In Kahla lebten im Mittelalter (Verfolgung
1349, weitere Nachweise 1382, 1423 bis 1425 und 1432) sowie im 19./20.
Jahrhundert wenige jüdische Personen, ohne dass es zur Gründung einer
jüdischen Gemeinde kam.
Die jüdischen Einwohner im 19./20. Jahrhundert gehörten der
jüdischen Gemeinde in Jena an. Es waren im
Wesentlichen die Mitglieder der Familien Jacobsthal und Cohen/
Nach 1933 trafen auch die wenigen jüdischen Einwohner Kahlas
die Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien. Betroffen waren vor allem die beiden Familien von Erna Tittel und
Mutter Flora Cohn mit ihrem Bekleidungsgeschäft in der Rudolf-Breitscheid-Straße
16 sowie die Familie Adolf Jacobsthal mit ihrem Haushaltswaren- und
Textilwarengeschäft in der Roßstraße 28. Beide Familien mussten ihre Geschäfte
aufgeben.
Von den in Kahla geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Martin Abrahamsohn (geb. 1892 in Kahla, wohnte
später in Berlin), Flora Cohn geb. Hirschfeld (1877), Hermann (Hirsch) Hellmann
(1897), Adolf Jakobsthal (1878), Clothilde Jacobsthal geb. Schoenthal (1884,
starb 1942 nach Aufforderung zur Deportation), Herbert Jakobsthal.
Am 17. September 2016 wurden in Kahla "Stolpersteine" verlegt: in der
Rudolf-Breitscheid-Straße 16 für Flora Cohn geb. Hirschfeld und für Erna Tittel
geb. Cohn (1903, überlebte Theresienstadt); in der Roßstraße 28 für Adolf
Jacobsthal, Lotte Jacobsthal (1939 emigriert nach Schweden) und Clothilde
Jacobsthal. Wikipedia-Artikel:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Kahla.
Adolf Jacobsthal ist am 7. Januar
1878 in Freystadt als Sohn von Lewin Jacobsthal (1836-1914) und
seiner Frau Rosalie geb. Klein. Adolf wuchs in einer großen Familie
auf, er war eines von neun Kindern. Er hatte sechs Schwestern und zwei
Brüder. 1903 zog Adolf mit seiner Frau Toni geb. Becker nach Kahla.
Die beiden wohnten zunächst in der Margarethenstrasse 13, wo neben ihrer
Wohnung auch ihr Geschäft, zunächst ein Spielwarengeschäft, dann ein
Haushaltswaren- und Textilwarengeschäft war ("Volksbasar"). Adolf und Toni
Jacobsthal hatten zwei Söhne, Siegfried (geb. 24. Mai 1904) und
Herbert (geb. 24. Juli 1905), die in Kahla geboren und aufgewachsen
sind. Adolf und Toni planten 1911, Kahla zu verlassen und kündigten in einer
Anzeige an, dass sie ihr Geschäft schließen und aus der Stadt wegziehen
würden. Die Familie blieb jedoch in Kahla und zog in die Salzstraße 12, wo
sie ihr Geschäft weiterführte. Während des Ersten Weltkriegs war Adolf
Unteroffizier in der deutschen Armee und wurde für seinen Dienst mit dem
Eisernen Kreuz (EK II) ausgezeichnet. Während des Krieges verlor Adolf seine
Frau Toni, die am 6. November 1916 in der Salzstraße 12 plötzlich starb.
1920 zog Adolf erneut innerhalb von Kahla um, diesmal in die Roßstraße 28,
wo er als alleinerziehender Vater mit seinen beiden kleinen Söhnen lebte und
sein Geschäft betrieb. 1922 heiratete Adolf Jacobsthal seine zweite Frau,
Clothilde geb. Schönthal (geb. 29. April in
Neustadt a.d. Aisch). Zwei Jahre
nach der Heirat bekamen sie eine Tochter, Lotte Sabine, geboren am
24. Mai 1924. Die Familie Jacobsthal war in der Gemeinde für ihren Beitrag
zum wirtschaftlichen und sozialen Leben in Kahla bekannt. Adolf spielte
Fußball in der Veteranenmannschaft des SV Kahla. Seine beiden Söhne waren
besonders fußballbegabt. Siegfried zog später nach
Arnstadt und organisierte 1928
Freizeitspiele gegen die Mannschaft des SV Kahla. Herbert spielte bereits
mit 16 Jahren in der Herrenmannschaft des SV Kahla. Clothilde ist den
Einwohnern von Kahla als sehr aktiv im Roten Kreuz in Erinnerung geblieben.
Trotz des Engagements der Familie in der Gemeinde wirkten sich die frühen
Boykottmaßnahmen des Jahres 1933 in Kahla auch auf das Geschäft der Familie
Jacobsthal aus. Am 1. April 1933 postierten sich SA-Männer vor dem Geschäft
von Adolf Jacobsthal, um Kunden davon abzuhalten, sein Geschäft zu
unterstützen. Im November 1938 wurden die landesweiten antijüdischen
Aktionen der Kristallnacht in Kahla mit Begeisterung durchgeführt. In der
Stadt fanden Massendemonstrationen statt, das Geschäft von Adolf Jakobsthal
wurde wie auch seine Wohnung demoliert. Adolf wurde verhaftet und in das KZ
Buchenwald gebracht. Zwei Wochen später wurde er entlassen und kehrte am 23.
November 1938 nach Kahla zurück. Die Familie Jakobsthal musste in die
eingerichteten "Judenbaracken" unterhalb des Bahnhofs umziehen. Die in der
Kaserne lebenden Juden wurden gezwungen, in den nahe gelegenen
Porzellanfabriken oder beim Bau des Hohenwarte-Damms zu arbeiten.
Clothilde Jacobsthal starb am 3. Mai 1942. Als Todesursache wird auf
ihrem Totenschein ein Herzinfarkt angegeben. Obwohl dies nicht bestätigt
werden kann, dürfte die Familie Jacobsthal die Mitteilung über ihre geplante
Deportation etwa zum Zeitpunkt von Clothildes Tod erhalten haben, was sich
wahrscheinlich auf ihren Gesundheitszustand und ihre Todesursache ausgewirkt
hat. Adolf unterschrieb die Sterbeurkunde seiner Frau nur wenige Tage vor
seiner Deportation. Am 10. Mai 1942 wurde Adolf Jacobsthal in das Ghetto
Belzyce deportiert. Er war der einzige jüdische Einwohner, der von Kahla
nach Belzyce deportiert wurde. Außer seinem Namen auf den Deportationslisten
gibt es keine Spuren über seinen Verbleib oder sein Schicksal.
Adolfs Sohn HerbertJacobsthal lebte mit seiner Frau Herta
geb. Ziegler) in Berlin. Herta arbeitete als Kindergärtnerin. Das Paar
lebte bis Ende 1940 in einer kleinen Wohnung zusammen und zog dann zu Hertas
Mutter Rosa. Gegen Ende des Jahres 1942 wurde Herbert zur Zwangsarbeit bei
Reinigungsarbeiten in ganz Berlin eingesetzt. Am 23. November 1942 wurden
Herbert und Herta gezwungen, eine Erklärung über ihr verbliebenes Vermögen
zu unterzeichnen, das als dem Reich verfallen erklärt wurde. Beide wurden am
29. November 1942 mit dem 23. Osttransport nach Auschwitz deportiert.
Herbert starb am 3. Januar 1943 an Herzversagen und Darmproblemen.
Der andere Sohn Siegfried Jacobsthal floh aus Deutschland. Er
heiratete Lea/Lisas geb. Schneider am 15. August 1937 in Breslau, wo
Lea geboren wurde. Ihr letzter fester Wohnsitz vor der Auswanderung war
London, England. Siegfried und Lea verließen den Hafen von Southampton am
12. Dezember 1939 mit dem Schiff S.S. Veendam. Sie kamen am 22. Dezember
1939 in New York, USA, an. Laut dem U.S. Social Security Death Index ist
Fred Jacobs (Siegfried Jacobsthal) im Mai 1963 in New York gestorben.
Auch die Tochter Adolfs aus zweiter Ehe Lotte Jacobsthal gelang es,
aus Deutschland zu fliehen. Lotte verließ Deutschland im Februar 1939 mit
einem Kindertransport und kam am 14. Februar 1939 in Schweden an. Nach dem
Ende des Krieges im Mai 1946 zog sie zu ihrem Bruder in die USA. Lotte
heiratete Fritz (Fred) Herzberg im Mai 1950 in St. Louis, Missouri.
Sie starb jung im Alter von 31 Jahren im Jahr 1956. Lotte ist in Missouri
begraben.
Verschiedene Verlobungsanzeigen (Adolf Jacobsthal, Herbert Jacobsthal und
Siegfried Jacobsthal aus Kahla, 1921 / 1929 / 1937)
Anzeige
in "Israelitisches Familienblatt" vom 7. April 1921: "Statt Karten.
Rosa Lisser - Adolf Jacobsthal
Verlobte
Fordon Kahla in Thüringen 27. März 1921."
Hinweis auf die Verlobung von Claire
Tannenberg aus Fulda mit Herbert
Jacobsthal aus Kahla(in: "Israelitisches Familienblatt" vom 16. Mai
1929 S. 5).
Anzeige
in "Jüdische Rundschau" vom 16. April 1937: "Wir haben uns verlobt
Lisa Schneider - Siegfried Jacobsthal Breslau
jetzt: Höfchenstraße 53a jetzt Katowice Polen. M. reja 5
Viktoriastraße 16 Kahla Thüringen."
Zu Familie Hermann Cohn und Flora geb. Hirschfeld mit Tochter Erna und
ihrem Mann Hermann Tittel
Hermann Cohn sucht für seine
Tochter Erna (später verheiratete Tittel) eine Stelle (1920)
Anmerkung: Hermann Cohn und seine Frau Flora waren Inhaber eines
Bekleidungsgeschäftes in der Rudolf-Breitscheid-Straße 16. Zur
Lebensgeschichte von Erna Cohn verheiratete Tittel siehe unten.
Anzeige
in "Israelitisches Familienblatt" vom 19. Februar 1920: "Suche für
meine einzige Tochter, 16 Jahre, gute Schul- und musikalische Bildung,
Stellung,
wo derselben Gelegenheit geboten, sich wirtschaftlich vollständig
auszubilden. Vergütung nach Übereinkunft. Angebote zu richten an
Hermann Cohn, Kahla in Thüringen."
Grabstein für Erna Tittel geb.
Cohn (im jüdischen Friedhof in Erfurt)
Grabstein
im jüdischen Friedhof in Erfurt (Foto und
Recherchen: Stefan Haas, Dezember 2025)
"Erna Tittel
aus Kahla
1903-1974"
Zur Geschichte zu Erna Tittel geb. Cohn:
Auf dem jüdischen Friedhof in Erfurt
findet sich ein unscheinbarer Grabstein für Erna Tittel. Erna Tittel wurde
am 19. Dezember 1903 in Kahla als Erna Cohn geboren. Ihre Eltern
Hermann und Flora Cohn betrieben in der heutigen
Rudolf-Breitscheid-Straße 16 ein Bekleidungsgeschäft. Später führte Erna das
Geschäft selbst. Am 16. November 1924 heiratete sie den (nichtjüdischen)
Buchdruckmaschinenmeister Hermann Tittel. Aus der Ehe ging ein Sohn
Karl Gunther, geb. 14. September 1928, hervor. Mit der Machtübernahme der
Nationalsozialisten änderte sich das Leben der Familie grundlegend. Das
Geschäft wurde Erna Titel genommen, deren Ehe am 4. April 1934 geschieden
worden war genommen. Nach der Pogromnacht vom November 1938 wurden Erna
Tittel, ihre Mutter Flora und ihr Sohn zunächst inhaftiert und anschließend
in die sogenannte "Juden-Baracke" in Kahla eingewiesen. Erna musste unter
äußerst schwierigen Bedingungen im Porzellanwerk arbeiten. 1944 wurde sie
schließlich nach Theresienstadt deportiert. Sie gehörte zu den wenigen
Überlegenden des Ghettos Theresienstadt und konnte im Juni 1945 nach Kahla
zurückkehren.
Erna war mittellos und gesundheitlich schwer gezeichnet. Sie war nach
Aussage eines Zeitzeugen 'halb blind' und schwer krank aus dem Lager
zurückgekehrt. Sie lebte zunächst in Kahla und versuchte, wieder ein eigenes
Geschäft aufzubauen. Im Juli 1945 stellte sie dafür einen Antrag. Dieser
Versuch scheiterte jedoch. Schließlich arbeitete sie wieder im Porzellanwerk
und lebte mit ihrem Sohn in einer bescheidenen Wohnung. Unterstützung
erhielt sie unter anderem von der jüdischen Gemeinde in Jena und von der
Vereinigung 'Opfer des Faschismus'.
Besonders bemerkenswert ist ein Rechtsstreit, den Erna Tittel in den Jahren
nach dem Krieg führte. Dabei ging es um Möbel, die sie während der
Verfolgung hatte zurücklassen müssen. Der Fall gelangte bis zum
Oberlandesgericht Gera. Das Verfahren wurde 1948 zugunsten Erna Tittels
entschieden; ihre Möbel mussten ihr zurückgegeben werden. Die
Auseinandersetzung hatte darüber hinaus Bedeutung für die Entwicklung des
thüringischen Wiedergutmachungsrechts. Erna Tittel blieb in Kahla. Dort
lebte sie mit ihrem Sohn bis zu ihrem Tod im Jahr 1974.
Vor dem ehemaligen Wohnhaus in der Rudolf-Breitscheid-Straße 16 liegt ein
Stolperstein für Erna Tittel – gemeinsam mit dem Stein für ihre Mutter
Flora Cohn.
Gedenken auch am 9. November 2018 -
Einladung zur Veranstaltung in "demokratieladen.com": "9. November | 2.
Stolpersteinaktion in Kahla
Kein Verblassen – Kein Vergessen! | Kahla, 9. November 2018, 10:00-12:00 |
Treffpunkt vor dem Rathaus, 10 Uhr
Zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht laden wir die Kahlaer Bürger*innen
unter dem Motto 'Kein Verblassen – Kein Vergessen' zu einer
Stolpersteinaktion am 9. November in Kahla ein. Wir, das sind der
Demokratieladen Kahla und der Geschichts- und Forschungsverein Walpersberg
e.V. gemeinsam mit der Heimbürgeschule und dem Gymnasium 'Leuchtenburg'.
Wir wollen gemeinsam mit euch und Ihnen der verfolgten Kahlaer Bürger*innen
gedenken und an die Umstände des 80. Jahrestages der Pogromnacht erinnern.
In der Gedenkstunde reinigen Schüler*innen die Stolpersteine und wir
berichten aus dem Leben der verfolgten Kahlaer Jüd*innen. Diese Aktion
begleiten die Schüler*innen der Regelschule 'Heimbürgeschule' und des
Gymnasiums 'Leuchtenburg' mit Musik und Gedichten. Wir sehen uns am 9.
November 2018 10 Uhr vor dem Rathaus!"
November 2022:
Gedenken am Jahrestag des
Novemberpogroms 1938 in Kahla
Artikel vom 22. November 1938: "Gedenken zum
09. November 1938
Mit Redebeiträgen, Blumen und dem Reinigen der Stolpersteine vor den
Wohnhäusern Rudolf-Breitscheid-Straße 16 und Roßstraße 28 wurde vor einer
Woche den Opfern der Novemberpogrome in Kahla gedacht. Dabei stand neben dem
Erinnern an die Schicksale der Jüd:innen Erna Tittel, Flora Cohn, Adolf
Jacobsthal, Clothilde Jacobsthal vor allem die Verantwortung im Mittelpunkt,
den heutigen Antisemitismus nicht unwidersprochen zu lassen. Neben den
Vertreter:innen der Stadt Frank Hellwig und Claudia Preuß kamen Schülerinnen
und Schüler der Regelschule und des Gymnasiums sowie des VVN-BdA. Die OTZ
berichtete..
https://demokratieladen.com/gedenken-zum-09-november-1938/
November 2025:
Gedenken am Jahrestag des
Novemberpogroms 1938 in Kahla
Artikel von Katja Dörn in der "Ostthüringer
Zeitung" vom 9. November 2025: "Schüler aus Kahla halten die Erinnerung
an Adolf Jacobsthal wach
Kahla. Zur Erinnerung an den 9. November gestalteten Gymnasiasten einen
besonderen Stolperstein. Unweit der Gedenkfeier zeigen Personen, wie
verbreitet völkisches Gedankengut ist..."
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