen Berechnungen lieferte Diplomingenieur Dr. Leopold Berger; die Ausführung des Eisenbetonbaus war der Firma Hochbau GmbH (Inhaber Regierungsbaumeister Josef Adler) übertragen. Es wurden ferner geliefert: die Bauschreinerarbeiten von der Firma Michael Nummer, die Bauschlosserarbeiten von der Firma Alois Birner, der Dachstuhl von der Firma Leonhard Moll, die Bedachung von der Firma Münchener Bedachungs- und Blechindustrie, die Glasdächer von der Firma Bayerischer Glasdachbau, Inhaber Fritz Kuby, die Fenstereinfassungen von der Münchener Kunststeinfabrik, der Marmor für die Nische mit dem Aron-ha-Kadesch vom Zwieseler Steingeschäft, die Fliesenarbeiten von der Firma Julius Nassauer, die Asphaltierungen von der Firma Aufschlägers Nachfolger, die Stuckarbeiten von der Firma Ludwig Leichmann, die Glasarbeiten von den Firmen Gebr. Seligmann und Oskar Böhm, die Malerarbeiten von der Firma M. Haller, das Parkett von der Firma E. Holzapfel, die elektrischen Einrichtungen von der Firma Ing. Rosenberg GmbH, die Beleuchtungskörper von der Firma T. Sufrin, Wasser von der Firma Kleofass und Knapp (Geschäftsführer Leo Sänger), die Heizung von der Firma Johannes Hag AG., die Kunstschlosserarbeiten von der Firma Josef Wolf, die Kunstverglasungen von der Firma Hofglasmalerei van Treeck, die Gesamtmöblierung von der Firma M. Ballin. Die Kosten blieben mit 160.000 RM knapp unter dem Voranschlag von 163.000 RM.
   

Die Synagoge der Ostjuden nannte sich offiziell "Synagoge in der Reichenbachstraße 27 des Vereins Linath Hazedek und Agudas Achim e.V." Neben dieser "ostjüdischen Hauptsynagoge" gab es weitere Betsäle der Ostjuden:

Betsaal des Vereins 'Schomre Schabbos e.V.' in der Klenzestraße 34
Betsaal des Vereins 'Machsike Hadas' in der Ickstattstraße 11
Betsaal des Vereins 'Beis Jakob' in der Hans-Sachs-Straße 8  

 
 
Die Zerstörung der Hauptsynagoge im Juni 1938 und die Ereignisse beim Novemberpogrom 1938   
   
Die Hauptsynagoge wurde bereits einige Monate vor dem Novemberpogrom 1938 zerstört. Anfang Juni 1938 fand Adolf Hitler es - nach einem Besuch von München - nicht mehr akzeptierbar, dass die Große Synagoge unmittelbar neben dem Künstlerhaus lag. Er befahl, die Synagoge bis zum 8. Juni 1938, dem "Tag der deutschen Kunst", abreißen zu lassen. An diesem Tag (8. Juni) wurden die Verantwortlichen der jüdischen Gemeinde davon informiert. Bereits am 9. Juni 1938 wurde die Synagoge gesprengt. In der Nacht vom 8. auf den 9. Juni gelang es den Mitgliedern der Gemeinde, Tora-Rollen und Ritualien aus dem Gebäude zu retten. 
  
Schon zuvor war die Orgel der Synagoge herausgenommen und zur Kirche St. Korbinian verbracht worden  Alfred Neumeyer (der damalige Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde München) schrieb in seinen unveröffentlichten Memoiren im Juni 1938: "Die kostbare Orgel, die erst mehrere Jahre vorher beschafft wurde, übernahm das erzbischöfliche Ordinariat für eine neuerbaute Kirche zu dem von der Orgelbaufirma bezeichneten Preise. Die Herren waren dankbar für die Überlassung des Werkes, weil sie eine so vollendete Orgel bei dem Mangel an gutem Material nicht mehr hätten beschaffen können." Bei einem Bombenangriff am 12. Juli 1944 wurde die Orgel mit der gesamten Inneneinrichtung der Kirche zerstört.    
   
Die Orgel der Synagoge kommt in die Kirche St. Korbinian - die NS-Presse findet dies unerträglich (1938) 
    
Muenchen Hauptsynagoge Orgel010.jpg (158537 Byte) Aus der Zeitschrift "Der Stürmer" Nr. 42 / 1938: "Es ist eine Schande! Die Judenorgel in der Sankt Korbinianskirche zu München. Aus München wird uns von zuverlässiger Seite gemeldet, dass die Orgel der ehemaligen Judensynagoge in München durch das Bischöfliche Ordinariat von der israelitischen Kultusgemeinde käuflich erworben worden ist. Kurz vor Abbruch der Synagoge wurde die Orgel durch die Speditionsfirma A. Frank & Söhne in der Westendstraße 160 zu München nach der Korbinanskirche am Gotzingerplatz befördert. Das Gehäuse der Orgel soll durch die Firma Steinmayer in Oettingen in Bayern käuflich erworben worden sein und von der gleichen Firma in der Korbinanskirche aufgestellt werden. Die Gläubigen, die sich nunmehr in der Korbinanskirche zur Andacht einfinden, werden also das sonderbare Vergnügen haben, Musik von einer Orgel zu hören,. die bisher jahrelang in einer Synagoge gestanden ist. Die gleiche Orgel, die bisher die Hassgesänge der Juden gegen die Nichtjuden begleitete, ziert nun eine christliche Kirche. Es ist eine Schande!"    

 
Fotos zum Abbruch der Synagoge (1938) und der Gedenkstätte
      
     
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Abbruch der Synagoge - Bericht im nationalsozialistischen "Stürmer" Nach der Sprengung 
der Synagoge
 
     
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Fotos von 2008 von Jürgen Hanke, Kronach: Die Gedenkstätte für die zerstörte Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Straße

Beim Pogrom im November 1938 wurde die orthodoxe Ohel-Jakob-Synagoge durch SA-Männer demoliert und niedergebrannt; ihre gesamte Innenausstattung, einschließlich der Tora-Rollen verbrannte. Die Münchener Feuerwehr beschränkte sich darauf, die Nebengebäude vor dem Übergreifen des Brandes zu schützen. Die Kosten für den Abbruch der Brandruine in Höhe von 15.000 RM hatte die jüdische Gemeinde zu tragen.
Die Inneneinrichtung der ostjüdischen Synagoge in der Reichenbacher Straße wurde demoliert und großenteils zerstört. Das Gebäude blieb jedoch erhalten und konnte nach 1945 wieder renoviert und neu als Synagoge eingerichtet werden.
Was mit den oben genannten weiteren Betsälen der Ostjuden geschah, ist nicht bekannt.

Die Brandruine der 
Ohel-Jakob-Synagoge
 im November 1938 
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Die Verwüstung der 
ostjüdischen Synagoge in 
der Reichenbacher Straße 
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   Innenansicht der völlig 
verwüsteten Synagoge 
Auf dem Boden liegend eine 
geschändete Torarolle 

   
   
Nach 1945
    
Die am 19. Juli 1945 neu gegründete Israelitische Kultusgemeinde konnte am 20. Mai 1947 die wiederhergestellte Synagoge in der Reichenbachstraße 27 einweihen.  
Der Korrespondent der ersten Ausgabe der "Jüdischen Rundschau berichtete: "'In Anwesenheit hoher Gäste, wie des Militärgouverneurs für die US-Besatzungszone, des Generals Lucius D. Clay, des Botschafters Robert D. Murphy, Generals Walter J. Muller und weiterer Mitglieder der amerikanischen Militärregierung, Vertreter der jüdischen Gemeinden und Organisationen, der deutschen Öffentlichkeit, unter ihnen Ministerpräsident Dr. Hans Ehard und weiterer namhafter Persönlichkeiten, wurde am 20. Mai in München die wiedererbaute Synagoge in der Reichenbachstraße feierlich eingeweiht. Im Mittelpunkt der Feier stand die Rede des Generals Lucius D. Clay, in der er die Hoffnung ausdrückte, die Weihe möge die Ära einer neuen Verständigung einleiten. Der Präsident der jüdischen Kultusgemeinde, Dr. Julius Spanier, begrüßte die Gäste und würdigte insbesondere die Bemühungen der bayerischen Staatsregierung, die den Wiederaufbau der im November 1938 zerstörten Synagoge vornehmen ließ. namens der Stadt München übermittelte Oberbürgermeister Dr. Scharnagl herzlichste Glückwünsche. Staatskommissar Dr. Philipp Auerbach überreichte dem Oberrabbiner Dr. Aron Ohrenstein, der auch die erste Predigt hielt, den Schlüssel der Synagoge. Nach einem ergreifenden Tortengedenken enthüllt Legal Consultant Major Abraham S. Hyman die Gedenktafel für die sechs Millionen jüdischer Opfer, die durch den Nationalsozialismus getötet wurden. Auf einem am Abend zu Ehren von General Lucius Dr. Clay veranstalteten Festbankett überbrachte der Sonderdelegierte der American Jewish Conference, Hans Lamm, die Grüße aller Freunde und Brüder aus USA und verlas eine Sonderbotschaft des früheren geistlichen Oberhauptes der Münchner Israelitischen Gemeinde, des jetzt in New York lebenden Rabbiners Dr. Leo Baerwald. Der Präsident des Rates der befreiten Juden in der US-Zone, Dr. Samuel Gringauz, übermittelter dann die Grüße der befreiten Juden in Deutschland."  

  Muenchen Synagoge 060.jpg (69522 Byte)  
  20. Mai 1947: Wiedereinweihung der Synagoge 
in der Reichenbachstraße 27
 

 
 
Bis zur Einweihung der Synagoge am Jakobsplatz 2006 blieb die Synagoge in der Reichenbachstraße die Hauptsynagoge der Münchner jüdischen Gemeinde. 
Neben der Hauptsynagoge bestehen inzwischen auch Synagogen in Bogenhausen (Possartstraße 15) und in Schwabing (Georgenstraße 71)
.  

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Innenansichten der Synagoge in der Reichenbachstraße (Quelle links Rabbiner aus Jerusalem, New York, Minsk,
 Thessaloniki, Mailand in der Synagoge
 anlässlich einer Rabbinerkonferenz 
in München  (Quelle)
 
 

Seit März 1995 besteht in München auch eine liberale jüdische Gemeinschaft 'Beth Shalom'. Die Gemeinde zählt etwa 200 aktive Mitglieder. Im November 2003 konnte die liberale Gemeinde auch eine Synagoge einweihen. 'Beth Shalom ist Mitglied der 'Union progressiver Juden in Deutschenland' und der 'World Union for progressive Judaism'. Kontakt: Beth Shalom, Postfach 750566, D-81335 München. E-Mail

Muenchen Synagoge BS 100.jpg (41632 Byte)  
  Einbringung einer Torarolle in der liberalen Synagoge 2004 vgl. Website von Rick Landmann zur Geschichte dieser Torarolle    

      
      
Die Planung /der Bau der neuen Synagoge am Jakobsplatz

9. November 2003 Grundsteinlegung  
24. Juni 2004 "erster Spatenstich"  
28. Oktober 2005 Richtfest   
9. Oktober 2006 Einweihung    
22. März 2007 Eröffnung des neuen Jüdischen Museums  

Fotos der neuen Synagoge am Jakobsplatz:   

Während der Bauzeit 
(Aufnahmen vom März 2006; Fotos untere Reihe: Dagmar Bluthardt; 
rechts: Plan, Quelle)  
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I
     
     
Das Gemeindezentrum im Oktober 2007  
(Fotos: Dagmar Bluthardt, Aufnahmedatum 7.10.2007)  
 
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Blick auf das neue Gemeindezentrum Die Hinweistafel  Das Eingangstor 
     
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  Die Zehn Gebiete (beziehungsweise
 Anfangsworte) auf den Türen
 
     
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  Das Eingangstor   
     
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Teilansichten des Gemeindezentrums und seiner Außenarchitektur   
     
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Noch in der Phase der Fertigstellung: das Jüdische Museum München    
     
     
Die Synagoge im Sommer 2008  
 (Fotos: Jürgen Hanke, Kronach)   
  
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Blick auf die Synagoge  Das Eingangstor  Der "Zeltaufbau" über dem Betsaal 
     
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Im Betsaal - Blick zum Toraschrein  Blick zum Eingang  "Gang des Erinnern"  
     
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Der Toraschrein mit Parochet (Vorhang vor dem Toraschrein) und Spenderinschrift Die Wochentagssynagoge
     

        
Die Ohel Jakob-Synagoge München im Film:    

Muenchen Synagoge n 360.jpg (155685 Byte)Die Synagoge in München ist online auch in 3D zu sehen: Link zu synagogues360.org zur Ohel Jakob-Synagoge   

    
    
Adressen / Standorte der Synagogen (Übersicht)      

Mittelalterliche Synagoge 1380/41 - 1440 an der Gruftstraße (frühere Judengasse)  
Synagoge von 1826 an der Westenrieder Straße 10 bis 12 - nach Bau der neuen Hauptsynagoge 1889 abgebrochen und mit Wohnhaus bebaut (1964 abgebrochen, danach Parkplatz, 2010/11 ist Neubebauung des Grundstückes geplant)   
(Haupt-)Synagoge von 1887 - im Juni 1938 abgebrochen: hier seit 1969 ein Gedenkstein (2006 Standortveränderung)  
Orthodoxe Synagoge von 1892 ("Ohel-Jakob-Synagoge") in der Herzog-Rudolf-Straße 23 (früher Kanalstraße) - 
1938 niedergebrannt - in unmittelbarer Nähe ein Gedenkstein  
Synagoge der Ostjuden von 1931 in der Reichenbachstraße 27 - 1938 verwüstet  
1947 bis 2006: Hauptsynagoge Reichenbachstraße 27  
ab November 2006 Hauptsynagoge am Jakobsplatz  
seit 2003 Liberale Synagoge 
Seit 1963 besteht in München-Schwabing die Synagoge Sha'arei Zion (März 2014 nach umfassender Renovierung wiedereröffnet, 
siehe Bericht in der "Jüdischen Allgemeinen" vom 27. März 2014.     

  
   
   

Links und Literatur  

Links:   

Website der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern    
Website "Jüdisches Zentrum Jakobsplatz"      
Jüdisches Museum München  
Website der Liberalen Gemeinde Beth Shalom  und Website der "Chawerim" Freundeskreis zur Unterstützung des liberalen Judentums in München e.V. 
Informationsseite bei HaGalil.com zur jüdischen Geschichte in München 
Informationsseite des Bayerischen Rundfunks (br-online) zur jüdischen Geschichte Münchens 
Informationsseite des Bayerischen Rundfunks (br-online) zur Münchner liberalen Gemeinde "Beth Shalom"  
Seite zur Jüdischen Geschichte im Münchner Westen: Pasing, Obermenzing und Aubing  
Website "Stolpersteine für München"    

Literatur:  
(kleine Auswahl verwendeter Literatur)

Germania Judaica II,2 S. 556-559; III,2 S. 900-906; 
Wolfram Selig: Synagogen und Jüdische Friedhöfe in München. München 1988.
Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. 1988 S. 307-316. 
P. Hanke: Zur Geschichte der Juden in München zwischen 1933 und 1945. München 1967.
Hans Lamm (Hrsg.): Vergangene Tage. Jüdische Kultur in München. München 1982.
Juliane Wetzel: Jüdisches Leben in München 1945-1951. Durchgangsstation oder Wiederaufbau?. München 1987.
Harold Hammer-Schenk: Synagogen in Deutschland. Geschichte einer Baugattung im 19. und 20. Jahrhundert. 1981 (in 2 Bänden).
Hans-Peter Schwarz (Hrsg.): Die Architektur der Synagoge. Frankfurt/Stuttgart 1988.
Siehe, der Stein schreit aus der Mauer. Geschichte und Kultur der Juden in Bayern. (Hg. vom Germanischen Nationalmuseum und vom Baus der Bayerischen Geschichte). 1989. 
Andreas Heusler/Tobias Weger: Kristallnacht. Gewalt gegen die Münchner Juden im November 1938. 1998. 
Synagogengedenkbuch BY 01.jpg (49758 Byte)"Mehr als Steine...." Synagogen-Gedenkband Bayern. Band I: Oberfranken - Oberpfalz - Niederbayern - Oberbayern - Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager. Hg. von Wolfgang Kraus, Berndt Hamm und Meier Schwarz. Reihe: Gedenkbuch der Synagogen in Deutschen. Begründet und herausgegeben von Meier Schwarz. Synagogue Memorial Jerusalem. Bd. 3: Bayern. Kunstverlag Josef Fink Lindenberg im Allgäu
ISBN 978-3-98870-411-3.
Abschnitt zu München S. 360-386

   
   


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Munich (Muenchen) Upper Bavaria. Jews were present in the early 13th century, living in an Jewish quarter with a synagogue, cemetery, and other communal facilities. Most of the trade between east and west passing through the town was in the hands of Jews, who dealt in furs, jewelry, and spices. They also served the rulers of Bavaria as moneylenders. In 1285 the community was wiped out in a blood libel when 180 Jews, refusing to convert, were burned alive in the synagogue. Persecutions continued thoughout the 14th century alongside various ducal privileges. With the expulsion of the community in 1442, followed in 1450 by the expulsion of the rest of the Jews of Bavaria, Jewish property was impounded and the synagogue converted into a church. In 1489, he Jewish cemetery was plocked under and the tombstones used as building blocks. 
A small community was reestablished in the late 17th century, but in 1715 it, too, was expelled.
Later in the 18th century a number of Court Jews were allowed to settle in Munich. These included Wolf Wertheimer and the Bavarian army supplier Aron Elias Seligmann. Jews continued to finance Bavaria's wars into the 19th century, providing the state treasury with 80 % of its budget in the Napoleonic era. Jews also acted as moneychangers, discounted promissory notes, and traded in salt and horses. The new community numbered 216 in 1798 and its first rabbi was appointed in 1802. In 1805 Jews were permitted to live in all parts of the city, engage in crafts, trade in certain goods, and conduct public prayer. A "Jew decree" in 1813 allowed 30 additional well-to-do families to settle in Munich but limited the right to start new families in the city to eldest sons. Jews continued to play a leading role in banking and opened numerous factories, particularly in the food and clothing industries, helping to make Munich an important commercial center. By 1848 the Jewish population stood at 842 (total 87,000), with about 20 % engaged in farming and the crafts. In the first half of the 19th century, a number of Jewish schools were established. The Wolfsheimer public school, opened in 1842, had 215 pupils in 1862-63 but was forced to close in 1872 under assimilationist pressure, leaving the community without a Jewish day school until after Worldwar I while local children attended German schools. In the face of the restrictions of the 1813 "Jew decree,", many disqualified from starting families left the city, mainly for the United States. After it was rescinded in 1861, the Jewish population began to grow rapidly, reaching 4.144 in 1880, making the community the largest in Bavaria. After 1885 immigration from Eastern Europe, first mostly from Austro-Hungary and then from Russia, pushed the Jewish population up to its peak of 11.083 in 1910 (total 596.467). The community was economically weel-off and strongly assimilationist, with intermarriage amounting to 24 % in 1880 and 50 % in 1915. The department store opened by Hermann Tietz in 1888 led to the spread of such stores throughout Germany. The Jews monopolized the textile industry as well as bank-related real estate brokerage. In 1907, 43 % of Munich's Jews were engaged in trade, 14 % in crafts, and 11 % in the professions, including 118 doctors, 100 lawyers, and eight judges. The community operated a broad range of social services, including an old age home, summer camps, and welfare and employment agencies. With the secularization of Jewish life, the Reform movement grew stronger under the leadership of Rabbi Dr. Josef Perles (1871-94), a noted Orientalist, and Rabbi Dr. Cosman Werner (1895-1918), who was among those rejecting Theodor Herzl's proposal to hold the First Zionist Congress in Munich in 1897. A magnificent synagogue was completed in 1887, incorporating an organ and changing the preayer service. The Orthodox countered by forming their own Jeshurun congregation. The community also housed an important Jewish library with the largest collection of Hebrew manuskripts in the German-speaking world. Raphael Nathan Rabbinovicz publised the Dikdukei Soferim there in 16 vols. (1867-1897), an anthology of variant readings of the Babylonian Talmud that became one of the cornerstones of Jewish scholarship. Antisemitism, always rife in Bavaria, intensified during Worldwar I and continued unabated in the Weimar Republic when Munich became the cradle of the Nazi movement and Hitler's home, with the major Nazi organ, the Voelkischer Beobachter, published there. A particular hotbed of antisemitism was the university, where Jewish students (numbering 247 in 1928) were attacked and Jewish candidates for teaching positions rejected on racial grounds. In 1923, the year of Hitler's unsuccessful 'beer hall putsch,' Nazi thugs beat Jews in the streets and on public transportation facilities and 180 Jewish families of East European origin were expelled from the city. Between the World Wars a declining birthrate and increasing intermarriage (59 % in 1931) continued to contribute to the drop in the Jewish population that had commenced in Worldwar I. In 1924 a Jewish public school was opened, reaching an enrollment of 132 in 1932-33. A talmud torah provided supplementary Jewish education and WIZO operated a Hebrew kindergarten. Among the East European Jews, numbering 2.300 in 1931, or 25 % of the community, and having little contact with the social institutions of the German Jews, most of the young were organized in Zionist youth movements. Munich was also the center of many Bavarian and German Jewish organizations - 68 in 1932 - and the home of such figures as the young Albert Einstein (1877-1955), Nobel Prize chemist Richard Willstaetter (1872-1942), and the writers Arnold Zweig (1877-1968) and Lion Feuchtwanger (1884-1958).
In 1933 the Jewish population was 9.005 (total 735.388). Over 50 % were engaged in commerce, industry, and crafts; 22 % in banking and brokerage; and 20 % in the professions. With the advent of Nazi rule a regime of severe persecution was instituted. Jews were arrested and sent to Dachau, the first of Germany's concentration camps. A strict economic boybott was enforced and Germans were kept away from Jewish stores whole nearly half the city's Jewish civil servants were fired. In May 1935 Jewish store windows were smashed throughout the city and the stores forcibly closed with Hitler Youth painting 'Jews Not Wanted Here' signs on sidewalks. Windows were again smashed on 14 August and the Nazi paper Der Stuermer started publishing lists of 'Aryans' patronizing Jewish businesses. In August-October 50 Jews were tried for violating the racial defilement (Rassenschande) provision of the Nuremberg Laws. Despite Nazi actions, Jewish community life was maintained. The Jewish public school system was expanded to accomodate 407 children by 1935-36 and various vocational schools were in operation. A branch of the Jewish Cultural Association (Juedischer Kulturbund) supported the arts and invited such figures as Martin Buber for deliver lectures. During the 1933-38 period, 3.574 Jews left the city while another 803 died. Of the emigrants, 3.130 left Germany entirely, including 701 to Palestine and 637 to the United States. In June 1938, the Great Synagogue was razed by the local authorities. Community institutions were transferred to an abandoned Jewish cigarette factory, with the production floor serving as a synagogue. On 9 November 1938, Propaganda Minister Josef Goebbels delivered a virulent antisemitic speech in Munich that sparked the Kristallnacht riots thoughout Germany. In Munich, store windows were smashed, the interior of the Orthodox Ohel Yaakov synagogue was destroyed along with other communal property, and around 1.000 Jews were arrested. In May 1939 all Jews of Polish origin were expelled from the city while the Aryanization Office continued to press for the liquidation of Jewish businesses, bringing the total still open by March 1939 down to 27, most engaging in apartment rentals. Until fall 1941, Jews were evicted from 1.440 apartments, the best of them being handed over to 'deserving' Nazis. Jews on the community's relief rolls were subjected to forced labor, many in the construction of the Milbertshofen ghetto about 4 miles from the city, where 450 Jews were sent to live in 1941. The ghetto also served as a transit camp for Jews being deported to the Riga and Theresienstadt ghettoes. Another 300 Jews, mostly sick and old, were went to the Berg-am-Leim ghetto under a regime of hard labor. In all ten labor and concentration camps were set up in the area, holding Jews as well as others, including 2.000 Jews at the Feldmoching branch of Dachau. Explusions reduced the number of Jews in the city from 4.407 in June 1939 to 3.249 in August 1941 and in the wake of further large-scale expulsions, to 645 in December 1942. Only 146 of this latter group was defined as 'full Jews.' Of the 2.991 Jews expelled between 20 November 1941 and 23 February 1945, 1.555 were sent to Theresienstadt, 980 to Riga, 323 to Piaski (Lublin district of Poland), and 113 to Auschwitz. At the end of the war, 400 Jews with non-Jewish spouses remained in Munich. These were joined by Jewish refugees and 796 former residents to bring the Jewish population up to 2.800 in March 1946. Munich became the center for the Jewish organizations aiding survivors of the Holocaust, including the Joint Destribution Committee and the Jewish Agency. Between 1945 and 1951, 120.000 Jews passed through the city, many on the way to Palestine/Israel. In 1947, 57.731 Jews were in Displaced camps and other localities in the area. In 1995 there were 5.000 Jews in Munich, making it the third largest Jewish community in West Germany after Berlin and Frankfurt am Main.  
         
           

                   
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Stand: 29. März 2014