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Böhringen (Gemeinde
Römerstein, Kreis Reutlingen)
Zur Geschichte von Dr. Karl Ernst Bär
Übersicht:
Zur Geschichte von Dr. Karl Ernst
Bär
In Böhringen hatte der Arzt Dr. Karl Ernst Baer 1929 bis
1939 eine Praxis (zuerst in der Poststraße 13, genannt "Doktorhaus",
seit 1936 in der Hölderlinstraße 2). Dr. Baer war jüdischer Abstammung: er war
am 17. April 1900 in Stuttgart als Sohn des Tierarztes Dr. Max Bär und der Anna geb.
Landauer geboren. Im Ersten Weltkrieg war er als Frontkämpfer eingesetzt.
Anlässlich seiner Eheschließung 1929 mit der Tochter eines evangelischen
Pfarrers Margarethe geb. Rheinwald trat Dr. Baer zur evangelischen Konfession
über. Sein Schwiegervater, Pfarrer Otto Rheinwald, war zuletzt in Oberlenningen
als Pfarrer tätig. Er starb 1935 nach Auseinandersetzungen mit dem
NSDAP-Ortsgruppenleiter und der örtlichen Polizei an einem
Herzschlag.
In der NS-Zeit war Dr. Bär auf Grund seiner jüdischen Herkunft sofort von den
antijüdischen Maßnahmen betroffen. Er verlor 1933 seine Arztzulassung in
Böhringen, behandelte jedoch auf privater Basis weiterhin seine Patienten. Im
Zusammenhang mit dem Novemberpogrom 1938 wurde Dr. Baer verhaftet und
misshandelt, danach in das KZ Dachau eingeliefert.
Der Oberlenninger Pfarrer Julius von Jan (Nachfolger von Pfarrer Rheinwald in
Oberlenningen) hatte in seiner bekannten Bußtagspredigt vom 16. November 1938
u.a. Dr. Baer im Auge, wenn er in seiner Predigt davon sprach: "Männer, die
unsrem deutschen Volk treu gedient haben und ihre Pflicht gewissenhaft erfüllt
haben, wurden ins KZ geworfen, bloß weil sie einer andern Rasse angehörten!"
Die Familie Baer (Ehepaar mit den beiden 1930 beziehungsweise 1932 geborenen
Töchtern Suse und Ruth) ist einige Wochen nach der Entlassung von Dr. Baer aus dem KZ im
Februar 1939 nach England emigriert. Das der Familie gehörende Haus
Hölderlinstraße 2 wurde enteignet; eine Entschädigung fand nach 1945
statt.
Im Juli 2010 besuchte ein Enkel von Dr. Karl Ernst Baer - David Hines aus
Melbourne - Böhringen (siehe Pressebericht unten).
Pressebericht
Foto
links von Regine Lotterer: David Hines (rechts) vor dem Böhringer Doktorhaus, in dem sein Großvater praktiziert hat.
Artikel von Regine Lotterer in der "Südwestpresse" (Lokalteil
Reutlingen) vom 7. Juli 2010 (Artikel): "Böhringen. Die Nazis haben Dr. Karl Ernst Baer seiner Heimat beraubt. 1939 musste er aus Böhringen fliehen, da er jüdische Wurzeln hatte. Nun ist sein Enkel zurückgekehrt, auf der Suche nach Spuren der
Vergangenheit.
Mehr als 16.000 Kilometer liegen zwischen Böhringen und Melbourne. Es ist freilich nicht nur die gewaltige Distanz, die den
Australier David Hines von den Böhringern trennt, obwohl er familiäre Wurzeln auf der Alb besitzt. Seine Mutter Suse wurde 1930 in Böhringen geboren und in der St. Galluskirche getauft. Ihre Eltern, Dr. Karl Ernst und Margarethe Baer, zählten zu den angesehensten Familien im Ort.
Dann, 1933, änderte sich alles. Dr. Baer stammte aus einer jüdischen Familie, was ihn zum Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns machte. 1939 gelang es ihm schließlich gemeinsam mit seiner Frau und den beiden Töchtern nach England auszureisen. Am Montag kehrte mit David Hines nun sein Enkel in die alte Heimat zurück. Dort wurde er mit offenen Armen empfangen, nicht zuletzt von den ehemaligen Schulkameraden seiner Mutter.
Sie waren zu einer Andacht in die St. Galluskirche gekommen, um an das Schicksal der Familie Baer zu erinnern, gleichzeitig wollten sie die Hand zur Versöhnung ausstrecken. Eine Hand, die David Hines gerne ergriff. Er kam nicht mit Bitterkeit im Herzen, sondern voller Neugier auf das Dorf, das für ihn immer vom Nebel des Mystischen umweht war, wie er in der Kirche berichtete. "Für mich war es deshalb sehr wichtig, auf die Schwäbische Alb zu kommen."
Vom Empfang in Böhringen sei er überwältigt, nie und nimmer habe er mit einem solchen Interesse gerechnet. Schon deshalb sei der Aufenthalt im Heimatdorf seiner Mutter ein "wunderschönes Erlebnis", zumal ihm die deutsche Sprache und vor allem das Schwäbische wie Musik in den Ohren klinge. Für die Geschehnisse der Vergangenheit, betonte Hines, könne heute niemand mehr verantwortlich gemacht werden, "das Leben geht weiter".
Wenn Hines, der als Kinderpsychiater in Melbourne arbeitet, auf den fünften Kontinent zurückkehrt, kann er seiner Mutter die besten Grüße von der Alb übermitteln. Außerdem hat er ein Böhringer Heimatbuch im Gepäck, das ihm Bürgermeister Michael Donth überreichte. Darin findet sich ein Klassenfoto, auf dem seine Mutter im Kreise ihrer Mitschüler zu sehen
ist (Foto links: Die Kinder der Böhringer Jahrgänge 1929 bis 1933. In der zweiten Reihe von hinten ist Suse Baer zu sehen, sie ist die siebte von links. Foto: Heimatbuch Böhringen). "Ein freundliches, einfaches Mädchen", erinnert sich Schulkamerad Ludwig Götz, "mit dicken, schwarzen Zöpfen." Die Kinder hätten ein gutes Miteinander gepflegt, schildert Götz, Unterschiede seien nicht wahrgenommen worden. Zumal die Familie Baer der evangelischen Kirchengemeinde angehörte, der Vater war anlässlich seiner Heirat mit Margarethe Rheinwald, einer Pfarrerstochter aus Oberlenningen, zum Protestantismus übergetreten und galt als fleißiger Kirchgänger.
Welchen Schikanen die Baers während der Nazizeit ausgesetzt waren, erkannten die Schulkameraden erst viel später. Das Geschehen war für die Kinder undurchschaubar, "daraus wurde ein Geheimnis gemacht", erinnert sich Ludwig Götz. Die beiden Töchter, Suse und Ruth, erzählten den Nachbarn lediglich, die Familie werde eine Reise unternehmen, wohin und warum, erschloss sich den Kindern nicht.
Schon lange vor der Emigration hatten die Nazis versucht, den allseits beliebten und hochgeschätzten Arzt in die Rolle eines Parias zu drängen und ihn seiner Existenzgrundlage zu berauben. 1936, nach Erlass der Nürnberger Rassegesetze, musste die Familie Baer aus dem gemeindeeigenen Arzthaus ausziehen. Daraufhin baute der Doktor in der Hölderlinstraße, dort praktizierte er ab 1937.
Dass er seine Leistungen nicht mehr über die Kassen abrechnen durfte, traf ihn keineswegs so hart, wie die Nazis erhofft hatten. Viele Bauern waren ohnehin nicht versichert, wie Heimatforscher Ernst Strähle am Montag ausführte.
Er trug während der Feierstunde einen Teil seiner Forschungen zur Geschichte der Böhringer Ärzte vor. Wie er berichtete, atmeten die Böhringer auf, als 1929 mit Dr. Baer wieder ein Arzt in den Ort zog. Zumal ihn einige bereits von seiner Tätigkeit im Uracher Krankenhaus kannten. Von Böhringen aus kümmerte sich Baer auch um Patienten in den umliegenden Gemeinden, bis nach Gruorn fuhr er mit seinem Auto, um die Kranken zu versorgen.
"Dank einiger aufsehenerregender Heilerfolge besaß er schnell den Ruf, ein sehr guter Arzt zu sein", schilderte Ernst Strähle. Deswegen ließen sich viele seiner Patienten auch nach 1933 weiterhin von ihm behandeln, zum Ärger der braunen Machthaber. Am 9. November 1938 rächten sie sich. Während der Reichspogromnacht zerrten ihn Uracher Nazis aus seinem Haus, brachten ihn ins Gefängnis und misshandelten ihn so schwer, dass er einen Arzt benötigte. Am nächsten Tag musste Baer den Weg ins Konzentrationslager Dachau antreten.
Als er im Januar 1939 nach Böhringen zurückkehrte, sahen ihm die Dörfler an, durch welche Hölle er gegangen war. Fragen nach seiner Zeit im KZ wollte er nicht beantworten, wie sich Zeitzeugen erinnern. Nach diesen schrecklichen Erlebnissen stellte der Arzt den Antrag, seinen Bruder in England besuchen zu dürfen, was ihm die Machthaber wenige Wochen später gestatteten. Das Leben der Familie war damit gerettet. Möbel oder das Geld aus dem Hausverkauf kamen freilich nie in England an.
Das große Unrecht, das der Familie Baer wiederfahren ist, bewegt die Böhringer noch heute, wie Bürgermeister Michael Donth betont. Er, wie auch Pfarrerin Cornelia Holder, gaben während der Andacht der Hoffnung Ausdruck, aus dem Besuch des Enkels möge eine Brücke wachsen, die nicht nur die räumliche Distanz zwischen Melbourne und Böhringen überspannt, sondern auch die Vergangenheit. Der erste und wichtigste Schritt dafür ist jedenfalls getan." |
Links und Literatur
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