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zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Freudenstadt (Kreisstadt)
Jüdische Geschichte
Übersicht:
Zur Geschichte jüdischer Einwohner
In Freudenstadt zogen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts einige
jüdische Personen/Familien zu, ohne dass es zur Gründung einer jüdischen
Gemeinde bekommen ist. Eine der ersten Familien war die des Kaufmanns Paul Pick,
dessen Eltern Richard und Anna Pick in Freudenstadt zugezogen sind. Paul Pick betrieb in der
Stadt einen kleinen Laden, verzog später nach Stuttgart und kam nach der
Deportation mit seiner Frau Emma geb. Baum 1944 in Riga beziehungsweise im KZ Stutthof ums
Leben. Auch seine Schwester Johanna, die später in Freiburg verheiratet war,
kam nach der Deportation nach Gurs 1940 ums Leben.
Die Zahl der jüdischen Einwohner in Freudenstadt entwickelte sich wie folgt: erstmals
1871/1880 2 jüdische Personen in der Stadt, 1885/90 5, 1895 11, 1900 9,
190ß5 17, 1910 13, 1925 7, 1933 6 jüdische Einwohner (nach den Volkszählungsergebnissen
in diesen Jahren). Die in Freudenstadt lebenden jüdischen Personen waren
offiziell der jüdischen Gemeinde in Horb
angeschlossen.
In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war seit 1907 die streng koscher
geführte "Villa Germania" beziehungsweise seit 1911 das "Hotel
Teuchelwald" von A. Kulb eine hervorragende Adresse für jüdische
Kurgäste in der Stadt. Dazu kam 1914 die Pension Goldschmidt und in den
1920er-Jahren das Hotel "Villa Regina".
An ehemaligen, bis nach 1933 bestehenden Dienstleitungs- und Handelsbetrieben
im Besitz jüdischer Personen sind bekannt: Praxis Dr. Karl Beer (Lauterbadstraße
77), Kur-Pension Dr. Carl Beer (Zeppelinstraße 5, heutiges Hotel Hohenried), Viehhandlung Salomon und Wilhelm Levi (Stuttgarter
Straße 45, Gebäude abgebrochen), Kaufmann Manfred Weil (Badstraße 59, abgebrannt 1945), Mehlgroßhandlung Simon Weil
(Dammstraße 6).
Von den in Freudenstadt geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Paul Pick
(1894), Johanna Weinheim geb. Pick (1895).
Aus der Geschichte der jüdischen Einwohnern
Zu einzelnen Personen
Über Dr. Carl Beer
| Aus dem Beitrag von G. Hertel (siehe Lit.):
"Der Freudenstädter Dr. Carl Beer war Sanitätsoffizier des 1.
Weltkrieges. Er war im Ersten Weltkrieg nach Freudenstadt ins Lazarett
gekommen und betreute später dort deutsche Verwundete. Im Lazarett lernte
er seine spätere Frau, eine Freudenstädterin, kennen. Diese tapfere Frau
ist ihrem Mann in den schweren Zeiten zur Seite gestanden und hat ihn nie
verlassen. Dr. Beer hat in Freudenstadt Minderbemittelte stets ohne
Honorar behandelt, ja sogar Lebensmittel Notleidenden gebracht. 1944
veranlasste die Freudenstädter Kreisleitung seine Deportierung ins KZ.
1945 ist er wieder zurückgekommen und konnte noch einige Jahre in
Freudenstadt als Arzt tätig sein. Die Bevölkerung wählte ihn 1946 mit
der zweihöchsten Stimmenzahl auf der Liste der SPD in den
Gemeinderat." |
Bericht des Sohnes von Paul Pick über seine Eltern und
die eigene Lebensgeschichte
| Aus dem Buch "Lebenszeichen: Juden aus
Württemberg nach 1933" Gerlingen 1982 S. 243: "Richard L. Pick.
Sierra Leona 770. Mexico 10 D.F. berichtet: Eltern: Paul Pick, 1894 in
Freudenstadt geboren, Inhaber eines kleinen Kaufhauses, im Juni 1944 im
Konzentrationslager Riga ermordet, und Emma Pick geb. Baum, 1896 in Stuttgart
geboren, im Dezember 1944 im Konzentrationslager Stutthof ermordet. Ich,
Richard L. Pick, bin 1921 in Söllingen geboren und arbeitete bei der
Auswanderungsstelle für Württemberg und Hohenzollern vor meiner
Emigration im Juli 1941. Drei Jahre Dienst in der US-Army während des
Zweiten Weltkriegs, seit 1947 Hersteller von Damenkonfektion in Mexico
City. Heute wird dieses Unternehmen vom Schwiegersohn geleitet, während
ich mich auf dem Gebiet von Investments betätige, im Baugeschäft
dilettiere und an der Universität Volkswirtschaftliche Vorlesungen halt.
Ich gehöre dem Vorstand der Beth Israel Community Center in Mexico City
an. Meine Frau Lore geb. Steiner, ist 1923 in Stuttgart geboren; sie
arbeitete bis vor kurzem als Entwerferin und Musterherstellerin in unserem
Betrieb." |
Dokumente, Anzeigen und Presseartikel
Eröffnung der Pension Villa Germania (1907)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Juli 1907: "Eröffnung
Anfangs Juli. Freudenstadt Württemberg. Schwarzwald. 740 m ü. d.
Meer. Direkte Schnellzugsverbindung von Stuttgart aus ca. 2 Stunden.
Streng Koscher.
Pension Villa Germania. Staubfreie Lage, unmittelbar am Wald.
Komfortabel eingerichtete Fremdenzimmer. Elektrisches Licht. Referenz
Seiner Ehrwürden Herr Dr. Kahn, Esslingen sowie andere orthodoxe
Rabbiner.
Inhaber: A. Kulb." |
Bericht über die Villa Germania in Freudenstadt in der
orthodoxen Zeitung "Der Israelit" (1907)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Juli 1907: "Aus
Württemberg, 23. Juli (1907). In Freudenstadt, dem bekannten
Luftkurort im württembergischen Schwarzwald, ist am Anfang dieses Monats
von Herrn A. Kulb von Stuttgart eine unter zuverlässiger Aufsicht
stehende rituelle Pension eröffnet worden. Die Pension des Herrn Kulb
befindet sich in der Villa Germania und untersteht dem Verein zur
Förderung ritueller Speisehäuser in Hamburg." |
Anzeigen für die "Villa Germania" 1908/09
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Juni 1908: "Freudenstadt
- Württembergischer Schwarzwald. Hotel und Pension. Streng Koscher.
A. Kulb. Telefon No. 86. Villa Germania, herrliche Lage am Walde,
bedeutend vergrößert." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Juli 1909:
"Höhenluftkurort I. Ranges. Freudenstadt, ca. 800 m über dem
Meere. Hotel und Pension - koscher - Villa Germania direkt
am Wald. A. Kulb. Telefon 86. Neugebauter Speisesaal im Garten mit
herrlicher Aussicht ins Murgtal. - Anerkannt gut geführt Küche. Elegant
möblierte Zimmer in und außer dem Hause." |
Anzeigen für das Hotel und Kurhaus Teuchelwald (1911)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Juli 1911:
"Freudenstadt. Sommer- und Winterkurort. Hotel und Kurhaus
Teuchelwald. Telefon 168. Besitzer A. Kulb. Haus vornehmsten Ranges.
Große Gesellschaftsräume zur Abhaltung von Festlichkeiten,
Konversationsräume, Schreib- und Lesezimmer, Vestibül, Apartments, Schlafzimmer
mit Privatbädern, Lift, Zentralheizung, große Terrasse, 60 Betten,
Eigene Konditorei mit Café, hochmodern ausgestatteter Hotelwagen am
Bahnhof." |
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Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 10.
Mai 1912: "Freudenstadt. Hotel und Kurhaus Teuchelwald -
Koscher -.
Haus allerersten Ranges. 60 Fremdenbetten, Aufzug, Dampfheizung,
Konversationsräume, Schreib- und Lesezimmer, große Gesellschaftsräume,
Konditorei und Café. Prospekte durch den Besitzer:
A. Kulb. Telefon 168." |
Anzeigen der Pension Goldschmidt (1914 / 1916)
Anzeige
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 25. Juli 1914:
"Freudenstadt. Württembergischer Schwarzwald. Pension Goldschmidt.
Eröffnung Mitte Mai 1914. Elegante Zimmer, vorzügliche Küche, großer,
schattiger Garten. Angenehmer Aufenthalt! Zivile Preise!". |
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Anzeige
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 12. Mai 1916:
"Freudenstadt. Württembergischer Schwarzwald.
Höhenluftkurort 740 m über dem Meere. Pension Goldschmidt.
Telefon 239. Ruhiger angenehmer Aufenthalt bei guter Verpflegung. Großer
Garten - Zivile Preise - Keine Kurtaxe. Eröffnung 15. Mai." |
Bericht über das Hotel "Villa
Regina" (1931)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. August 1931: "Freudenstadt
(Schwarzwald), 3. August (1931). Wer in der jetzigen Zeit noch das Glück
hat, sich einige Tage Erholung zu gönnen, wird besonders erfreut sein,
wenn er in einem gut geleiteten, unter Aufsicht stehenden Hotel, nicht nur
Genüsse für den Körper, sondern auch solche für den Geist findet. - Es
war etwas Erhebendes, hier den gedankenvollen Vortrag des Herrn Dr. jur.
Lewkowitz aus Breslau, der in dem bekannten jüdischen Hotel 'Villa
Regina' über 'Marxismus und Nationalismus vom Standpunkt der Juden'
sprach, zu hören. Formvollendet in der Diktion, prächtig mit prägnanter
Kürze schilderte der für die jüdische Sache so begeisterte Redner den
jüdischen Nationalismus den zahlreich Erschienenen. Leider muss man mit
großem schmerzlichen Bedauern feststellen, dass von den vielen jüdischen
Kurgästen, die zur Zeit sich hier aufhalten, man die meisten in jenen
Hotels findet, die ihnen weder geistig jüdische, noch physisch jüdische
Nahrung bieten. Wie glücklich könnten unsere jüdischen Hoteliers an
allen Badeplätzen auch in unseren Großstädten sein, wenn nur ein
Zehntel aller Glaubensgenossen diese Gaststätten aufsuchten. Das Beste,
das in den jüdischen Hotels geboten wird, beachtet man kaum, gar oft wird
das weniger Wertvolle der anderen mit besonderer Propaganda
verbreitet.
Die jüdische Zeitung hat die Pflicht, immer wieder das große jüdische
Publikum auf jene jüdischen Hotels komfortabel ausgestattet, sondern auch
den Ansprüchen des religiösen Juden entsprechen. Mit besonderem Stolz
kann 'Villa Regina' in Freudenstadt (Schwarzwald) ein solches genannt
werden." |
Kennkarte von Leopold Fellheimer
Leopold
Fellheimer (geb. 1860 in Stuttgart), lebte 1938 als Privatmann in
Freudenstadt und ließ sich hier die Kennkarte ausstellen. |
Fotos
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Einige Fotos zur
jüdischen Geschichte werden bei Gelegenheit ergänzt. Über Zusendungen
freut sich der Webmaster von "Alemannia Judaica"; Adresse siehe Eingangsseite. |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Gerhard Hertel: Die Judenfrage in Freudenstadt, in: Freudenstädter Heimatblätter 17,2
(1986).
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