Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Bad Kissingen (Kreisstadt)
Allgemeine Berichte zum jüdischen Leben in der Kurstadt zwischen 1860 und 1938  

Die nachstehend wiedergegebenen Texte mit Beiträgen zur jüdischen Geschichte in Bad Kissingen wurden in jüdischen Periodika gefunden. 
Bei Gelegenheit werden weitere Texte eingestellt

  
Hinweis auf Literatur:
Hans-Jürgen Beck: Jüdisches Kurleben in Bad Kissingen. J.H. Röll-Verlag Dettelbach am Main 2026. ISBN: 978-3-89754-695-0. 486 Seiten, 98.- €. 17,5 x 24,4 x 4,2 cm; Hardcover, Fadenheftung.
Anmerkung zu dieser Publikation: In Bad Kissingen existierte bis zu ihrer Zerstörung in der NS-Zeit eine der bedeutendsten und größten jüdischen Gemeinden in Bayern. Deren Entwicklung wurde maßgeblich durch die berühmten Heilquellen bestimmt, die zahlreiche jüdische Kurgäste aus dem In- und Ausland anzogen. Es entstanden neben der eindrucksvollen Neuen Synagoge eine Vielzahl jüdischer Hotels, Restaurants, Sanatorien, Pensionen, Arztpraxen und Geschäfte. Überregionale Bedeutung erlangten das Israelitische Kurhospiz und die Israelitische Kinderheilstätte.
Das Buch liefert einen Überblick über die Geschichte jüdischen Kurlebens von den Anfängen bis in die Gegenwart, stellt die wichtigsten jüdischen Kureinrichtungen und Hotels vor und verfolgt die biografischen Spuren von deren Besitzern und Angestellten. Breiten Raum nehmen die Biografien bekannter und weniger bekannter jüdischer Kurgäste ein, unter denen Albertine Mendelssohn-Bartholdy, Giacomo Meyerbeer, Max Liebermann, Paul Heyse, die Familie Pringsheim, James Simon, Alfred Döblin, Leo Fall, Fritzi Massary und Oscar Straus herausragen.
Zum Autor: Hans-Jürgen Beck wurde 1962 in Leverkusen geboren, studierte in Würzburg und Freiburg Theologie und Germanistik und war viele Jahre lang als Lehrer am Jack-Steinberger-Gymnasium in Bad Kissingen tätig. Er veröffentlichte verschiedene Artikel und Bücher zum jüdischen Leben in Bad Kissingen und war lange Zeit für die Programmgestaltung der Jüdischen Kulturtage Bad Kissingen
verantwortlich.
Leseprobe zu diesem Buch (pdf-Datei)  
   
   
Übersicht:

bulletAllgemeine Berichte zum jüdischen Leben in der Kurstadt zwischen 1860 und 1938     
-  Brief aus Bad Kissingen - "Die Juden sind gemütliche Leute" (1860)  
-  Bericht aus Bad Kissingen - wie der Fastentag am 9. Aw in Bad Kissingen begangen wird (1897)  
Badebrief aus Bad Kissingen (1903)           
-  Bericht aus Bad Kissingen (1903)   
-  Badebrief aus Bad Kissingen, u.a. zum Stand der Arbeiten an der Kinderheilstätte (1904)  
Kissinger Badebrief (1906)   
-  "Kaftanträger" (= Ostjuden) sind bei der Kurverwaltung unerwünscht (1911)      
-  Kissinger Badebrief - über Rabbiner, Ostjuden, Kurhospiz und Kinderheilstätte (1912)  
-  Kissinger Badebrief (I, 1920) 
-  Kissinger Badebrief (II, 1920)  
-  Kissinger Badebrief - Ausflug nach Bad Brückenau (III, 1920)  
-  Ergänzendes zu den "Kissinger Badebriefen" - über das Kurhospiz und das rituelle Bad (1920)  
Kissinger Badebrief (von Benas Levy, Berlin; 1920)  
-  Kissinger Badebrief (I und II, 1921)   
-  Kissinger Badebrief (III und IV, 1921)   
-  Kissinger Badebrief - im VI. Brief über "Rabbiner und Oberkantoren" bei der Kur (V und VI, 1921)  
-  Kissinger Badebrief (VII und VIII, 1921)   
-  Kissinger Badebrief (IX, 1921)   
-  "Kissinger Allerlei" - der Antisemitismus in der Stadt wird zum Hauptthema (I, 1924)   
-  "Kissinger Allerlei" mit Schilderung der 50-Jahr-Feier des Kriegervereins und Gottesdienst in der Synagoge (II, 1924)   
-  "Kissinger Allerlei" - das Hakenkreuz kommt auf (III, 1924)   
Kissingen ist nicht "judenfeindlich" (1924)    
-  "Frieden in Baden Kissingen" - die Zeiten haben sich wieder beruhigt (1927)  
-  Bericht aus Bad Kissingen - "Momentbilder" (1927)  
-  Bericht aus Bad Kissingen - "Momentbilder" (1929)   
-  Die Zahl der jüdischen Kurgäste in Bad Kissingen geht zurück (1931)   
-  Ferienbericht aus Bad Kissingen (1932)   
-  Zurückgehende Zahlen bei den jüdischen Kurgästen und die Auswirkungen (1933 / 1934)  
Allgemeiner Bericht über Bad Kissingen als Kurort (1934) 
-  Die Kureinrichtungen stehen für jüdische Kurgäste (noch) uneingeschränkt zur Verfügung (1934)   
-  Die Zahl der jüdischen Einwohner ist stark zurückgegangen (1937)  
-  NS-Badevorschriften für jüdische Kurgäste (1938)  

   
   
Allgemeine Berichte und Mitteilungen in chronologischer Reihenfolge   
Brief aus Bad Kissingen - "Die Juden sind gemütliche Leute" (1860)  

Bad Kissingen AZJ 18091860.jpg (282523 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 18. September 1860: "Bad Kissingen, 25. Juli (1860). Die Juden sind gemütliche Leute. Wer das bezweifelt, gehe in einen Badeort und er wird sich bald von der Wahrheit dieser Behauptung überzeugen. Wie im Allgemeinen das Wetter ein Anknüpfungspunkt für die Unterhaltung ist, so bildet beim Juden die Religion, das Gemeinde- und Schulwesen, die Synagogenreform und dergleichen mehr den ersten Ring zu gesellschaftlichen Kette. Leute aus verschiedenen Ländern schließen sich sehr bald, wenn sie nur sonst ihrem Bildungsgrade nach zusammen taugen, aneinander an. Vergleicht man die kalten, abgemessenen und steifen Begegnungen anderer Kurgäste mit dem innigen, freundlichen und freundschaftlichen Verkehre der Juden, so macht es - man mag sonst denken wie man will, - einen wohltuenden und erquickenden Eindruck; es ist erfreulich, dass der Jude bei den Errungenschaften der Neuzeit, bei seiner Bildung und Kenntnis die Vorzüge der alten Zeit, die Gemütlichkeit und Herzlichkeit nicht eingebüßt. Mir gereicht es zum innigen Vergnügen, bei so vielen Männern der mannigfachsten Berufsart aus verschiedenen Gegenden dasselbe Interesse für dieselbe heilige Sache zu finden. Solche Begegnungen halte ich aber überdies für höchst belehrend, anregend, der guten Sache förderlich. Man lernt die Mängel und Vorzüge anderer Einrichtungen kennen; man tauscht gegenseitig seine Meinung aus; manche Idee wird angeregt und mit in die Heimat genommen, wo sie verwertet und fruchtbar gemacht wird. 
Ich habe hier einen großen Kreis von intelligenten strebsamen Männern kennen gelernt, an welche ich stets mit Vergnügen denken werde. In nähere Beziehung und häufigeren Verkehr trat ich insbesondere zu einem Manne, der es verdient, besonders genannt zu werden, ein Mann von seltener Begeisterung für das Judentum, höchst strebsam und wohlwollend, von gediegenem Charakter, Herr Burchard aus Landberg an der Warthe, durch das Vertrauen seiner Mitbürger zum Stadtrate seines Wohnortes erwählt und durch sein gestiftetes Stipendium für jüdische Techniker in Preußen auch in weiteren Kreisen rühmlich bekannt. Bei dem Anblicke solcher Männer steigert sich das Vertrauen, dass (hebräisch und deutsch) Israel nicht verwaist ist; solche unabhängige, denkende und charakterfeste Männer vermögen in ihrer Umgebung ersprießlich zu wirken. Durch den genannten Herrn erhielt ich No. 29 dieser Zeitung, in welcher mich die erste Privatmitteilung aus Baden besonders interessierte. So wohlwollend nämlich die Absicht des Verfassers zu sein scheint, so hat mich dennoch der von ihm ausgesprochene Tadel gegen Rabbiner und Gemeinden, denen er eine gänzliche Untätigkeit bei wichtigen Fragen zum Vorwurfe macht, übel berührt. Ich liebe es nicht, alles und jedes, was geschieht, insbesondere so lange eine Angelegenheit noch in der Schwebe ist und von der Entscheidung der Volksvertretung oder der Behörden abhängt, vor die Öffentlichkeit zu bringen, denn nciht selten schaden solche verfrühte Mitteilungen der Sache selbst."          

  
Bericht aus Bad Kissingen - wie der Fastentag am 9. Aw in Bad Kissingen begangen wird (1897)   

Bad Kissingen Israelit 16081897.jpg (199267 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. August 1897: "Bad Kissingen. Es gehört durchaus nicht zu den Seltenheiten, dass Berichte und Betrachtungen aus den Bädern in der verschiedensten Form und allerlei Themata behandelnd, den Zeitungen übersandt werden, denn was hat man wohl in solchen Orten Besseres zu tun, als auch mitunter zu schreiben. Heute jedoch war es der Fasttag, der eigentlich in der Lösung einer solchen Aufgabe hinderte und erst der Abend drückte mir die Feder in die Hand, um eine Schilderung des 9. Aw, wie solcher hier im Bade begangen wird, für den 'Israelit' zu entwerfen. Ein jeder weiß es ja, hier in Kissingen ist gerade der Ort, wo das echte Judentum noch eine feste Stätte hat und wo im Allgemeinen den strengsten religiösen Anforderungen durch gute Institutionen gewissenhaft Rechnung getragen wird. Auf diesem Grunde kommen auch sehr viele fromme Jehudim hierher, sowohl aus dem In- als auch aus dem Auslande. Das sah man auch gestern Abend bei Beginn des Fasttages, denn da die hiesige nicht sehr große Synagoge die Beter nicht alle aufnahm, so wurde außerdem noch ein Privat-Gottesdienst in noch zwei Räumen abgehalten. Jetzt neigt sich der Tag dem Ende entgegen und mit Beginn des Abends weicht auch allmählich die obligate Trauer, die um diese Zeit jedes jüdische Herz durchdringt und die kommenden Stunden sind von jetzt an dem Troste und der freudigen Erhebung gewidmet. Der Gedanke, dass nach der Religion einstens auch dieser seit alten Zeiten für die ganze israelitische Nation so ernste Tag, wo so viele traurigen Ereignisse seit Tausenden von Jahren schon stattfanden, einmal zu einer Fest- und Wonnezeit werden wird, soll uns mahnen, auch so zu leben und zu handeln, dass diese erhoffte Zeit recht bald erscheinen wird. Dann man das Gespenst des Antisemitismus auch hier und da aus seinem Versteck hervortreten, uns kann es nicht schrecken; wir wissen, dass auf die finstere Nacht der lichte Morgen kommt. Das ist die Grundwahrheit unseres nationalen Fasttages, wie solche auch der Prophet in seinen Schriften verkündigt hat. - Unter den vielen Sehenswürdigkeiten, die hier die bildende Kunst aus der Gegenwart den Promenierenden im Kurgarten darbietet, verdient in diesen Blättern ein Tableau hervorgehoben zu werden, das die Aufmerksamkeit aller Kunstfreunde auf sich zieht. Es ist dies ein Bild von Kaufmann. Dasselbe stellt einen betenden Juden in orientalischer Tracht dar, wie derselbe an der Seite seines Knaben, angetan mit Tallis und T'fillin seine Andacht verrichtet. Die Schönheit und Wahrheit dieses großartigen Gemäldes lässt sich nicht beschreiben; ein solches Werk muss man sehen und - bewundern. Sch."             

   
Badebrief aus Bad Kissingen (1903)    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. April 1903: "Kissingen, 7. April (1903). (Badebrief). Schon seit einiger Zeit ist es in diesen Blättern eingeführt, über die Badeorte Register zu führen, und ihre Vorzüge und Nachteile hier zur allgemeinen Kenntnis zu bringen. Etwas der letzten Kategorie zu erörtern, bleibt mir erspart, denn wer fände wohl in unserer blühenden Kurstadt irgendwelche Missstände? Ganz natürlich ist es daher, dass unser Ort zu den beliebtesten Badeplätzen Deutschlands gehört, welcher auch von einem zahlreichen, jüdischen Publikum gerne aufgesucht wird. Die Frequenz ist demgemäß in den letzten Jahren bedeutend gestiegen. Unter den blühenden Bäumen des Kurparks kann man den Minenspekulant aus London neben dem Hopfenhändler aus Nürnberg, den Holzhändler aus Russland neben dem Frankfurter Börsenmann antreffen. Was diese mannigfachen Gäste aus allen Teilen Europas hierher zieht, ist neben dem bekannten Renommee der Heilquellen, auch das der beiden vorzüglichen, jüdischen Restaurants. Denn unter Leitung des Herrn Rabbiner Dr. Bamberger, der kürzlich erst hierher kam, und sich als würdiger Sohn seines berühmten Vaters erwiesen hat, florieren alle Institutionen der jüdischen Gemeinde, und nicht zum wenigsten die koscheren Hotel-Restaurants. Unter ihnen verdient, selbst auf die Gefahr hin, dass man den Schreiber dieser Zeilen der Geschäftsreklame im redaktionellen Teile dieser Blätter bezichtigt, besonders hervorgehoben zu werden 'Hotel und Pension Herzfeld'. Schon durch seine vorteilhafte und vornehme Lage in der Maxstraße und Salinenpromenade, unweit der neuen Synagoge, zeichnet es sich vor den anderen aus. Das Hotel, welches der Neuzeit entsprechend eingerichtet ist, ist verbunden mit einem großen, erstklassigen Restaurant. Der Speisesaal mit anschließender Terrasse liegt inmitten eines hübschen Gartens und ist die Verköstigung und Bedienung eine tadellose, so dass den verwöhntesten Ansprüchen Rechnung getragen wird.   
Selbstverständlich wird alles 'streng koscher' geführt und ist es nicht nur gestattet, sondern sogar erwünscht, Einsicht in den Betrieb zu nehmen, um sich jederzeit betreffs Kaschrus zu überzeugen. Das Hotel ist das ganze Jahr über geöffnet und werden Kurgäste und Reisende auf das beste bewirtet.  
Wie man nun aus all dem Angeführten leicht ersehen kann, ist hier reichlich für die Bequemlichkeit und die religiösen Bedürfnisse eines frommen Juden gesorgt, und der Aufenthalt in Kissingen ist jedem unserer Glaubensbrüder wärmstens zu empfehlen."       

    
Bericht aus Bad Kissingen (1903)  

Bad Kissingen Israelit 07091903.jpg (103087 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. September 1903: "Bad Kissingen, 3. September (1903). Die Saison hat ihren Höhepunkt erreicht, bis jetzt zeigt die Liste 23.000 und rechnet man auf die stattliche Zahl von 24.000 Badegästen bis Ende dieses Monats. Durch Neueinrichtung kann sowohl Brunnen getrunken und auch im Aktienbad bis 1. November gebadet werden; die Herbsttage sind hier im Saalegrund herrlich, an Privatlogis fehlt es nicht, auch für ganze Familien, für gute Restaurants - streng koscher, im Hotel Herzfeld, Hotel Ehrenreich und Restaurant Hamburger - ist bestens gesorgt. Delikatessen und Kolonialwaren bietet Herr Seeligmann, für Weine und Spirituosen die streng-religiöse Weinhandlung Wittekind am Kurgarten, welche Original-Weine von Bondi-Mainz und noch Original-Weine der Palästina-Gesellschaft in Berlin führt. Während der hohen Feiertage findet in der Neuen Synagoge nach altem Ritus Festgottesdienst statt, an Herren- und Damenplätzen ist kein Mangel, sodass man ruhig die Kur fortsetzen kann. Die Verhältnisse der Gemeinde sind übrigens jetzt die besten, Eintracht und Friede ist nach zweijährigem Kampfe eingezogen."         

   
Badebrief aus Bad Kissingen, u.a. zum Stand der Arbeiten an der Kinderheilstätte (1904)  

Bad Kissingen Israelit 04081904a.jpg (345178 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. August 1904: "Badeplaudereien. Kissingen, im August (1904).  
Wer 'ins Bad' geht, sei es nun rein zum Vergnügen und zur Erholung, sei es, um eine schadhafte Stelle seines lieben 'Ich' wieder reparieren zu lassen, der lässt gewöhnlich das alltägliche Leben mit seinen Sorgen und Mühen, seiner Arbeit und seiner Plage für einige Wochen ganz hinter sich liegen, der will sich einmal über des Lebens Misere hinwegsetzen und sich als grand seigneur fühlen. Gerade diese Sorglosigkeit, dieses 'in den Tag hinein leben', dieses Dolce far niente (= süße Nichtstun) soll ja nach den Aussprüchen der Ärzte ein Hauptfaktor mit sein für erfolgreiche Anwendung der im Bade geborenen Kurmittel. Wenn ich dennoch gerne Ihrem Wunsche nachkomme, Ihnen einige Berichte über das diesjähriger Kissinger Leben und Treiben zu erstatten, so mögen Sie daraus ersehen, dass ich solches eben nicht für eine 'Arbeit' halte; es ist mir gleichsam ein Vergnügen, mit meinem besten Freunde 'Israelit', den ich auch hier nicht missen mag, der übrigens auch im Lesezimmer aufliegt, mich zu unterhalten und ihm als Äquivalent für seine interessanten Mitteilungen von meinen Erlebnissen und Erfahrungen zu berichten. Und Neues und Interessantes gibt es in Kissingen von Jahr zu Jahr immer wieder. Wie die Zahl der Kurgäste von einer Saison zur anderen bedeutend wächst, so mehren sich auch die eleganten, neuen Villen und Kurhäuser, so mehren sich auch für den rituell jüdisch lebenden Kurgast die rituellen Speisegelegenheiten, allerdings nicht gerade zum Vergnügen der großen, jüdischen Hotels und Restaurationen, denen durch diese Winkelpensionate unliebsame Konkurrenz entsteht, ein Umstand, der gerade für die diesjährige Saison umso schwerer ins Gewicht fällt, als heuer das Fehlen der sonst so zahlreich erschienenen reichen, russischen Juden ohnedies einen Rückgang der jüdischen Frequenz in auffallender Weise zeigt. Das jüdische Leben im Bad hat dagegen nicht gelitten; die regelmäßigen Zusammenkünfte der U.O.B.B., der Logenbrüder mit ihren Angehörigen, welche nach Anschlag am schwarzen Brett im Kurgarten abwechselnd in den Lokalitäten der beiden großen Restaurants, Ehrenreich und Herzfeld, stattfinden, machen sogar sehr viel Leben. Sollten wohl die angeregten Zusammenkünfte der Angehörigen der anderen Konfessionen, über welche in den Tagesblättern in letzter Zeit so viel geschrieben wurde, wie so manches endete auch in obiger Beziehung auf jüdische 'Quellen' zurückzuführen sein?   
Lässt sich so leicht ein Analogon der Konfessionen konstruieren, so kann ich Ihnen erfreulicher Weise auch von einem Vorkommnisse berichten, welches deutlich zeigt, dass auch die königlichen Behörden und die bayerische Staatsregierung in gerechtem Wohlwollen unseren jüdischen Kultus analog dem der großen staatlich anerkannten Religionsgesellschaften behandelt und bewertet wissen wollen. Den katholischen und protestantischen Geistlichen wurden in Anbetracht der durch die besonderen Gottesdienste für die Kurfremden bedingten Mehrleistungen besondere Gratifikationen beziehungsweise Zuschüsse aus Staatsmitteln bewilligt; in gleicher Weise erhielt auch der Rabbiner einen solchen Betrag (irre ich nicht, 200 Mark ) zugewiesen. Es ist diese Tatsache an sich hoch erfreulich und bedeutsam, doch wird sie in Kissingen von Einheimischen wie Kurfremden nach der Richtung hin viel kritisiert, dass in unserem jüdischen Kultus doch eigentlich nicht der Rabbiner, sondern der Kantor den Gottesdienst abhält, diesem also das Honorar für Mehrarbeit gebühren solle.   
Für einen Kurgast erscheint es nicht angebracht, sich in Rechtsfragen und Kompetenzkonflikte einzulassen, also lassen wir diese Thema und entschließen wir uns zu einem Spaziergang auf die Saline. Auch auf diesem Gange erblicken wir die Äußerungen jüdischen Lebens in seiner schönsten Weise, in der wahren Wohltätigkeit. Etwa in der Mitte zwischen Kissingen und der Saline, in schönster gesündester Lage an sanftem Bergeshang, nahe bei dem protestantischen Kinderheim, geht ein stattlicher Neubau seiner Vollendung entgegen, die 'Israelitische Kinderheilstätte in Bad Kissingen'. Jahre hindurch wurde von berufenen Seiten zu Beiträgen für dies zweckmäßige Unternehmen aufgefordert, reichlich flossen die Gaben und bald dürfte das Werk echt jüdischer Wohltätigkeit seiner Bestimmung übergeben werden können. Herr Dr. P. Münz, praktischer Arzt aus Nürnberg, der im Sommer als Badearzt in Kissingen praktisiert, hat sich durch seine ersprießliche Tätigkeit für die Kinderheilstätte, deren Entstehung auf seine Anregungen zurückzuführen ist, bleibende Verdienste erworben. Dass auch alle anderen jüdischen Ärzte in Kissingen lebhaftes Interesse an dem Werke nehmen, ist selbstverständlich.   
Den Mittelpunkt jüdischen Lebens suchen wir natürlich immer im Gotteshause, das sich auch stets guten Besuches erfreut. Allerdings schien es ja eine Zeit lang, als sollte der aus der Gemeinde gebildete Chor, dessen Leistungen allseitige Anerkennung gefunden hatten, nachdem er bereits in bedenkliches Wackeln geraten war, bald völlig in sich zusammensinken, aufhören. Dem Zureden der Kultusverwaltung und dem selbstlosen Eifer des Kantors Steinberger         
Bad Kissingen Israelit 04081904b.jpg (219644 Byte)gelang es wohl, den verfahrenen Wagen wieder ins rechte Geleise zu bringen, ob er aber nicht bald wieder entgleisen wird? Zu viel Hindernisse liegen auf den Schienen! ....   
Stehen der Entfaltung echt jüdischen Lebens überhaupt in unserer Zeit viele Hindernisse entgegen, so sind die bedauerlichsten diejenigen, die wir oder doch einzelne von uns selbst herbeischaffen. Gerade der internationale Kurort gibt reichlich Gelegenheit, derartige Beobachtungen zu machen. Trifft man sich früh am Brunnen, so ist in der Regel das vorhergegangene gestrige Abendessen, sodann die Speiseverhältnisse überhaupt das zuerst angeschnittene Gesprächsthema. 'Niemand zufrieden' - das bekannte Gedicht 'Mirza Schaffys' (sc. aserbaidschanischer Dichter, 1794-1852) könnte im allgemeinen auch als Motto für diesen Stoff dienen. Scharfe Kritik wird geübt, der Jude klagt über seine jüdisch-rituelle Pension, der Andersgläubige hat an der Table d'hote seines Restaurants viel auszusetzen, nur einer lobt und verhimmelt alles: Der Jude, der trefe (d.h. nicht koscher) speist! Wer lacht da?    
Ein befreundeter christlicher Kurgast zeigte mir einmal, selbst entrüstet darüber, eine solche jüdische Gesellschaft - und was für Juden - in einer christlichen Gastenwirtschaft beim Mittagsmahl, und siehe - drei Frauen, die sich's trefflich munden ließen, hatten, mächtig große Scheitel auf. Sonderbare Leute! Warum will doch der Jude so vielfach den Juden verleugnen? Auch unsere jüdischen Badeärzte wissen ein Liedlein davon zu singen, sind doch ihre Patienten auch verhältnismäßig in geringster Zahl unter ihren Glaubensgenossen zu suchen! Ich bin durchaus kein Partikularist und namentlich in Hinsicht auf Kunst und Wissenschaft vertrete ich absolut den kosmopolitischen Standpunkt, aber ich meine, gerade in Kissingen liege für den jüdischen Kurgast besondere Veranlassung vor, einen jüdischen Arzt zu konsultieren; denn da die Kur in Kissingen vorzugsweise für Magen- und Stoffwechselkrankheiten indiziert erscheint, ist doch auf die entsprechende Ernährung und Diät besonderes Gewicht zu legen und der jüdische Arzt ist wohl am besten in der Lage, Kurvorschriften und religionsgesetzliche Speisevorschriften in den wünschenswerten Einklang zu bringen. Ich kenne nicht alle jüdischen Ärzte Kissingens, aber diejenigen, die ich kenne, kann ich warm empfehlen, so Dr. Rosenau, Dr. Norwitzky, Dr. Wahle, Kgl. Bayrischer Oberarzt der Reserve und Dr. Bamberger, Sohn des verblichenen Rabbiner M. L. Bamberger seligen Andenkens, ohne mit dieser Aufzählung andere, mir unbekannte, zurücksetzen zu wollen.   
Der kürzlich von Logenmitgliedern inszenierte Bazar zu Gunsten der Kinderheilstätte gab übrigens den jüdischen Kurgästen wie ihren jüdischen Ärzten beste Gelegenheit, sich behufs engerer Fühlungnahme kennen zu lernen und sowohl aus diesem Grunde als auch wegen des sehr hübschen pekuniären Erfolge sind derartige Veranstaltungen warm zu begrüßen.  
Wenn im allgemeinen auch der Appetit beim Essen kommen soll - mir ist er beim Schreiben gekommen und da ich mir in der neu und hübsch etablierten Frühstücksstube Selig einen kleinen Imbiss gönnen will - man kann dort nämlich auch noch am Abend ein 'Frühstück' haben - muss ich abbrechen, vielleicht später mehr!  Ben Jakob."       


Kissinger Badebrief (1906)   

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt - Neue jüdische Presse" vom 31. August 1906: "Kissinger Badebrief.
Sehr geehrte Redaktion! Das süße Nichtstun, dem ich mich hier sorglos hingebe, lässt die Abfassung eines langen Briefes als nicht 'kurgemäß' erscheinen. Nur um das 'Kurgemäße' dreht sich in dem lieblichen Kissingen vom frühen Aufstehen bis zum frühen Schlafengehen überhaupt alles. Immerhin will ich das hier stärker wie sonst wirkende Gesetz der Trägheit so weit zu überwinden suchen, um wenigstens ein Lebenszeichen an Sie gelangen zu lassen. Ich nannte Kissingen lieblich, und in der Tat verdient es dieses Prädikat in überreichlichem Maße und ich kenne kein Bad, dem es mit so viel Berechtigung zukäme, wie dieser Perle des Frankenlandes. In Wiesen und Gärten gebettet, umgeben von Wäldern und Höhen, liegt es da, wie eine richtige Gartenstadt, über welche die Natur ihre Reize in verschwenderischer Fülle ausgeschüttet hat, mit feinem milden und zugleich doch kräftigem Klima, mit seinen prächtigen Spaziergängen und last not least, mit seinen heilkräftigen Wässern und Bädern und mit seinen liebenswürdigen Bewohnern.
Bad Kissingen verdankt seinen Weltruf den salzhaltigen Trinkwässern, vor allem dem Rakoczy, welcher sich in erster Linie bei zahlreichen Erkrank­ungen des Magendarmkanals als heilkräftig bewährt. Tatsächlich stellen das Gros der Kurgäste die Erkrankungen des Magens, Darms und der Leber. Die Solbäder sind wirksam bei Schwächezuständen mancherlei Art, bei Blutarmut, Skrophulose, als auch erkenntlich bei Rheumatismus. Neuerdings wird 'Kissingen mehr und mehr auch von Herzkranken aufgesucht, weil bei vielen Herzkranken die Kohlensäurebäder gute Dienste tun, Kissingen rivalisiert demnach in dieser Hinsicht mit Bad Nauheim. Die Bäder selbst zeichnen sich durch Eleganz und praktische Anlage aus und sind so reichlich vorhanden, dass man nirgends lange auf sein Bad zu warten braucht.
Langeweile gibt es hier nicht, die Zeit verstreicht im Fluge, Um 1/2 7 Uhr beginnt bereits das Leben im Kurgarten, im Nu ist die große Anlage gefüllt von einem internationalen Publikum, welches bei den Klängen einer wirklich vorzüglichen Kurmusik und bei angeregter Unterhaltung die von der Hand hübscher Frankenmädchen kredenzten Becher schlürft. Auch sonst fehlt es an künstlerischen Genüssen nicht, wöchentlich finden Symphoniekonzerte statt unter Mitwirkung hervorragender Künstler, dann gibt es ein prächtiges Theater, in welchem Lustspiele und Operetten ganz vorzüglich gespielt werden. Auch wenn man nach Kissingen allein kommt, braucht man Langweile nicht zu fürchten. Man findet überall Anschluss und Bekannte, manchmal mehr als man wünscht. Die Zahl der Kurgäste hat das 25. Tausend bereits überschritten. Dass unter diesen unsere Glaubensgenossen ein erhebliches Kontingent stellen, leuchtet ohne Weiteres ein. Wie viele es sind, lässt sich natürlich nur vermuten, da es eine konfessionelle Kur-Statistik nicht gibt. Ein Herr, welcher an alle Glaubensgenossen ein Zirkular zu Gunsten eines Wohlfahrtsunternehmens sendet, schätzt die Zahl der zur Kur weilenden Israeliten auf etwa 5000 ein, das wären etwa 20 % der Besucher. Von bekannten Namen finde ich in der Kurliste den des Generalkonsuls Landau, Bleichröder, Königswarter, Marburg, Beyel u.a. Recht zahlreich sind die russischen und polnischen Juden, und Unterhaltungen über die Vorgänge und Zustände in Russland kann man daher überall tauschen. Unsere Frankfurter sind auffallenderweise recht spärlich vertreten. Diese gehen augenscheinlich lieber in die Luxusbäder, wo man eine größere Toilettenpracht entfalten kann, als in das einfache Kissingen. Dass den geistigen und körperlichen Bedürfnissen unserer Glaubensgenossen natürlich sorgfältig Rechnung getragen ist, ist selbstverständlich.
Die neue Synagoge ist eine architektonisch recht bemerkenswerte Schöpfung mit hübscher Kuppel, sie bietet Raum für etwa 200 Besucher. Um 10 Uhr wird am Samstag für die Kurgäste ein Separatgottesdienst abgehalten, der in der Regel recht gut besucht ist. Dass den rituellen Ansprüchen auch in strenggläubigster Richtung Genüge geschieht, dafür birgt der Umstand, dass ein Mitglied der Rabbiner-Dynastie Bamberger hier residiert. Dass es aber auch räudige Schafe, vielmehr Schafschlächter gibt, beweist uns ein vierfacher Maueranschlag des löblichen Rabbinats, der die Gemeinde warnt, vor einem derartigen Individuum auf der Hut zu sein. Glücklicherweise ist das Rabbinat nicht mehr imstande, den Bannstrahl zu verhängen, sonst wäre der Unglückliche sicher davon betroffen worden.
Für die leiblichen Bedürfnisse sorgen zwei Hotels oder besser Abfütterungsanstalten. Bei diesen wird das Vorhandensein großer, luftiger Speisesäle anerkannt, dagegen sorgen sie in gewissenhafter Weise dafür, dass man sich den Magen nicht überlade, und durch eine entsprechende Bedienung, dass man nicht zu hastig esse. 'Kurgemäß!" Allgemein wird die Errichtung eines dritten Hotels für ein Bedürfnis erachtet und einem tüchtigen Wirte eine gute Existenz prophezeit.
Unsere Damen dürfte es interessieren, dass hier der Kaffee vorzüglich ist, sowie das Gebäck, das man nach alter Sitte im Kurgarten morgens selbst einkauft. !
Geselligen Zwecken dienen die Zusammenkünfte der Mitglieder der Bne-Brith-Logen, welche allwöchentlich mit ihren Damen sich zusammenfinden. Ob auch die Zionisten ihre Zusammenkünfte haben, konnte ich nicht erfahren. Nur hörte ich, dass im nächsten Jahre ein großes zionistisches Kaffeehaus im Café Bristol hier errichtet werden soll.
Interessieren dürfte Sie auch die Nachricht, dass dieser Tage ein hervorragendes Mitglied der zionistischen Partei eingetroffen sein soll, um wichtige Besprechungen mit dem zur Kur hier weilenden Khediven von Ägypten zu pflegen.
Dass natürlich auch zahlreiche arme Glaubensgenossen die Kissinger Kurmittel aufsuchen, ist natürlich; ebenso wie, dass die nie versagende jüdische Humanität sich ihrer annimmt.
Ein Werk edelster Menschenliebe dieser 'Art ist die israelitische Kinderheilstätte, deren Zustandekommen vor allem den rastlosen Bemühungen des hiesigen Badearztes Dr. Münz, eines der angesehensten und tüchtigsten hiesigen Ärzte, zu danken ist. Ein äußerst geschmackvoller, gediegener Sandsteinbau im Renaissancestil, liegt derselbe auf einer prächtigen Höhe, in äußerst gesunder Lage auf dem Wege zur Saline. Nach Überwindung zahlreicher Schwierigkeiten gelang es im vorigen Jahre, den Bau zu vollenden und das Gebäude seiner Bestimmung zu übergeben. Die Anstalt ist im Innern aufs zweckmäßigste eingerichtet, wobei den Anforderungen der Hygiene gebührend Rechnung getragen ist. Die ärztliche Leitung wird unentgeltlich von Herrn Dr. Münz besorgt. Im vergangenen Jahre wurden 72 kranke Kinder — davon 51 unentgeltlich — gepflegt, wovon die meisten an Skrophulose und Blutarmut litten, alle mit bestem Heilerfolg und teilweise recht beträchtlicher Gewichtszunahme. Die Anstalt wird fast völlig durch wohltätige Zuwendungen erhalten. Unter den Spendern figurierten auch die Namen bekannter Frankfurter Philanthropen. Ebenso hat kürzlich ein Wohltätigkeitskonzert zu Gunsten der Heilstätte im Konservationshaus stattgefunden, mit einem recht beträchtlichen Reinertrag.
Neben der Kinderheilstätte ist die Errichtung eines Kurhospizes für Erwachsene beabsichtigt, für welchen Zweck ebenfalls ein Verein besteht.
So gibt es in Kissingen auch für denjenigen, welchem seine persönlichen Sorgen noch Zeit für die Allgemeinheit übrig lassen, Herz und Gemüt erfreuendes genug.
Die herrliche Nachsommerwitterung lässt hier noch viele zur Kur erscheinen, die bis jetzt zu reisen verhindert waren.
Mögen unsere lieben Mitbürger aus Frankfurt, welche allsabbatlich ihre wohlgenährten Bäuche in den Promenaden spazieren führen, die Gelegenheit zu einer Kur in Kissingen benutzen, um ein paar Pfund abzunehmen und neue Kräfte für das Geschäft der Ernährung zu sammeln.'
In diesem Sinne begrüße ich Sie und alle Freunde Ihr S. Idem."   

  
"Kaftanträger" (= Ostjuden) sind bei der Kurverwaltung unerwünscht (1911)  

Bad Kissingen FrfIsrFambl 29091911.jpg (88729 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 29. September 1911: "Bad Kissingen. Der demnächst zusammentretenden Kurkommission wird nach einer Meldung des Würzburger 'General-Anzeigers' eine Reihe von Wünschen und Anliegen des Kurvereins und der Stadtvertretung vorgelegt; hierbei soll auch eingehend besprochen werden, was geschehen kann, um schlecht gekleidete Personen,
insbesondere Kaftanträger,
aus den Kurlokalitäten und Anlagen möglichst zurückzudrängen.
Sollte nach dieser Richtung irgend ein Beschluss gefasst werden, so wird die jüdische Presse dafür propagieren, dass ehrbewusste Juden Kissingen meiden. Der Kurverwaltung geht die Form der Kleidung der Kurgäste gar nichts an, und sie wird sich auch nicht erlauben, irgend einem Ausländer seine Nationaltracht zu verübeln, wenn dieser Ausländer — wie man sieht — nicht grade Jude ist. Die Kaftanjuden haben einen großen Anteil an dem mächtigen Emporblühen Kissingens; — jetzt will ihnen Kissingen seine Dankbarkeit dafür quittieren."      

   
Kissinger Badebrief - über Rabbiner, Ostjuden, Kurhospiz und Kinderheilstätte (1912)  

Bad Kissingen AZJ 26071912.jpg (112810 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 26. Juli 1912: "Kissinger Badebrief. Von Benas Levy - Berlin.
Kissingen wurde kürzlich im 'Berliner Tageblatt' als 'Diplomatenbad' bezeichnet, weil der Staatssekretär v. Kiderlen-Waechter und neben ihm einige andere Vertreter der hohen Politik hier weilen. Mit dem gleichen Recht könnte ich Kissingen ein 'Rabbinerbad' nennen. Auf der Promenade lustwandeln an jedem Morgen zum mindesten ein halbes Dutzend von Rabbinern, aus allen Teilen des Deutschen Reiches herbeigeströmt. Sie schlürfen bedächtig den Rakoczy aus ihren Bechern und leeren sie bis zur Neige. Unter ihnen befindet sich auch ein Vertreter des Berliner Rabbinats, Dr. L. Blumenthal, der stets mit seiner anmutigen Gattin und seinem hoffnungsvollen Sohne erscheint und seine vielen Getreuen aus Berlin um sich versammelt. Es ist doch erfreulich, zu sehen, wie die Beliebtheit in seinem Wirkungskreise den Rabbiner am Badeorte gewissermaßen zum Mittelpunkt der Gesellschaft macht, und wie so viele sich freuen, dem hervorragenden Kanzelredner auch einmal näher treten zu können. Das zeigt sich am besten bei dem regelmäßigen Besucher Kissingens, dem Rabbiner Professor Dr. Emil Hirsch aus Chicago, dem geistreichsten und tüchtigsten Prediger, der aus der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin hervorgegangen ist, und der mit seiner Gattin hier weilt. Mit Stolz und Bewunderung blicken besonders die liberalen Juden auf ihn, der eine Zierde des Rabbinerstandes bildet, und der durch die Macht seiner Beredsamkeit die Männer und Frauen seiner Gemeinde hinreißt und begeistert. Durch die Kraft seiner Rede hat Dr. Emil Hirsch es bewirkt, dass der Gottesdienst am Sonntag in Chicago, stets zahlreich besucht wird. Ich kenne Leute, die in Deutschland niemals eine Synagoge aufgesucht haben und die in Chicago, an jedem Sonntag nach  
Bad Kissingen AZJ 26071912a.jpg (384865 Byte)dem Gotteshause gehen, um den herrlichen Predigten des Dr. Hirsch zu lauschen. Auch hier hat derselbe am letzten Mittwoch die Mitglieder der Bene-Beriß-Logen (Bene Berit) durch seinen Vortrag über 'Die jüdische Frau in Amerika' zu großem Dank verpflichtet. Er hat seinen zahlreichen Hörern einen wahren Genuss bereitet und hat ihnen ein anschauliches Bild von dem hohen und frommen Sinn der amerikanischen Frauen entworfen, die unermüdlich für ihre Glaubensgenossen und besonders für die armen jüdischen Einwanderer tätig sind.
Es bewährt sich eben überall auf der Welt das 'gute jüdische Herz', und auch nicht zum mindesten hier in Kissingen. Für die vielen armen Glaubensgenossen, die hierher kommen, ist ein Kurhospiz von unbedingter Notwendigkeit. Für diesen Zweck ist vor kurzem ein an der Salinenstraße gelegenes Gebäude, die so genannte 'Steinburg', erworben worden, und es ist zu hoffen, dass das Kurhospiz für arme Israeliten schon in nächster Zeit eröffnet werden wird.
Der größten Sympathie erfreut sich hier die israelitische Kinderheilstätte, deren schöner Bau einem jeden ausfällt, wenn er den beliebtesten täglichen Spaziergang nach der Saline macht. Nicht weniger als 930 meist arme jüdische Kinder sind während der kurzen Zeit des Bestehens der israelitischen Kinderheilstätte hier verpflegt worden. Im letzten Jahre weilten in der Anstalt 183 Kinder — 82 Knaben und 101 Mädchen, von denen 132 Kindern völlig unentgeltlich Unterkunft und Verpflegung gewährt wurden. Der Aufenthalt der Kinder ist auf vier Wochen berechnet, nach dieser Zeit wechseln sie sich ab und neue Scharen blasswangiger Kinder ziehen ein, um nach vier Wochen blühenden Aussehens und gekräftigt wieder heimzukehren. Um diese Anstalt haben sich besonders Herr und Frau Dr. Münz verdient gemacht, die unermüdlich sich bemühen, der Kinderheilstätte immer neue Anhänger unter den Kurgästen zu gewinnen. Nicht am wenigsten sind es die Berliner Glaubensgenossen, die die Anstalt reichlich unterstützen. Unter den immerwährenden Mitgliedern befinden sich elf aus Berlin, unter den Beitragenden zählen wir über 400 Berliner, die mehr als 3.000 Mark zu den Kosten der Kinderheilstätte im letzten Jahre beigesteuert haben, der übrigens auch die Berliner jüdische Gemeinde eine Subvention gewährt. Dafür sind aber auch 30 Berliner Kinder hier verpflegt worden und Schwester Flora, die vom Verein jüdischer Krankenpflegerinnen aus Berlin hergeschickt worden ist, hat in sorgsamster Weise die Aufsicht über die Kinder ausgeübt. Die Heilerfolge sind bei ihnen — ebenso bei vielen Erwachsenen — dank den stärkenden Bädern und dem heilkräftigen Rakoczy überaus günstig gewesen. Dazu tragen allerdings auch eine große Anzahl tüchtiger und berühmter Badeärzte bei. Viele jüdische Ärzte erfreuen sich einer großen Beliebtheit, und einer der älteren, Sanitätsrat Dr. Rosenthal, hat in Kissingen eine neue Kurmethode eingeführt, die jetzt allgemein in Geltung ist, da sie sich glänzend bewährt hat. Viele Sanatorien sind neu eingerichtet worden und eines derselben suchen bedauerlicherweise sehr viele Glaubensgenossen auf. Der Inhaber, ein Arzt, der meist jüdische Kundschaft gehabt hat, hat sich und seine ganze Familie taufen lassen. Anstatt ihm nun zu zeigen, dass er, der seiner Glaubensgemeinschaft untreu geworden ist, nun auch nicht mehr den Anspruch machen kann, von ihnen begünstigt zu werden — gehen unsere Glaubensgenossen aus Berlin W nach wie vor in hellen Haufen in dieses Sanatorium. Was nützen da alle Vorträge gegen die Taufe, wenn nicht nur von der Regierung, sondern von unseren Glaubensgenossen selbst eine Prämie auf den Abfall vom Glauben gesetzt wird? Wo bleibt da das Solidaritätsgefühl, das uns Juden nachgerühmt wird? Es ist betrübend, zu sehen, wie weit die Interesselosigkeit in Sachen des Glaubens um sich gegriffen hat, und wie der einzelne nicht einmal etwas von seiner Bequemlichkeit für seinen Glauben zum Opfer bringen will!
Da zeigt sich der Opfersinn der Orthodoxen in ganz anderer Weise. Sie haben eine hübsche Synagoge hier erbaut, und wer von den vielen russischen und polnischen Juden, die in großer Anzahl hier weilen, sie besucht, wird sich darin wohl erbauen können. Der Gottesdienst wird in dem Ritus unserer Großväter abgehalten. Von den Reformen der letzten hundert Jahre, von Orgel und deutschen Gebeten ist keine Spur zu finden. Und doch konnte ich daselbst einen Fortschritt konstatieren. Als ich ein Jahrzeitslicht anbrennen ließ, drehte der Synagogendiener den Gashahn auf und steckte ein Gaslicht an. Ist das nicht eine Reform? Ist das nicht eine Verletzung der Tradition? Haben nicht unsere Vorväter nur die Öllämpchen angebrannt? Und in unseren Orgelsynagogen werden nur Kerzen angezündet, hier aber Gasflammen. Die Zeit schreitet eben vorwärts, und der Fortschritt wird sich nicht aufhalten lassen.
Das sieht man so recht auch an unseren russischen und polnischen Glaubensgenossen. Sie sind in Massen hierher gekommen, und der größte Teil von ihnen kleidet sich ganz modern. Die langen Röcke verschwinden immer mehr, und die Locken sind wirklich schon verschwunden. Die Zeit nivelliert die Gegensätze, der Verkehr bringt die Menschen einander näher, und ganz besonders hier und an allen besuchten Kur- und Badeplätzen. Neue Freundschaften werden geschlossen, frühere Bekanntschaften werden erneuert, und wenn sie auch nachher wie die Seifenblasen wieder zerplatzen — es ist doch schön, fern von den Sorgen des Tages mit fröhlichen Menschen froh zu sein. Und die meisten kommen immer wieder hierher, sobald der Sommer ins Land zieht, und das Albumblatt, das Goethe an den Grafen Karl Harrach sandte, findet seine volle Bestätigung:
Die sich herzlich oft begrüßten.
Die das Leben sich versüßten.
Führt ein guter Geist zur Stelle,
Wieder an dieselbe Quelle!"   

  
Kissinger Badebrief (I, 1920)  

Bad Kissingen Israelit 12081920.jpg (708205 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. August 1920: "Kissinger Badebriefe. Kissingen, Ende Juli 1920.
I. Kissingen klagt über eine schlechte Saison. Der Fremde, der zum ersten Male hier ist, merkt es höchstens an dem ihm von jeder zweiten Villenfassade entgegenwinkenden 'Zimmer frei'. Im Kurgarten, am Brunnen und — in den jüdischen Hotels kann man sich das Leben kaum noch bunter und bewegter vorstellen. Verwunderlich wäre der Rückgang immerhin nicht, bei den Preisen, die hier das Objekt der Fremdenindustrie, der Kurgast, für alle Gegenstände des täglichen und stündlichen Bedarfes zu entrichten hat, bei der hohen Kurtaxe, Wohnungssteuer usw. und bei der Fremdenpolitik, die heute in Bayern betrieben wird.
In Kissingen selbst spürt man, im Sommer wenigstens, bis auf die Hakenkreuze, die gelegentlich zum Morgengruße für die Juden von loser Hand auf die Säulen der Wandelgänge gemalt werden, von der Judenhetze wenig. Der Kurdirektor, ein gewandter zuvorkommender Herr, meint: 'Die Israeliten — er ist
ein höflicher Mann und spricht nie von Juden, sondern immer nur von 'Israeliten' — sind uns von jeher liebe Gäste, besonders die vom Auslande... Die lesen doch wohl alle Ihr Blatt...?" Ich sprach auch den Herrn Direktor des Kurtheaters. Ein Theaterdirektor wie alle Theaterdirektoren, groß, glatt, schnurrbartlos, gewandt, heiter, höflich und kunstsinnig. Auch er meinte: 'Ja, wenn es keine Israeliten gäbe. Wo käme da die Kunst, das Theater, die Bildergalerie hin' ? Die Juden, pardon die 'Israeliten', seien von jeher sein liebstes Publikum... Es wurde mir mählich klar, dass man jetzt in Bayern Juden und Israeliten fein auseinander zu halten weiß. 'Juden,— das sind diejenigen, die man in München beschimpft und, sofern sie landesfremd sind, ausweist, interniert usw. 'Israeliten' — das sind diejenigen, die man in Kissingen, im Sommer wenigstens, nicht entbehren kann...
Wer also das Glück hat, als 'Israelit' hier im Sommer zu weilen, kann sich nicht beklagen. Die Verpflegung ist vorkriegerisch. Man kann auch allmorgendlich Eier und Butter nach Herzenslust in beliebigem Maße verzehren — vorausgesetzt, dass man ein liebes Familienglied oder einen guten Freund in Frankfurt hat, der gute Beziehungen zu Hessen oder Bayern hat...
Man tut auch gut, sich sofort mit einem Bäcker in Verbindung zu setzen in Betreff  'schwarz gebackener' weißer Brötchen, Marke: 'Kosten, Nebensache'. Denn das hiesige 'weiß gebackene' Schwarzbrot, d.h. das legale tägliche Brot, ist gerade gut genug, um noch in dieser Saison eine zweite 'Kissinger Kur' dringend ' nötig zu machen ...
Es wäre unrecht, den Hotelier dafür verantwortlich zu machen. Was er in den Hauptmahlzeiten aufbietet und aufbringt, um den Kurgast für einige Wochen alle Miseren der 'städtischen Verteilung' und der Hintenrumswirtschaft vergessen zu lassen, vermag man erst richtig in seiner ganzen Bedeutung einzuschätzen, wenn man sich ein wenig in der Psyche eines Kurgastes auskennt. Sobald nämlich jemand mit seinem kranken Magen glücklich hier gelandet ist, Unterkunft gefunden und seine Siebensachen zur Not ausgepackt hat, eilt er zum Arzt, der ihn auf Herz und Nieren, Lunge und Leber, Magen und Darm prüft und ausforscht und ihn einem hochnotpeinlichem Verhör über sein Leben und Treiben von der Stunde seiner Geburt bis zur Stunde der Ankunft des Mittagszuges Schweinfurt-Kissingen, unterzieht. Als Resultat der Untersuchung bekommt der Delinquent ein allerliebstes, grüngelbes vierblättchenstarkes Heftchen in die Hand — sein 'Schulchan-Aruch" für die drei oder vier Wochen der Kur.
In schönem Fettdruck prangt auf der ersten grünen Seite dieses Zauberbüchleins das Wort 'Verordnungen' für ... (folgt eine Lücke, in die sich armselig der handschriftliche Name des Objektes, des Patienten, einschiebt) von ... (folgen in schöner großer Druckschrift, Name, Titel, Wohnung, Telefon, Sprechstunde des Arztes). Dein Schicksal, lieber Patient, beginnt erst auf der zweiten Seite und nimmt seinen Anfang mit der 'Brunnenkur'. Du musst trinken...
Von den neun Zauberwässerlein, mit denen der Kissinger Boden gesegnet ist, sind — dem Himmel sei es gedankt — nur drei unterstrichen, natürlich der Rakoczy an erster Stelle und gnädig fällt auch die 'Badekur' auf der dritten Seite deines Schicksalsbuches aus. Immerhin hast du, täglich zweimal, zu trinken, zu baden, zu laufen, dich in heiße Moorpackungen zu pressen, zu schwitzen, zu gurgeln... Und bei allem, Ruhe, viel Ruhe...
Du kommst vom morgen bis zum abend nicht zur Ruhe. Wirst frühmorgens gegen drei Uhr von einem nervösen Hahn, dessen Uhr mindestens um zwei Stunden vorgeht und dessen prophetisches, nicht gerade leises Tagesahnen aus sämtlichen wohlgefüllten Hühnerställen Kissingens mit ebenso lautem Jubel beantwortet wird, aus dem ersten Schlafe gerissen, wirst gegen 7 Uhr, kaum hast du die Tefillin abgelegt, mit 'Lobe den Herrn' an den Brunnen zur Anbetung des 'heiligen Rakoczy' gerufen, absolvierst dann den obligatorischen halbstündigen Eilmarsch mit dem Glas in der Hand durch den Kurgarten, stellst dich dann, nach verzehrtem Frühstück — aus hessischem Hamstergut — am Badeschalter in langer Reihe an und wartest geduldig eine Stunde, bis die Dame dich endlich eines Blickes würdigt, um dir eine Badekarte zu verabreichen, just für eine Zeit, da du nach den 'Verordnungen' einer ganz anderen Sache verfallen bist... Proteste bewirken nur, dass die Dame sich ihren Kneifer zurechtsetzt und zur Tagesordnung, d. h. zum Nebenmann, oder, wenn du der letzte bist, zum 'spannenden Romane' übergeht. Der Vormittag ist schon vorbei. Man hat den Hahn verwünscht, hat getrunken, ist gelaufen, reihegestanden, hat geschwitzt und Kohlensäure geschluckt. Und das grüne Vierblattbüchelchen grinst dämonisch: Ruhe, Ruhe, nichts wie Ruhe...
Da hat aber zum Glück das Heftchen drei volle Seiten, die der 'Achilologie' gewidmet sind, sie sind fein überschrieben 'Diätkur'. Diese sind der Trost, die Wonne des Kurgastes und — der Schrecken des Hoteliers...
Was da für gute Dinge in verschwenderischer Fülle aufgeführt sind! O, wenn wir deren nur einen Teil in Küche und Keller statt auf dem grünen Papier hätten, wie pfiffen wir auf den Rakoczy und auf Kissingen,...!
Milch, Schokolade, Kakao, Süßigkeiten, Eier, Butter, Käse aller Art zum Frühstück, — zum Mittagsmahl ein Auszug aus den Kochbüchern bester Ausgabe. Hecht, Forelle, Lachs, Beefsteak, Roastbeef, Hirn, Ente, Gans. — Wird euch nicht der Mund wässerig, ihr Hungerleider in Frankfurt und Berlin, die ihr einen solchen grünen Zettel nicht besitzt? Wann diese wundervolle Auslese vom Arzte gesammelt, gesichtet und in Druck fertig gestellt wurde, ist nicht klar ersichtlich. Vermutlich lange vor der Blockade, denn als Nachspeise werden u. a. auch Ananas, Bananen, vorgeschlagen. Gegen Burgunder als Getränk hat die ärztliche Verordnung, Abschnitt 'Diätkur' nichts einzuwenden...
Nicht alles bleibt von diesen kulinarischen Genüssen in Druckschwärze zu Recht bestehen. Vieles — und oft das Beste — ist durchstrichen. Manches — und zumeist nicht das Beste — ist unterstrichen. Und mit dieser 'Verordnung' in der Hand, tritt der Kurgast gegen ein Uhr, müde, abgehetzt, zerschlagen, verärgert, den gärenden Rakoczy im Magen und mit aller Welt zerworfen, in den Speisesaal des Hotels, bindet er sich, d. h. schiebt er knisternd die Papierserviette in den Halskragen. 'Ober'! Und mit dem grünen Heft in der vor Ärger zitternden Hand mustert er die Speisekarte, löffelt er die Suppe. Heiliger Himmel, erbarme dich des geplagten Ober!, stehe bei dem armen Restaurateur...
'Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von Juden mit krankem Magen...
Doch wo ein Wille, ist ein Weg. Und der Wille unseres Restaurateurs, der unser Gastgeber im jüdischsten Sinne des Wortes ist, ist einzig darauf gerichtet, seinen Gästen angenehme Kurtage zu verschaffen. Man muss es gesehen haben, mit welch feinem Takt er um die Essenszeit leise von Tisch zu Tisch wandelt, um überall nach dem Rechten zu sehen, sich nach dem Wohl — und Geschmack — der Gäste zu erkundigen, berechtigte und unberechtigte Beschwerden entgegenzunehmen und alle 'Zwischenfälle' still und geräuschlos schon im Keime zu erledigen. Indes am Büffet die Hausfrau in der Mitte ihrer Helferschar mit rührigen Händen und scharfem Blick und stets lachender Miene mütterlich 'haushält' und die Quelle, aus der die Hunderte im Saale genährt werden, beständig im Fluss erhält. Es liegt etwas echt und recht Familiäres in der Art, wie der Gastgeber im Hotel Ehrenreich, seinen Gästen entgegentritt; ob er am Freitagabend im Hausminjan nach echt Frankfurter Zuschnitt, Marke Niederhofheim, das Lecho daudi vorsingt, am Sabbatausgang seiner großen Familie Hawdoloh ausmacht, oder beim Glas Tee mit einem gelehrten Gaste ein Torawort austauscht.
Der Sabbat im Hotel hat überhaupt seine eigene Note. An den kleinen Tischen bilden sich am Freitagabend die irgendwie Zusammengehörenden zu kleinen Familien. Jeder Tisch eine Sabbatstube für sich, wo Kiddusch gemacht, Schirhamaalaus gesungen wird. Auf manchen brennen sogar Sabbatlichter. Hier an einem Ecktisch, ganz unbemerkt, sitzt der Nestor der jüdischen Wissenschaft, Rektor Hoffmann mit seiner Gemahlin. Er ist hier ganz incognito, 'der Professor'. Von Büchern hat er nur eines bei sich: ein Chumisch, um die Sidrah durchzugehen. Wem aber gegönnt ist, ein Stündchen in seiner Nähe zu weilen, der geht so 'belesen' und angeregt von seinem Tische, als hätte er einen Tag in der Stadtbibliothek herumgestöbert. Und was er gibt, atmet volles Leben, sprudelt und perlt so frisch und klar, wie der Luitpoldbrunnen ...
Am gegenüberliegenden Tische sitzt eine uns wohlvertraute Gestalt. 'Unser Geheimrat", sagen die Frankfurter mit einigem Stolze. Man möchte ihm hier gern die wohlverdiente Ruhe gönnen und lässt ihn mit seiner Gattin allein, aber es ergibt sich ganz von selbst, dass er über das gesundheitliche Soll und Haben eines jeden seiner Frankfurter täglich auf dem Laufenden bleibt und, wenn es not tut, ganz wie daheim, auch nachts geholt wird...
Schräg gegenüber haben vier würdige Herren einen Tisch ganz für sich annektiert. Ein rüstiger Greis hat das Wort. Prof. Simonsen aus Kopenhagen. Ihm sekundiert Prof. Freimann aus Frankfurt, indes Oberrabbiner Chajes aus Wien auf Dr. Posnanski einredet. Der 'Mekize Nirdamim'-Verein in corpore. Er hat schon manches Gute aus dem Schlafe der Jahrhunderte geweckt. Ob es den Herren mit vereinten Kräften gelingt, nun auch den 'Ober' aus seiner Lethargie zu wecken, dass er ihnen das fällige Kompott bringt...?
Es gibt hier außer dem Hotel Ehrenreich noch ein komfortabel eingerichtetes und vortrefflich geleitetes jüdisches Hotel, das man früher als 'Pension Seelig' kannte und das nun in neuen, schönen Räumen in prächtiger Lage, in jeder Beziehung auf der Höhe der Zeit steht. Auch dort ist man ist guter Gesellschaft von Frankfurtern und Nichtfrankfurtern bestens aufgehoben. Ein unter Aufsicht stehendes Restaurant galizischer Observanz trägt dem Geschmacks der Ostgäste Rechnung, von denen noch in einem zweiten Briefe die Rede sein soll. (Fortsetzung folgt)."      

   
Kissinger Badebrief (II, 1920)  

Bad Kissingen Israelit 19081920.jpg (67412 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. August 1920: "Kissinger Badebriefe. Kissingen, Ende Juli 1920.
Es wird hier viel über  die Ausländer geschimpft. Das Schimpfen gehört mit dazu. Wie in der Sommerfrische, wo oft in einer Pension sich hart im Raum sitzen die Sachen und Menschen, Klatsch und Tratsch zur Tagesbeschäftigung gehört, und sich immer zwei gleiche Seelen finden, die von der dritten genug wissen, um über sie herzuziehen, so ist im Weltbilde (?), wo sich die Leute weniger aufsitzen, das Schimpfen quasi ein Bestandteil der Kur wie der Rakocy, der Maxbrunnen und die Kohlensäure.  Alles schimpft, der eine über das Essen, der andere über die unerhörte MiMsteuer und der vierte über die Leute, die so viel schimpfen.. Der Fremde ärgert sich über die Ausbeutung von Seiten des Einheimischen und dieser seinerseits zuckt im Stillen die Achseln über die 'fremden, übersatten Faulenzer". Alle zusammen schimpfen auf die Juden und diese schimpfen weiter - auf die Ausländer.
'Diese Bande! Diese Schiebergesellschaft!'"       
Bad Kissingen Israelit 19081920a.jpg (302150 Byte)Als ob alle Ausländer Schieber und alle Schieber Ausländer wären! 
Ich für meine Person traue den Leuten nie recht, die so überlaut bei jeder Gelegenheit auf die Schieber schimpfen... Zumeist klingt doch etwas Konkurrenzneid in diesem Getue mit... Unter denen, die — Juden und Nichtjuden, Ausländer und Inländer — nicht schieben, sah ich bis jetzt nur zwei Kategorien: 1. solche, die so was gar nicht kennen und 3. solche, die die Schiebermoral mit so tiefem Ekel erfüllt, dass sie es ablehnen, ein Wort darüber zu sprechen ... Allein, wir wollen dem Unwillen über das Benehmen gewisser Gäste nicht schlechthin alle Berechtigung versagen.
Der jüdische Ausländer, der früher Kissingen zum Teil das Gesicht gab, ist heute, mit dem Auge wenigstens, kaum zu entdecken. In den vier Wochen, da die Fremdenfrequenz 26.000 betrug, sah ich täglich immer nur den einen einzigen Kaftan. Er fiel so wenig auf, wie die geistlichen Schwarzröcke der anderen Konfessionen, die hier zu Dutzenden mit dem gleichen Rechte, wie Vertreter aller anderen Stände Genesung suchen. Nur einmal sah ich am Brunnen, wie eine Dame an ihm Anstoß nahm, natürlich eine jüdische Dame. 'Er macht Rischus!" sagte sie naserümpfend. 'Er nicht!" gab ich lakonisch zurück und war zu galant, ihr meinen Taschenspiegel vorzuhalten, wo sie hätte sehen können, was ja 'Rischus macht": die glitzernden Brillanten an ihren Händen und Ohren und den schweren Pelz — bei 33° im Schatten — auf den kostbaren Spitzen um die Schultern...
Mit dem Auge also ist der Ostjude, wie gesagt, kaum zu finden, aber um somehr mit dem Ohre! Es ist darin eine große Wandlung vorgegangen und leider nicht zum Guten. Wer Galizien sucht, sehe sich nur um, da wo Männlein bartlos, hutlos, im Schnallenrocke Pariser Schnittes, den Stock in der Hand — auch am Sabbat — an der Seite der pelzbeschwerten, juwelenbesäte Madame daherstolziert oder die ersten Plätze im Kursaal (?) besetzt hält, achte nur darauf, wenn die 'Herrschaften aus Paris" den Mund auftun — und sie halten ihn kaum eine Minute geschlossen. Und dieser Heimatzug ist vielleicht noch das Beste an ihnen...
Es sind Kriegsopfer . . . Die Route heißt in der Regel: Galizien — Antwerpen - Scheweningen. In der Panik der Flucht vergaß der noch jugendliche Mann Gebetmantel und Gebetriemen zu Hause, merkwürdigerweise auch den schönen Bart... und damit tausend andere unschätzbare Dinge der kleinen Heimat... Als man später auch aus Antwerpen flüchtete, ließ man von diesen Dingen noch mehr liegen... Und in Holland gibt es Diamanten, ach so viel Diamanten und Brillanten! . . . Der Vater geht noch in Kolomea täglich in die Mikwoh, Sohn und Tochter baden, wenn sie nicht in Kissingen oder Baden-Baden sind, im 'Familienbad' zu Norderney; der Vater schmückt sein graues, schönes Haupt, dem Sabbat zu Ehren, mit dem Streimel aus kostbarem Zobel, der Sohn promeniert, dem Sabbat zu Ehren hutlos, mit Stock in der Hand, der kostbare Zobel umrahmt der holden Gattin halbnackte Büste...
Wie sehnt man sich da nach dem alten, langen Kaftan wieder! -
Auch hier müssen wir gerecht sein. Das Protzen und Brillieren ist nicht Monopol des Ostens. Auch kleine 'groß gewordene" Leute aus hessischen und bayerischen Viehhändlerkreisen machen sich in ganz ähnlicher Weise breit und bemerkbar. Es liegt einmal in der Art des Parvenü, ob er hinter Krakau oder hinter Würzburg zu Hause ist, zu zeigen, daß er kein Zaungast mehr sei ... — Alte Patrizierfamilien aus der Großstadt fallen hier durch Einfachheit und vornehme Zurückhaltung auf. — Der schwerreich gewordene dicke Schweinezüchter oder Schlächtermeister und seine noch schwerere Schlächtermeister! aus Unterfranken zeigen es nicht minder, dass sie es, und wie sie es sich leisten können . . . Aber man vergesse doch nicht, dass sogar dieser Schlächtermeister auf die protzigen Juden weidlich schimpft...
Es ist noch kein Tränklein, kein Sprudel entdeckt gegen solche Übel und Beschwerden und Störungen des guten Geschmackes, noch kein Balsam erfunden gegen den Bazillus der albernen, Ärger erregenden Protz- und Putzsucht?
Warum heften die Badeärzte ihren vom Patienten heiligernst genommenen 'Verordnungen' nicht noch zwei Blättchen an, mit der Überschrift 'Kurgemäßes Benehmen" und 'Kurgemäße Kleidung"...
In Kissingen soll es auch 'einheimische" Juden geben, sogar ganze hundert Familien. Man sieht sie nirgends, am wenigsten in der Synagoge ... Übrigens ein schöner, geräumiger Kuppelbau, der aber in seinem Innern, auch am Sabbat, von der Fülle der Hochsaison nicht die Spur merken lässt. Am Sabbat gibt es zweimal Gottesdienst, einmal um 7 Uhr morgens für die Einheimischen und noch einmal für die Kurfremden um 10 Uhr. Wie es bei diesem zweiten Gottesdienst ausschaut, weiß ich nicht. Der 'Frühgottesdienst für Einheimische' ist leidlich besucht — von Kurfremden.
Immerhin kann es einem passieren, dass man bei dieser Frühandacht, allen leeren Bänken zum Trotze, so unglücklich zwischen zwei 'Eingeborenen" zu stehen   
Bad Kissingen Israelit 19081920b.jpg (138453 Byte)kommt, dass man während des Leienen in alle denkbaren Handelsgeschäfte eingeweiht wird und zudem auch noch ein gut Stück Kehillohpolitik erfährt...
'Tefilloh mitbringen, unbedingt zu raten', würde der jüdische Baedeker an dieser Stelle bemerken. Denn die guten Kissinger sind höflich genug, von dir vorauszusetzen, dass du alles auswendig kannst... Auf meiner Suche fand ich eine herrenlose 'Rödelheimer', mit der Aufschrift: 'Gestiftet von A. Schw. and Frau aus Frankfurt a. M. aus Anlass ihres Kissinger Aufenthaltes im Jahre..." Also damals schon!...
Der Herr Rabbiner, Spross einer altberühmten bayrischen Rabbinerfamilie, müht sich redlich, durch Wort und Tat das religiöse Leben aufrecht zu erhalten und hat auch einen kleinen Kreis, in dem er bei täglichem Talmudstudium für mancherlei Enttäuschung reichlich entschädigt wird. Die Gemeindeinstitutionen sind auch bei ihm in guten Händen und bester Ordnung. Das Kascherut in den genannten unter Aufsicht stehenden Hotels — verbürgt durch die Zuverlässigkeit der Inhaber selbst — geradezu musterhaft. Ich besuchte auch die 'Israelitische Kinderheilstätte" (ursprünglich eine Schöpfung des Herrn Dr. Münz) auf dem grünen blumigen Hügel am Wege zur Saline und sah an sechzig vergnügt lachende Kinder bei Speis und Spiel. Der Vorgarten, in dem Gipsfiguren die Kinder in die Märchenwelt von 'Schneewittchen', 'Hansel und Gretel' usw. entführen, gibt dem Ganzen die idyllische Note und das kindlich heilere Gepräge. Die liebenswürdige noch jugendliche Leiterin führt mich durch Schlaf-, Speise- und Spielräume, durch Küche, Keller und Badeeinrichtungen. Alles ist einfach und praktisch, schön, sauber und so stimmungsvoll, dass die Kinder mitsamt der Heilung auch liebe Erinnerungen mit nach Hause nehmen.
Des weiteren existiert hier ein 'Verein Kurhospiz für arme Israeliten', der, ohne ein eigenes Heim zu haben, mit Hilfe von Gönnern aus allen Teilen Deutschlands, im Jahre 1919 an hundert kurbedürftige Personen mit bald 13.000 M. unterstützt hat. Eine Leistung, die zeigt, welch unermesslichen Segen zu stiften dem Vereine bei weiterer tatkräftiger Förderung von Seiten edler Menschenfreunde noch Vorbehalten ist" (Schluss folgt).   

   
Kissinger Badebrief - Ausflug nach Bad Brückenau (III, 1920)  

Bad Kissingen Israelit 26081920a.jpg (139932 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. August 1920: "Kissinger Badebriefe.  III. Wenn man nach mehreren Wochen Kissingen wieder Heimweh nach seinem lieben Frankfurt verspürt, so geht man an die Post, setzt sich in den Auto-OmnibuS und fährt entweder morgens um neune oder nach, mittags um drei — nach Brückenau hinüber.. Das ist zwar nicht so leicht getan wie gesagt. Zunächst muss man sich mindestens einen Tag vorher am Postschalter eine Fahrkarte besorgen. Kostenpunkt für die etwas mehr wie einstündige Massenbeförderung nur Mk. 17.50. Diese Fahrkarte begründet aber noch lange nicht Deinen Anspruch auf einen Sitzplatz. Diesen musst Du Dir zur richtigen Zeit an Ort und Stelle, wiederum durch Geld und gute Worte, erst erringen. Hast Du aber ein Paketchen in der Hand, so nimmt es Dir der bebrillte Führer vor dem Eingang zum Vehikel höflich ab, legt es zuvorkommend auf das umgitterte Dach, und Du hast für diesen blinden und stummen Passagier noch eine Extragebühr von Mk. 3—5 zu entrichten...
Hat man aber nach dem guten Kissinger Grundsatz 'Tue Geld aus Deinem Beutel!‘ diese ersten natürlichen Hemmungen verschmerzt, so ist man bald entschädigt durch das wundervolle Panorama, das sich dem Auge, kaum hat das Fahrzeug die Stadt verlassen, eröffnet. Rechts die zum Greifen nahen terrassenförmig bewaldeten Hügelketten mit den einzeln verstreuten rotbedachten Giebelhäuschen und links die weiten Berge, auf die sich wie auf mächtige Mauern der Horizont neigt. Dann dichter Waid; bricht jäh ab vor einer grünstrahlenden Wiese, auf der Schäfchen, von der Kissinger Teuerung scheinbar noch ganz unbetroffen, gemächlich grasen. Die fränkische Saale plätschert und raunt alte Geschichten von Würzburger Lehnherren und von Schwedenschlachten, von den siegreichen Göbenschen Divisionen und dann von einem Manne, der hier alljährlich am ruhigen Gewässer und am          
Bad Kissingen Israelit 26081920b.jpg (486908 Byte)einigenden Rakoczy seine eiserne Politik vergaß, um nur dem Frieden seines gewaltigen Ichs zu leben... Er steht heute noch, der eiserne Kanzler, in Bronze und Gusseisen auf dem rechten Ufer neben dem wundervoll verschlungenen hölzernen Salinenbau und schaut mit harten Blicken auf die zwei Dampferchen herab, die im breiten Graben fauchen und plätschern und die Badegäste der Saline hin- und herfahren, auch hinüber sieht er zu den stählernen Eisenbahnsträngen, auf denen täglich dreimal der Zug aus Schweinfurt all die Menschen aus Moskau und München, Wilna und Würzburg, von den Ufern des Ganges, aus dem Himalaya und von jenseits des Atlantus mit ihren Leiden und Beschwerden und Hoffnungen auf Genesung hierher bringt...
Vieles hat sich geändert, seitdem er auch diesen gottgesegneten Heilboden der deutschen Reichseinheit einverleibt hat. Die Verbindungen und Zuganschlüsse waren und sind noch bedenklich gestört... Aber hier an diesem ruhigen Gewässer vergisst man auch diese Sorgen... Die Hügelketten mit den winzigen Villenhäuschen rechts und die blauen weiten Berge links, und dazwischen die Wälder und Wiesen, blühenden Gärten und üppigen Baumanlagen, sie wissen nichts von Hatz und Völkertrennung. Ein Züglein faucht uns entgegen, glühende Hoffnung hundert neuer kranker Herzen auf Wiedergenesung ist die Kraft, die die Lokomotive treibt...
Wir fahren durch saubere hügelige fränkische Dörfer, wo die dampfenden Düngerhaufen fein symmetrisch mit weißen Latten eingesäumt sind. Je vor einem weißen Bauernhaus, deren Fassadenwand über einem Briefkasten das Posthorn als Zeichen tragt, hält das Auto, um schon nach wenigen Minuten weiter zu rasen. In etwa 5/4 Stunden sind wir in 'Stadt' Brückenau. Die Endstation liegt 3 Kilometer weiter und heißt 'Bad Brückenau.' Aber der jüdische Reisende wird gut tun, auf die Weiterfahrt zu verzichten und sich hier, in der 'Stadt', ein wenig umzusehen.
Brückenau nennt sich stolz 'Stadt'. Nicht aus Größenwahn, oder Schildbürger-Dünkel, und auch nicht, um mit diesem Städtecharakter Frankfurt oder München Konkurrenz zu bieten. Mit der 'Stadt' soll nur die scharfe Grenze zwischen Bad und Ort gezogen werden. Zwischen 'Stadt' und 'Bad' Brückenau scheidet eine kleine, latente Rivalität. Das Bad hat Stahlbäder, die Stadt hat Schwefelquellen, die nicht minder sprudeln. Das Bad hat eine gut ausgebaute Anlage, eine Kurdirektion, eine Kurtaxe, eine Kurkapelle und markiert in der Hochsaison ein bisschen Weltbad, die Stadt schlummert dagegen träge in der patriarchalischen Hut einer ehrbaren Bürgermeisterei. Im 'Bad' gibt es Kurhaus und Kasino und schöne Lesehallen, das Kurhaus in der 'Stadt' kann von außen sehr leicht mit dem Schlachthof einer Kleinstadt verwechselt werden. In den kleinen Anlagen vor dem Sprudel in der 'Stadt' müssen einmal lebendige Menschen gehaust haben. Darauf deuten die wenigen Sitzgelegenheiten und außerdem die Rudel von Gänsen, Enten und Hühnern, deren Schnattern und Gackern die Kurkapelle ersetzen... All dieses wäre eher ein Vorteil für die Stadt und sollte eigentlich den kultur- und musikübersättigten Städter, der für ein paar Wochen seine Ruhe haben will, gerade veranlassen, hier in der 'Stadt' zu bleiben. Bedauerlich ist es jedoch, dass während das Bad zwei gut geleitete jüdische Hotels har, sich hier in der 'Stadt" keine jüdische Restauration befindet, so dass man in den paar Tagen des hiesigen Aufenthaltes auf die, freilich echt-jüdische, unerschöpfliche Gastfreundschaft der jüdischen Familien angewiesen ist. Auf die Dauer geht das nicht.
Über diese jüdischen Familien in der Stadt wäre noch sonst manches lobende Wort zu sprechen. Es wird einem förmlich warm ums Herz, wenn man die Einfachheit und tiefe Frömmigkeit in den meisten Häusern beobachtet, wo die Frau den Scheitel noch tief in die Stirn sitzen. hat, der Mann eine Stunde früher aufsteht, um das Gebet 'ohne Hetz' zu verrichten, bevor er mit dem Stock aufs Land hinausgeht, Sohn und Tochter in den Mußestunden über jüdische Lehr- und Unterhaltungsbücher gebeugt sitzen. Es ist hier noch altes gutes jüdisches Leben, von dem auch die Straße einen warmen Hauch verspürt, besonders am Sabbat und am Rüsttage zu demselben. Jüdische Metzger hacken das Fleisch aus und im jüdischen Bäckerladen lachen die kunstvoll geflochtenen Friedens-'Tatscher' schon am Donnerstag einem den Sabbatgruß entgegen... Die kleine 'Judengasse" schließt mit einem Hof ab, dessen Inneres für den Frankfurter eine herrliche Überraschung enthält: die Synagoge der Friedberger Anlage en miniature... Die Entrees, Bänke und Seitengänge, das Almemor in der Mitte mit den blinkenden Messingleuchtern darüber und dem bunten Teppich auf dem Boden, alles in Ausführung und dunkelheimeliger Abtönung 'unserer Schul', in diesem kleinen Ausmaße freilich noch um soviel intimer, lieblicher und freundlicher, umso mehr als die den ganzen Raum beherrschende Oran Hakaudesch-Wand heiter und hell gehalten ist. Es ist eine bewusste Frankfurter Nachbildung, auf die die Brückenauer nicht wenig stolz sind. Und Glück hatten sie mit dem Bau. Kurz vor Toresschluß, einige Jahre vor dem Kriege, wurde diese herrliche Synagoge, die heute in schlechterer Ausführung Hunderttaufende verschlingen würde, mit einem Gesamtkostenaufwande von kaum 40.000 Mk. ausgeführt.
Erfreulich ist es, dass das innere Bild im Gotteshause dem äußeren gerecht wird. Ich zählte bei einem Abendgottesdienst an einem gewöhnlichen Wochentage etwa 30 Personen, Greise, Jünglinge und Kinder, auch Frauen sahen durch das Gitter der Galerie herab. Man sieht es den Leuten, förmlich an, wie wohl sie sich in diesem Hause fühlen. Nach dem Schlusskaddisch schlägt noch der eine oder der andere sein Tillinbuch auf. Die Arbeit des Tages ist getan und keiner hat es eilig.
Draußen hält leider dieser herrliche Eindruck nicht ganz an. Die Jugend geht nicht ganz mit. Die Quelle, von denen aus dieses schöne Leben geleitet und beständig in Fluss gehalten werden muß, ist nicht genügend gehegt und gehütet und die Sorge ist nicht unberechtigt, dass dieses Reservoir aus alter guter Väterzeit, ohne neue Zufuhr einmal aufgebraucht wird... Es ist leider das Schicksal aller Landgemeinden: Es wird nichts, oder zu wenig gelernt. Es ist nicht immer allein Schuld der Lehrer. Aber es wäre an der Zeit, dass alle Treubesorgten in Stadt und Land daran gehen, diese schlimmste aller Sperren, die geistige Hungerblockade über unsere Landgemeinden aufzuheben. Wie das geschehen soll? Auf solch gutem Boden, wie ich ihn in dieser schönen bayerischen Kleingemeinde fand, wäre es ein leichtes, durch Einführung von jüdischen Fortbildungskursen für Schulkinder, wie für die erwachsene Jugend noch vieles zu retten. Mit den Lern-Schiurim für die Alten allein ist es nicht getan. Die Herren Lehrer auf dem Lande tun unter schwierigen Umständen ihre Pflicht. Aber auch hier kommen wir, wenn wir nicht geistig verhungern wollen, mit der 'gesetzlichen Verteilung' nicht aus, es muss auch 'hintenrum' was eingebracht werden. Darauf versteht man sich sonst auf dem Lande sehr gut...!
In einer guten halben Stunde wandelt man die schmale, ruhige Sinn entlang nach dem Bad Brückenau. Die Landschaft ist eine harmonische Fortsetzung der Autostraße von Kissingen, nur dass uns hier kühle würzige Rhönluft empfängt und die sengende Mittagssonne wohltuend dämpft. Durch ein Gebüsch stapfen wir direkt in den Kurgarten von Bad Brückenau hinein. Die Bauten, Anlagen und Wandelhallen sind, wenn man von Kissingen kommt, primitiv, fast dürftig und sehen sehr verschlafen aus. Kissingen klagt über eine schlechte Saison und seine Straßen und Kuranlagen wimmeln von Menschen aller Erdteile und Breitegraden. Brückenau jammert über Überfüllung und nirgends ist ein Lebewesen zu sehen. Freilich ist es um die Mittagszeit, da alles kurgemäß um die Tafelfreuden versammelt ist, die zwei jüdischen Hotels, die in ihrer Aufmachung — und in ihren Preisen — denen von Kissingen kaum in etwas nachstehen, sind bis auf den letzten Platz besetzt.
Allmählich belebt sich das Bild im Kurgarten. Zunächst erwachen die dreizehn Musikanten, die auf der Tribüne vor dem Brunnen Kurkapelle 'spielen' und setzen Glockenschlag 4 1/2 Uhr mit dem Einzugsmarsch der 'Königin von Saba' ein, vor einem Auditorium von einem Dutzend sich im Sandhaufen herumbalgenden Jungen. Die jungen Kurherren lassen sich von Lortzing, Wagner auch von Johann Strauß durchaus nicht stören und schlagen den Takt — auf Wange und Rücken des Nebenmannes — auf ganz eigene Faust. Nach jedem Stück klatschen sie aber dankbar mit Aufbietung aller Muskelkraft Beifall. Jugendliches Publikum ist immer dankbar . . .
Gegen fünf Uhr haben auch die Kurgäste endlich ausgeschlafen und das 'rege Badeleben' beginnt. Eilige Kellner rücken in den Wandelgängen Tische zusammen und weißbeschürzte Mädchen tragen in blinkenden Kannen den aus frisch geröstetem Malz und Korn gebrauten dampfenden 'echten Bohnenkaffee' (Mk. 2.— das kleine Tässchen) auf. Dazu gibt es Meyerbeer'sche Ouvertüren, Adagios und Serenaden von Beethoven, Phantasien und Potpourris. Das 'Weltbad" ist erwacht... Vertraute Gesichter tauchen auf, das schöne 'Frankfurterisch', (eine allerliebste Mischung von Sachsenhausen und Friedberger-Anlage) wird hörbar.
Von lieben Heimatklängen begleitet, eilen wir an die kleine Station, lasten uns — aus sozialem Gleichheitsgefühl natürlich — im Vierterklasse-Wagen zwischen ungeheueren Kartoffelsäcken, dicken Marktfrauen, Kisten und Kasten und vielen, vielen rostigen Milchkannen verstauen, warten in Jossa — Jossa liegt nicht in Korea zwischen der Mandschurei und Japan, sondern auf einer preußisch-bayerischen Nebenbahnlinie — an anderthalben Stunden an einem falschen Geleise, um im letzten Augenblicke noch mit knapper Not und atemlos an das richtige zu gelangen, steigen in Schlüchtern aus, um zu erfahren, dass nach einem unerforschlichen Ratschluss der Bahnweisen der Anschlusszug nach Frankfurt seit neuester Zeit nicht hier, sondern in Salmünster auf uns wartet und gelangen endlich in einer Zeitspanne, die der Orient-Expresszug bis zum kritischen 1. August 1914 benötigte, um ganz Südosteuropa und Vorderasien zu durchqueren, nach Frankfurt, das einem niemals lieber und schöner erscheint, als wenn man von einer vierwöchigen 'Erholung' zurückkehrt...".  

  
Ergänzendes zu den "Kissinger Badebriefen" - über das Kurhospiz und das rituelle Bad (1920)  

Bad Kissingen Israelit 02091920.jpg (300991 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. September 1920:   "Zu den Kissinger Badebriefen. 
Zu unseren Kissinger Badebriefen geht uns eine Reihe von Zuschriften, besonders aus Badeplätzen zu, die in der Hauptsache Zustimmungen und Ergänzungen auf Grund von Beobachtungen der Einsender enthalten. Über die geplante Errichtung des Hospiz für arme Israeliten in Kissingen wird uns geschrieben:
Ihre Angaben über das 'Kurhospiz für arme Israeliten' bedürfen der Ergänzung. Dasselbe sieht seiner Eröffnung schon im kommenden Jahre entgegen. Das Heim ist bereits da — ein Haus mit herrlichem Garten in einer Gesamtfläche von 5.000 qm neben dem Kinderheime — wird aber zur Zeit noch von anderen Mietern bewohnt. Die Vereinsverwaltung, der auch 20 auswärtige Herren angehören, arbeitet mit Eifer daran, das Werk so bald wie möglich in Betrieb zu setzen, was mit Hilfe der täglich wachsenden Gönnerzahl auch gelingen dürfte. Außer kleinen und großen Spenden bis zu 3.000 und 10.000 Mk. für Zimmer- und Bettstiftungen sind dieses Jahr auch mehrere Ehrenmitglieder mit je 1.000 Mk. dem Verein gewonnen morden. Es bricht sich eben allgemach die Erkenntnis Bahn, dass auch diejenigen Kranken, die nicht beutelfest genug sind, täglich 80—100 Mk. auf dem Altar des Rakoczy niederzulegen, ein Anrecht darauf haben, sich ihrer Familie zu erhalten.  
Ein etwas unerfreuliches Kapitel Kissinger Gemeindepolitik entrollt uns ferner ein langjähriger Kissinger Kurgast. Er schreibt: 
Wenn Sie sagen, dass die Gemeindeinstitutionen hier in den besten Händen sind, so darf nicht verschwiegen werden. — schon deshalb nicht, weil die Fälle topisch sind auch für manch andere Gemeinde — dass der Herr Rabbiner dabei keinen leichten Kampf zu bestehen hat, Kampf gegen Indolenz, gegen bösen Willen und auch gegen bewusste Neologie. Das zeigte sich bei der Mikwohangelegenheit, die eine Zeitlang den casus belli zwischen Rabbinat und Gemeindeverwaltung bildete. Dass sich die Mikwoh hier in irgend etwas dem Bilde des 'Luxusbades' einreiht, hat noch keiner behauptet, vielmehr behaupten sogar weniger verwöhnte Kurgäste, dass sich diese in einem Zustande befindet, der ihnen die Benutzung unmöglich mache. Für Renovierung hat aber die Gemeinde kein Geld. 'Erstens', sagen die Herren Neologen in der Gemeindestube frei nach dem Beklagten in der weltbekannten Geschichte vom Topfe, 'erstens brauchen wir keine und zweitens ist sie uns gut genug...'. Da aber der Herr Rabbiner keine Ruhe gab, fand man sich endlich zu einem modus vivendi bereit nach dem Grundsatze vom sattgewordenen Wolf und dem ganz gebliebenen Schäfchen... Das Schäfchen ist in diesem Falle der gute Kissinger, das größere Exemplar dieses Genres aber der Kurgast, auf den diese Last abgewälzt wird... Einer sogenannten 'Zorche Zibbur"-Kasse (Kassse für öffentliche Bedürfnisse), für die 'geschnodert" wird — das pflegte in der Regel fast nur der Kurgast zu tun — sollte es obliegen, die Gelder für die nötigen Reparaturen aufzubringen. Das wäre noch immerhin eine angängliche Lösung, in Anbetracht der Tatsache, dass die Mikwoh ja schließlich mit eine öffentliche Angelegenheit des jüdischen Kurpublikums ist. Erbaulich ist aber, was die Finanzgenies in der Kissinger Gemeindestube sich nun als Kompensation für diese Konzession ausdachten. Man verdünnte kurzerhand 'Zion' vom Almemor, ein höherer 'Ukas' verbot, für Erez Jisroel oder ähnliche Zwecke zu spenden. Alle Spenden sind jetzt — mit Ausnahme der für die noch wenig bekannte Zorche Zibbur-Kasse gestifteten — für beit haknesset (Synagoge) bestimmt und fließen in die Gemeindekasse zur Deckung der laufenden Ausgaben und Entlastung des zumeist sehr wohlhabenden Kissinger Steuerzahlers..
Diese Lösung hat doch insofern ein Loch, als mancher Kurgast, der sich nicht berufen fühlt, die Steuerfreudigkeit der guten Kissinger zu heben, bei diesen Umständen sein 'Mischeberach' für sich behält. Das sollte er nicht tun, sondern seinen Obolus der 'Zorche Zibbur"-Kasse zuführen, die am Ende einer Angelegenheit dient, welche auch ihm und der gesamten gesetzestreuen Kurgemeinde zu Gute kommt. Ein Kurgast. "    

         
Kissinger Badebrief (von Benas Levy, Berlin; 1920)     

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. September 1920: "Kissinger Badebrief. Von Benas Levy (Berlin).
In einer Berliner Tageszeitung erschien vor einigen Wochen ein Feuilleton, in dem das Leben und Treiben in Bad Kissingen geschildert wurde. Der Verfasser wies darauf hin, dass hier in diesem Jahre so hohe Preise gefordert und genommen werden, dass Kissingen 'Neppingen' genannt zu werden verdient. Dieser Beiname ist plötzlich in aller Leute Mund gekommen. Man sprach in Berlin allgemein von 'Neppingen', und Einheimische wie Kurgäste kennen und gebrauchen die wenig schmeichelhafte Bezeichnung des bisher so beliebten Badeortes. Bald in vorwurfsvollem Tone, bald in scherzhafter Bemerkung hört man gar oft 'Neppingen' erwähnen, und ein Witzbold fragte: 'Was geht noch über Neppingen?' — Obernepp (Oberhof), das meist als Nachkurort von hier aus besucht wird und wo es noch teurer ist als in Kissingen.
Der Stadtrat von Kissingen hat der Berliner Zeitung eine 'Berichtigung' eingeschickt, die bis heute nicht erschienen           
Bad Kissingen AZJ 03091920a.jpg (479607 Byte) ist. Aber alle Berichtigungen können den hässlichen Beinamen nicht mehr ans der Welt schaffen. Bad Kissingen wird den durch die allzu große Erhöhung aller Preise entstandenen Schaden erst nach und nach wieder wettmachen können. Die Wirkung ist schon jetzt deutlich zu spüren. Die Zahl der Besucher ist wesentlich geringer als im August vorigen Jahres. Während im Mai und Juni alle hiesigen Hotels und Sanatorien, die Pensionen und Logierhäuser überfüllt waren, hängen jetzt fast an jedem Hause die Zettel: 'Zimmer frei.' - Das ist ein großer Verlust für die Kissinger Wirte, die aus einen zahlreichen Besuch im Juli und August gerechnet haben. Tatsächlich kann es sich jeder hier nach seinen Verhältnissen einrichten. Die großen Hotels und Sanatorien fordern 70 bis 100 Mark täglich für Zimmer und Verpflegung. Gute Logierhäuser sind mit 40 bis 50 Mark zu finden. Bei den jetzigen teuren Lebensmitteln muss man so viel in allen anderen deutschen Badeorten bezahlen, und es ist sehr fraglich, ob die Verpflegung ebenso reichlich ist wie hier. In Kissingen fehlt's weder an Brot noch an Fleisch, weder an Obst noch an Kuchen. Auch Kartoffeln und Eier, selbst Butter ist genügend zu haben. Zu den bisherigen renommierten rituellen Restaurationen, in denen sich seit Jahren viele der jüdischen Kurgäste zusammengefunden haben, ist eine neue koschere Speisewirtschaft nebst Logierhaus getreten, das sich in der Nähe des Theaters befindet. Dort treffen sich an jedem Mittwochabend die Zionisten, wie aus einer Ankündigung in der Kurliste hervorgeht. Bisher hat die Loge Bne Brith alle hier weilenden Brüder und Schwestern an jedem Montag zu gemütlichen Zusammenkünften eingeladen und hat gern die Einführung aller Glaubensgenossen gestattet, ganz gleich, welcher Partei sie angehörten. Die Zionisten laden nur ihre Parteigenossen ein und sondern sich hierdurch von ihren anderen Glaubensgenossen ab. Die Logenabende erfreuten sich während der Kursaison eines sehr zahlreichen Besuches. Die Brüder und Schwestern wurden durch Vorträge und Deklamationen angenehm unterhalten, und zur Zeit, als die Berliner Repräsentantenwahlen stattfanden, sollen auch hier scharfe Wahlreden für und gegen die Liberalen gehalten worden sein. Bei dem großen Kontingent, das die Berliner zu der Zahl der Kissinger Kurgäste stellen, nimmt es nicht wunder, dass das Berliner Gemeindeleben seine Schatten in die liebliche fränkische Idylle wirft. Aus allen Berufen sind Vertreter hier gewesen. Das Berliner Rabbinat ist durch Herrn Rabbiner Dr. Weiße, der Vorstand der Gemeinde durch Herrn Berthold Kirstein, die Repräsentantenversammlung durch Herrn Siegfried Sachs, die Handelskammer durch Herrn Dr. James Simon hier vertreten gewesen. Auch der Vorsitzende des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Herr Justizrat Wilhelm Plonsker, weilt hier, um sich von den Anstrengungen, die ihm die Berliner Repräsentantenwahlen bereitet haben, zu er­holen. Von sonstigen bekannten jüdischen Persönlichkeiten seien noch erwähnt Professor Dr. Simonsen (Kopenhagen), Rabbiner Dr. S. Poznanski (Warschau), der schon nach einigen Tagen wegen der kritischen Lage, in die seine Gemeinde wegen der Bedrohung der Russen geraten war, abreisen musste.
Auf der Promenade und auf den herrlichen und bequemen Spaziergängen lustwandeln die Kurgäste — Herren und Damen in diesem Jahre 'bekalus' rosch — fast sämtlich ohne Hut. Schon seit mehreren Jahren gingen die Damen hier ohne Hut. Sie sorgten für eine gute Frisur, und ihre Erscheinung hatte eher gewonnen, zumal die mitunter recht extravaganten Damenhüte verschwanden. In dieser Saison gefällt sich die Herrenwelt darin, es den Damen gleichzutun, und die Herren erscheinen überall ohne Kopfbedeckung. Ein junger Mann, der einen üppigen Haarwuchs hat, kann sich das wohl erlauben. Aber alte Herren mit halben und ganzen Glatzen, mit grauen oder auch melierten Haaren, die dünn und lose verteilt sind, sollten jedoch solche Modetorheiten nicht mitmachen.
In Kissingen wird aber nicht nur der Mode gehuldigt, es wird auch ernste Arbeit geleistet. Die beiden hier befindlichen jüdischen Wohltätigkeitsanstalten sind in anerkennenswerter Weise bemüht, die armen kranken Kurgäste zu unterstützen und für sie zu sorgen. Das Kurhospiz für arme Israeliten hat in der Salinenstraße ein Gebäude erworben, das als Hospiz im nächsten Jahre eröffnet werden soll. 100.000 Mark stehen dem Verein zur Verfügung, zu denen einige bekannte Berliner Wohltäter größere Beiträge gegeben haben. Nach vorgenommener Schätzung sind 40.000 Mark zur Einrichtung des Hauses und 120.000 Mark Betriebskapital erforderlich. Es fehlen demnach noch 60.000 Mark, die der Verein bis zum nächsten Jahre von Wohltätern zu erhalten hofft. Im Israelitischen Kurhospiz sollen besonders jüdische Krieger, die durch die mehrjährigen Strapazen ihre Gesundheit eingebüßt haben, aufgenommen werden.
Die Israelitische Kinderheilstätte hat in den 16 Jahren ihres Bestehens 2.600 arme und kranke Kinder in ihrem schönen Hause verpflegt und geheilt. Die Verwaltung will demnächst eine Genesungsstätte für kurbedürftige erwachsene Mädchen, die im Berufe stehen, der Kinderheilstätte angliedern. Sie rechnet auch hierbei auf die Beiträge von den Wohltätern, die der Anstalt jederzeit reichlich und gern gespendet haben.
Wer öfters nach Kissingen kommt, wird eine große Anzahl von Kurgästen treffen, die immer wieder hierher fahren, um ihre Gesundheit wiederherzustellen. Wer einmal den Rakoczy-Brunnen getrunken und die heilsamen kohlensauren Bäder genommen hat, sehnt sich danach zurück, sobald der Sommer wieder ins Land zieht. Viele fanden hier Heilung und kehren immer wieder dankbar zurück zu den Kissinger Quellen. Unser Glaubensgenosse Herr S. Elsoffer, Mitglied des Landesfinanzamtes, der in weiten Kreisen der Berliner Gemeinde durch seine Frömmigkeit bekannt ist, kam in diesem Jahre zum 25. Mal nach Bad Kissingen. Der Bürgermeister überreichte ihm aus Anlass dieses Jubiläums eine prächtig ausgestattete, mit dem Wappen Kissingens versehene Urkunde. In derselben wird Herrn Elsoffer der Dank der Stadtvertretung für den Beweis treuer Anhänglichkeit ausgesprochen. Herr Elsoffer, der eine Stiftung für die hiesigen Armen ohne Unterschied der Konfession machte, durfte seinen Namen in das Goldene Buch der Stadt Kissingen eintragen. Dies beweist, dass die Stadtverwaltung frei ist von jeder Voreingenommenheit gegen die Juden. Einzelne Kurgäste sind es nicht. Sie malen Hakenkreuze auf und kleben Plakate antisemitischen Inhalts an die Häuser. Das sind Zeichen unserer traurigen Zeit und Beweise, dass die antisemitische Strömung im Süden genau so grassiert wie in Norddeutschland.

 
Kissinger Badebrief  (I und II, 1921)  
Anmerkung: in den Badebriefen von 1921 geht es mehr um allgemeine Schilderungen - von der angespannten politischen Situation bis zu präzisen Beschreibungen der Kur in Bad Kissingen in dieser Zeit. Spezifisch Jüdisches findet sich nur am Rande, stärker jedoch im Brief VI.   

Bad Kissingen Israelit 18081921.jpg (470240 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. August 1921: "Kissinger Badebriefe.  I    Kissingen, 12. Juli (1921)  .
Wer 1921 von seinem Arzte im Wiederholungsfalle wieder zu vier Wochen Kissingen verurteilt wird, konstatiert bei seiner Ankunft, dass sich das Bild im Ganzen gegen das Vorjahr wenig verändert hat. Der gleiche Gepäckträger, der — nicht da ist und auf all dein Rufen und Locken taub und stumm bleibt wie der Baal auf Karmel, der gleiche Hotelportier, der — draußen vor dem Wartesaal in majestätischer Ruhe, die Hände in den Hosentaschen, deiner wartet, bis du dich mit deinem schweren Gepäck durch alle Tunnels und Geleise durchgekeucht hast. Die Kurgäste haben sich um ein Drittel vermehrt, die Hähne, Hühner und Gänse ums dreifache und die Schnaken- und Trinkgelderplage ums hundertfache.
Im Kurprogramm hat sich im Wesentlichen auch nur wenig geändert. Es besteht zum größten Teile in Anstehen und Warten.
Man steht an und wartet frühmorgens am Brunnen vor dem Gießmädchen (es ist die im bunten Gewande mit stummer, weihevoller Miene hantierende Priesterin im Tempel des heiligen Rakoczy), bis das höhere Wesen in bayrischer Nationaltracht sich bequemt, mit einem seelenvollen Blicke aus dem dunklen Auge, den ihr keine Sibylle nachmacht, einem das 'Opferglas' aus der Hand zu nehmen, man wartet bis zum zweiten Glase; wartet bis zum Frühstück und füllt diese Wartezeit aus, indem man an den Klängen eines Johann Strauß'schen Walzers einen einstündigen Laufmarsch — daheim ist man von Hauptwache bis Konstablerwache Trambahn gefahren — vollführt, als gälte es, sich in kürzester Zeit zum Landbriefträger auszubilden; man steht dann in langer Reihe an und wartet am Badeschalter, um nach langem Harren eine Badekarte zu bekommen für eine Zeit, da die glücklichen Nichtbadenden im Hotel einem den besten Bissen wegessen. Es wird dann weiter gewartet: beim Bäcker, beim Café, im Wartezimmer des Arztes — denn drinnen sitzt eine Dame, die ihre leibliche und seelische Jahresbilanz macht und an der Schwelle noch ein Dutzend Leiden und Krankheiten aufzuzählen weiß. Es ist inzwischen Mittagszeit geworden, und man hat jetzt die Wahl, entweder ins Bad zu gehen und das Mittagsmahl auf die Kaffeezeit zu verlegen, oder das in jedem Sinne teuere Bad verfallen zu lassen.
Der Nachmittag ist von gleich lieblichen Handlungen und Erduldungen ausgefüllt. Es beginnt mit kochend heißen Moorkompressen, — draußen zeigt der Thermometer 33 C. im Schatten — die die angenehme Illusion auslösen, als sollte man langsam in Atome zerfließen. Man kann sich dann um viere in einem Kaffee ersten Ranges, an einem Tee zweiten Aufgusses stärken und damit für die um fünfe unter Wiener Walzer- und Potpourriklängen wieder beginnenden Trinkkuren und Laufmärsche von neuem Kraft und Mut gewinnen.
Soweit würde ja alles so ziemlich beim guten Alten geblieben sein, wenn nicht doch noch dieses Jahr ein ganz Neues hinzugekommen wäre, nämlich die Razzias.
Jawohl Razzias! lieber Leser, du hast dich nicht verhört... Und Kissingen liegt immer noch im bayrischen Unterfranken, im Herzen Süddeutschlands...
Wollte man früher dieses schöne Wort kennen lernen, so musste man nach Petersburg oder Moskau wandern, wo Juden das Betreten der heiligen zaristischen Erde verboten war. In den letzten Jahren konnte man eine liebliche Razzia auch in Berlin, Grenadierstraße, zuweilen auch in Frankfurt, Allerheiligenstraße mit all ihren romantischen Schönheiten genießen. Aber auf so eine echte, rechte Razzia a la russia verstehen sich doch nur die Bayern. Anderswo ist das nur Machwerk, Imitation.
Male dir, lieber Leser, dem die hohe Gnade geworden, den Juli auf dem heißen heimatlichen Pflaster zu verbleiben, male dir, wenn du genügend Phantasie hast, folgende Situation aus: Du liegst in deinem Hotelbett und träumst im Halbschlummer von Weib und Kind. Der stimmbegabte Gockel im Hofe, der aus allen Hühnerställen Kissingens Antwort und Beifall erhält, hat gerade angeschlagen und müht sich mit gutem Erfolge, in regelmäßigen Intervallen dein Interesse für den von ihm geahnten Morgen wachzuerhalten ... Da klopft es an deine Türe. Hast du geträumt? Nein, es klopft wieder, lauter, stürmischer. Was los? Wer da? Hat sich der Portier, der Jemand vor Tag wecken soll, in der Zimmertüre geirrt? Er möge zusammen mit dem übernervösen Gockel zum T..., der stupide Mensch... Man sagt es ihm ganz eindeutig zur geschlossenen Türe hinaus. Aber als Antwort kommt es ganz höflich zurück: 'Bitte öffnen! Passkontrolle!...'
Wa-a-a-s? Pass? Kontrolle? Ist man nicht in Deutschland und kam man nicht von Deutschland? Man erinnert sich, bei Ankunft, im Hotelbüro seine Personalien 'zwecks Anmeldung' haarklein angegeben zu haben, und des allerliebsten Lächelns, mit dem das Bürofräulein uns versicherte: 'Alles andere machen wir schon!'
'Bitte öffnen! Paßkontrolle!" die Stimme draußen unerbittlich.
Draußen im Hofe kikerikit wütend der Hahn, gackern und quacken die Hühner, schnattern die Gänse, ein grauer Silberstrahl des werdenden Morgens geistert durch die schmalen Spalten des Fensterladens. Irgendwo schlägt heulend ein Hund an. Und der Mann an der Türe: 'Bitte öffnen, Pass vorzeigen!'
Du suchst ganz verschlafen und zerschlagen. Was suchst du eigentlich? Zunächst die Unentbehrlichsten... Man kann sich - oh wenn du gar eine Dame bist - doch nicht so dem scharfen Auge des Gesetzes aussetzen... Wo mag nur der Rock sein? In der Tasche drinnen könnte er wohl sein, der Pass. Hier ist der letzte Brief mit den hundert Küssen von den Lieben zu Hause, die nachgesandte rote Steuermahnung, die letzte Hotelrechnung, den Brief deines Hauswirtes daheim, in dem er liebenswürdig von Steigerung und Mietsamt spricht . . . kurzum alles ist da, nur der Pass nicht...
Hast du überhaupt einen?'
Heil dir, wenn du ihn am Ende doch hast und mit Bild und Visum beim Morgengrauen bezeugen kannst, dass du wirklich du bist und als Sohn eines deutschen Steuerzahlers auf deutscher Erde zur Welt gekommen bist. Mit einem höflichen 'Guten Morgen' zieht die 'Kriminal' ab, und wenn Gockel und Nerven dir noch eine Stunde Schlaf gestatten, erwachst du bei den ersten Tönen des Brunnenchorals mit dem dumpfen Gefühle, von einer Reise nach Sibirien geträumt zu haben...
Wehe aber, wenn du in der Meinung, dass sich ein Deutscher Innerhalb des deutschen Reiches frei bewegen könne, es verabsäumt hast, dir den nötigen Ausweis zu besorgen, oder wenn dein Pass zwar vollkommen in Ordnung ist, aber von einem fremden Konsulate ausgestellt ist, dieweil du in irgendeinem anderen Lande vor so und so viel Jahrzehnten das Licht des nichtdeutschen Himmels erblickt hast ... Du warst zwar der Ansicht, dass du, nachdem du Jahrzehntelang un-        
behelligt in Deutschland lebst und Steuer zahlst, dir dieser Pass freie Passage durch die deutschen Lande sichert. Da sollst du aber beim ersten Morgengrauen eines Besseren belehrt werden. Du musst für Bayern eine Einreiseerlaubnis haben. Und hast du sie nicht, (keiner hatte sie, weil keiner bisher von dieser bayrischen Staatsweisheit letztem Schluss einen blauen Dunst hatte) so behält der Beamte deinen Pass zurück und bittet dich höflich, im Laufe des Vormittags auf dem Rathause am Marktplatze vor­zusprechen.
 
II.  Kissingen, 14. Juli.
Einer der schönsten Plätze dieser lieblichsten aller Städte Unterfrankens, ist wohl der Marktplatz. Wenn sich der Tag gesenkt und im matten Abendscheine die efeuumrankten Giebelhäuschen im zitternden Zwielichte aufblitzen, so glaubt man die natürliche Szenerie der 'Meistersinger' in Alt-Nürnberg vor sich zu haben. Es ist etwas unsagbar romantisch Schönes um diese alten, sagenumwobenen Bauten auf dem Markte, wo jedes dritte Haus zum 'fränkischen Wein' und 'Münchener Vollbier' einlädt und unten im fast kellertiefen Parterreraum die Einheimischen abends bei Pfeife und Schoppen Politik machen. Am Tage mutet schon der Platz etwas prosaischer an, sogar sehr prosaisch. Tisch an Tisch und Wagen an Wagen reihen sich, auf denen die Landbevölkerung ihre Produkte den Badegästen feilbietet. Ganze Ballen von Butter, voll gehäufte Eierkörbe, Kohl und Rüben in allen Arten und Farben, das letzte Frühobst und das erstgereifte Spätobst lachen einen lieblich an — so lange man nicht nach dem Preise gefragt hat.
Hier pflegten die Kurgäste frühmorgens ihre Einkäufe zu machen und sich für den Tag zu verproviantieren. Man könnte am Tage dieses liebliche Viereck in Anlehnung an den Titel eines bekannten Zola-Romanes den 'Bauch von Kissingen' nennen. Und das will schon was heißen bei einer Fremdenfrequenz von über 30.000.
Östlich wird der Marktplatz von dem malerischen Turmbau des Rathauses abgeschlossen, der in fast maurischer Breite und Behäbigkeit mit seinen grauen Mauern und den weiß-braun gestreiften Fensterläden wie ein guter, gemütlicher Hausvater im Schlafrock und Zipfelhaube den Trubel überwacht . . . Die alten Giebelhäuschen sind Zeugen alter Tage; sie mögen noch manche Hexenverbrennung gesehen haben, und in den Tiefen dieses Rathauses mag in alter Zeit die Foltermaschine noch eifrig gearbeitet haben zum höheren Ruhme von Thron und Altar. Heute sieht der Platz hell und heiter auf hoffensfrohe Menschen, die in allen Sprachen und Dialekten der Welt mit unterfränkischen Dorffrauen um ein Dutzend Eier feilschen ...
Über diesen Platz, an den Tischen und Wagen, an den Haufen von Kraut und Rüben vorbei, drückt sich der Inkriminierte vorbei, um ins Rathaus zum Verhör zu gelangen. So schlimm wie damals, zur Zeit des Fehmgerichts, der Folter, und der Hexenverbrennung ist es ja nicht mehr in diesem alten halbdunklen Bau. Ganz unten ist die städtische Polizei-Wache untergebracht, deren Aufgabe es ist, nach Dieben, Raufbolden, nächtlichen Ruhestörern, Bettlern usw. zu fahnden. Im Hochparterre arbeiten ehrbare Schreiber in festgesetzten Bürostunden fleißig, den städtischen Verwaltungsapparat in Bewegung zu halten. Aber oben, im ersten und obersten Stock, hat sich die Kriminalpolizei des Herrn Kahr niedergelassen, hier waltet die 'Ordnungszelle" des Deutschen Reiches...
Auch hier wird man, nachdem man lange genug gewartet hat, das muss betont werden, sehr höflich empfangen, sogar zum Sitzen eingeladen. Dann beginnt ein Verhör, das hochnotpeinlicher nicht gedacht werden kann. Nicht allein, wann, wo, wie du geboren bist, wo und wie du dein Leben bis zu deinem Fehltritt auf bayrischen Boden verbracht hast, musst du wissen, du musst auch über die intimsten Lebensbeziehungen deiner Eltern und Großeltern Auskunft geben, bis der große Protokollbogen auf beiden Seiten ganz ausgefüllt ist... Deine euphemistische Erklärung, du seist kein Revolutionär, kein Bolschewistenkommissar, kein Lebensmittelschieber, du trübtest kein Wässerlein, es sei denn das im Solbad Zelle Nr. 14, das gerade fällig sei und seiest hergekommen einzig und ausschließlich, um mittels des Wundertrankes des Rakoczy dein gesundheitliches Soll und Haben ein wenig zu regulieren, all dieses wird mit absoluter Ruhe und sogar mit gläubiger Miene entgegengenommen. Der Hüter der Ordnungszelle hat Zeit.
Draußen verfällt dir das Bad, das 12 Mk. gekostet hat, geht deine Gesellschaft in den schönen Wald - ohne dich, wartet der Arzt deiner in der von ihm festgesetzten Stunde, sucht dich der Briefträger, der deine Unterschrift für einen Wertbrief haben will, schimpft der Portier, der das Moorsäcklein gerichtet hat, wird im Speisesaale deine Suppe kalt — und du sitzst da und gibst Auskunft, wann und wo der Großvater die Großmutter geheiratet hat...
Auch die Protokollaufnahme erreicht schließlich, wie alles Zeitliche, ihr Ende und du wirst von einem Kriminalbeamten - nicht gefesselt - hinuntergeführt zum weniger höflichen, aber auch weniger gefährlichen Schreiber, dem Beamten der Stadtbehörde. Auch er hat eine Menge zu fragen und richtig zu stellen -weil er das Protokoll seines Münchener Kollegen nicht lesen kann. Dann endlich — die Prozedur hat drei Stunden gedauert — reicht er dir einen Zettel hin, wofür er Mk. 20.20 verlangt. Der Zettel stellt die nachträglich erteilte Einreise- und Aufenthaltsbewilligung dar und das Geld die dafür nach Recht und Gesetz zu entrichtenden Gebühren. Und mit diesem feierlichen Notenwechsel bist du entlassen.
Wer aber glaubt, dass damit die Sache ihr Ende erreicht hat, wird bald eines Besseren belehrt. Nach zwei Tagen überbringt dir dein Freund - wer hätte nicht in der Sommerfrische schon am ersten Tage mit dem Briefträger enge Freundschaft geschlossen? — unter andern guten Dingen ein fein säuberlich zusammengefaltetes Amtsschreiben, in dem du lesen kannst: 'Sie haben gegen folgende §§ der Verordnungen Nr... verstoßen und werden für Punkt 1 in eine Strafe von ... für Punkt 2 . . ." und so weiter bis zum letzten Punkte, bei dem dein Kapitalverbrechen schon auf eine mehrstellige Ziffer angewachsen ist...
Das ist die mildeste Form. In den meisten Fällen lautet aber der Vordruck: 'Wegen Vergehens gegen... haben Sie binnen 24 Stunden das bayrische Staatsgebiet zu verlassen, widrigenfalls usw."
In vielen Fällen kommt mit der ersten Post der Strafbefehl, mit der zweiten die Ausweisung.
Ein Herr, der in Frankfurt seit Jahrzehnten wohnt und dort eine hoch geachtete Stellung einnimmt, der aber noch im Besitze seines ungarischen Passes ist, obwohl einer seiner Söhne unter deutschen Fahnen gekämpft hat und gefallen ist, wurde mit seiner Frau von der eintägig befristeten Ausweisung am Sabbateingang ereilt. Er wagte es, noch 12 Stunden länger den bayrischen Boden mit seiner illegalen Anwesenheit zu entweihen und zu gefährden...
Nach Hunderten zählten die Ausgewiesenen, die ich in wenigen Tagen durch die Kontrolle am Bahnhofe passieren sah, und sie hatten — mit verschwindend wenigen Ausnahmen — alle jüdische Gesichter.
Einer sagte sarkastisch: 'Bayrisches System!' Und er sprach es so aus, dass die Silbengruppierung entstand: 'Bayer-Risches-System!.."   (sc. Risches = Gotteslästerung)
Wollten sie aus Kissingen ein unterfränkisches Borkum machen?
Stadtverwaltung und Badebehörden gewiss nicht. Ein Vertreter der letzteren sagte mir, sie hätten 100.000 Mark für Propaganda ausgegeben, um die Fremden aus allen Weltteilen nach Kissingen zu locken.
Und die Münchener Regierung lässt sich's fast ebensoviel kosten, für die Unterhaltung einer auf Menschenjagd abgerichteten Fremdenpolizei zu sorgen, die Tag und Nacht Propaganda macht — für nichtbayrische Bäder."  (Fortsetzung folgt.)"  

   
Kissinger Badebrief (III und IV, 1921)  

Bad Kissingen Israelit 25081921.jpg (503787 Byte) Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. August 1921: "Kissinger Badebriefe. Kissingen, 29. Juli.
'Wer von der Quelle der Witoscha getrunken, kommt wieder!' sagt der Bulgare von seiner schönen Hauptstadt Sofia. Ein Gleiches gilt auch von den Quellen des Rakoczy und der Prandur in Kissingen. Wer einmal hier war, den zieht es doch, wenn die Tage der heißen Sonne gekommen und sich an allen Ecken des Organismus die Legitimationen für ein paar Wochen Erholung einstellen, wieder und immer wieder mit magnetischer Kraft nach den lieblichen Auen und herrlichen Brunnen an der unterfränkischen Saale hin.
Da man zum Glücke nicht jeden Tag baden darf, nicht jeden Tag im Wartezimmer des Arztes sitzen muss und auch nicht jeden Tag von der Kriminalpolizei verhört wird, so gibt es doch Stunden, die ganz der ersten und obersten Pflicht dieser Tage gehören, dem süßen Nichtstun und Wohlleben. Ruhe, Sorglosigkeit und leichter Sinn sind ärztlich befohlen. Aller Gram, Kampf und Streben liegt weit hinten. Dazu sonniger Himmel und herrliche Verpflegung in einem wahrhaft gastlichen Hause, in dem bei aller modernen, sachgemäßen Aufmachung die Bewirtung noch etwas anderes als nur 'Betrieb' ist...
Unwillkürlich muss ich an den bekannten Bahnhofswirt in Göschenen denken, an Ernst Zahn. Für Feinschmecker, 'die nicht allein vom Brote leben', hat dieser Hochsteiger-Wirt eine Aufwartung erlesener Art in petto. Er führt sie im Abenddämmer da hinaus, wo die letzten roten Sonnenstrahlen zum Abschiede den Gletscher küssen und zeigt ihnen den Hintergrund seiner Bilder, den harten Granit, aus dem manch wuchtiges Kapitel seiner Romane gehauen ist, zeigt ihnen auch die stillen, gesunden, knorrigen Alpenmenschen, die ihm für seine Helden Modell gestanden ... Unser Wirt führt den 'Feinschmecker' in die halbdunklen Gemächer hinunter, zu seiner reichen Büchersammlung, wo ihn kostbare Heldenwerke des jüdischen Geistes gefangen nehmen, und zeigt ihm mit besonderem Stolze die ältesten und wertvollsten Hoggodaus-Ausgaben der Welt ...
Aber man ist ja nicht zum Studieren hier.
Wer gut zu Fuß ist, nimmt den Weg links vom Hotel, an den vielen Kunstauslagen — gute und kitschige Landschaftsbilder, Porträts, kostbares Porzellan — vorbei, zwischen schattigen Bäumen nördlich der Saale entlang, bis zur Saline, wo ein monumentaler Bismarck in Erz und Bronze auf das gewaltige Räder- und Walzengetriebe des großen Solwasserwerkes hinschaut, als stände er gerade an der Schmiede der deutschen Reichseinheit . . . Hier kann man der guten Mutter Saline, die unermüdlich und unverdrossen tagein tagaus ihre heilbringende Nahrung den Töchtern, den Bädern in der Stadt, zuführt, in der sprühenden und perlenden nass-salzigen Luft der Holzgänge oder in schattiger Laube bet einer guten Tafle Kaffee seine Huldigung darbringen.
Wer noch bester zu Fuß ist und nicht nur am Geldbeutel abnehmen will, gelangt über die Brücke in den etwas schüttern, aber von würziger Rhönluft durchtränkten Wald und steigt sanft hinauf bis Kloster-Wald oder Hausen, wo man bequem täglich einen Teil der Körper- und Börsenschwere — es sind dort gute Restaurants — lassen kann.
Wem aber Ruhe erste ärztlich gebotene Bürgerpflicht ist, nimmt vom Hotel aus immer und immer wieder — auch nicht zur Trinkzeit — den Weg rechts nach dem Herzpunkte des Badelebens, dem Kurgarten.
Wohl in keiner Badestadt der Welt dürfte der Kurgarten so zentral, so harmonisch und konzentriert in seiner strahlenden Schönheit sich strecken wie in Kissingen. Morgens, nachmittags und abends flutet es in den schattigen Alleen auf und nieder, von den Klängen der Musik begleitet. Durch das offen stehende Portal gelangt man bei kühlem oder regnerischem Wetter in die Wandelhalle, die so groß ist wie ein Dom und seitlich der Quellenhalle mit ihrer messing-blinkenden Zirkulationsleitung in herrlichem Blumen- und Palmenschmucke prangend, in vornehmer Ruhe das ganze bewegte, farbenfrohe Getriebe in sich aufnimmt, als wollte sie mit Sonne, Allee und klarem Himmel draußen wetteifern.
Im Süden sind die Tore geöffnet nach den lang gestreckten, frischgrünen Wiesen, die sich, von der plätschernden Saale malerisch durchzogen, bis zum Luitpoldparke hindehnen, wo in schattigen Baumgruppen und umgeben von üppigen Blumenanlagen, geschätzte Ruheplätze des Ermüdeten harren.
Ohne vom Regen berührt zu werden, zwischen Säulen und unter Schutzdach wandelnd, gelangt man in die Gesellschaftsräume des Kurhauses. In einem Festsaale sind auf Parkett und Gallerte über 1000 Sitzplätze verteilt. So viele sind es wohl, die alljährlich Herkommen, um Feste zu feiern . . . Weiter nördlich wird auf glattem Boden getanzt. Gott fei Dank, nicht jetzt, sondern erst abends, wenn ich in meiner stillen Bude diesen Bericht schreibe. Erfrischungs- und Speise räume schließen sich an, alles — auch die Preise — erstklassig und eines Weltbades würdig . . . Auch für geistige Erfrischung ist gut gesorgt. Zwei Lesesäle bieten fast jedem die ihm liebgewordene Heimatlektüre. Die geistige Massenspeisung in dielen Sälen interessierte mich ganz besonders. Die 'Deutsche Tageszeitung" liegt auf, richtiger liegt nicht auf, weil sie stets vergriffen ist . . . 'Reichsboten" und 'Auf Vor­posten" kann man auch haben, sofern sie nicht schon ein — jüdischer — Leser in Beschlag ge­nommen hat . . . Der Parität wegen hängen auch ein paar große liberale Blätter an der Wand. Man liest sie nicht — man ist ja selber auf sie abonniert.
Und am Eingänge der Gesellschaftsgebäude ist in großen Lettern zu lesen: 'Nur Leuten in anständiger Gesellschaftskleidung ist der Eintritt gestattet."
Ich freute mich ungemein über diese gerechte Forderung. 'Anständige Gesellschaftskleidung!" Nie war die Mahnung zeitgemäßer als heule. Da kommt ja schon so eine Dame auf Stöckelschuhchen dahergetrippelt, deren Kleidung in der Hauptsache in dem besteht, was sie nicht an hat... Ich freue mich aufrichtig auf die praktische Anwendung der weisen Aufschrift. Aber siehe da: sie darf, vom Kurdiener unbehelligt, frei passieren.
Ein Mann, schwarzbärtig und klaräugig, zugeknöpft bis zum Kinn und schwarzbedeckt bis zu den Fußspitzen, im übrigen sauber und vornehm, will ins Schreibzimmer. Der Diener versperrt ihm den Weg. Ob er nicht die Aufschrift gelesen hätte? Anständige Kleidung wird verlangt !...
Da verstand ich erst den Sinn der Verordnung. Die Polen sind doch in ihrer Ausdrucksweise weit präziser und ehrlicher. Sie schrieben ans Portal des 'Sächsischen Gartens' in Warschau einfach und klar deutlich: 'Juden in Kaftan ist der Eintritt verboten!'...
Inzwischen hat sich draußen der Himmel wieder aufgeheitert und die Kapelle, die auf drehbarer Bühne bereits dreimal abwechselnd nach der Halle und nach dem Garten Front genommen hat, spielt wieder ins Freie, nachdem sie vorher die Marseillaise von sich gegeben — in ver­schlungenen Varianten das 'Deutschlandlied". Sie hat ihr Tagesprogramm heute mit 'I/ ist meine Zuversicht" begonnen und als Schlußattraktion steht heute mittag noch auf dem Programm: 'Kol nidre" von Kaiser . . .
Die Kunst — und die Tonkunst erst — ist doch immer noch neutral. Die Kapelle sitzt auch auf einer Schiebebühne und dreht sich nach dem Wetter ...

IV. Kissingen. 1. August.
Man kann auf vierfache Art die Tage der Muße in der Sommerfrische ausfüllen. Ich heiße diese vier Arten: 1. die banale, 2. die isolierte, 3. die naturfrohe, 4. die beobachtende.
Die banale — und entschieden gesündeste — Art ist, wenn man ein paar Wochen lang gänzlich vergisst, dass es Not und Steuern gibt, dass in Paris Männer über die Weltteilung befinden, dass sich in Oberschlesien die Menschen zerfleischen, dass irgendwo im Osten fünfzig Millionen Menschen verhungern, dass anderswo . hunderttausend jüdische Kinder nach Vater und Mutter schreien, dass daheim... Nein daran denke man schon gar nicht.... Man spreche nicht von Aguda und nicht von Zionismus, nicht von Misrachi und nicht von Palästina. Sondern man mische sich unter die alten und neuen Kurfreunde beiderlei Geschlechts und allen Alters, man unterhalte sich acht Stunden im Tage über das Essen, und in den restlichen vier Stunden über jeden, der gerade nicht dabei ist . . . und lasse sich von jedem und jeder haarklein über ihre Leiden, die ärztlichen Befunde und die Wirkungen des Rokoczy berichten. Das tut gut und verschafft Freunde... Im Mittelpunkt des Interesses steht die Speisekarte und aller Sorgen höchste ist: wo trinkt man am besten seinen Nachmittagskaffe... 
Will man aber isoliert leben, so geht man in den Kurgarten, lässt sich auf einer der blendend weißen Bänke nieder, deren einzelnen dunklen Punkt 'Nur für Kurgäste' ausmacht, und lässt das ganze bunte Badeleben, mit all seiner Behendigkeit und Lässigkeit, mit all seiner 1 Wohlbeletbtheit und Halbnacktheit, mit all seinem I eitlen Glanz, seinem Brillantengeschtmmer uriö| Pelzengefltmmer, mit all seinem Geplapper und I Geplauder an sich vorüberziehen. Man schnappt I halbe Worte auf, auf die keiner hört, abgerissene I Witze, über die keiner lacht, abgehackte Fragen I über den Stand des Dollar, verwaiste Klänge I aus 'Meistersinger" — und fühlt sich bei all | diesem bunten Gewoge und Getriebe so mutterseelenallein und weltverlassen wie Robinson I Crusee auf seiner Insel ... I
Wer aber Gesellschaft sucht, geht in den ! Wald hinaus — wo er keinen Menschen an-1 trifft,- es sei denn solche, die hier nicht zählen:! Bauern mit Körben, grünberockte Forstbeamte I und jugendliche Touristen mit nackren braun- I gebrannten Beinen und riesigen Rucksäcken, in I denen sie ihr ganzes Kurhotel verstaut haben.» Dafür gibt es aber hier muntere Gesellschaft, I bester Art. Unten rauscht und raunt die Saalei und schäumt vor Wut, da von Zeit zu Zeit ein I Schifflein mit Gepfiffe und Gefauche eine I Kollektion Kisstnger Wohlbeletbtheit und Halbnackt- ! heit über ihren glatten Spiegel der Saline zu hin- I schaukelt . . . Auf den Eichen und Buchen, durch ! die sich mit scharfem Duft einzelne dunkle Tannen I durchsetzen, fingen, pfeifen und zwitschern gefiederte I Chöre ganze Symphonien, ohne Programm und I Hofrat als Kapellmeister . . . Buntfarbige Schmetterlinge in großer luftiger Sommertoilette und Hermelinärmeln hüpfen und tanzen im Kreise...          
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Kissinger Badebrief - im VI. Brief über "Rabbiner und Oberkantoren" bei der Kur (V und VI, 1921)  

Bad Kissingen Israelit 01091921.jpg (61849 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom      
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Kissinger Badebrief (VII und VIII, 1921)  

Bad Kissingen Israelit 08091921.jpg (43189 Byte) Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. September 1921      
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Kissinger Badebrief (IX, 1921)  
Anmerkung: geschildert wird die Rückfahrt von Bad Kissingen nach Frankfurt über Bad Orb, Gelnhausen, Hanau und Offenbach  

Bad Kissingen Israelit 15091921.jpg (177352 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. September 1921:   
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"Kissinger Allerlei" - der Antisemitismus in der Stadt wird zum Hauptthema (I, 1924)  

Bad Kissingen Israelit 24071924.jpg (216064 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Juli 1924:      
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"Kissinger Allerlei" -  mit Schilderung der 50-Jahr-Feier des Kriegervereins und Gottesdienst in der Synagoge (II, 1924)    

Bad Kissingen Israelit 07081924.jpg (135359 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. August 1924:    
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"Kissinger Allerlei" - das Hakenkreuz kommt auf (III, 1924)  

Bad Kissingen Israelit 14081924.jpg (196022 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. August 1924:      
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Kissingen ist nicht "judenfeindlich" (1924)        

Artikel in der "CV-Zeitung" ( Zeitschrift des "Central-Vereins") vom 24. Juli 1924: "Mehrere Anfragen betr. Kissingen. Die Behauptung, Bad Kissingen sei judenfeindlich, ist gänzlich unrichtig..."     

 
"Frieden in Bad Kissingen" - die Zeiten haben sich wieder beruhigt (1927)  

Bad Kissingen Israelit 25081927.jpg (51941 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. August 1927:        
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Bericht aus Bad Kissingen - "Momentbilder" (1927)  

Bad Kissingen Israelit 08091927.jpg (93658 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. September 1927:      
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Bericht aus Bad Kissingen "Momentbilder" (1929)  

Bad Kissingen Israelit 15081929b.jpg (59923 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. August 1929:       
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Die Zahl der jüdischen Kurgäste in Bad Kissingen geht zurück (1931)  

Bad Kissingen BayrGZ 15061931.jpg (65142 Byte)Artikel in der "Bayerischen israelitischen Gemeindezeitung" vom 15. Juni 1931:    
 
Artikel in der "Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen und Waldeck" vom 12. Juni 1931:      

   
Ferienbericht aus Bad Kissingen (1932)  

Bad Kissingen Israelit 26051932.jpg (53382 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Mai 1932:     
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Zurückgehende Zahlen bei den jüdischen Kurgästen und die Auswirkungen (1933 / 1934) 

Bad Kissingen Israelit 29061933.jpg (118440 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Juni 1933:      
  
Bad Kissingen BayrGZ 01071933.jpg (87679 Byte)Artikel in der "Bayerischen israelitischen Gemeindezeitung" vom 1. Juli 1933:     
 
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Mai 1934: "Bad Kissingen, 30. April (1934). Man schreibt uns: Zu denjenigen Kreisen, die durch die Zeitverhältnisse am empfindlichsten in Mitleidenschaft gezogen sind, gehören vor allem die zahlreichen an den deutschen Badplätzen tätigen jüdischen Familien, die Badeärzte, die Hotels, Restaurants, jüdische Kurhäuser und Kaufleute. Und da vermag nur die Solidarität der Juden diese an den Badeplätzen ansässigen Kreise vor der völligen Vernichtung zu retten. Es ist daher ein Gebot der Stunde, dass die kurbedürftige Juden, auch des Auslandes, in erster Linie die vortrefflichen deutschen Badeplätze aufsuchen und dass andererseits die Ärzte in der Stadt ihre Patienten, soweit es eben in ihrer Macht liegt, in deutsche Kurorte verweisen. Es ist, um einen Einwand zu beheben, vollste Garantie geboten, dass wie in Bad Kissingen, so auch anderwärts alle Kurgäste, auch die aus dem Ausland, völlig ungestört und in Ruhe ihrer Kur obliegen könnten. Eine wirkliche Sympathie für die deutschen Juden kann doch nur darin bestehen, dass die Juden aus dem Inland und Ausland die deutschen Kurorte aufsuchen und ihre daselbst ansässigen Glaubensbrüder in ihrer bedrohten Existenz unterstützen!"   

  
Allgemeiner Bericht über Bad Kissingen als Kurort (1934)   

Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15. April 1934 (in einer Reihe von Berichten über die bayerischen Kurorte):    

   
Die Kureinrichtungen stehen für jüdische Kurgäste noch uneingeschränkt zur Verfügung (1934)  

Bad Kissingen Israelit 02081934.jpg (34170 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. August 1934:     

   
Die Zahl der jüdischen Einwohner ist stark zurückgegangen (1937)   

Bad Kissingen Israelit 18021937.jpg (43572 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Februar 1937:      

   
NS-Badevorschriften für jüdische Kurgäste (1938)  

Bad Kissingen Israelit 19051938.jpg (63790 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Mai 1938:      
 
Artikel in "Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz" vom 1. Juni 1938:      

      

      

      

      

       

       

 

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Stand: 09. August 2026