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Ulrichstein (Vogelsbergkreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Ulrichstein bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938/39. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts
zurück. Doch lebten möglicherweise bereits im Mittelalter Juden in der
Stadt. Bei der Verleihung der Stadtrechte im Jahr 1347 erteilte Ludwig
der Bayer dem mit Ulrichstein belehnten Heinrich von Eisenbach das Recht, dort
sechs Juden zu halten (siehe bei LAGIS
https://lagis.hessen.de/resolve/de/qjg/2361). Ob sich daraufhin Juden in Ulrichstein niedergelassen
haben, ist unbekannt.
Im 18. Jahrhundert nahm die Zahl der jüdischen Einwohner zu: 1713
gab es zwei oder drei, 1728 drei jüdische Familien am Ort. 1738
werden vier jüdische Familienvorstände genannt: Heß, Löw, Schlom und Joseph.
1748 bat Löw Gerson bei der Ortsherrschaft um eine Genehmigung zum
Hausieren in der Umgebung. 1786 werden sechs jüdische Familienvorstände
genannt: Löw, Martachay, Samuel Löw, Joseph, Abraham und Susmann. 1808
sind es bereits 11 Familienvorstände: Hiskies Reyß, Hiskies Gerson, Herz Löb,
Moses Joseph, Löb, Hiskies Mordechai, Salomon Mordechai, Nathan Mordechai,
Abraham Mordechai, die Witwe des Samuel Gerson und die Witwe des
Joseph.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen
Einwohner wie
folgt: 1828 82 jüdische Einwohner (9,9 % von insgesamt 831 Einwohnern), 1861
107 (11,2 % von 958), 1880 99 (10,4 % von 976), 1890 81 (8,3 % von 979), 1892 82
(in 16 Familien), 1895 87
(in 18 Familien), 1897 97 Personen (9,9 % von insgesamt 979 Einwohnern), 1905 83 (10,1 % von 824). Die jüdischen Familien lebten vor
allem vom Vieh- und Textilhandel. Es gab - noch Anfang der 1930er-Jahre - zwei
jüdische Metzger und ein größeres Gemischtwarengeschäft mit Futter- und
Düngemittelvertrieb.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule
(Religionsschule mit Schulraum im Synagogengebäude),
ein rituelles Bad (seit 1849 in dem Gebäude, in dem sich auch das
"Judenbackhaus" befand; unweit der Synagoge) und ein
Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der
Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet
tätig war (vgl. die Ausschreibungen der Stelle unten). 1828 war Lehrer in
Ulrichstein Gumbel Hirsch Strauss aus
Sterbfritz. 1879 bis 1883 war Levi Stein Lehrer in Ulrichstein (in
"Der Israelit" vom 30.4.1879 S. 4 und Anzeigen von 1882 siehe unten), um
1887 Lehrer Schloß, um 1891/1903 Aaron Friedberg (u.a. in "Der
Israelit" vom 1.6.1891 S. 804; unterrichtete 1892 16, 1893 19, 1896 20,
1897/1901 16 Kinder an der Religionsschule), um 1905 J. Katzenstein
(s.u.),
1907/08 J. Salomon, ab 1907 Gustav Drucker (unklar, wie sich
die Zeiten der beiden Lehrer verhalten). Der 1913/14 in Ulrichstein tätige Lehrer
Simon Rothschild ist nach Kriegsbeginn 1914 eingezogen worden und
1918 im Kriegseinsatz gefallen.
Von den Gemeindevorstehern werden genannt: um 1866 Herr Reiss, um 1872
Alexander Fröhlich, um 1884/87 David Stern, um 1892 David Stern, S. Reiß und S.
Stern, um 1893/97 David Stern, A. Reiß V und M. Reiß III (bzw. 1897 S. Reiß),
1901 L. Stern, A. Reiß V und S. Reiß, um 1907 Levi Schloss. Rechner der Gemeinde war um 1897/1901 M.
Reiß VI.
Die Gemeinde gehörte
nach dem Verzeichnis der Israelitischen Gemeindeverwaltung von 1924 zum
orthodoxen, nach dem Verzeichnis von 1932 zum liberalen Provinzialrabbinat Oberhessen mit Sitz in
Gießen.
Von den Vereinen der Gemeinde sind bekannt: ein Wohltätigkeits- und
Bestattungsverein Chewra Kadischa (1831 gegründet, um 1892/93 unter Leitung von M. Reiß,
um 1894/96 unter Leitung von A. Reiß V, 1932 unter Leitung von Max Stern; Zweck
und Arbeitsgebiet: Unterstützung hilfsbedürftiger Ortsangehöriger) sowie ein Israelitischer Frauenverein
(ab 1893 genannt, 1896 unter Leitung der Frau von R. Reiß, offizielles
Gründungsjahr 1900, 1932 unter Leitung von Helene Stern; Zweck und
Arbeitsgebiet: Unterstützung Notleidender, 1932 12 Mitglieder) und ein
Israelitischer Armenverein (ab 1893 genannt, um 1896 unter Leitung von
Lehrer Aaron Friedberg).
Außergewöhnlich groß war der Einsatz jüdischer Soldaten aus Ulrichstein im Ersten Weltkrieg.
Dabei fielen aus der jüdischen Gemeinde: Leopold Reiß (Viehhändler, geb.
9.5.1898 in Ulrichstein, eingezogen am 19.11.1916, gef. 12.6.1918),
Max (Markus) Reiß I (Viehhändler, geb. 8. oder 9.7.1882 in Ulrichstein,
eingezogen am 6.8.1914, gef. 25.9.1915), Unteroffizier Lehrer Simon
Rothschild (geb. 11.9.1895 in Romrod, gef. 24.4.1918),
Moritz Schloss (Maler, geb.
11.9.1891 in Ulrichstein, eingezogen Sept. 1914, gef. 13.4.1915), Hermann Stern
II (Viehhändler, geb. 9.4.1883 in
Ulrichstein, eingezogen am 10.8.1915, gef. 24.3.1917), Unteroffizier Max Stern (geb. 7.1.1889 in
Ulrichstein, gef. 1918, in der Zeitschrift "Der Schild" vom 15.2.1929 steht
hier: Fritz Stern, Kaufmann, geb. 7.1.1888, eingezogen 15.11.1914). Für
ihren Kriegseinsatz ausgezeichnet wurden: Simon Reiß (Sohn von Seligmann
Reiß, im Reserveregiment 116, 1915 Ordonnanz beim Bataillonsstab) mit dem
Eisernen Kreuz (EK II) (in: Israelitisches Familienblatt vom 21.1.1915 S. 2
und Dr. Bloch's österreichische Wochenschrift vom 5.2.1915 S. 104);
Julius Reiß (Sohn des Metzgers Markus Reiß, Gefreiter im Infanterieregiment
116) mit dem Sanitätskreuz (in: "Israelitisches Familienblatt" vom 27.7.1916
S. 3); Karl Stern (Landsturmmann) mit dem Hessischen
Militär-Sanitätskreuz (in: Israelitisches Familienblatt" vom 28.6.1917 S. 4).
Um 1924, als zur Gemeinde 57 Personen gehörten (6,8 % von insgesamt 837
Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Karl Stern, H. Reiß und Hermann Fröhlich.
Als Rechner wird Karl Repp genannt (nichtjüdisch). Die Lehrerstelle war 1924 vakant. Es gab
damals sieben schulpflichtige Kinder in der jüdischen Gemeinde. 1932
waren die Gemeindevorsteher Karl Stern (1. Vors.), Albert Reiß (2. Vors.) und
Hermann Fröhlich (3. Vors.). Im Schuljahr 1931/32 gab es drei schulpflichtige
jüdische Kinder in der Gemeinde, die von Lehrer Jakob Bick aus Nieder-Ohmen
unterrichtet wurden. Als (ehrenamtliche) Kantoren waren Siegmund Stern und
Siegbert Stern tätig. An jüdischen Vereinen gab es weiterhin den Israelitischen
Frauenverein (s.o.) und
den Wohltätigkeitsverein Chewra Kadischa (s.o.).
1933 wurden noch 50 jüdische Einwohner am Ort gezählt (5,9 % von insgesamt
853 Einwohnern). In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen (u.a. Meier und Emilie Katz sowie Zilla Reiß nach
Frankfurt) beziehungsweise ausgewandert (u.a. Karl Stern mit seiner Frau 1936 in
die Niederlande, Max Reiß nach Shanghai, Hermann und Jette Fröhlich nach New
York). Im Herbst 1938 wurde die Gemeinde aufgelöst. Die letzten beiden
männlichen Gemeindemitglieder waren damals Meier Katz und Max Reiss.
Von den in Ulrichstein geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Frieda Fröhlich (1890),
Nathan Fröhlich (1883,
Foto bei Yad
Vashem), Siddi (Siddi, Cips) Hill geb. Katz (1910), Emilie (Amalia) Katz geb. Reiß (1877),
Max Katz (1906), Meier Katz (1874), Karoline (Lina) Lehmann geb. Stern (1874), Auguste Pfifferling geb. Reiß (1882),
Berta (Bertha) Reichenberg geb. Reiß (1877), Berta Reiß (1895), Frieda Reiß (1895),
Gretha (Greta, Grete) Reiß (1902), Hermann Reiß (1871,
Foto bei Yad
Vashem), Siegmund (Seligmann) Reiß (1870),
Zilla Reiß (1905), Fanny Rose geb. Fröhlich (1868), Friedrich Stern (1888), Julius Stern (1886). Zu
den Familienmitgliedern "Reiß" begegnet in gleicher Weise die Schreibweise "Reiss".
Zur Erinnerung an Nathan und Albert Fröhlich liegen in Stuttgart
(Rosenbergstraße 119) seit 2007 "Stolpersteine". Über ihre
Geschichte berichtet eine
Seite auf der Website stolpersteine-stuttgart.de. Für Siegmund Reiss
liegt ein Stolperstein in Berlin-Charlottenburg (Giesebrechtstraße 18):
https://www.stolpersteine-berlin.de/en/giesebrechtstr/18/siegmund-reiss.
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1866 /
1869 / 1872 /
1874 / 1876 / 1882 / 1884 / 1886 / 1906 / 1907 / 1920 / 1923
Anzeige
in "Der Israelitische Lehrer" vom 10. Januar 1867: "Die Stelle eines
Religionslehrers und Vorsängers bei der israelitischen Gemeinde
Ulrichstein, Großherzogtum Hessen, mit einem Einkommen von ca. 300 fl. nebst
freier Wohnung ist erledigt. Bewerber wollen sich unter Vorlage ihrer
Zeugnisse, bei dem Vorstand melden.
Ulrichstein, den 25. Dez. 1866.
Der Vorstand der israelitischen Gemeinde Ulrichstein: Reiss."
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(Ohne Abbildung): Anzeige in "Allgemeine
Zeitung des Judentums" vom 1. Juni 1869: "Lehrer-Gesuch.
Da in der hiesigen israelitischen Gemeinde die Lehrerstelle vakant geworden
ist, so wollen sich Bewerber alsbald bei dem Unterzeichneten Vorstand, mit
entsprechenden Zeugnissen, melden gegen ein Einkommen mit Schächtergebühren
von 300 fl. nebst freie Wohnung und freie Heizung des Schullocals.
Ulrichstein, den 1. Mai 1869. Der Vorstand der israelitischen
Gemeinde Ulrichstein. Fröhlich III."
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Februar 1872:
"Lehrer-Gesuch.
Da die Stelle eines Lehrers der israelitischen Religionsgemeinde zu
Ulrichstein vakant ist und wieder besetzt werden soll, so wollen sich
Bewerber mit Zeugnissen und Qualifikation an den Vorstand der
unterzeichneten Gemeinde wenden. Das Einkommen beträgt 300 Gulden nebst
freier Wohnung und Heizung des Schullokals.
Der Vorstand Alexander Fröhlich." |
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Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 12. Mai 1874:
"Lehrer-Gesuch.
Da in der hiesigen israelitischen Gemeinde die Lehrerstelle vakant
geworden ist, so wollen sich Bewerber alsbald bei den unterzeichneten
Vorstand mit entsprechenden Zeugnissen melden.
Einkommen mit Schächtergebühren 350 bis 400 Gulden nebst freier Wohnung
und freier Heizung des Schullokals.
Ulrichstein, den 21. April 1874.
Der Vorstand der israelitischen Gemeinde Ulrichstein Fröhlich
III." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. September 1876:
"Lehrer-Gesuch.
Die israelitische Gemeinde zu Ulrichstein (Kreis Schotten), sucht zum
alsbaldigen Eintritt einen Religionslehrer und Vorbeter mit einem
Einkommen von 900 bis 1000 Mark nebst freier Wohnung. Bewerber wollen sich
unter Beifügung ihrer Zeugnisse an den Vorstand der israelitischen
Gemeinde zu Ulrichstein wenden. Fröhlich,
Vorsteher." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Oktober 1882:
"Annonce.
Mit dem 1. Februar 1883 wird die hiesige Religionslehrer- und
Vorbeterstelle vakant. Gehalt von 650 bis 700 Mark nebst freier Wohnung.
Reflektanten wollen sich mit Zeugnissen an den unterzeichneten Vorstand
wenden.
Ulrichstein, im September 1882.
Der Vorstand der israelitischen Gemeinde Ulrichstein. Fröhlich." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Februar 1884:
"Die Gemeinde Ulrichstein (Oberhessen) sucht bis zum 1. März 1884
einen Religionslehrer, am liebsten ledigen Standes. Gehalt 650 bis 700
Mark, freie Wohnung und entsprechende Nebenverdienste. Bewerber wollen
sich, unter Einsendung ihrer Zeugnisse, an den Unterzeichneten
wenden.
Ulrichstein, 3. Februar 1884. David Stern,
Vorsteher." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. März 1886:
"Die israelitische Religionsgemeinde zu Ulrichstein sucht bis zum 1.
Juni dieses Jahres einen Religionslehrer, ledigen Standes. Gehalt 650 -
700 Mark, freie Wohnung und entsprechende Nebenverdienste. Bewerber wollen
sich unter Einsendung ihrer Zeugnisse an den Unterzeichneten wenden.
Ulrichstein, 15. März 1886. David Stern,
Vorsteher." |
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| Weitere Ausschreibung der Stelle in Ulrichstein
im "Israelitischen Familienblatt" vom 4. Oktober 1906 S. 7. Link
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Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 7. März 1907: "In unserer
Gemeinde ist die Stelle eines
Religionslehrers und Vorbeters
per Ostern evt. früher zu besetzen. Gehalt 1200 Mk., freie Wohnung u.
Nebeneinkommen. Verstaatlichung steht in Aussicht. Seminaristisch gebildete
Bewerber wollen sich unter Einreichung von Zeugnissen melden.
Schloß, Vorstand, Ulrichstein in Oberhessen." |
| Anmerkung: wie die Stelle im Verlauf des
Jahres 1907 genau besetzt war, ist unklar. Nach den Berichten unten von 1907
war J. Salomon von April 1907 an Lehrer in Ulrichstein, was zum Datum der
Ausschreibung passen würde. Ab November 1907 soll dann Gustav Drucker nach
Ulrichstein gekommen sein, doch blieb J. Salomon doch vermutlich bis Sommer
1908 in Ulrichstein. |
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Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 5. Februar 1920: "In unserer
Gemeinde ist die Stelle des
Vorbeters und Religionslehrers
zum 1. April 1920 zu besetzen. Jahresgehalt 3000 Mark bei freier möblierter
Wohnung und Heizung. Seminaristisch gebildete, ledige
Bewerber wollen sich melden an den
Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinde Ulrichstein Oberhessen
Simon Reiß I." |
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Weitere Ausschreibung im "Israelitischen
Familienblatt" vom 1. März 1923 (Link):
"Die Stelle als
Lehrer und Kantor (wenn möglich auch Schochet) in der Gemeinde
Ulrichstein Hessen, ist neu zu besetzen, möglichst sofort oder 1. April
1939. Freie Wohnung, Heizung und Licht. — Unverheiratete Bewerber wollen
ihre Zeugnisse mit Gehalts-Ansprüchen an Unterzeichneten einsenden.
Der Vorstand der Israelitischen Gemeinde Ulrichstein Hessen."
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Anmerkung: die Ausschreibung der
jüdischen Gemeinde Ulrichstein im März/April 1923 wurde von der
Arbeitsgemeinschaft der israelitischen Lehrervereine in Hessen und dem
Jüdischen Beamtenbund gesperrt, da die Gemeinde Ulrichstein noch nicht der
geforderten Eingruppierung der Stelle in die Gehaltsklasse 7 für Lehrer
zugesagt hatte. Zu dieser Sperre der Ausschreibung erschien eine Mitteilung
in "Israelitisches Familienblatt" vom 26. April 1923 S. 9 (Link):
"Sperre. Da die israelitischen Religionsgemeinden Ulrichstein
und Hungen unsere Forderung
(Eingruppierung in Gehaltsklasse 7) bis heute noch nicht anerkannt haben,
verhängen wir mit sofortiger Wirkung die Sperre über beide Gemeinden. Wir
fordern hiermit alle Kollegen auf, diese Sperre genauestens zu beachten und
strengste Disziplin zu üben. Alle etwaigen Verhandlungen mit den Gemeinden
sind sofort und so lange zu unterbrechen, bis, nach einer Anerkennung
unserer Forderungen, die Sperre wieder aufgehoben werden kann. Gegen
Kollegen, die diese Sperre nicht beachten, werden wir mit den schärfsten
gewerkschaftlichen Mitteln vorgehen.
Die Arbeitsgemeinschaft der israelitischen Lehrervereine in Hessen
Kahn - Alsfeld, Simon -
Darmstadt.
Jüdischer Beamtenbund. Dr. J. Höxter, J.B. Levy, Frankfurt am Main."
Am 7. Juni 1923 folgte dann die Mitteilung im "Israelitischen Familienblatt"
(Link):
"Hessen. Die Vorstände der israelitischen Religionsgemeinden
Hungen und Ulrichstein in
Oberhessen haben der unterzeichneten Arbeitsgemeinschaft der israelitischen
Lehrervereine im Volksstaate Hessen die schriftliche Erklärung abgegeben,
ihre neu anzustellenden Lehrer in Gruppe 7 einzureihen. Wir heben deshalb
die Sperre über beide Gemeinden auf, weisen jedoch alle, sich um diese
Stelle bewerbenden Kollegen darauf hin, dass Verträge nur nach dem
hessischen Normalvertrag abgeschlossen werden dürfen, der von uns
anzufordern und vor der eigenen Unterzeichnung wieder vorzulegen ist.
Arbeitsgemeinschaft der israelitischen Lehrervereine im Volksstaate Hessen.
Kahn - Alsfeld. Simon -
Darmstadt."
Die nächste Ausschreibung der Stelle des "Lehrers und Kantors (wenn
möglich auch Schochet" in Ulrichstein erfolgte im "Israelitischen
Familienblatt" vom 6. November 1924 (Text wie oben 1923,
Link). |
Anzeigen von Lehrer Levi Stein
(1882)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Mai 1882: "Für einen Jungen von 15
Jahren, der gerne irgend ein Handwerk erlernen möchte, sei es auch welcher
Art, wird ein Meister gesucht.
Gefl. Offerten beliebe man an Levi Stein, Lehrer in Ulrichstein
(Hessen) zu senden." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. September 1882: "Annonce.
Ein seminaristisch gebildeter Lehrer, der schon seit 4 Jahren die Stelle
eines Religionslehrers und Vorbeters versieht, sucht sich bis 1. Januar 1883
anderswo zu placieren.
Gefallige Offerten beliebe man an Lehrer Levi Stein einzusenden.
Ulrichstein (Hessen), 22. August 1882." |
Anzeigen von Lehrer J. Katzenstein
(1905 / 1906) - Spendenaufrufe und Vertreter/Nachfolger-Suche
Anmerkung: Bei Lehrer J. Katzenstein in Ulrichstein ist sehr wahrscheinlich
identisch mit Lehrer Josef Katzenstein, der ab ca. 1906 Lehrer in
Wetzlar war. Hier hat er Ende 1930 sein
25-jähriges Ortsjubiläum gefeiert.
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 13. und 27. Juli 1905 und
"Frankfurter Israelitisches Familienblatt - Neue jüdische Presse" vom 11.
und 18. August 1905: "Bitte!
Um Spenden für eine in größter Not sich befindende Familie mit 6 Kindern
(darunter ein Säugling) bittet
Lehrer J. Katzenstein, Ulrichstein in Hessen. Quittung erfolgt an dieser
Stelle."
Weitere Spendenaufrufe für diese Familie erschienen 1906. |
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Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 10. August 1905: "Quittung.
Auf meine Bitte hin sind eingegangen : Durch Herrn Lehrer Rohrheimer -
Nidda, 27 Mark, durch Herrn F. Stern -
Schotten, 73. Von N.N. 3; N.N.
Borgholzhausen, 1; E. Reis Witwe - Gießen,
2 ; S.H. - Duisburg, 3; N.N. - Bobenk, 3; Apfel -
Bebra, 3; Heil -
Weinsheim, 3; N.N.- Gerolshof, 3.50 ;
N.N. - Münster, 5; N.N. - Oppeln, 8; Sichel -
Langenbergheim, 5; Jacoby -
Weinsheim, 2; Cohn - Posen, 15; Leiser
- Cohen - Mehring an der Mosel, 3; Fuld -
Laubuseschbach, 5; A.H - Köln 3;
Nebel - Beuthen, 3; N.N. - Melsungen, 5
; E.S. H., 2; N. Hirsch - Berlin, 1; Preis - Hammerschlag 3; N.N. - U. 3;
Rosenthal - Philippstein 3; Frau Koberg - Osnabrück 3; Goldschmidt -
Sterbfritz 10; Jove - Ostrowo 1; Cl.
Stern - Nürnberg 2; H.F.S. - Heßdorf 5;
N.N. - U 2. Zusammen 209,50 Mk. Allen Gebern herzlichsten Dank. Um
weitere Gaben bittet Lehrer J. Katzenstein, Ulrichstein in Hessen."
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Anzeige im "Israelitischen Familienblatt" vom 22. Februar 1906: "Vertreter
(eventuell Nachfolger) vom 1. April bis 15. Mai gesucht. Meldungen geprüfter
Lehrer baldigst an
J. Katzenstein, Lehrer, Ulrichstein in Hessen." |
Informationen zu Lehrer Josef Katzenstein
in Wetzlar, wahrscheinlich unmittelbar davor in Ulrichstein (geb. 1879
- umgekommen nach Deportation)
(erhalten von Karsten Porezag).
Links
die Meldekarte aus dem Einwohnermeldeamt der Stadt Wetzlar.
Der langjährige Lehrer und Kantor der jüdischen Gemeinde Wetzlar Josef
Katzenstein ist am 6. Mai 1879 in Hannover geboren als Sohn von Sußmann
Katzenstein und seiner Frau Betty geb. Bacharach. Josef war seit 1906
verheiratet mit Rosa geb. Wolf (geb. 23. Juli 1882 in Wetzlar, gest. 21.
Februar 1942). Das Ehepaar hatte eine am 9. November 1908 in Wetzlar
geborene Tochter Margot Fanny, der 1939 die Flucht in die Vereinigten
Staaten gelang (verheiratete Löwenthal). Die Familie lebte bis zum September 1933 in Wetzlar (bis
1924 Bannstraße 28, dann Niedergirmeser Weg 67), danach in Frankfurt. Im
Zusammenhang mit dem Novemberpogrom 1938 war Katzenstein vom 12. November
bis 14. Dezember 1938 im KZ Buchenwald inhaftiert. Unmittelbar nach seinem
63. Geburtstag wurde Josef Katzenstein deportiert. Es ist nicht bekannt,
wo und wann er umgekommen ist. Er wurde nach 1945 für tot
erklärt.
Genealogische Informationen:
https://www.geni.com/people/Josef-Katzenstein/6000000061003779863 |
Über Lehrer J. Salomon (April 1907
bis Sommer 1908 Lehrer in Ulrichstein, danach in Sofia)
Anmerkung: J. Salomon ist in Jerusalem geboren, wo er die Schule besuchte. 1904
bis 1907 Ausbildung in der Bildungsanstalt für jüdische Lehrer in Hannover, ab
April 1907 in Ulrichstein, bis er im folgenden Jahr nach Sofia wechselte, um
dort als Lehrer in der deutsch-israelitischen Kultusgemeinde zu unterrichten.
Aus
einem Artikel im "Geschäftsbericht des Hilfsvereins der deutschen Juden" von
1908 - 1909 S. 35-36: "An der Schule der deutsch-israelitischen
Kultusgemeinde in Sofia wirken jetzt zwei von uns besoldete Lehrer. Herr
Rabbiner Dr. Rosenwasser, der zugleich in den Dienst der Gemeinde getreten
ist und Rabbinatsfunktionen versieht, wodurch auch seine erzieherische
Mission sich noch fruchtbarer gestalten kann, ist als hebräischer Lehrer
tätig; er hat seine Stellung am 1. Mai 1908 angetreten.
Herr J. Salomon gibt an Stelle des Herrn Siegmund Ruda, der aus dem
Dienst der Gemeinde geschieden ist, um nach Deutschland zurückzukehren, vom
Beginn des neuen Schuljahres, Mitte Sept. 1908 ab, deutschen Unterricht.
Nachstehend bringen wir einige Daten über Lebens- und Bildungsgang der
beiden neu eingetretenen Herren.
Herr Dr. Rosenwasser hat von Ostern 1894 bis Ostern 1898 in Frankfurt a. M.
die von Herrn Rabbiner Dr. Horovitz daselbst eingerichteten Kurse besucht,
in denen die Disziplinen eines humanistischen Vollgymnasiums gelehrt wurden.
Er studierte dann 3 Jahre an der Berliner Universität und wählte als
Hauptfach orientalische Sprachen, als Nebenfächer deutsche Literatur und
Kunstgeschichte; nach einem weiteren Studienjahre in Göttingen promovierte
er Michaelis 1907. Alsdann machte er sein Rabbinerexamen am Berliner
Rabbinerseminar. An der Religionsschule Beth Zion in Berlin, die der
Aufsicht der Berliner jüdischen Gemeinde untersteht, hat er in allen Stufen
Unterricht erteilt.
Herr J. Salomon ist als deutscher Staatsangehöriger in Jerusalem
geboren und hat die dortige Lämelschule absolviert. Er besuchte sodann die
Bildungsanstalt für jüdische Lehrer in Hannover, wo er nach vollendetem
3jährigem Kursus im März 1907 die Entlassungsprüfung bestand. Seit April
1907 war er als Lehrer und Kantor in Ulrichstein in Hessen tätig." |
Mitteilung der bestandenen
Lehrerprüfung von Gustav Drucker (geb. 1886 in Bengel, Lehrerprüfung 1907,
danach Lehrer in Ulrichstein)
sowie Hinweise auf seine Ermordung in der NS-Zeit
Anmerkung: es ist unklar, wie sich die Zeit als Lehrer in Ulrichstein ab
November 1907 in Verbindung bringen lässt mit der Angabe, dass dort ab April
1907 Lehrer J. Salomon tätig war.
Lehrer Simon Rothschild (geb. 1895
oder 1896 in Romrod) ist im Krieg gefallen
(war seit 1913 Lehrer in Ulrichstein, gefallen 1918)
Artikel
im "Israelitischen Familienblatt" vom 13. Juni 1918: "Auf den
Schlachtfeldern des Westens fand am 24. April der Kollege Rothschild -
Ulrichstein den Heldentod fürs Vaterland
Rothschild war 1896 in Romrod
(Oberhessen) geboren. Er war der Jüngste seiner Familie, der Liebling seiner
Eltern und Geschwister. Er besuchte die Volksschule seines Geburtsortes und
zeichnete sich frühzeitig durch außergewöhnliche Intelligenz und
hervorragendes Streben aus. Seine Lehrer und besonders der Schulinspektor
drängten die Eltern, den hoch begabten Knaben, wie es seinem eigenen Wunsche
entsprach, dem Lehrerberufe zuzuführen. Er besuchte die
Präparandenschule zu Höchberg
und sodann das Lehrerseminar zu Köln. Nachdem er kaum ein Jahr in
Ulrichstein als Lehrer amtiert und in der kurzen Zeit sich die Liebe und
Zuneigung seiner Gemeinde und seiner Schüler erworben, brach der Weltkrieg
aus, und auch er wurde zu den Waffen gerufen. Bei dem
Garde-Grenadierregiment Nr. 5 in Berlin erhielt er seine Ausbildung, kam ins
Feld, und mehr als drei Jahre hat er die Strapazen des furchtbaren
Weltkrieges ertragen. Er wurde zum Unteroffizier befördert, erhielt das
Eiserne Kreuz und die hessische Tapferkeitsmedaille.
In ihm verlieren seine tiefgebeugten Eltern einen gar wackeren Sohn, der
ihnen die Stütze ihres Alters werden sollte, und nicht minder die
Lehrerschaft ein aufstrebendes Mitglied, das durch natürliche Anlage und
edle Charaktereigenschaften berufen schien, einmal eine Zierde seines
Standes zu werden.
Er ruhe sanft in Frieden; der Allgütige tröste die trauernden Seinen!
M. St." |
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Generalversammlung der Israelitischen Wohltätigkeitsvereins (1929)
Artikel
im "Israelitischen Familienblatt" vom 8. Mai 1929: "Ulrichstein. In
der Generalversammlung des seit 1831 bestehenden Israelitischen
WohltätiakeitSveretnü Ulrichstein konnten die Herren David Stern und
Nathan Reiß II ihr 50jähriges Mitgliedsjubiläum feiern und wurden zum
Danke für ihre 50jährige Mitarbeit zu Ehrenmitgliedern ernannt. Jedem wurde
ein entsprechendes Diplom überreicht." |
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
Zum Tod von Röschen Fröhlich (1909)
Mitteilung
in "Israelitisches Familienblatt" vom 4. März 1909: "Ulrichstein,
Vogelsberg. (Vier Generationen.) Dieser Tage starb hier die 97 Jahre
alte Frau Röschen Fröhlich. Der Zufall hat es gefügt, dass bei der
Beerdigung der alten Dame auf dem israelitischen Friedhofe vier
Generationen, Urgroßmutter, Großmutter, Mutter und Kind, dicht nebeneinander
gebetet wurden. Die zuletzt begrabene Urgroßmutter hatte ihre Nachkommen
überlebt." |
Goldene Hochzeit von Markus Reiß IV. und seiner Frau
(1911)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 5. Mai 1911:
"Ulrichstein. Die Eheleute Markus Reiß IV. begingen bei guter
Gesundheit die goldene
Hochzeit." |
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Links:
Das Ehepaar Markus Reiss IV und Regina geb. Fröhlich. Markus (Mordechai)
Reiss ist am 11. März 1836 in Ulrichstein geboren. Er war seit dem 10.
April 1861 mit Regina geb. Fröhlich verheiratet. Er starb am 18.
September 1917 in Ulrichstein. Regina geb. Fröhlich ist am 18.
Januar 1838 in Ulrichstein geboren. Sie starb am 1. Dezember 1920 in
Ulrichstein.
Informationen und Foto aus dem Buch von Nathan M. Reiss s.Lit. S.
461.465. |
Über Levi Schloss (1861-1923) und seine Brüder
Arnsberg s. Lit. Bd. I S. 314: "Der
langjährige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde - um die Jahrhundertwende
- war Levi Schloß; er war Mitbegründer der Postautoverbindung von
Ulrichstein zum Bahnhof Mücke, die den Grundstein bildete zu dem heute (sc.
1971) bestehenden regen Autobusnetz. Zwei Brüder von Levi Schloß waren Geschäftsleute
in Frankfurt am Main, u.a. besaß die Firma Schloß & Michel das
Restaurant 'Tiroler Hof' in der Kaiserstraße".
Weitere Informationen zu Levi Schloss bei Nathan M. Reiss s.Lit. S.
561. |
Zum Tod von Lina Reiß (1933)
Artikel
im "Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden
Hessens" von 1933 Nr. 3: "Ulrichstein (Oberhessen). Im Alter von 54
Jahren starb Frau Lina Reiß, Gattin des allseits geachteten Herrn
Moses Reiß. Ihre Beisetzung gestaltete sich zu einem imposanten Trauerzug.
Bei der Trauerfeier am Grabe rühmte Herr Lehrer Bick,
Nieder-Ohmen die Vorzüge der
Verstorbenen und gab dem Schmerze der Familie beredten Ausdruck." |
Mitteilungen zu einzelnen Personen
der jüdischen Gemeinde
| - 1928: Trauung von Samson
Wetzler in Frankfurt am Main, Herderstr. 11 mit Betty geb. Stern als
Ulrichstein (in: "Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt
am Main" 4 1928 S. 259). |
| - 1938: 70. Geburtstag am 5. April
1938 von Fanny Rose geb. Fröhlich (in
Frankenau, früher Ulrichstein)
(in: "Central-Verein-Zeitung" vom 31. März 1938 S. 14).
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Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige von Zilla Reiss (1930)
Anmerkung: Zilla Reiss ist am 4. Mai 1905 in Ulrichstein geboren als Tochter von
Heskias Reiß und Rosa geb. Kälbermann und wuchs mit mehreren Geschwistern in
Ulrichstein auf. Sie blieb unverheiratet und ließ sich von 1923 bis um 1925 zur
Köchin in einem Hotel in Nürnberg ausbilden. 1926 bis 1927 war sie Köchin in
Marburg bei der Rabbinerfamilie Munk. Von
1929 bis 1939 war sie wieder in ihrem Elternhaus in Ulrichstein und
übernahm Pflegedienste für teils entfernte Verwandte. Von diesen erbte sie eine
Manufaktur und ein Kolonialwarengeschäft in Ulrichstein, die sie zusammen mit
dem Elternhaus 1938/39 zwangsweise verkaufen musste. 1939 zug sie
verfolgungsbedingt nach Frankfurt, wo sie bis 7. April 1941 als Köchin und
vermutlich auch Pflegerin im Gumpertz'schen Siechenhaus in Frankfurt tätig war.
Nachdem dieses zwangsgeräumt werden müsste, war sie bis 24. September 1942
Lehrschwester im Jüdischen Krankenhaus Gagernstraße. Am 24. September wurde sie
mit ihrer Schwester Frieda Reiß (geb. 05.05.1895 in Ulrichstein, ledig, letzte
Frankfurter Adresse: Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge, Hans-Thoma-Straße 24)
nach Estland deportiert, wo sich die Lebensspuren der beiden Schwestern
verlieren. In Estland befand sich die Tötungsstätte Raasiku bei Reval (Tallinn),
wo beide wohl ermordet wurden. Informationen nach
https://www.juedische-pflegegeschichte.de/personen/zilla-reiss-reiss/
Genealogie zu Familie Heskias Reiß:
https://www.geni.com/people/Heskias-Rei%C3%9F/6000000003011920797
Anzeige
in der "CV-Zeitung" vom 27. Juni 1930: "Nehme 2 bis 3 Damen
zur Erholung und Sommerfrische auf. Gute koschere Verpflegung
bei mäßigem Preis.
Frl. Zilla Reiss, Ulrichstein (Oberhessen)." |
Nach 1945 - in den USA: Hochzeitsanzeige von Ludwig Distelburger und Bertie geb.
Reiss (1946)
Anzeige
in der amerikanisch-jüdischen Zeitschrift "Der Aufbau" vom 25.
Oktober 1946:
"Ludwig Distelburger - Bertie Distelburger née Reiss.
Married October 20, 1946
R.F.D. No. 4 Middletown, N.A.
(formerly Oberthulba,
Bayern)
(formerly Catskill, N.Y., Ulrichstein, Hessen) |
Sonstiges
Erinnerungen an die Auswanderungen im 19. Jahrhundert:
Grabstein in New York für Jetta Kahn aus Ulrichstein (1839-1909)
Anmerkung: das Grab befindet sich in einem jüdischen Friedhof in NY-Brooklyn.
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"Hier
ruhet unsere unvergessliche Schwester
Jetta Kahn
geboren am 8. Oct. 1839
Ulrichstein Hessen
gestorben am 29. Nov. 1909". |
Zur Geschichte der Synagoge
Zunächst war ein Betraum in einem der jüdischen
Häuser oder eine erste Synagoge vorhanden.
Um 1863 erwarb die jüdische Gemeinde ein zweigeschossiges, 1847 erbautes
Bauernhaus, um
darin eine Synagoge einzurichten. Im Bereich des heutigen großen Scheunentors
war der Zugang für die Männer in den nach Osten ausgerichteten Betsaal mit
einer Empore für die Frauen. Zu ihr führte ein Treppenaufgang im Eingangsflur.
Auf der westlichen Seite des Gebäudes war eine Schulstube, darüber die
Lehrerwohnung.
1893 wurde eine größere Renovierung des Gebäudes vorgenommen.
Dabei wurden Türen und Fenster erneuert, die Wände ausgebessert und
gestrichen, neue Bänke angefertigt, die hebräischen Inschriften neu vergoldet,
der Tora-Schrein bemalt und die Wohnung des Lehrers neu gestrichen. 1903
wurde die Einfriedung um das Gebäude, die aus verzinktem Maschendraht bestand,
erneuert. Eine weitere Renovierung fand 1914
statt.
Wie lange in der Synagoge nach 1933 Gottesdienste abgehalten wurden, ist
nicht bekannt. Am 12. September 1938 wurde das Synagogengebäude im
Zusammenhang mit der Auflösung der Gemeinde verkauft. Die Kultgegenstände wurden nach Frankfurt am Main verbracht, wo sie
beim Novemberpogrom 1938 zerstört wurden. Vor dem Verkauf hatte der
Bürgermeister von Ulrichstein am 25. Juli 1938 dem Kreisamt in Schotten
geschrieben: "Zur Zeit sind noch 5 männliche und 5 weibliche
Angehörige der Judengemeinde hier ansässig... Das Gebäude soll nach Umbau als
H.J.-Heim und dergleichen Verwendung finden. Mehr wie 1.000.- RM wollte ich
nicht bieten dafür".
Nach 1945 wurde die ehemalige Synagoge zu einem Wohn- und Wirtschaftshaus
umgebaut. Es wird bis heute als Wohnhaus verwendet. Im Gebäude wurde Anfang der
1980er-Jahre eine Steintafel aus der Synagoge mit Namen der im Ersten Weltkrieg
gefallenen jüdischen Soldaten der Gemeinde gefunden. Am Gebäude befinden sich
eine kleinere und eine größere Tafel mit Hinweisen auf die ehemalige
Synagoge.
Adresse/Standort der Synagoge:
Herrngartenstraße 7 (ehemalige Untergasse)
Fotos
(Quelle: um 1970: Arnsberg Bilder s. Lit. S. 163; August
1985: Altaras s.Lit. 1988 S. 114)
Gebäude der
ehemaligen Synagoge um 1970 |
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Gebäude der
ehemaligen Synagoge
im August 1985 |
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Blick von der Straße,
Vorderseite (Südseite) |
Rückseite und Ostgiebel |
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Stationen der
jüdischen Geschichte im Historischen Stadtrundgang Ulrichstein
(Quelle: www.ulrichstein.de) |
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| Station 3: die ehemalige
Synagoge |
Station 7: das Judenbad und
Judenbackhaus |
Station 12: Der jüdische
Friedhof |
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| Aktuelle Fotos
werden noch erstellt, vgl. Seite zum
Friedhof. |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Germania Judaica II,2 S. 846. |
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. |
 | ders.: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder -
Dokumente. S. 163. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. 114-115. |
 | dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 105. |
 | dies.: Neubearbeitung der beiden Bände. 2007² S.
268-269. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen II Regierungsbezirke Gießen und Kassel. 1995 S.
204-205. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 47-48. |
 | Heimatbuch Ulrichstein - Burg und Stadt. Darin Abschnitt:
"Das hessische Judentum und die Judengemeinde Ulrichstein". |
 | Katharina Jacob (Verein Landjudentum Vogelsberg): Jüdisches Familienleben in Ulrichstein".
Allgemeines zur Geschichte der Ulrichsteiner Juden. Beitrag eingestellt als
pdf-Datei
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 | Mathilda
Wertheim Stein: The Way it was. Jewish life in Storndorf and
Ulrichstein in Upper Hesse. 100 pages, 105 photos. FrederickMax
Publications Atlanta, Georgia 2011. ISBN 978 0 967 3282 1 8
Weitere Informationen: siehe eingestellte pdf-Datei mit Bestellmöglichkeit
über www.israeled.org
Artikel über die 2014 verstorbene Autorin. |
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dies.: The Way it Was: The Jewish World of Rural Hesse. 427 pages.
FrederickMax Publications 2000. ISBN 978 0 967 3282 01.
Weitere Informationen: siehe eingestellte
pdf-Datei mit Bestellmöglichkeit über www.israeled.org
bzw. http://www.amazon.com/The-way-was-Jewish-world/dp/0967328209 |
Umfassendes familiengeschichtliches
Werk:
Nathan M. Reiss
Some Jewish Families
of Hesse and Galicia
Second edition 2005
http://mysite.verizon.net/vzeskyb6/ |
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In diesem Werk
eine ausführliche Darstellung zur jüdischen Geschichte in Ulrichstein
mit
umfassenden biographischen Angaben zu Familie Reiss ("The
Reiss Family of Ulrichstein"
S. 37-96) und Verwandtschaft (mit
Nachkommen bis ca. 2004) mit zahlreichen Abbildungen
u.a.m. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Ulrichstein Hesse. Jews
first settled there in 1347. The community, numbering 107 (11 % of the total) in
1861, was affiliated with Giessen's Liberal rabbinate. By September 1938 the
community had disbanded, 41 Jews emigrating (27 to the United States) and 13
moving to other German towns before May 1939.

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