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in Bad Kissingen
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Bad Kissingen (Kreisstadt)
Allgemeine Berichte zum jüdischen Leben in der Kurstadt zwischen 1860 und
1938
Die nachstehend wiedergegebenen Texte mit
Beiträgen zur jüdischen Geschichte in Bad Kissingen wurden in jüdischen
Periodika gefunden.
Bei Gelegenheit werden weitere Texte eingestellt.
Hinweis auf Literatur:
Hans-Jürgen Beck: Jüdisches Kurleben in Bad Kissingen. J.H.
Röll-Verlag Dettelbach am Main 2026. ISBN: 978-3-89754-695-0. 486 Seiten, 98.-
€. 17,5 x 24,4 x 4,2 cm; Hardcover, Fadenheftung.
Anmerkung zu dieser Publikation: In Bad Kissingen existierte bis zu ihrer
Zerstörung in der NS-Zeit eine der bedeutendsten und größten jüdischen
Gemeinden in Bayern. Deren Entwicklung wurde maßgeblich durch die berühmten
Heilquellen bestimmt, die zahlreiche jüdische Kurgäste aus dem In- und Ausland
anzogen. Es entstanden neben der eindrucksvollen Neuen Synagoge eine Vielzahl
jüdischer Hotels, Restaurants, Sanatorien, Pensionen, Arztpraxen und Geschäfte.
Überregionale Bedeutung erlangten das Israelitische Kurhospiz und die
Israelitische Kinderheilstätte.
Das Buch liefert einen Überblick über die Geschichte jüdischen Kurlebens von
den Anfängen bis in die Gegenwart, stellt die wichtigsten jüdischen
Kureinrichtungen und Hotels vor und verfolgt die biografischen Spuren von deren
Besitzern und Angestellten. Breiten Raum nehmen die Biografien bekannter und
weniger bekannter jüdischer Kurgäste ein, unter denen Albertine
Mendelssohn-Bartholdy, Giacomo Meyerbeer, Max Liebermann, Paul Heyse, die
Familie Pringsheim, James Simon, Alfred Döblin, Leo Fall, Fritzi Massary und
Oscar Straus herausragen.
Zum Autor: Hans-Jürgen Beck wurde 1962 in Leverkusen geboren, studierte in
Würzburg und Freiburg Theologie und Germanistik und war viele Jahre lang als
Lehrer am Jack-Steinberger-Gymnasium in Bad Kissingen tätig. Er veröffentlichte
verschiedene Artikel und Bücher zum jüdischen Leben in Bad Kissingen und war
lange Zeit für die Programmgestaltung der Jüdischen Kulturtage Bad Kissingen
verantwortlich.
Leseprobe zu diesem Buch (pdf-Datei)
Übersicht:
 | Allgemeine Berichte zum jüdischen Leben in der Kurstadt
zwischen 1860 und 1938
- Brief
aus Bad Kissingen - "Die Juden sind gemütliche Leute" (1860)
- Bericht
aus Bad Kissingen - wie der Fastentag am 9. Aw in Bad Kissingen begangen
wird (1897)
- Badebrief aus Bad Kissingen (1903)
- Bericht aus Bad
Kissingen (1903)
- Badebrief
aus Bad Kissingen, u.a. zum Stand der Arbeiten an der Kinderheilstätte
(1904)
- Kissinger Badebrief (1906)
- "Kaftanträger"
(= Ostjuden) sind bei der Kurverwaltung unerwünscht (1911)
- Kissinger
Badebrief - über Rabbiner, Ostjuden, Kurhospiz und Kinderheilstätte (1912)
- Kissinger Badebrief
(I, 1920)
- Kissinger Badebrief
(II, 1920)
- Kissinger Badebrief
- Ausflug nach Bad Brückenau (III, 1920)
- Ergänzendes
zu den "Kissinger Badebriefen" - über das Kurhospiz und das
rituelle Bad (1920)
- Kissinger Badebrief
(von Benas Levy, Berlin; 1920)
- Kissinger
Badebrief (I und II, 1921)
- Kissinger
Badebrief (III und IV, 1921)
- Kissinger
Badebrief - im VI. Brief über "Rabbiner und Oberkantoren" bei der
Kur (V und VI, 1921)
- Kissinger
Badebrief (VII und VIII, 1921)
- Kissinger Badebrief
(IX, 1921)
- "Kissinger
Allerlei" - der Antisemitismus in der Stadt wird zum Hauptthema (I,
1924)
- "Kissinger
Allerlei" mit Schilderung der 50-Jahr-Feier des Kriegervereins und
Gottesdienst in der Synagoge (II, 1924)
- "Kissinger
Allerlei" - das Hakenkreuz kommt auf (III, 1924)
- Kissingen
ist nicht "judenfeindlich" (1924)
- "Frieden
in Baden Kissingen" - die Zeiten haben sich wieder beruhigt (1927)
- Bericht aus Bad
Kissingen - "Momentbilder" (1927)
- Bericht
aus Bad Kissingen - "Momentbilder" (1929)
- Die
Zahl der jüdischen Kurgäste in Bad Kissingen geht zurück (1931)
- Ferienbericht
aus Bad Kissingen (1932)
- Zurückgehende
Zahlen bei den jüdischen Kurgästen und die Auswirkungen (1933 / 1934)
- Allgemeiner
Bericht über Bad Kissingen als Kurort (1934)
- Die
Kureinrichtungen stehen für jüdische Kurgäste (noch) uneingeschränkt zur
Verfügung (1934)
- Die
Zahl der jüdischen Einwohner ist stark zurückgegangen (1937)
- NS-Badevorschriften
für jüdische Kurgäste (1938) |
Allgemeine Berichte und Mitteilungen in chronologischer Reihenfolge
Brief aus Bad Kissingen - "Die Juden sind gemütliche Leute" (1860)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 18.
September 1860: "Bad Kissingen, 25. Juli (1860). Die Juden
sind gemütliche Leute. Wer das bezweifelt, gehe in einen Badeort und
er wird sich bald von der Wahrheit dieser Behauptung überzeugen. Wie im
Allgemeinen das Wetter ein Anknüpfungspunkt für die Unterhaltung ist, so
bildet beim Juden die Religion, das Gemeinde- und Schulwesen, die
Synagogenreform und dergleichen mehr den ersten Ring zu gesellschaftlichen
Kette. Leute aus verschiedenen Ländern schließen sich sehr bald, wenn
sie nur sonst ihrem Bildungsgrade nach zusammen taugen, aneinander an.
Vergleicht man die kalten, abgemessenen und steifen Begegnungen anderer
Kurgäste mit dem innigen, freundlichen und freundschaftlichen Verkehre
der Juden, so macht es - man mag sonst denken wie man will, - einen
wohltuenden und erquickenden Eindruck; es ist erfreulich, dass der Jude
bei den Errungenschaften der Neuzeit, bei seiner Bildung und Kenntnis die
Vorzüge der alten Zeit, die Gemütlichkeit und Herzlichkeit nicht
eingebüßt. Mir gereicht es zum innigen Vergnügen, bei so vielen
Männern der mannigfachsten Berufsart aus verschiedenen Gegenden dasselbe
Interesse für dieselbe heilige Sache zu finden. Solche Begegnungen halte
ich aber überdies für höchst belehrend, anregend, der guten Sache
förderlich. Man lernt die Mängel und Vorzüge anderer Einrichtungen
kennen; man tauscht gegenseitig seine Meinung aus; manche Idee wird
angeregt und mit in die Heimat genommen, wo sie verwertet und fruchtbar
gemacht wird.
Ich habe hier einen großen Kreis von intelligenten strebsamen Männern
kennen gelernt, an welche ich stets mit Vergnügen denken werde. In
nähere Beziehung und häufigeren Verkehr trat ich insbesondere zu einem
Manne, der es verdient, besonders genannt zu werden, ein Mann von seltener
Begeisterung für das Judentum, höchst strebsam und wohlwollend, von
gediegenem Charakter, Herr Burchard aus Landberg an der Warthe, durch das
Vertrauen seiner Mitbürger zum Stadtrate seines Wohnortes erwählt und
durch sein gestiftetes Stipendium für jüdische Techniker in Preußen
auch in weiteren Kreisen rühmlich bekannt. Bei dem Anblicke solcher
Männer steigert sich das Vertrauen, dass (hebräisch und deutsch)
Israel nicht verwaist ist; solche unabhängige, denkende und
charakterfeste Männer vermögen in ihrer Umgebung ersprießlich zu
wirken. Durch den genannten Herrn erhielt ich No. 29 dieser Zeitung, in
welcher mich die erste Privatmitteilung aus Baden besonders interessierte.
So wohlwollend nämlich die Absicht des Verfassers zu sein scheint, so hat
mich dennoch der von ihm ausgesprochene Tadel gegen Rabbiner und
Gemeinden, denen er eine gänzliche Untätigkeit bei wichtigen Fragen zum
Vorwurfe macht, übel berührt. Ich liebe es nicht, alles und jedes, was
geschieht, insbesondere so lange eine Angelegenheit noch in der Schwebe
ist und von der Entscheidung der Volksvertretung oder der Behörden
abhängt, vor die Öffentlichkeit zu bringen, denn nciht selten schaden
solche verfrühte Mitteilungen der Sache
selbst." |
Bericht aus Bad Kissingen
- wie der Fastentag am 9. Aw in Bad Kissingen begangen wird (1897)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 16. August 1897: "Bad Kissingen. Es gehört durchaus nicht
zu den Seltenheiten, dass Berichte und Betrachtungen aus den Bädern in
der verschiedensten Form und allerlei Themata behandelnd, den Zeitungen
übersandt werden, denn was hat man wohl in solchen Orten Besseres zu tun,
als auch mitunter zu schreiben. Heute jedoch war es der Fasttag, der
eigentlich in der Lösung einer solchen Aufgabe hinderte und erst der
Abend drückte mir die Feder in die Hand, um eine Schilderung des 9. Aw,
wie solcher hier im Bade begangen wird, für den 'Israelit' zu entwerfen.
Ein jeder weiß es ja, hier in Kissingen ist gerade der Ort, wo das echte
Judentum noch eine feste Stätte hat und wo im Allgemeinen den strengsten
religiösen Anforderungen durch gute Institutionen gewissenhaft Rechnung
getragen wird. Auf diesem Grunde kommen auch sehr viele fromme Jehudim
hierher, sowohl aus dem In- als auch aus dem Auslande. Das sah man auch
gestern Abend bei Beginn des Fasttages, denn da die hiesige nicht sehr
große Synagoge die Beter nicht alle aufnahm, so wurde außerdem noch ein
Privat-Gottesdienst in noch zwei Räumen abgehalten. Jetzt neigt sich der
Tag dem Ende entgegen und mit Beginn des Abends weicht auch allmählich
die obligate Trauer, die um diese Zeit jedes jüdische Herz durchdringt
und die kommenden Stunden sind von jetzt an dem Troste und der freudigen
Erhebung gewidmet. Der Gedanke, dass nach der Religion einstens auch
dieser seit alten Zeiten für die ganze israelitische Nation so ernste
Tag, wo so viele traurigen Ereignisse seit Tausenden von Jahren schon
stattfanden, einmal zu einer Fest- und Wonnezeit werden wird, soll uns
mahnen, auch so zu leben und zu handeln, dass diese erhoffte Zeit recht
bald erscheinen wird. Dann man das Gespenst des Antisemitismus auch hier
und da aus seinem Versteck hervortreten, uns kann es nicht schrecken; wir
wissen, dass auf die finstere Nacht der lichte Morgen kommt. Das ist die
Grundwahrheit unseres nationalen Fasttages, wie solche auch der Prophet in
seinen Schriften verkündigt hat. - Unter den vielen Sehenswürdigkeiten,
die hier die bildende Kunst aus der Gegenwart den Promenierenden im
Kurgarten darbietet, verdient in diesen Blättern ein Tableau
hervorgehoben zu werden, das die Aufmerksamkeit aller Kunstfreunde auf
sich zieht. Es ist dies ein Bild von Kaufmann. Dasselbe stellt einen
betenden Juden in orientalischer Tracht dar, wie derselbe an der Seite
seines Knaben, angetan mit Tallis und T'fillin seine Andacht verrichtet.
Die Schönheit und Wahrheit dieses großartigen Gemäldes lässt sich
nicht beschreiben; ein solches Werk muss man sehen und - bewundern.
Sch." |
Badebrief aus Bad Kissingen
(1903)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. April
1903: "Kissingen, 7. April (1903). (Badebrief). Schon
seit einiger Zeit ist es in diesen Blättern eingeführt, über die
Badeorte Register zu führen, und ihre Vorzüge und Nachteile hier zur
allgemeinen Kenntnis zu bringen. Etwas der letzten Kategorie zu erörtern,
bleibt mir erspart, denn wer fände wohl in unserer blühenden Kurstadt
irgendwelche Missstände? Ganz natürlich ist es daher, dass unser Ort zu
den beliebtesten Badeplätzen Deutschlands gehört, welcher auch von einem
zahlreichen, jüdischen Publikum gerne aufgesucht wird. Die Frequenz ist
demgemäß
in den letzten Jahren bedeutend gestiegen. Unter den blühenden Bäumen
des Kurparks kann man den Minenspekulant aus London neben dem
Hopfenhändler aus Nürnberg, den Holzhändler aus Russland neben dem
Frankfurter Börsenmann antreffen. Was diese mannigfachen Gäste aus allen
Teilen Europas hierher zieht, ist neben dem bekannten Renommee der
Heilquellen, auch das der beiden vorzüglichen, jüdischen Restaurants.
Denn unter Leitung des Herrn Rabbiner Dr. Bamberger, der kürzlich
erst hierher kam, und sich als würdiger Sohn seines berühmten Vaters
erwiesen hat, florieren alle Institutionen der jüdischen Gemeinde, und
nicht zum wenigsten die koscheren Hotel-Restaurants. Unter ihnen
verdient, selbst auf die Gefahr hin, dass man den Schreiber dieser Zeilen
der Geschäftsreklame im redaktionellen Teile dieser Blätter bezichtigt,
besonders hervorgehoben zu werden 'Hotel und Pension Herzfeld'.
Schon durch seine vorteilhafte und vornehme Lage in der Maxstraße und
Salinenpromenade, unweit der neuen Synagoge, zeichnet es sich vor den
anderen aus. Das Hotel, welches der Neuzeit entsprechend eingerichtet ist,
ist verbunden mit einem großen, erstklassigen Restaurant. Der Speisesaal
mit anschließender Terrasse liegt inmitten eines hübschen Gartens und
ist die Verköstigung und Bedienung eine tadellose, so dass den
verwöhntesten Ansprüchen Rechnung getragen wird.
Selbstverständlich wird alles 'streng koscher' geführt und ist es nicht
nur gestattet, sondern sogar erwünscht, Einsicht in den Betrieb zu
nehmen, um sich jederzeit betreffs Kaschrus zu überzeugen. Das Hotel ist
das ganze Jahr über geöffnet und werden Kurgäste und Reisende auf das
beste bewirtet.
Wie man nun aus all dem Angeführten leicht ersehen kann, ist hier
reichlich für die Bequemlichkeit und die religiösen Bedürfnisse eines
frommen Juden gesorgt, und der Aufenthalt in Kissingen ist jedem unserer
Glaubensbrüder wärmstens zu empfehlen." |
Bericht aus Bad Kissingen (1903)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 7. September 1903: "Bad Kissingen, 3. September
(1903). Die Saison hat ihren Höhepunkt erreicht, bis jetzt zeigt die
Liste 23.000 und rechnet man auf die stattliche Zahl von 24.000
Badegästen bis Ende dieses Monats. Durch Neueinrichtung kann sowohl
Brunnen getrunken und auch im Aktienbad bis 1. November gebadet werden;
die Herbsttage sind hier im Saalegrund herrlich, an Privatlogis fehlt es
nicht, auch für ganze Familien, für gute Restaurants - streng koscher, im
Hotel Herzfeld, Hotel Ehrenreich und Restaurant Hamburger - ist
bestens gesorgt. Delikatessen und Kolonialwaren bietet Herr Seeligmann,
für Weine und Spirituosen die streng-religiöse Weinhandlung Wittekind
am Kurgarten, welche Original-Weine von Bondi-Mainz und noch
Original-Weine der Palästina-Gesellschaft in Berlin führt. Während der
hohen Feiertage findet in der Neuen Synagoge nach altem Ritus
Festgottesdienst statt, an Herren- und Damenplätzen ist kein Mangel,
sodass man ruhig die Kur fortsetzen kann. Die Verhältnisse der Gemeinde
sind übrigens jetzt die besten, Eintracht und Friede ist nach
zweijährigem Kampfe eingezogen." |
Badebrief aus Bad Kissingen,
u.a. zum Stand der Arbeiten an der Kinderheilstätte (1904)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 4. August 1904: "Badeplaudereien. Kissingen, im
August (1904).
Wer 'ins Bad' geht, sei es nun rein zum Vergnügen und zur Erholung, sei
es, um eine schadhafte Stelle seines lieben 'Ich' wieder reparieren zu
lassen, der lässt gewöhnlich das alltägliche Leben mit seinen Sorgen
und Mühen, seiner Arbeit und seiner Plage für einige Wochen ganz hinter
sich liegen, der will sich einmal über des Lebens Misere hinwegsetzen und
sich als grand seigneur fühlen. Gerade diese Sorglosigkeit, dieses 'in
den Tag hinein leben', dieses Dolce far niente (= süße Nichtstun) soll
ja nach den Aussprüchen der Ärzte ein Hauptfaktor mit sein für erfolgreiche
Anwendung der im Bade geborenen Kurmittel. Wenn ich dennoch gerne Ihrem
Wunsche nachkomme, Ihnen einige Berichte über das diesjähriger Kissinger
Leben und Treiben zu erstatten, so mögen Sie daraus ersehen, dass ich
solches eben nicht für eine 'Arbeit' halte; es ist mir gleichsam ein
Vergnügen, mit meinem besten Freunde 'Israelit', den ich auch hier nicht
missen mag, der übrigens auch im Lesezimmer aufliegt, mich zu unterhalten
und ihm als Äquivalent für seine interessanten Mitteilungen von meinen Erlebnissen
und Erfahrungen zu berichten. Und Neues und Interessantes gibt es in
Kissingen von Jahr zu Jahr immer wieder. Wie die Zahl der Kurgäste von
einer Saison zur anderen bedeutend wächst, so mehren sich auch die
eleganten, neuen Villen und Kurhäuser, so mehren sich auch für den
rituell jüdisch lebenden Kurgast die rituellen Speisegelegenheiten,
allerdings nicht gerade zum Vergnügen der großen, jüdischen Hotels und
Restaurationen, denen durch diese Winkelpensionate unliebsame Konkurrenz
entsteht, ein Umstand, der gerade für die diesjährige Saison umso
schwerer ins Gewicht fällt, als heuer das Fehlen der sonst so zahlreich
erschienenen reichen, russischen Juden ohnedies einen Rückgang der
jüdischen Frequenz in auffallender Weise zeigt. Das jüdische Leben im
Bad hat dagegen nicht gelitten; die regelmäßigen Zusammenkünfte der
U.O.B.B., der Logenbrüder mit ihren Angehörigen, welche nach Anschlag am
schwarzen Brett im Kurgarten abwechselnd in den Lokalitäten der beiden
großen Restaurants, Ehrenreich und Herzfeld, stattfinden, machen sogar
sehr viel Leben. Sollten wohl die angeregten Zusammenkünfte der
Angehörigen der anderen Konfessionen, über welche in den Tagesblättern
in letzter Zeit so viel geschrieben wurde, wie so manches endete auch in
obiger Beziehung auf jüdische 'Quellen' zurückzuführen
sein?
Lässt sich so leicht ein Analogon der Konfessionen konstruieren, so kann
ich Ihnen erfreulicher Weise auch von einem Vorkommnisse berichten,
welches deutlich zeigt, dass auch die königlichen Behörden und die
bayerische Staatsregierung in gerechtem Wohlwollen unseren jüdischen
Kultus analog dem der großen staatlich anerkannten
Religionsgesellschaften behandelt und bewertet wissen wollen. Den
katholischen und protestantischen Geistlichen wurden in Anbetracht der
durch die besonderen Gottesdienste für die Kurfremden bedingten
Mehrleistungen besondere Gratifikationen beziehungsweise Zuschüsse aus
Staatsmitteln bewilligt; in gleicher Weise erhielt auch der Rabbiner einen
solchen Betrag (irre ich nicht, 200 Mark ) zugewiesen. Es ist diese
Tatsache an sich hoch erfreulich und bedeutsam, doch wird sie in Kissingen
von Einheimischen wie Kurfremden nach der Richtung hin viel kritisiert,
dass in unserem jüdischen Kultus doch eigentlich nicht der Rabbiner,
sondern der Kantor den Gottesdienst abhält, diesem also das Honorar für Mehrarbeit
gebühren solle.
Für einen Kurgast erscheint es nicht angebracht, sich in Rechtsfragen und
Kompetenzkonflikte einzulassen, also lassen wir diese Thema und
entschließen wir uns zu einem Spaziergang auf die Saline. Auch auf diesem
Gange erblicken wir die Äußerungen jüdischen Lebens in seiner
schönsten Weise, in der wahren Wohltätigkeit. Etwa in der Mitte
zwischen Kissingen und der Saline, in schönster gesündester Lage an
sanftem Bergeshang, nahe bei dem protestantischen Kinderheim, geht ein
stattlicher Neubau seiner Vollendung entgegen, die 'Israelitische
Kinderheilstätte in Bad Kissingen'. Jahre hindurch wurde von
berufenen Seiten zu Beiträgen für dies zweckmäßige Unternehmen
aufgefordert, reichlich flossen die Gaben und bald dürfte das Werk echt
jüdischer Wohltätigkeit seiner Bestimmung übergeben werden können.
Herr Dr. P. Münz, praktischer Arzt aus Nürnberg, der im Sommer als
Badearzt in Kissingen praktisiert, hat sich durch seine ersprießliche
Tätigkeit für die Kinderheilstätte, deren Entstehung auf seine
Anregungen zurückzuführen ist, bleibende Verdienste erworben. Dass auch
alle anderen jüdischen Ärzte in Kissingen lebhaftes Interesse an dem
Werke nehmen, ist selbstverständlich.
Den Mittelpunkt jüdischen Lebens suchen wir natürlich immer im Gotteshause,
das sich auch stets guten Besuches erfreut. Allerdings schien es ja eine
Zeit lang, als sollte der aus der Gemeinde gebildete Chor, dessen
Leistungen allseitige Anerkennung gefunden hatten, nachdem er bereits in
bedenkliches Wackeln geraten war, bald völlig in sich zusammensinken,
aufhören. Dem Zureden der Kultusverwaltung und dem selbstlosen Eifer des
Kantors Steinberger |
gelang
es wohl, den verfahrenen Wagen wieder ins rechte Geleise zu bringen, ob er
aber nicht bald wieder entgleisen wird? Zu viel Hindernisse liegen auf den
Schienen! ....
Stehen der Entfaltung echt jüdischen Lebens überhaupt in unserer Zeit
viele Hindernisse entgegen, so sind die bedauerlichsten diejenigen, die
wir oder doch einzelne von uns selbst herbeischaffen. Gerade der
internationale Kurort gibt reichlich Gelegenheit, derartige Beobachtungen
zu machen. Trifft man sich früh am Brunnen, so ist in der Regel das
vorhergegangene gestrige Abendessen, sodann die Speiseverhältnisse
überhaupt das zuerst angeschnittene Gesprächsthema. 'Niemand zufrieden'
- das bekannte Gedicht 'Mirza Schaffys' (sc. aserbaidschanischer
Dichter, 1794-1852) könnte im allgemeinen auch als Motto für diesen
Stoff dienen. Scharfe Kritik wird geübt, der Jude klagt über seine
jüdisch-rituelle Pension, der Andersgläubige hat an der Table d'hote
seines Restaurants viel auszusetzen, nur einer lobt und verhimmelt alles:
Der Jude, der trefe (d.h. nicht koscher) speist! Wer lacht
da?
Ein befreundeter christlicher Kurgast zeigte mir einmal, selbst entrüstet
darüber, eine solche jüdische Gesellschaft - und was für Juden - in einer
christlichen Gastenwirtschaft beim Mittagsmahl, und siehe - drei Frauen,
die sich's trefflich munden ließen, hatten, mächtig große Scheitel auf.
Sonderbare Leute! Warum will doch der Jude so vielfach den Juden
verleugnen? Auch unsere jüdischen Badeärzte wissen ein Liedlein davon zu
singen, sind doch ihre Patienten auch verhältnismäßig in geringster
Zahl unter ihren Glaubensgenossen zu suchen! Ich bin durchaus kein
Partikularist und namentlich in Hinsicht auf Kunst und Wissenschaft
vertrete ich absolut den kosmopolitischen Standpunkt, aber ich meine,
gerade in Kissingen liege für den jüdischen Kurgast besondere
Veranlassung vor, einen jüdischen Arzt zu konsultieren; denn da die Kur
in Kissingen vorzugsweise für Magen- und Stoffwechselkrankheiten
indiziert erscheint, ist doch auf die entsprechende Ernährung und Diät
besonderes Gewicht zu legen und der jüdische Arzt ist wohl am besten in
der Lage, Kurvorschriften und religionsgesetzliche Speisevorschriften in
den wünschenswerten Einklang zu bringen. Ich kenne nicht alle jüdischen
Ärzte Kissingens, aber diejenigen, die ich kenne, kann ich warm
empfehlen, so Dr. Rosenau, Dr. Norwitzky, Dr. Wahle, Kgl. Bayrischer
Oberarzt der Reserve und Dr. Bamberger, Sohn des verblichenen Rabbiner M.
L. Bamberger seligen Andenkens, ohne mit dieser Aufzählung andere, mir
unbekannte, zurücksetzen zu wollen.
Der kürzlich von Logenmitgliedern inszenierte Bazar zu Gunsten der
Kinderheilstätte gab übrigens den jüdischen Kurgästen wie ihren
jüdischen Ärzten beste Gelegenheit, sich behufs engerer Fühlungnahme
kennen zu lernen und sowohl aus diesem Grunde als auch wegen des sehr
hübschen pekuniären Erfolge sind derartige Veranstaltungen warm zu
begrüßen.
Wenn im allgemeinen auch der Appetit beim Essen kommen soll - mir ist er
beim Schreiben gekommen und da ich mir in der neu und hübsch etablierten
Frühstücksstube Selig einen kleinen Imbiss gönnen will - man kann dort
nämlich auch noch am Abend ein 'Frühstück' haben - muss ich abbrechen,
vielleicht später mehr! Ben
Jakob." |
Kissinger
Badebrief (1906)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt - Neue jüdische Presse" vom 31. August
1906: "Kissinger Badebrief.
Sehr geehrte Redaktion! Das süße Nichtstun, dem ich mich hier sorglos
hingebe, lässt die Abfassung eines langen Briefes als nicht 'kurgemäß'
erscheinen. Nur um das 'Kurgemäße' dreht sich in dem lieblichen Kissingen
vom frühen Aufstehen bis zum frühen Schlafengehen überhaupt alles. Immerhin
will ich das hier stärker wie sonst wirkende Gesetz der Trägheit so weit zu
überwinden suchen, um wenigstens ein Lebenszeichen an Sie gelangen zu
lassen. Ich nannte Kissingen lieblich, und in der Tat verdient es
dieses Prädikat in überreichlichem Maße und ich kenne kein Bad, dem es mit
so viel Berechtigung zukäme, wie dieser Perle des Frankenlandes. In Wiesen
und Gärten gebettet, umgeben von Wäldern und Höhen, liegt es da, wie eine
richtige Gartenstadt, über welche die Natur ihre Reize in verschwenderischer
Fülle ausgeschüttet hat, mit feinem milden und zugleich doch
kräftigem Klima, mit seinen prächtigen Spaziergängen und last not least, mit
seinen heilkräftigen Wässern und Bädern und mit seinen
liebenswürdigen Bewohnern.
Bad Kissingen verdankt seinen Weltruf den salzhaltigen Trinkwässern, vor
allem dem Rakoczy, welcher sich in erster Linie bei zahlreichen
Erkrankungen des Magendarmkanals als heilkräftig bewährt. Tatsächlich
stellen das Gros der Kurgäste die Erkrankungen des Magens, Darms und der
Leber. Die Solbäder sind wirksam bei Schwächezuständen mancherlei Art, bei
Blutarmut, Skrophulose, als auch erkenntlich bei Rheumatismus. Neuerdings
wird 'Kissingen mehr und mehr auch von Herzkranken aufgesucht, weil bei
vielen Herzkranken die Kohlensäurebäder gute Dienste tun, Kissingen
rivalisiert demnach in dieser Hinsicht mit Bad Nauheim. Die Bäder selbst
zeichnen sich durch Eleganz und praktische Anlage aus und sind so reichlich
vorhanden, dass man nirgends lange auf sein Bad zu warten braucht.
Langeweile gibt es hier nicht, die Zeit verstreicht im Fluge, Um 1/2 7 Uhr
beginnt bereits das Leben im Kurgarten, im Nu ist die große Anlage gefüllt
von einem internationalen Publikum, welches bei den Klängen einer wirklich
vorzüglichen Kurmusik und bei angeregter Unterhaltung die von der Hand
hübscher Frankenmädchen kredenzten Becher schlürft. Auch sonst fehlt es an
künstlerischen Genüssen nicht, wöchentlich finden Symphoniekonzerte statt
unter Mitwirkung hervorragender Künstler, dann gibt es ein prächtiges
Theater, in welchem Lustspiele und Operetten ganz vorzüglich gespielt
werden. Auch wenn man nach Kissingen allein kommt, braucht man Langweile
nicht zu fürchten. Man findet überall Anschluss und Bekannte, manchmal mehr
als man wünscht. Die Zahl der Kurgäste hat das 25. Tausend bereits
überschritten. Dass unter diesen unsere Glaubensgenossen ein erhebliches
Kontingent stellen, leuchtet ohne Weiteres ein. Wie viele es sind, lässt
sich natürlich nur vermuten, da es eine konfessionelle Kur-Statistik nicht
gibt. Ein Herr, welcher an alle Glaubensgenossen ein Zirkular zu Gunsten
eines Wohlfahrtsunternehmens sendet, schätzt die Zahl der zur Kur weilenden
Israeliten auf etwa 5000 ein, das wären etwa 20 % der Besucher. Von
bekannten Namen finde ich in der Kurliste den des Generalkonsuls Landau,
Bleichröder, Königswarter, Marburg, Beyel u.a. Recht zahlreich sind die
russischen und polnischen Juden, und Unterhaltungen über die Vorgänge und
Zustände in Russland kann man daher überall tauschen. Unsere Frankfurter
sind auffallenderweise recht spärlich vertreten. Diese gehen augenscheinlich
lieber in die Luxusbäder, wo man eine größere Toilettenpracht entfalten
kann, als in das einfache Kissingen. Dass den geistigen und körperlichen
Bedürfnissen unserer Glaubensgenossen natürlich sorgfältig Rechnung getragen
ist, ist selbstverständlich.
Die neue Synagoge ist eine architektonisch recht bemerkenswerte
Schöpfung mit hübscher Kuppel, sie bietet Raum für etwa 200 Besucher. Um 10
Uhr wird am Samstag für die Kurgäste ein Separatgottesdienst abgehalten, der
in der Regel recht gut besucht ist. Dass den rituellen Ansprüchen auch in
strenggläubigster Richtung Genüge geschieht, dafür birgt der Umstand, dass
ein Mitglied der Rabbiner-Dynastie Bamberger hier residiert. Dass es aber
auch räudige Schafe, vielmehr Schafschlächter gibt, beweist uns ein
vierfacher Maueranschlag des löblichen Rabbinats, der die Gemeinde warnt,
vor einem derartigen Individuum auf der Hut zu sein. Glücklicherweise ist
das Rabbinat nicht mehr imstande, den Bannstrahl zu verhängen, sonst wäre
der Unglückliche sicher davon betroffen worden.
Für die leiblichen Bedürfnisse sorgen zwei Hotels oder besser
Abfütterungsanstalten. Bei diesen wird das Vorhandensein großer, luftiger
Speisesäle anerkannt, dagegen sorgen sie in gewissenhafter Weise dafür, dass
man sich den Magen nicht überlade, und durch eine entsprechende Bedienung,
dass man nicht zu hastig esse. 'Kurgemäß!" Allgemein wird die Errichtung
eines dritten Hotels für ein Bedürfnis erachtet und einem tüchtigen Wirte
eine gute Existenz prophezeit.
Unsere Damen dürfte es interessieren, dass hier der Kaffee vorzüglich ist,
sowie das Gebäck, das man nach alter Sitte im Kurgarten morgens selbst
einkauft. !
Geselligen Zwecken dienen die Zusammenkünfte der Mitglieder der
Bne-Brith-Logen, welche allwöchentlich mit ihren Damen sich zusammenfinden.
Ob auch die Zionisten ihre Zusammenkünfte haben, konnte ich nicht
erfahren. Nur hörte ich, dass im nächsten Jahre ein großes zionistisches
Kaffeehaus im Café Bristol hier errichtet werden soll.
Interessieren dürfte Sie auch die Nachricht, dass dieser Tage ein
hervorragendes Mitglied der zionistischen Partei eingetroffen sein soll, um
wichtige Besprechungen mit dem zur Kur hier weilenden Khediven von Ägypten
zu pflegen.
Dass natürlich auch zahlreiche arme Glaubensgenossen die Kissinger Kurmittel
aufsuchen, ist natürlich; ebenso wie, dass die nie versagende jüdische
Humanität sich ihrer annimmt.
Ein Werk edelster Menschenliebe dieser 'Art ist die israelitische
Kinderheilstätte, deren Zustandekommen vor allem den rastlosen Bemühungen
des hiesigen Badearztes Dr. Münz, eines der angesehensten und tüchtigsten
hiesigen Ärzte, zu danken ist. Ein äußerst geschmackvoller, gediegener
Sandsteinbau im Renaissancestil, liegt derselbe auf einer prächtigen Höhe,
in äußerst gesunder Lage auf dem Wege zur Saline. Nach Überwindung
zahlreicher Schwierigkeiten gelang es im vorigen Jahre, den Bau zu vollenden
und das Gebäude seiner Bestimmung zu übergeben. Die Anstalt ist im Innern
aufs zweckmäßigste eingerichtet, wobei den Anforderungen der Hygiene
gebührend Rechnung getragen ist. Die ärztliche Leitung wird unentgeltlich
von Herrn Dr. Münz besorgt. Im vergangenen Jahre wurden 72 kranke Kinder —
davon 51 unentgeltlich — gepflegt, wovon die meisten an Skrophulose und
Blutarmut litten, alle mit bestem Heilerfolg und teilweise recht
beträchtlicher Gewichtszunahme. Die Anstalt wird fast völlig durch
wohltätige Zuwendungen erhalten. Unter den Spendern figurierten auch die
Namen bekannter Frankfurter Philanthropen. Ebenso hat kürzlich ein
Wohltätigkeitskonzert zu Gunsten der Heilstätte im Konservationshaus
stattgefunden, mit einem recht beträchtlichen Reinertrag.
Neben der Kinderheilstätte ist die Errichtung eines Kurhospizes für
Erwachsene beabsichtigt, für welchen Zweck ebenfalls ein Verein besteht.
So gibt es in Kissingen auch für denjenigen, welchem seine persönlichen
Sorgen noch Zeit für die Allgemeinheit übrig lassen, Herz und Gemüt
erfreuendes genug.
Die herrliche Nachsommerwitterung lässt hier noch viele zur Kur erscheinen,
die bis jetzt zu reisen verhindert waren.
Mögen unsere lieben Mitbürger aus Frankfurt, welche allsabbatlich ihre
wohlgenährten Bäuche in den Promenaden spazieren führen, die Gelegenheit zu
einer Kur in Kissingen benutzen, um ein paar Pfund abzunehmen und neue
Kräfte für das Geschäft der Ernährung zu sammeln.'
In diesem Sinne begrüße ich Sie und alle Freunde Ihr S. Idem." |
"Kaftanträger"
(= Ostjuden) sind bei der Kurverwaltung
unerwünscht (1911)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom
29. September 1911: "Bad Kissingen. Der demnächst zusammentretenden
Kurkommission wird nach einer Meldung des Würzburger 'General-Anzeigers'
eine Reihe von Wünschen und Anliegen des Kurvereins und der Stadtvertretung
vorgelegt; hierbei soll auch eingehend besprochen werden, was geschehen
kann, um schlecht gekleidete Personen,
insbesondere Kaftanträger, aus den Kurlokalitäten und Anlagen möglichst
zurückzudrängen.
Sollte nach dieser Richtung irgend ein Beschluss gefasst werden, so wird die
jüdische Presse dafür propagieren, dass ehrbewusste Juden Kissingen meiden.
Der Kurverwaltung geht die Form der Kleidung der Kurgäste gar nichts an, und
sie wird sich auch nicht erlauben, irgend einem Ausländer seine
Nationaltracht zu verübeln, wenn dieser Ausländer — wie man sieht — nicht
grade Jude ist. Die Kaftanjuden haben einen großen Anteil an dem mächtigen
Emporblühen Kissingens; — jetzt will ihnen Kissingen seine Dankbarkeit dafür
quittieren." |
Kissinger Badebrief
- über Rabbiner, Ostjuden, Kurhospiz und Kinderheilstätte (1912)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 26. Juli
1912: "Kissinger Badebrief. Von Benas Levy - Berlin.
Kissingen wurde kürzlich im 'Berliner Tageblatt' als 'Diplomatenbad'
bezeichnet, weil der Staatssekretär v. Kiderlen-Waechter und neben
ihm einige andere Vertreter der hohen Politik hier weilen. Mit dem gleichen
Recht könnte ich Kissingen ein 'Rabbinerbad' nennen. Auf der Promenade
lustwandeln an jedem Morgen zum mindesten ein halbes Dutzend von Rabbinern,
aus allen Teilen des Deutschen Reiches herbeigeströmt. Sie schlürfen
bedächtig den Rakoczy aus ihren Bechern und leeren sie bis zur Neige. Unter
ihnen befindet sich auch ein Vertreter des Berliner Rabbinats, Dr. L.
Blumenthal, der stets mit seiner anmutigen Gattin und seinem
hoffnungsvollen Sohne erscheint und seine vielen Getreuen aus Berlin um sich
versammelt. Es ist doch erfreulich, zu sehen, wie die Beliebtheit in seinem
Wirkungskreise den Rabbiner am Badeorte gewissermaßen zum Mittelpunkt der
Gesellschaft macht, und wie so viele sich freuen, dem hervorragenden
Kanzelredner auch einmal näher treten zu können. Das zeigt sich am besten
bei dem regelmäßigen Besucher Kissingens, dem Rabbiner Professor Dr. Emil
Hirsch aus Chicago, dem geistreichsten und tüchtigsten Prediger, der aus
der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin hervorgegangen
ist, und der mit seiner Gattin hier weilt. Mit Stolz und Bewunderung blicken
besonders die liberalen Juden auf ihn, der eine Zierde des Rabbinerstandes
bildet, und der durch die Macht seiner Beredsamkeit die Männer und Frauen
seiner Gemeinde hinreißt und begeistert. Durch die Kraft seiner Rede hat Dr.
Emil Hirsch es bewirkt, dass der Gottesdienst am Sonntag in Chicago, stets
zahlreich besucht wird. Ich kenne Leute, die in Deutschland niemals eine
Synagoge aufgesucht haben und die in Chicago, an jedem Sonntag nach |
dem
Gotteshause gehen, um den herrlichen Predigten des Dr. Hirsch zu lauschen.
Auch hier hat derselbe am letzten Mittwoch die Mitglieder der
Bene-Beriß-Logen (Bene Berit) durch seinen Vortrag über 'Die jüdische
Frau in Amerika' zu großem Dank verpflichtet. Er hat seinen zahlreichen
Hörern einen wahren Genuss bereitet und hat ihnen ein anschauliches Bild von
dem hohen und frommen Sinn der amerikanischen Frauen entworfen, die
unermüdlich für ihre Glaubensgenossen und besonders für die armen jüdischen
Einwanderer tätig sind.
Es bewährt sich eben überall auf der Welt das 'gute jüdische Herz', und auch
nicht zum mindesten hier in Kissingen. Für die vielen armen
Glaubensgenossen, die hierher kommen, ist ein Kurhospiz von
unbedingter Notwendigkeit. Für diesen Zweck ist vor kurzem ein an der
Salinenstraße gelegenes Gebäude, die so genannte 'Steinburg', erworben
worden, und es ist zu hoffen, dass das Kurhospiz für arme Israeliten
schon in nächster Zeit eröffnet werden wird.
Der größten Sympathie erfreut sich hier die israelitische
Kinderheilstätte, deren schöner Bau einem jeden ausfällt, wenn er den
beliebtesten täglichen Spaziergang nach der Saline macht. Nicht weniger als
930 meist arme jüdische Kinder sind während der kurzen Zeit des Bestehens
der israelitischen Kinderheilstätte hier verpflegt worden. Im letzten Jahre
weilten in der Anstalt 183 Kinder — 82 Knaben und 101 Mädchen, von denen 132
Kindern völlig unentgeltlich Unterkunft und Verpflegung gewährt wurden. Der
Aufenthalt der Kinder ist auf vier Wochen berechnet, nach dieser Zeit
wechseln sie sich ab und neue Scharen blasswangiger Kinder ziehen ein, um
nach vier Wochen blühenden Aussehens und gekräftigt wieder heimzukehren. Um
diese Anstalt haben sich besonders Herr und Frau Dr. Münz verdient gemacht,
die unermüdlich sich bemühen, der Kinderheilstätte immer neue Anhänger unter
den Kurgästen zu gewinnen. Nicht am wenigsten sind es die Berliner
Glaubensgenossen, die die Anstalt reichlich unterstützen. Unter den
immerwährenden Mitgliedern befinden sich elf aus Berlin, unter den
Beitragenden zählen wir über 400 Berliner, die mehr als 3.000 Mark zu den
Kosten der Kinderheilstätte im letzten Jahre beigesteuert haben, der
übrigens auch die Berliner jüdische Gemeinde eine Subvention gewährt. Dafür
sind aber auch 30 Berliner Kinder hier verpflegt worden und Schwester Flora,
die vom Verein jüdischer Krankenpflegerinnen aus Berlin hergeschickt worden
ist, hat in sorgsamster Weise die Aufsicht über die Kinder ausgeübt. Die
Heilerfolge sind bei ihnen — ebenso bei vielen Erwachsenen — dank den
stärkenden Bädern und dem heilkräftigen Rakoczy überaus günstig gewesen.
Dazu tragen allerdings auch eine große Anzahl tüchtiger und berühmter
Badeärzte bei. Viele jüdische Ärzte erfreuen sich einer großen Beliebtheit,
und einer der älteren, Sanitätsrat Dr. Rosenthal, hat in Kissingen
eine neue Kurmethode eingeführt, die jetzt allgemein in Geltung ist, da sie
sich glänzend bewährt hat. Viele Sanatorien sind neu eingerichtet worden und
eines derselben suchen bedauerlicherweise sehr viele Glaubensgenossen auf.
Der Inhaber, ein Arzt, der meist jüdische Kundschaft gehabt hat, hat sich
und seine ganze Familie taufen lassen. Anstatt ihm nun zu zeigen, dass er,
der seiner Glaubensgemeinschaft untreu geworden ist, nun auch nicht mehr den
Anspruch machen kann, von ihnen begünstigt zu werden — gehen unsere
Glaubensgenossen aus Berlin W nach wie vor in hellen Haufen in dieses
Sanatorium. Was nützen da alle Vorträge gegen die Taufe, wenn nicht nur von
der Regierung, sondern von unseren Glaubensgenossen selbst eine Prämie auf
den Abfall vom Glauben gesetzt wird? Wo bleibt da das Solidaritätsgefühl,
das uns Juden nachgerühmt wird? Es ist betrübend, zu sehen, wie weit die
Interesselosigkeit in Sachen des Glaubens um sich gegriffen hat, und wie der
einzelne nicht einmal etwas von seiner Bequemlichkeit für seinen Glauben zum
Opfer bringen will!
Da zeigt sich der Opfersinn der Orthodoxen in ganz anderer Weise. Sie haben
eine hübsche Synagoge hier erbaut, und wer von den vielen russischen
und polnischen Juden, die in großer Anzahl hier weilen, sie besucht, wird
sich darin wohl erbauen können. Der Gottesdienst wird in dem Ritus unserer
Großväter abgehalten. Von den Reformen der letzten hundert Jahre, von Orgel
und deutschen Gebeten ist keine Spur zu finden. Und doch konnte ich daselbst
einen Fortschritt konstatieren. Als ich ein Jahrzeitslicht anbrennen ließ,
drehte der Synagogendiener den Gashahn auf und steckte ein Gaslicht an. Ist
das nicht eine Reform? Ist das nicht eine Verletzung der Tradition? Haben
nicht unsere Vorväter nur die Öllämpchen angebrannt? Und in unseren
Orgelsynagogen werden nur Kerzen angezündet, hier aber Gasflammen. Die Zeit
schreitet eben vorwärts, und der Fortschritt wird sich nicht aufhalten
lassen.
Das sieht man so recht auch an unseren russischen und polnischen
Glaubensgenossen. Sie sind in Massen hierher gekommen, und der größte
Teil von ihnen kleidet sich ganz modern. Die langen Röcke verschwinden immer
mehr, und die Locken sind wirklich schon verschwunden. Die Zeit nivelliert
die Gegensätze, der Verkehr bringt die Menschen einander näher, und ganz
besonders hier und an allen besuchten Kur- und Badeplätzen. Neue
Freundschaften werden geschlossen, frühere Bekanntschaften werden erneuert,
und wenn sie auch nachher wie die Seifenblasen wieder zerplatzen — es ist
doch schön, fern von den Sorgen des Tages mit fröhlichen Menschen froh zu
sein. Und die meisten kommen immer wieder hierher, sobald der Sommer ins
Land zieht, und das Albumblatt, das Goethe an den Grafen Karl Harrach
sandte, findet seine volle Bestätigung:
Die sich herzlich oft begrüßten.
Die das Leben sich versüßten.
Führt ein guter Geist zur Stelle,
Wieder an dieselbe Quelle!" |
Kissinger Badebrief (I, 1920)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 12. August 1920: "Kissinger Badebriefe. Kissingen, Ende
Juli 1920.
I. Kissingen klagt über eine schlechte Saison. Der Fremde, der
zum ersten Male hier ist, merkt es höchstens an dem ihm von jeder zweiten
Villenfassade entgegenwinkenden 'Zimmer frei'. Im Kurgarten, am Brunnen und
— in den jüdischen Hotels kann man sich das Leben kaum noch bunter und
bewegter vorstellen. Verwunderlich wäre der Rückgang immerhin nicht, bei den
Preisen, die hier das Objekt der Fremdenindustrie, der Kurgast, für alle
Gegenstände des täglichen und stündlichen Bedarfes zu entrichten hat, bei
der hohen Kurtaxe, Wohnungssteuer usw. und bei der Fremdenpolitik,
die heute in Bayern betrieben wird.
In Kissingen selbst spürt man, im Sommer wenigstens, bis auf die
Hakenkreuze, die gelegentlich zum Morgengruße für die Juden von loser Hand
auf die Säulen der Wandelgänge gemalt werden, von der Judenhetze wenig. Der
Kurdirektor, ein gewandter zuvorkommender Herr, meint: 'Die Israeliten — er
ist
ein höflicher Mann und spricht nie von Juden, sondern immer nur von
'Israeliten' — sind uns von jeher liebe Gäste, besonders die vom Auslande...
Die lesen doch wohl alle Ihr Blatt...?" Ich sprach auch den Herrn Direktor
des Kurtheaters. Ein Theaterdirektor wie alle Theaterdirektoren,
groß, glatt, schnurrbartlos, gewandt, heiter, höflich und kunstsinnig. Auch
er meinte: 'Ja, wenn es keine Israeliten gäbe. Wo käme da die Kunst, das
Theater, die Bildergalerie hin' ? Die Juden, pardon die 'Israeliten', seien
von jeher sein liebstes Publikum... Es wurde mir mählich klar, dass man
jetzt in Bayern Juden und Israeliten fein auseinander zu halten weiß.
'Juden,— das sind diejenigen, die man in München beschimpft und, sofern sie
landesfremd sind, ausweist, interniert usw. 'Israeliten' — das sind
diejenigen, die man in Kissingen, im Sommer wenigstens, nicht
entbehren kann...
Wer also das Glück hat, als 'Israelit' hier im Sommer zu weilen, kann
sich nicht beklagen. Die Verpflegung ist vorkriegerisch. Man kann
auch allmorgendlich Eier und Butter nach Herzenslust in beliebigem Maße
verzehren — vorausgesetzt, dass man ein liebes Familienglied oder einen
guten Freund in Frankfurt hat, der gute Beziehungen zu Hessen oder Bayern
hat...
Man tut auch gut, sich sofort mit einem Bäcker in Verbindung zu setzen in
Betreff 'schwarz gebackener' weißer Brötchen, Marke: 'Kosten,
Nebensache'. Denn das hiesige 'weiß gebackene' Schwarzbrot, d.h. das legale
tägliche Brot, ist gerade gut genug, um noch in dieser Saison eine zweite
'Kissinger Kur' dringend ' nötig zu machen ...
Es wäre unrecht, den Hotelier dafür verantwortlich zu machen. Was er in den
Hauptmahlzeiten aufbietet und aufbringt, um den Kurgast für einige Wochen
alle Miseren der 'städtischen Verteilung' und der Hintenrumswirtschaft
vergessen zu lassen, vermag man erst richtig in seiner ganzen Bedeutung
einzuschätzen, wenn man sich ein wenig in der Psyche eines Kurgastes
auskennt. Sobald nämlich jemand mit seinem kranken Magen glücklich hier
gelandet ist, Unterkunft gefunden und seine Siebensachen zur Not ausgepackt
hat, eilt er zum Arzt, der ihn auf Herz und Nieren, Lunge und Leber, Magen
und Darm prüft und ausforscht und ihn einem hochnotpeinlichem Verhör über
sein Leben und Treiben von der Stunde seiner Geburt bis zur Stunde der
Ankunft des Mittagszuges Schweinfurt-Kissingen, unterzieht. Als Resultat der
Untersuchung bekommt der Delinquent ein allerliebstes, grüngelbes
vierblättchenstarkes Heftchen in die Hand — sein 'Schulchan-Aruch" für die
drei oder vier Wochen der Kur.
In schönem Fettdruck prangt auf der ersten grünen Seite dieses
Zauberbüchleins das Wort 'Verordnungen' für ... (folgt eine Lücke, in
die sich armselig der handschriftliche Name des Objektes, des Patienten,
einschiebt) von ... (folgen in schöner großer Druckschrift, Name, Titel,
Wohnung, Telefon, Sprechstunde des Arztes). Dein Schicksal, lieber Patient,
beginnt erst auf der zweiten Seite und nimmt seinen Anfang mit der 'Brunnenkur'.
Du musst trinken...
Von den neun Zauberwässerlein, mit denen der Kissinger Boden gesegnet ist,
sind — dem Himmel sei es gedankt — nur drei unterstrichen, natürlich
der Rakoczy an erster Stelle und gnädig fällt auch die 'Badekur' auf
der dritten Seite deines Schicksalsbuches aus. Immerhin hast du, täglich
zweimal, zu trinken, zu baden, zu laufen, dich in heiße Moorpackungen zu
pressen, zu schwitzen, zu gurgeln... Und bei allem, Ruhe, viel Ruhe...
Du kommst vom morgen bis zum abend nicht zur Ruhe. Wirst frühmorgens gegen
drei Uhr von einem nervösen Hahn, dessen Uhr mindestens um zwei Stunden
vorgeht und dessen prophetisches, nicht gerade leises Tagesahnen aus
sämtlichen wohlgefüllten Hühnerställen Kissingens mit ebenso lautem Jubel
beantwortet wird, aus dem ersten Schlafe gerissen, wirst gegen 7 Uhr, kaum
hast du die Tefillin abgelegt, mit 'Lobe den Herrn' an den Brunnen zur
Anbetung des 'heiligen Rakoczy' gerufen, absolvierst dann den
obligatorischen halbstündigen Eilmarsch mit dem Glas in der Hand durch den
Kurgarten, stellst dich dann, nach verzehrtem Frühstück — aus hessischem
Hamstergut — am Badeschalter in langer Reihe an und wartest geduldig eine
Stunde, bis die Dame dich endlich eines Blickes würdigt, um dir eine
Badekarte zu verabreichen, just für eine Zeit, da du nach den 'Verordnungen'
einer ganz anderen Sache verfallen bist... Proteste bewirken nur, dass die
Dame sich ihren Kneifer zurechtsetzt und zur Tagesordnung, d. h. zum
Nebenmann, oder, wenn du der letzte bist, zum 'spannenden Romane' übergeht.
Der Vormittag ist schon vorbei. Man hat den Hahn verwünscht, hat getrunken,
ist gelaufen, reihegestanden, hat geschwitzt und Kohlensäure geschluckt. Und
das grüne Vierblattbüchelchen grinst dämonisch: Ruhe, Ruhe, nichts
wie Ruhe...
Da hat aber zum Glück das Heftchen drei volle Seiten, die der 'Achilologie'
gewidmet sind, sie sind fein überschrieben 'Diätkur'. Diese sind der
Trost, die Wonne des Kurgastes und — der Schrecken des Hoteliers...
Was da für gute Dinge in verschwenderischer Fülle aufgeführt sind! O, wenn
wir deren nur einen Teil in Küche und Keller statt auf dem grünen Papier
hätten, wie pfiffen wir auf den Rakoczy und auf Kissingen,...!
Milch, Schokolade, Kakao, Süßigkeiten, Eier, Butter, Käse aller Art zum
Frühstück, — zum Mittagsmahl ein Auszug aus den Kochbüchern bester Ausgabe.
Hecht, Forelle, Lachs, Beefsteak, Roastbeef, Hirn, Ente, Gans. — Wird euch
nicht der Mund wässerig, ihr Hungerleider in Frankfurt und Berlin, die ihr
einen solchen grünen Zettel nicht besitzt? Wann diese wundervolle Auslese
vom Arzte gesammelt, gesichtet und in Druck fertig gestellt wurde, ist nicht
klar ersichtlich. Vermutlich lange vor der Blockade, denn als Nachspeise
werden u. a. auch Ananas, Bananen, vorgeschlagen. Gegen Burgunder als
Getränk hat die ärztliche Verordnung, Abschnitt 'Diätkur' nichts
einzuwenden...
Nicht alles bleibt von diesen kulinarischen Genüssen in Druckschwärze zu
Recht bestehen. Vieles — und oft das Beste — ist durchstrichen. Manches —
und zumeist nicht das Beste — ist unterstrichen. Und mit dieser 'Verordnung'
in der Hand, tritt der Kurgast gegen ein Uhr, müde, abgehetzt, zerschlagen,
verärgert, den gärenden Rakoczy im Magen und mit aller Welt zerworfen, in
den Speisesaal des Hotels, bindet er sich, d. h. schiebt er knisternd die
Papierserviette in den Halskragen. 'Ober'! Und mit dem grünen Heft in der
vor Ärger zitternden Hand mustert er die Speisekarte, löffelt er die Suppe.
Heiliger Himmel, erbarme dich des geplagten Ober!, stehe bei dem armen
Restaurateur...
'Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von Juden mit krankem
Magen...
Doch wo ein Wille, ist ein Weg. Und der Wille unseres Restaurateurs, der
unser Gastgeber im jüdischsten Sinne des Wortes ist, ist einzig darauf
gerichtet, seinen Gästen angenehme Kurtage zu verschaffen. Man muss es
gesehen haben, mit welch feinem Takt er um die Essenszeit leise von Tisch zu
Tisch wandelt, um überall nach dem Rechten zu sehen, sich nach dem Wohl —
und Geschmack — der Gäste zu erkundigen, berechtigte und unberechtigte
Beschwerden entgegenzunehmen und alle 'Zwischenfälle' still und geräuschlos
schon im Keime zu erledigen. Indes am Büffet die Hausfrau in der Mitte ihrer
Helferschar mit rührigen Händen und scharfem Blick und stets lachender Miene
mütterlich 'haushält' und die Quelle, aus der die Hunderte im Saale genährt
werden, beständig im Fluss erhält. Es liegt etwas echt und recht Familiäres
in der Art, wie der Gastgeber im Hotel Ehrenreich, seinen Gästen
entgegentritt; ob er am Freitagabend im Hausminjan nach echt Frankfurter
Zuschnitt, Marke Niederhofheim, das
Lecho daudi vorsingt, am Sabbatausgang seiner großen Familie Hawdoloh
ausmacht, oder beim Glas Tee mit einem gelehrten Gaste ein Torawort
austauscht.
Der Sabbat im Hotel hat überhaupt seine eigene Note. An den kleinen Tischen
bilden sich am Freitagabend die irgendwie Zusammengehörenden zu kleinen
Familien. Jeder Tisch eine Sabbatstube für sich, wo Kiddusch gemacht,
Schirhamaalaus gesungen wird. Auf manchen brennen sogar Sabbatlichter. Hier
an einem Ecktisch, ganz unbemerkt, sitzt der Nestor der jüdischen
Wissenschaft, Rektor Hoffmann mit seiner Gemahlin. Er ist hier ganz
incognito, 'der Professor'. Von Büchern hat er nur eines bei sich: ein
Chumisch, um die Sidrah durchzugehen. Wem aber gegönnt ist, ein Stündchen in
seiner Nähe zu weilen, der geht so 'belesen' und angeregt von seinem Tische,
als hätte er einen Tag in der Stadtbibliothek herumgestöbert. Und was er
gibt, atmet volles Leben, sprudelt und perlt so frisch und klar, wie der
Luitpoldbrunnen ...
Am gegenüberliegenden Tische sitzt eine uns wohlvertraute Gestalt. 'Unser
Geheimrat", sagen die Frankfurter mit einigem Stolze. Man möchte ihm hier
gern die wohlverdiente Ruhe gönnen und lässt ihn mit seiner Gattin allein,
aber es ergibt sich ganz von selbst, dass er über das gesundheitliche Soll
und Haben eines jeden seiner Frankfurter täglich auf dem Laufenden bleibt
und, wenn es not tut, ganz wie daheim, auch nachts geholt wird...
Schräg gegenüber haben vier würdige Herren einen Tisch ganz für sich
annektiert. Ein rüstiger Greis hat das Wort. Prof. Simonsen aus
Kopenhagen. Ihm sekundiert Prof. Freimann aus Frankfurt, indes
Oberrabbiner Chajes aus Wien auf Dr. Posnanski einredet. Der 'Mekize
Nirdamim'-Verein in corpore. Er hat schon manches Gute aus dem Schlafe der
Jahrhunderte geweckt. Ob es den Herren mit vereinten Kräften gelingt, nun
auch den 'Ober' aus seiner Lethargie zu wecken, dass er ihnen das fällige
Kompott bringt...?
Es gibt hier außer dem Hotel Ehrenreich noch ein komfortabel eingerichtetes
und vortrefflich geleitetes jüdisches Hotel, das man früher als 'Pension
Seelig' kannte und das nun in neuen, schönen Räumen in prächtiger Lage,
in jeder Beziehung auf der Höhe der Zeit steht. Auch dort ist man ist guter
Gesellschaft von Frankfurtern und Nichtfrankfurtern bestens aufgehoben. Ein
unter Aufsicht stehendes Restaurant galizischer Observanz trägt dem
Geschmacks der Ostgäste Rechnung, von denen noch in einem zweiten Briefe die
Rede sein soll. (Fortsetzung folgt)." |
Kissinger Badebrief (II, 1920)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. August
1920: "Kissinger Badebriefe. Kissingen, Ende Juli 1920.
Es wird hier viel über die Ausländer geschimpft. Das Schimpfen gehört
mit dazu. Wie in der Sommerfrische, wo oft in einer Pension sich hart im
Raum sitzen die Sachen und Menschen, Klatsch und Tratsch zur
Tagesbeschäftigung gehört, und sich immer zwei gleiche Seelen finden, die
von der dritten genug wissen, um über sie herzuziehen, so ist im Weltbilde
(?), wo sich die Leute weniger aufsitzen, das Schimpfen quasi ein
Bestandteil der Kur wie der Rakocy, der Maxbrunnen und die Kohlensäure.
Alles schimpft, der eine über das Essen, der andere über die unerhörte
MiMsteuer und der vierte über die Leute, die so viel schimpfen.. Der Fremde
ärgert sich über die Ausbeutung von Seiten des Einheimischen und dieser
seinerseits zuckt im Stillen die Achseln über die 'fremden, übersatten
Faulenzer". Alle zusammen schimpfen auf die Juden und diese schimpfen weiter
- auf die Ausländer.
'Diese Bande! Diese Schiebergesellschaft!'" |
Als
ob alle Ausländer Schieber und alle Schieber Ausländer wären!
Ich für meine Person traue den Leuten nie recht, die so überlaut bei jeder
Gelegenheit auf die Schieber schimpfen... Zumeist klingt doch etwas
Konkurrenzneid in diesem Getue mit... Unter denen, die — Juden und
Nichtjuden, Ausländer und Inländer — nicht schieben, sah ich bis jetzt nur
zwei Kategorien: 1. solche, die so was gar nicht kennen und 3. solche, die
die Schiebermoral mit so tiefem Ekel erfüllt, dass sie es ablehnen, ein Wort
darüber zu sprechen ... Allein, wir wollen dem Unwillen über das Benehmen
gewisser Gäste nicht schlechthin alle Berechtigung versagen.
Der jüdische Ausländer, der früher Kissingen zum Teil das Gesicht gab, ist
heute, mit dem Auge wenigstens, kaum zu entdecken. In den vier Wochen, da
die Fremdenfrequenz 26.000 betrug, sah ich täglich immer nur den einen
einzigen Kaftan. Er fiel so wenig auf, wie die geistlichen Schwarzröcke der
anderen Konfessionen, die hier zu Dutzenden mit dem gleichen Rechte, wie
Vertreter aller anderen Stände Genesung suchen. Nur einmal sah ich am
Brunnen, wie eine Dame an ihm Anstoß nahm, natürlich eine jüdische
Dame. 'Er macht Rischus!" sagte sie naserümpfend. 'Er nicht!" gab ich
lakonisch zurück und war zu galant, ihr meinen Taschenspiegel vorzuhalten,
wo sie hätte sehen können, was ja 'Rischus macht": die glitzernden
Brillanten an ihren Händen und Ohren und den schweren Pelz — bei 33° im
Schatten — auf den kostbaren Spitzen um die Schultern...
Mit dem Auge also ist der Ostjude, wie gesagt, kaum zu finden, aber um
somehr mit dem Ohre! Es ist darin eine große Wandlung vorgegangen und leider
nicht zum Guten. Wer Galizien sucht, sehe sich nur um, da wo Männlein
bartlos, hutlos, im Schnallenrocke Pariser Schnittes, den Stock in der Hand
— auch am Sabbat — an der Seite der pelzbeschwerten, juwelenbesäte Madame
daherstolziert oder die ersten Plätze im Kursaal (?) besetzt hält, achte nur
darauf, wenn die 'Herrschaften aus Paris" den Mund auftun — und sie halten
ihn kaum eine Minute geschlossen. Und dieser Heimatzug ist vielleicht noch
das Beste an ihnen...
Es sind Kriegsopfer . . . Die Route heißt in der Regel: Galizien — Antwerpen
- Scheweningen. In der Panik der Flucht vergaß der noch jugendliche Mann
Gebetmantel und Gebetriemen zu Hause, merkwürdigerweise auch den schönen
Bart... und damit tausend andere unschätzbare Dinge der kleinen Heimat...
Als man später auch aus Antwerpen flüchtete, ließ man von diesen Dingen noch
mehr liegen... Und in Holland gibt es Diamanten, ach so viel Diamanten und
Brillanten! . . . Der Vater geht noch in Kolomea täglich in die Mikwoh, Sohn
und Tochter baden, wenn sie nicht in Kissingen oder
Baden-Baden sind, im 'Familienbad' zu
Norderney; der Vater schmückt sein
graues, schönes Haupt, dem Sabbat zu Ehren, mit dem Streimel aus kostbarem
Zobel, der Sohn promeniert, dem Sabbat zu Ehren hutlos, mit Stock in der
Hand, der kostbare Zobel umrahmt der holden Gattin halbnackte Büste...
Wie sehnt man sich da nach dem alten, langen Kaftan wieder! -
Auch hier müssen wir gerecht sein. Das Protzen und Brillieren ist nicht
Monopol des Ostens. Auch kleine 'groß gewordene" Leute aus hessischen und
bayerischen Viehhändlerkreisen machen sich in ganz ähnlicher Weise breit und
bemerkbar. Es liegt einmal in der Art des Parvenü, ob er hinter Krakau oder
hinter Würzburg zu Hause ist, zu zeigen, daß er kein Zaungast mehr sei ... —
Alte Patrizierfamilien aus der Großstadt fallen hier durch Einfachheit und
vornehme Zurückhaltung auf. — Der schwerreich gewordene dicke
Schweinezüchter oder Schlächtermeister und seine noch schwerere
Schlächtermeister! aus Unterfranken zeigen es nicht minder, dass sie es, und
wie sie es sich leisten können . . . Aber man vergesse doch nicht, dass
sogar dieser Schlächtermeister auf die protzigen Juden weidlich schimpft...
Es ist noch kein Tränklein, kein Sprudel entdeckt gegen solche Übel und
Beschwerden und Störungen des guten Geschmackes, noch kein Balsam erfunden
gegen den Bazillus der albernen, Ärger erregenden Protz- und Putzsucht?
Warum heften die Badeärzte ihren vom Patienten heiligernst genommenen
'Verordnungen' nicht noch zwei Blättchen an, mit der Überschrift 'Kurgemäßes
Benehmen" und 'Kurgemäße Kleidung"...
In Kissingen soll es auch 'einheimische" Juden geben, sogar ganze hundert
Familien. Man sieht sie nirgends, am wenigsten in der Synagoge ...
Übrigens ein schöner, geräumiger Kuppelbau, der aber in seinem Innern, auch
am Sabbat, von der Fülle der Hochsaison nicht die Spur merken lässt. Am
Sabbat gibt es zweimal Gottesdienst, einmal um 7 Uhr morgens für die
Einheimischen und noch einmal für die Kurfremden um 10 Uhr. Wie es bei
diesem zweiten Gottesdienst ausschaut, weiß ich nicht. Der 'Frühgottesdienst
für Einheimische' ist leidlich besucht — von Kurfremden.
Immerhin kann es einem passieren, dass man bei dieser Frühandacht, allen
leeren Bänken zum Trotze, so unglücklich zwischen zwei 'Eingeborenen" zu
stehen |
kommt,
dass man während des Leienen in alle denkbaren Handelsgeschäfte eingeweiht
wird und zudem auch noch ein gut Stück Kehillohpolitik erfährt...
'Tefilloh mitbringen, unbedingt zu raten', würde der jüdische Baedeker an
dieser Stelle bemerken. Denn die guten Kissinger sind höflich genug, von dir
vorauszusetzen, dass du alles auswendig kannst... Auf meiner Suche fand ich
eine herrenlose 'Rödelheimer', mit der Aufschrift: 'Gestiftet von A. Schw.
and Frau aus Frankfurt a. M. aus Anlass ihres Kissinger Aufenthaltes im
Jahre..." Also damals schon!...
Der Herr Rabbiner, Spross einer altberühmten bayrischen Rabbinerfamilie,
müht sich redlich, durch Wort und Tat das religiöse Leben aufrecht zu
erhalten und hat auch einen kleinen Kreis, in dem er bei täglichem
Talmudstudium für mancherlei Enttäuschung reichlich entschädigt wird. Die
Gemeindeinstitutionen sind auch bei ihm in guten Händen und bester Ordnung.
Das Kascherut in den genannten unter Aufsicht stehenden Hotels —
verbürgt durch die Zuverlässigkeit der Inhaber selbst — geradezu musterhaft.
Ich besuchte auch die 'Israelitische Kinderheilstätte" (ursprünglich
eine Schöpfung des Herrn Dr. Münz) auf dem grünen blumigen Hügel am Wege zur
Saline und sah an sechzig vergnügt lachende Kinder bei Speis und Spiel. Der
Vorgarten, in dem Gipsfiguren die Kinder in die Märchenwelt von
'Schneewittchen', 'Hansel und Gretel' usw. entführen, gibt dem Ganzen die
idyllische Note und das kindlich heilere Gepräge. Die liebenswürdige noch
jugendliche Leiterin führt mich durch Schlaf-, Speise- und Spielräume, durch
Küche, Keller und Badeeinrichtungen. Alles ist einfach und praktisch, schön,
sauber und so stimmungsvoll, dass die Kinder mitsamt der Heilung auch liebe
Erinnerungen mit nach Hause nehmen.
Des weiteren existiert hier ein 'Verein Kurhospiz für arme Israeliten',
der, ohne ein eigenes Heim zu haben, mit Hilfe von Gönnern aus allen Teilen
Deutschlands, im Jahre 1919 an hundert kurbedürftige Personen mit bald
13.000 M. unterstützt hat. Eine Leistung, die zeigt, welch unermesslichen
Segen zu stiften dem Vereine bei weiterer tatkräftiger Förderung von Seiten
edler Menschenfreunde noch Vorbehalten ist" (Schluss folgt). |
Kissinger Badebrief
- Ausflug nach Bad Brückenau (III, 1920)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. August
1920: "Kissinger Badebriefe. III. Wenn man nach mehreren
Wochen Kissingen wieder Heimweh nach seinem lieben Frankfurt verspürt, so
geht man an die Post, setzt sich in den Auto-OmnibuS und fährt entweder
morgens um neune oder nach, mittags um drei — nach Brückenau
hinüber.. Das ist zwar nicht so leicht getan wie gesagt. Zunächst muss man
sich mindestens einen Tag vorher am Postschalter eine Fahrkarte besorgen.
Kostenpunkt für die etwas mehr wie einstündige Massenbeförderung nur Mk.
17.50. Diese Fahrkarte begründet aber noch lange nicht Deinen Anspruch auf
einen Sitzplatz. Diesen musst Du Dir zur richtigen Zeit an Ort und Stelle,
wiederum durch Geld und gute Worte, erst erringen. Hast Du aber ein
Paketchen in der Hand, so nimmt es Dir der bebrillte Führer vor dem Eingang
zum Vehikel höflich ab, legt es zuvorkommend auf das umgitterte Dach, und Du
hast für diesen blinden und stummen Passagier noch eine Extragebühr von Mk.
3—5 zu entrichten...
Hat man aber nach dem guten Kissinger Grundsatz 'Tue Geld aus Deinem
Beutel!‘ diese ersten natürlichen Hemmungen verschmerzt, so ist man bald
entschädigt durch das wundervolle Panorama, das sich dem Auge, kaum hat das
Fahrzeug die Stadt verlassen, eröffnet. Rechts die zum Greifen nahen
terrassenförmig bewaldeten Hügelketten mit den einzeln verstreuten
rotbedachten Giebelhäuschen und links die weiten Berge, auf die sich wie auf
mächtige Mauern der Horizont neigt. Dann dichter Waid; bricht jäh ab vor
einer grünstrahlenden Wiese, auf der Schäfchen, von der Kissinger Teuerung
scheinbar noch ganz unbetroffen, gemächlich grasen. Die fränkische Saale
plätschert und raunt alte Geschichten von Würzburger Lehnherren und von
Schwedenschlachten, von den siegreichen Göbenschen Divisionen und dann von
einem Manne, der hier alljährlich am ruhigen Gewässer und am |
einigenden
Rakoczy seine eiserne Politik vergaß, um nur dem Frieden seines gewaltigen
Ichs zu leben... Er steht heute noch, der eiserne Kanzler, in Bronze und
Gusseisen auf dem rechten Ufer neben dem wundervoll verschlungenen hölzernen
Salinenbau und schaut mit harten Blicken auf die zwei Dampferchen herab, die
im breiten Graben fauchen und plätschern und die Badegäste der Saline hin-
und herfahren, auch hinüber sieht er zu den stählernen Eisenbahnsträngen,
auf denen täglich dreimal der Zug aus Schweinfurt all die Menschen aus
Moskau und München, Wilna und Würzburg, von den Ufern des Ganges, aus dem
Himalaya und von jenseits des Atlantus mit ihren Leiden und Beschwerden und
Hoffnungen auf Genesung hierher bringt...
Vieles hat sich geändert, seitdem er auch diesen gottgesegneten Heilboden
der deutschen Reichseinheit einverleibt hat. Die Verbindungen und
Zuganschlüsse waren und sind noch bedenklich gestört... Aber hier an diesem
ruhigen Gewässer vergisst man auch diese Sorgen... Die Hügelketten mit den
winzigen Villenhäuschen rechts und die blauen weiten Berge links, und
dazwischen die Wälder und Wiesen, blühenden Gärten und üppigen Baumanlagen,
sie wissen nichts von Hatz und Völkertrennung. Ein Züglein faucht uns
entgegen, glühende Hoffnung hundert neuer kranker Herzen auf Wiedergenesung
ist die Kraft, die die Lokomotive treibt...
Wir fahren durch saubere hügelige fränkische Dörfer, wo die dampfenden
Düngerhaufen fein symmetrisch mit weißen Latten eingesäumt sind. Je vor
einem weißen Bauernhaus, deren Fassadenwand über einem Briefkasten das
Posthorn als Zeichen tragt, hält das Auto, um schon nach wenigen Minuten
weiter zu rasen. In etwa 5/4 Stunden sind wir in 'Stadt'
Brückenau. Die Endstation liegt 3
Kilometer weiter und heißt 'Bad Brückenau.' Aber der jüdische Reisende wird
gut tun, auf die Weiterfahrt zu verzichten und sich hier, in der 'Stadt',
ein wenig umzusehen.
Brückenau nennt sich stolz 'Stadt'. Nicht aus Größenwahn, oder
Schildbürger-Dünkel, und auch nicht, um mit diesem Städtecharakter Frankfurt
oder München Konkurrenz zu bieten. Mit der 'Stadt' soll nur die scharfe
Grenze zwischen Bad und Ort gezogen werden. Zwischen 'Stadt' und 'Bad'
Brückenau scheidet eine kleine, latente Rivalität. Das Bad hat Stahlbäder,
die Stadt hat Schwefelquellen, die nicht minder sprudeln. Das Bad hat eine
gut ausgebaute Anlage, eine Kurdirektion, eine Kurtaxe, eine Kurkapelle und
markiert in der Hochsaison ein bisschen Weltbad, die Stadt schlummert
dagegen träge in der patriarchalischen Hut einer ehrbaren Bürgermeisterei.
Im 'Bad' gibt es Kurhaus und Kasino und schöne Lesehallen, das Kurhaus in
der 'Stadt' kann von außen sehr leicht mit dem Schlachthof einer Kleinstadt
verwechselt werden. In den kleinen Anlagen vor dem Sprudel in der 'Stadt'
müssen einmal lebendige Menschen gehaust haben. Darauf deuten die wenigen
Sitzgelegenheiten und außerdem die Rudel von Gänsen, Enten und Hühnern,
deren Schnattern und Gackern die Kurkapelle ersetzen... All dieses wäre eher
ein Vorteil für die Stadt und sollte eigentlich den kultur- und
musikübersättigten Städter, der für ein paar Wochen seine Ruhe haben will,
gerade veranlassen, hier in der 'Stadt' zu bleiben. Bedauerlich ist es
jedoch, dass während das Bad zwei gut geleitete jüdische Hotels har, sich
hier in der 'Stadt" keine jüdische Restauration befindet, so dass man in den
paar Tagen des hiesigen Aufenthaltes auf die, freilich echt-jüdische,
unerschöpfliche Gastfreundschaft der jüdischen Familien angewiesen ist. Auf
die Dauer geht das nicht.
Über diese jüdischen Familien in der Stadt wäre noch sonst manches lobende
Wort zu sprechen. Es wird einem förmlich warm ums Herz, wenn man die
Einfachheit und tiefe Frömmigkeit in den meisten Häusern beobachtet, wo die
Frau den Scheitel noch tief in die Stirn sitzen. hat, der Mann eine Stunde
früher aufsteht, um das Gebet 'ohne Hetz' zu verrichten, bevor er mit dem
Stock aufs Land hinausgeht, Sohn und Tochter in den Mußestunden über
jüdische Lehr- und Unterhaltungsbücher gebeugt sitzen. Es ist hier noch
altes gutes jüdisches Leben, von dem auch die Straße einen warmen Hauch
verspürt, besonders am Sabbat und am Rüsttage zu demselben. Jüdische Metzger
hacken das Fleisch aus und im jüdischen Bäckerladen lachen die kunstvoll
geflochtenen Friedens-'Tatscher' schon am Donnerstag einem den Sabbatgruß
entgegen... Die kleine 'Judengasse" schließt mit einem Hof ab, dessen
Inneres für den Frankfurter eine herrliche Überraschung enthält: die
Synagoge der Friedberger Anlage en miniature... Die Entrees, Bänke und
Seitengänge, das Almemor in der Mitte mit den blinkenden Messingleuchtern
darüber und dem bunten Teppich auf dem Boden, alles in Ausführung und
dunkelheimeliger Abtönung 'unserer Schul', in diesem kleinen Ausmaße
freilich noch um soviel intimer, lieblicher und freundlicher, umso mehr als
die den ganzen Raum beherrschende Oran Hakaudesch-Wand heiter und
hell gehalten ist. Es ist eine bewusste Frankfurter Nachbildung, auf die die
Brückenauer nicht wenig stolz sind. Und Glück hatten sie mit dem Bau. Kurz
vor Toresschluß, einige Jahre vor dem Kriege, wurde diese herrliche
Synagoge, die heute in schlechterer Ausführung Hunderttaufende verschlingen
würde, mit einem Gesamtkostenaufwande von kaum 40.000 Mk. ausgeführt.
Erfreulich ist es, dass das innere Bild im Gotteshause dem äußeren gerecht
wird. Ich zählte bei einem Abendgottesdienst an einem gewöhnlichen
Wochentage etwa 30 Personen, Greise, Jünglinge und Kinder, auch Frauen sahen
durch das Gitter der Galerie herab. Man sieht es den Leuten, förmlich an,
wie wohl sie sich in diesem Hause fühlen. Nach dem Schlusskaddisch schlägt
noch der eine oder der andere sein Tillinbuch auf. Die Arbeit des Tages ist
getan und keiner hat es eilig.
Draußen hält leider dieser herrliche Eindruck nicht ganz an. Die Jugend
geht nicht ganz mit. Die Quelle, von denen aus dieses schöne Leben
geleitet und beständig in Fluss gehalten werden muß, ist nicht genügend
gehegt und gehütet und die Sorge ist nicht unberechtigt, dass dieses
Reservoir aus alter guter Väterzeit, ohne neue Zufuhr einmal aufgebraucht
wird... Es ist leider das Schicksal aller Landgemeinden: Es wird nichts,
oder zu wenig gelernt. Es ist nicht immer allein Schuld der Lehrer. Aber es
wäre an der Zeit, dass alle Treubesorgten in Stadt und Land daran gehen,
diese schlimmste aller Sperren, die geistige Hungerblockade über unsere
Landgemeinden aufzuheben. Wie das geschehen soll? Auf solch gutem Boden, wie
ich ihn in dieser schönen bayerischen Kleingemeinde fand, wäre es ein
leichtes, durch Einführung von jüdischen Fortbildungskursen für Schulkinder,
wie für die erwachsene Jugend noch vieles zu retten. Mit den Lern-Schiurim
für die Alten allein ist es nicht getan. Die Herren Lehrer auf dem Lande tun
unter schwierigen Umständen ihre Pflicht. Aber auch hier kommen wir, wenn
wir nicht geistig verhungern wollen, mit der 'gesetzlichen Verteilung' nicht
aus, es muss auch 'hintenrum' was eingebracht werden. Darauf versteht man
sich sonst auf dem Lande sehr gut...!
In einer guten halben Stunde wandelt man die schmale, ruhige Sinn entlang
nach dem Bad Brückenau. Die Landschaft ist eine harmonische
Fortsetzung der Autostraße von Kissingen, nur dass uns hier kühle würzige
Rhönluft empfängt und die sengende Mittagssonne wohltuend dämpft. Durch ein
Gebüsch stapfen wir direkt in den Kurgarten von Bad Brückenau hinein. Die
Bauten, Anlagen und Wandelhallen sind, wenn man von Kissingen kommt,
primitiv, fast dürftig und sehen sehr verschlafen aus. Kissingen klagt über
eine schlechte Saison und seine Straßen und Kuranlagen wimmeln von Menschen
aller Erdteile und Breitegraden. Brückenau jammert über Überfüllung und
nirgends ist ein Lebewesen zu sehen. Freilich ist es um die Mittagszeit, da
alles kurgemäß um die Tafelfreuden versammelt ist, die zwei jüdischen
Hotels, die in ihrer Aufmachung — und in ihren Preisen — denen von Kissingen
kaum in etwas nachstehen, sind bis auf den letzten Platz besetzt.
Allmählich belebt sich das Bild im Kurgarten. Zunächst erwachen die dreizehn
Musikanten, die auf der Tribüne vor dem Brunnen Kurkapelle 'spielen' und
setzen Glockenschlag 4 1/2 Uhr mit dem Einzugsmarsch der 'Königin von
Saba' ein, vor einem Auditorium von einem Dutzend sich im Sandhaufen
herumbalgenden Jungen. Die jungen Kurherren lassen sich von Lortzing, Wagner
auch von Johann Strauß durchaus nicht stören und schlagen den Takt — auf
Wange und Rücken des Nebenmannes — auf ganz eigene Faust. Nach jedem Stück
klatschen sie aber dankbar mit Aufbietung aller Muskelkraft Beifall.
Jugendliches Publikum ist immer dankbar . . .
Gegen fünf Uhr haben auch die Kurgäste endlich ausgeschlafen und das 'rege
Badeleben' beginnt. Eilige Kellner rücken in den Wandelgängen Tische
zusammen und weißbeschürzte Mädchen tragen in blinkenden Kannen den aus
frisch geröstetem Malz und Korn gebrauten dampfenden 'echten Bohnenkaffee' (Mk.
2.— das kleine Tässchen) auf. Dazu gibt es Meyerbeer'sche Ouvertüren,
Adagios und Serenaden von Beethoven, Phantasien und Potpourris. Das
'Weltbad" ist erwacht... Vertraute Gesichter tauchen auf, das schöne
'Frankfurterisch', (eine allerliebste Mischung von Sachsenhausen und
Friedberger-Anlage) wird hörbar.
Von lieben Heimatklängen begleitet, eilen wir an die kleine Station, lasten
uns — aus sozialem Gleichheitsgefühl natürlich — im Vierterklasse-Wagen
zwischen ungeheueren Kartoffelsäcken, dicken Marktfrauen, Kisten und Kasten
und vielen, vielen rostigen Milchkannen verstauen, warten in Jossa —
Jossa liegt nicht in Korea zwischen der Mandschurei und Japan, sondern auf
einer preußisch-bayerischen Nebenbahnlinie — an anderthalben Stunden an
einem falschen Geleise, um im letzten Augenblicke noch mit knapper Not und
atemlos an das richtige zu gelangen, steigen in
Schlüchtern aus, um zu erfahren,
dass nach einem unerforschlichen Ratschluss der Bahnweisen der Anschlusszug
nach Frankfurt seit neuester Zeit nicht hier, sondern in
Salmünster auf uns wartet und
gelangen endlich in einer Zeitspanne, die der Orient-Expresszug bis zum
kritischen 1. August 1914 benötigte, um ganz Südosteuropa und Vorderasien zu
durchqueren, nach Frankfurt, das einem niemals lieber und schöner erscheint,
als wenn man von einer vierwöchigen 'Erholung' zurückkehrt...". |
Ergänzendes zu den "Kissinger Badebriefen" -
über das Kurhospiz und das rituelle Bad (1920)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. September
1920: "Zu den Kissinger Badebriefen.
Zu unseren Kissinger Badebriefen geht uns eine Reihe von Zuschriften,
besonders aus Badeplätzen zu, die in der Hauptsache Zustimmungen und
Ergänzungen auf Grund von Beobachtungen der Einsender enthalten. Über die
geplante Errichtung des Hospiz für arme Israeliten in Kissingen wird
uns geschrieben:
Ihre Angaben über das 'Kurhospiz für arme Israeliten' bedürfen der
Ergänzung. Dasselbe sieht seiner Eröffnung schon im kommenden Jahre
entgegen. Das Heim ist bereits da — ein Haus mit herrlichem Garten in einer
Gesamtfläche von 5.000 qm neben dem Kinderheime — wird aber zur Zeit noch
von anderen Mietern bewohnt. Die Vereinsverwaltung, der auch 20 auswärtige
Herren angehören, arbeitet mit Eifer daran, das Werk so bald wie möglich in
Betrieb zu setzen, was mit Hilfe der täglich wachsenden Gönnerzahl auch
gelingen dürfte. Außer kleinen und großen Spenden bis zu 3.000 und 10.000 Mk.
für Zimmer- und Bettstiftungen sind dieses Jahr auch mehrere Ehrenmitglieder
mit je 1.000 Mk. dem Verein gewonnen morden. Es bricht sich eben allgemach
die Erkenntnis Bahn, dass auch diejenigen Kranken, die nicht beutelfest
genug sind, täglich 80—100 Mk. auf dem Altar des Rakoczy niederzulegen, ein
Anrecht darauf haben, sich ihrer Familie zu erhalten.
Ein etwas unerfreuliches Kapitel Kissinger Gemeindepolitik entrollt uns
ferner ein langjähriger Kissinger Kurgast. Er schreibt:
Wenn Sie sagen, dass die Gemeindeinstitutionen hier in den besten Händen
sind, so darf nicht verschwiegen werden. — schon deshalb nicht, weil die
Fälle topisch sind auch für manch andere Gemeinde — dass der Herr Rabbiner
dabei keinen leichten Kampf zu bestehen hat, Kampf gegen Indolenz, gegen
bösen Willen und auch gegen bewusste Neologie. Das zeigte sich bei der
Mikwohangelegenheit, die eine Zeitlang den casus belli zwischen Rabbinat und
Gemeindeverwaltung bildete. Dass sich die Mikwoh hier in irgend etwas dem
Bilde des 'Luxusbades' einreiht, hat noch keiner behauptet, vielmehr
behaupten sogar weniger verwöhnte Kurgäste, dass sich diese in einem
Zustande befindet, der ihnen die Benutzung unmöglich mache. Für Renovierung
hat aber die Gemeinde kein Geld. 'Erstens', sagen die Herren Neologen in der
Gemeindestube frei nach dem Beklagten in der weltbekannten Geschichte vom
Topfe, 'erstens brauchen wir keine und zweitens ist sie uns gut genug...'.
Da aber der Herr Rabbiner keine Ruhe gab, fand man sich endlich zu einem
modus vivendi bereit nach dem Grundsatze vom sattgewordenen Wolf und dem
ganz gebliebenen Schäfchen... Das Schäfchen ist in diesem Falle der gute
Kissinger, das größere Exemplar dieses Genres aber der Kurgast, auf den
diese Last abgewälzt wird... Einer sogenannten 'Zorche Zibbur"-Kasse (Kassse
für öffentliche Bedürfnisse), für die 'geschnodert" wird — das pflegte
in der Regel fast nur der Kurgast zu tun — sollte es obliegen, die Gelder
für die nötigen Reparaturen aufzubringen. Das wäre noch immerhin eine
angängliche Lösung, in Anbetracht der Tatsache, dass die Mikwoh ja
schließlich mit eine öffentliche Angelegenheit des jüdischen Kurpublikums
ist. Erbaulich ist aber, was die Finanzgenies in der Kissinger Gemeindestube
sich nun als Kompensation für diese Konzession ausdachten. Man verdünnte
kurzerhand 'Zion' vom Almemor, ein höherer 'Ukas' verbot, für Erez
Jisroel oder ähnliche Zwecke zu spenden. Alle Spenden sind jetzt — mit
Ausnahme der für die noch wenig bekannte Zorche Zibbur-Kasse gestifteten —
für beit haknesset (Synagoge) bestimmt und fließen in die
Gemeindekasse zur Deckung der laufenden Ausgaben und Entlastung des zumeist
sehr wohlhabenden Kissinger Steuerzahlers..
Diese Lösung hat doch insofern ein Loch, als mancher Kurgast, der sich nicht
berufen fühlt, die Steuerfreudigkeit der guten Kissinger zu heben, bei
diesen Umständen sein 'Mischeberach' für sich behält. Das sollte er nicht
tun, sondern seinen Obolus der 'Zorche Zibbur"-Kasse zuführen, die am Ende
einer Angelegenheit dient, welche auch ihm und der gesamten gesetzestreuen
Kurgemeinde zu Gute kommt. Ein Kurgast. " |
Kissinger Badebrief
(von Benas Levy, Berlin; 1920)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 3. September 1920: "Kissinger Badebrief. Von Benas
Levy (Berlin).
In einer Berliner Tageszeitung erschien vor einigen Wochen ein Feuilleton,
in dem das Leben und Treiben in Bad Kissingen geschildert wurde. Der
Verfasser wies darauf hin, dass hier in diesem Jahre so hohe Preise
gefordert und genommen werden, dass Kissingen 'Neppingen' genannt zu werden
verdient. Dieser Beiname ist plötzlich in aller Leute Mund gekommen. Man
sprach in Berlin allgemein von 'Neppingen', und Einheimische wie Kurgäste
kennen und gebrauchen die wenig schmeichelhafte Bezeichnung des bisher so
beliebten Badeortes. Bald in vorwurfsvollem Tone, bald in scherzhafter
Bemerkung hört man gar oft 'Neppingen' erwähnen, und ein Witzbold fragte:
'Was geht noch über Neppingen?' — Obernepp (Oberhof),
das meist als Nachkurort von hier aus besucht wird und wo es noch teurer ist
als in Kissingen.
Der Stadtrat von Kissingen hat der Berliner Zeitung eine 'Berichtigung'
eingeschickt, die bis heute nicht erschienen |
ist.
Aber alle Berichtigungen können den hässlichen Beinamen nicht mehr ans der
Welt schaffen. Bad Kissingen wird den durch die allzu große Erhöhung aller
Preise entstandenen Schaden erst nach und nach wieder wettmachen können. Die
Wirkung ist schon jetzt deutlich zu spüren. Die Zahl der Besucher ist
wesentlich geringer als im August vorigen Jahres. Während im Mai und Juni
alle hiesigen Hotels und Sanatorien, die Pensionen und Logierhäuser
überfüllt waren, hängen jetzt fast an jedem Hause die Zettel: 'Zimmer frei.'
- Das ist ein großer Verlust für die Kissinger Wirte, die aus einen
zahlreichen Besuch im Juli und August gerechnet haben. Tatsächlich kann es
sich jeder hier nach seinen Verhältnissen einrichten. Die großen Hotels und
Sanatorien fordern 70 bis 100 Mark täglich für Zimmer und Verpflegung. Gute
Logierhäuser sind mit 40 bis 50 Mark zu finden. Bei den jetzigen teuren
Lebensmitteln muss man so viel in allen anderen deutschen Badeorten
bezahlen, und es ist sehr fraglich, ob die Verpflegung ebenso reichlich ist
wie hier. In Kissingen fehlt's weder an Brot noch an Fleisch, weder an Obst
noch an Kuchen. Auch Kartoffeln und Eier, selbst Butter ist genügend zu
haben. Zu den bisherigen renommierten rituellen Restaurationen, in denen
sich seit Jahren viele der jüdischen Kurgäste zusammengefunden haben, ist
eine neue koschere Speisewirtschaft nebst Logierhaus getreten, das sich in
der Nähe des Theaters befindet. Dort treffen sich an jedem Mittwochabend die
Zionisten, wie aus einer Ankündigung in der Kurliste hervorgeht. Bisher hat
die Loge Bne Brith alle hier weilenden Brüder und Schwestern an jedem Montag
zu gemütlichen Zusammenkünften eingeladen und hat gern die Einführung aller
Glaubensgenossen gestattet, ganz gleich, welcher Partei sie angehörten. Die
Zionisten laden nur ihre Parteigenossen ein und sondern sich hierdurch von
ihren anderen Glaubensgenossen ab. Die Logenabende erfreuten sich während
der Kursaison eines sehr zahlreichen Besuches. Die Brüder und Schwestern
wurden durch Vorträge und Deklamationen angenehm unterhalten, und zur Zeit,
als die Berliner Repräsentantenwahlen stattfanden, sollen auch hier scharfe
Wahlreden für und gegen die Liberalen gehalten worden sein. Bei dem großen
Kontingent, das die Berliner zu der Zahl der Kissinger Kurgäste stellen,
nimmt es nicht wunder, dass das Berliner Gemeindeleben seine Schatten in die
liebliche fränkische Idylle wirft. Aus allen Berufen sind Vertreter hier
gewesen. Das Berliner Rabbinat ist durch Herrn Rabbiner Dr. Weiße,
der Vorstand der Gemeinde durch Herrn Berthold Kirstein, die
Repräsentantenversammlung durch Herrn Siegfried Sachs, die
Handelskammer durch Herrn Dr. James Simon hier vertreten gewesen.
Auch der Vorsitzende des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der
Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Herr Justizrat Wilhelm Plonsker, weilt
hier, um sich von den Anstrengungen, die ihm die Berliner
Repräsentantenwahlen bereitet haben, zu erholen. Von sonstigen bekannten
jüdischen Persönlichkeiten seien noch erwähnt Professor Dr. Simonsen
(Kopenhagen), Rabbiner Dr. S. Poznanski (Warschau), der schon nach
einigen Tagen wegen der kritischen Lage, in die seine Gemeinde wegen der
Bedrohung der Russen geraten war, abreisen musste.
Auf der Promenade und auf den herrlichen und bequemen Spaziergängen
lustwandeln die Kurgäste — Herren und Damen in diesem Jahre 'bekalus' rosch
— fast sämtlich ohne Hut. Schon seit mehreren Jahren gingen die Damen hier
ohne Hut. Sie sorgten für eine gute Frisur, und ihre Erscheinung hatte eher
gewonnen, zumal die mitunter recht extravaganten Damenhüte verschwanden. In
dieser Saison gefällt sich die Herrenwelt darin, es den Damen gleichzutun,
und die Herren erscheinen überall ohne Kopfbedeckung. Ein junger Mann, der
einen üppigen Haarwuchs hat, kann sich das wohl erlauben. Aber alte Herren
mit halben und ganzen Glatzen, mit grauen oder auch melierten Haaren, die
dünn und lose verteilt sind, sollten jedoch solche Modetorheiten nicht
mitmachen.
In Kissingen wird aber nicht nur der Mode gehuldigt, es wird auch ernste
Arbeit geleistet. Die beiden hier befindlichen jüdischen
Wohltätigkeitsanstalten sind in anerkennenswerter Weise bemüht, die
armen kranken Kurgäste zu unterstützen und für sie zu sorgen. Das
Kurhospiz für arme Israeliten hat in der Salinenstraße ein Gebäude
erworben, das als Hospiz im nächsten Jahre eröffnet werden soll. 100.000
Mark stehen dem Verein zur Verfügung, zu denen einige bekannte Berliner
Wohltäter größere Beiträge gegeben haben. Nach vorgenommener Schätzung sind
40.000 Mark zur Einrichtung des Hauses und 120.000 Mark Betriebskapital
erforderlich. Es fehlen demnach noch 60.000 Mark, die der Verein bis zum
nächsten Jahre von Wohltätern zu erhalten hofft. Im Israelitischen
Kurhospiz sollen besonders jüdische Krieger, die durch die mehrjährigen
Strapazen ihre Gesundheit eingebüßt haben, aufgenommen werden.
Die Israelitische Kinderheilstätte hat in den 16 Jahren ihres
Bestehens 2.600 arme und kranke Kinder in ihrem schönen Hause verpflegt und
geheilt. Die Verwaltung will demnächst eine Genesungsstätte für
kurbedürftige erwachsene Mädchen, die im Berufe stehen, der Kinderheilstätte
angliedern. Sie rechnet auch hierbei auf die Beiträge von den Wohltätern,
die der Anstalt jederzeit reichlich und gern gespendet haben.
Wer öfters nach Kissingen kommt, wird eine große Anzahl von Kurgästen
treffen, die immer wieder hierher fahren, um ihre Gesundheit
wiederherzustellen. Wer einmal den Rakoczy-Brunnen getrunken und die
heilsamen kohlensauren Bäder genommen hat, sehnt sich danach zurück, sobald
der Sommer wieder ins Land zieht. Viele fanden hier Heilung und kehren immer
wieder dankbar zurück zu den Kissinger Quellen. Unser Glaubensgenosse Herr
S. Elsoffer, Mitglied des Landesfinanzamtes, der in weiten Kreisen der
Berliner Gemeinde durch seine Frömmigkeit bekannt ist, kam in diesem Jahre
zum 25. Mal nach Bad Kissingen. Der Bürgermeister überreichte ihm aus Anlass
dieses Jubiläums eine prächtig ausgestattete, mit dem Wappen Kissingens
versehene Urkunde. In derselben wird Herrn Elsoffer der Dank der
Stadtvertretung für den Beweis treuer Anhänglichkeit ausgesprochen. Herr
Elsoffer, der eine Stiftung für die hiesigen Armen ohne Unterschied der
Konfession machte, durfte seinen Namen in das Goldene Buch der Stadt
Kissingen eintragen. Dies beweist, dass die Stadtverwaltung frei ist von
jeder Voreingenommenheit gegen die Juden. Einzelne Kurgäste sind es nicht.
Sie malen Hakenkreuze auf und kleben Plakate antisemitischen Inhalts an die
Häuser. Das sind Zeichen unserer traurigen Zeit und Beweise, dass die
antisemitische Strömung im Süden genau so grassiert wie in Norddeutschland. |
Kissinger Badebrief (I und II, 1921)
Anmerkung: in den Badebriefen von 1921 geht es mehr um allgemeine
Schilderungen - von der angespannten politischen Situation bis zu präzisen
Beschreibungen der Kur in Bad Kissingen in dieser Zeit. Spezifisch Jüdisches
findet sich nur am Rande, stärker jedoch im Brief VI.
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 18. August 1921: "Kissinger Badebriefe. I
Kissingen, 12. Juli (1921) .
Wer 1921 von seinem Arzte im Wiederholungsfalle wieder zu vier Wochen
Kissingen verurteilt wird, konstatiert bei seiner Ankunft, dass sich das
Bild im Ganzen gegen das Vorjahr wenig verändert hat. Der gleiche
Gepäckträger, der — nicht da ist und auf all dein Rufen und Locken taub und
stumm bleibt wie der Baal auf Karmel, der gleiche Hotelportier, der —
draußen vor dem Wartesaal in majestätischer Ruhe, die Hände in den
Hosentaschen, deiner wartet, bis du dich mit deinem schweren Gepäck durch
alle Tunnels und Geleise durchgekeucht hast. Die Kurgäste haben sich um ein
Drittel vermehrt, die Hähne, Hühner und Gänse ums dreifache und die
Schnaken- und Trinkgelderplage ums hundertfache.
Im Kurprogramm hat sich im Wesentlichen auch nur wenig geändert. Es besteht
zum größten Teile in Anstehen und Warten.
Man steht an und wartet frühmorgens am Brunnen vor dem Gießmädchen
(es ist die im bunten Gewande mit stummer, weihevoller Miene hantierende
Priesterin im Tempel des heiligen Rakoczy), bis das höhere Wesen in
bayrischer Nationaltracht sich bequemt, mit einem seelenvollen Blicke aus
dem dunklen Auge, den ihr keine Sibylle nachmacht, einem das 'Opferglas' aus
der Hand zu nehmen, man wartet bis zum zweiten Glase; wartet
bis zum Frühstück und füllt diese Wartezeit aus, indem man an den Klängen
eines Johann Strauß'schen Walzers einen einstündigen Laufmarsch — daheim ist
man von Hauptwache bis Konstablerwache Trambahn gefahren — vollführt, als
gälte es, sich in kürzester Zeit zum Landbriefträger auszubilden; man steht
dann in langer Reihe an und wartet am Badeschalter, um nach langem Harren
eine Badekarte zu bekommen für eine Zeit, da die glücklichen Nichtbadenden
im Hotel einem den besten Bissen wegessen. Es wird dann weiter gewartet:
beim Bäcker, beim Café, im Wartezimmer des Arztes — denn drinnen sitzt eine
Dame, die ihre leibliche und seelische Jahresbilanz macht und an der
Schwelle noch ein Dutzend Leiden und Krankheiten aufzuzählen weiß. Es ist
inzwischen Mittagszeit geworden, und man hat jetzt die Wahl, entweder ins
Bad zu gehen und das Mittagsmahl auf die Kaffeezeit zu verlegen, oder das in
jedem Sinne teuere Bad verfallen zu lassen.
Der Nachmittag ist von gleich lieblichen Handlungen und Erduldungen
ausgefüllt. Es beginnt mit kochend heißen Moorkompressen, — draußen zeigt
der Thermometer 33 C. im Schatten — die die angenehme Illusion auslösen, als
sollte man langsam in Atome zerfließen. Man kann sich dann um viere in einem
Kaffee ersten Ranges, an einem Tee zweiten Aufgusses stärken und damit für
die um fünfe unter Wiener Walzer- und Potpourriklängen wieder beginnenden
Trinkkuren und Laufmärsche von neuem Kraft und Mut gewinnen.
Soweit würde ja alles so ziemlich beim guten Alten geblieben sein, wenn
nicht doch noch dieses Jahr ein ganz Neues hinzugekommen wäre, nämlich
die Razzias.
Jawohl Razzias! lieber Leser, du hast dich nicht verhört... Und Kissingen
liegt immer noch im bayrischen Unterfranken, im Herzen Süddeutschlands...
Wollte man früher dieses schöne Wort kennen lernen, so musste man nach
Petersburg oder Moskau wandern, wo Juden das Betreten der heiligen
zaristischen Erde verboten war. In den letzten Jahren konnte man eine
liebliche Razzia auch in Berlin, Grenadierstraße, zuweilen auch in
Frankfurt, Allerheiligenstraße mit all ihren romantischen Schönheiten
genießen. Aber auf so eine echte, rechte Razzia a la russia verstehen sich
doch nur die Bayern. Anderswo ist das nur Machwerk, Imitation.
Male dir, lieber Leser, dem die hohe Gnade geworden, den Juli auf dem heißen
heimatlichen Pflaster zu verbleiben, male dir, wenn du genügend Phantasie
hast, folgende Situation aus: Du liegst in deinem Hotelbett und träumst im
Halbschlummer von Weib und Kind. Der stimmbegabte Gockel im Hofe, der aus
allen Hühnerställen Kissingens Antwort und Beifall erhält, hat gerade
angeschlagen und müht sich mit gutem Erfolge, in regelmäßigen Intervallen
dein Interesse für den von ihm geahnten Morgen wachzuerhalten ... Da klopft
es an deine Türe. Hast du geträumt? Nein, es klopft wieder, lauter,
stürmischer. Was los? Wer da? Hat sich der Portier, der Jemand vor Tag
wecken soll, in der Zimmertüre geirrt? Er möge zusammen mit dem übernervösen
Gockel zum T..., der stupide Mensch... Man sagt es ihm ganz eindeutig zur
geschlossenen Türe hinaus. Aber als Antwort kommt es ganz höflich zurück:
'Bitte öffnen! Passkontrolle!...'
Wa-a-a-s? Pass? Kontrolle? Ist man nicht in Deutschland und kam man nicht
von Deutschland? Man erinnert sich, bei Ankunft, im Hotelbüro seine
Personalien 'zwecks Anmeldung' haarklein angegeben zu haben, und des
allerliebsten Lächelns, mit dem das Bürofräulein uns versicherte: 'Alles
andere machen wir schon!'
'Bitte öffnen! Paßkontrolle!" die Stimme draußen unerbittlich.
Draußen im Hofe kikerikit wütend der Hahn, gackern und quacken die Hühner,
schnattern die Gänse, ein grauer Silberstrahl des werdenden Morgens geistert
durch die schmalen Spalten des Fensterladens. Irgendwo schlägt heulend ein
Hund an. Und der Mann an der Türe: 'Bitte öffnen, Pass vorzeigen!'
Du suchst ganz verschlafen und zerschlagen. Was suchst du eigentlich?
Zunächst die Unentbehrlichsten... Man kann sich - oh wenn du gar eine Dame
bist - doch nicht so dem scharfen Auge des Gesetzes aussetzen... Wo mag nur
der Rock sein? In der Tasche drinnen könnte er wohl sein, der Pass. Hier ist
der letzte Brief mit den hundert Küssen von den Lieben zu Hause, die
nachgesandte rote Steuermahnung, die letzte Hotelrechnung, den Brief deines
Hauswirtes daheim, in dem er liebenswürdig von Steigerung und Mietsamt
spricht . . . kurzum alles ist da, nur der Pass nicht...
Hast du überhaupt einen?'
Heil dir, wenn du ihn am Ende doch hast und mit Bild und Visum beim
Morgengrauen bezeugen kannst, dass du wirklich du bist und als Sohn eines
deutschen Steuerzahlers auf deutscher Erde zur Welt gekommen bist.
Mit einem höflichen 'Guten Morgen' zieht die 'Kriminal' ab, und wenn Gockel
und Nerven dir noch eine Stunde Schlaf gestatten, erwachst du bei den ersten
Tönen des Brunnenchorals mit dem dumpfen Gefühle, von einer Reise nach
Sibirien geträumt zu haben...
Wehe aber, wenn du in der Meinung, dass sich ein Deutscher Innerhalb des
deutschen Reiches frei bewegen könne, es verabsäumt hast, dir den nötigen
Ausweis zu besorgen, oder wenn dein Pass zwar vollkommen in Ordnung ist,
aber von einem fremden Konsulate ausgestellt ist, dieweil du in irgendeinem
anderen Lande vor so und so viel Jahrzehnten das Licht des nichtdeutschen
Himmels erblickt hast ... Du warst zwar der Ansicht, dass du, nachdem du
Jahrzehntelang un- |
behelligt
in Deutschland lebst und Steuer zahlst, dir dieser Pass freie Passage durch
die deutschen Lande sichert. Da sollst du aber beim ersten Morgengrauen
eines Besseren belehrt werden. Du musst für Bayern eine Einreiseerlaubnis
haben. Und hast du sie nicht, (keiner hatte sie, weil keiner bisher von
dieser bayrischen Staatsweisheit letztem Schluss einen blauen Dunst hatte)
so behält der Beamte deinen Pass zurück und bittet dich höflich, im Laufe
des Vormittags auf dem Rathause am Marktplatze vorzusprechen.
II. Kissingen, 14. Juli.
Einer der schönsten Plätze dieser lieblichsten aller Städte Unterfrankens,
ist wohl der Marktplatz. Wenn sich der Tag gesenkt und im matten
Abendscheine die efeuumrankten Giebelhäuschen im zitternden Zwielichte
aufblitzen, so glaubt man die natürliche Szenerie der 'Meistersinger' in
Alt-Nürnberg vor sich zu haben. Es ist etwas unsagbar romantisch Schönes um
diese alten, sagenumwobenen Bauten auf dem Markte, wo jedes dritte Haus zum
'fränkischen Wein' und 'Münchener Vollbier' einlädt und unten im fast
kellertiefen Parterreraum die Einheimischen abends bei Pfeife und Schoppen
Politik machen. Am Tage mutet schon der Platz etwas prosaischer an, sogar
sehr prosaisch. Tisch an Tisch und Wagen an Wagen reihen sich, auf denen die
Landbevölkerung ihre Produkte den Badegästen feilbietet. Ganze Ballen von
Butter, voll gehäufte Eierkörbe, Kohl und Rüben in allen Arten und Farben,
das letzte Frühobst und das erstgereifte Spätobst lachen einen lieblich an —
so lange man nicht nach dem Preise gefragt hat.
Hier pflegten die Kurgäste frühmorgens ihre Einkäufe zu machen und sich für
den Tag zu verproviantieren. Man könnte am Tage dieses liebliche Viereck in
Anlehnung an den Titel eines bekannten Zola-Romanes den 'Bauch von
Kissingen' nennen. Und das will schon was heißen bei einer Fremdenfrequenz
von über 30.000.
Östlich wird der Marktplatz von dem malerischen Turmbau des Rathauses
abgeschlossen, der in fast maurischer Breite und Behäbigkeit mit seinen
grauen Mauern und den weiß-braun gestreiften Fensterläden wie ein guter,
gemütlicher Hausvater im Schlafrock und Zipfelhaube den Trubel überwacht . .
. Die alten Giebelhäuschen sind Zeugen alter Tage; sie mögen noch manche
Hexenverbrennung gesehen haben, und in den Tiefen dieses Rathauses mag in
alter Zeit die Foltermaschine noch eifrig gearbeitet haben zum höheren Ruhme
von Thron und Altar. Heute sieht der Platz hell und heiter auf hoffensfrohe
Menschen, die in allen Sprachen und Dialekten der Welt mit unterfränkischen
Dorffrauen um ein Dutzend Eier feilschen ...
Über diesen Platz, an den Tischen und Wagen, an den Haufen von Kraut und
Rüben vorbei, drückt sich der Inkriminierte vorbei, um ins Rathaus zum
Verhör zu gelangen. So schlimm wie damals, zur Zeit des Fehmgerichts, der
Folter, und der Hexenverbrennung ist es ja nicht mehr in diesem alten
halbdunklen Bau. Ganz unten ist die städtische Polizei-Wache untergebracht,
deren Aufgabe es ist, nach Dieben, Raufbolden, nächtlichen Ruhestörern,
Bettlern usw. zu fahnden. Im Hochparterre arbeiten ehrbare Schreiber in
festgesetzten Bürostunden fleißig, den städtischen Verwaltungsapparat in
Bewegung zu halten. Aber oben, im ersten und obersten Stock, hat sich die
Kriminalpolizei des Herrn Kahr niedergelassen, hier waltet die
'Ordnungszelle" des Deutschen Reiches...
Auch hier wird man, nachdem man lange genug gewartet hat, das muss betont
werden, sehr höflich empfangen, sogar zum Sitzen eingeladen. Dann beginnt
ein Verhör, das hochnotpeinlicher nicht gedacht werden kann. Nicht allein,
wann, wo, wie du geboren bist, wo und wie du dein Leben bis zu deinem
Fehltritt auf bayrischen Boden verbracht hast, musst du wissen, du musst
auch über die intimsten Lebensbeziehungen deiner Eltern und Großeltern
Auskunft geben, bis der große Protokollbogen auf beiden Seiten ganz
ausgefüllt ist... Deine euphemistische Erklärung, du seist kein
Revolutionär, kein Bolschewistenkommissar, kein Lebensmittelschieber, du
trübtest kein Wässerlein, es sei denn das im Solbad Zelle Nr. 14, das gerade
fällig sei und seiest hergekommen einzig und ausschließlich, um mittels des
Wundertrankes des Rakoczy dein gesundheitliches Soll und Haben ein wenig zu
regulieren, all dieses wird mit absoluter Ruhe und sogar mit gläubiger Miene
entgegengenommen. Der Hüter der Ordnungszelle hat Zeit.
Draußen verfällt dir das Bad, das 12 Mk. gekostet hat, geht deine
Gesellschaft in den schönen Wald - ohne dich, wartet der Arzt deiner in der
von ihm festgesetzten Stunde, sucht dich der Briefträger, der deine
Unterschrift für einen Wertbrief haben will, schimpft der Portier, der das
Moorsäcklein gerichtet hat, wird im Speisesaale deine Suppe kalt — und du
sitzst da und gibst Auskunft, wann und wo der Großvater die Großmutter
geheiratet hat...
Auch die Protokollaufnahme erreicht schließlich, wie alles Zeitliche, ihr
Ende und du wirst von einem Kriminalbeamten - nicht gefesselt -
hinuntergeführt zum weniger höflichen, aber auch weniger gefährlichen
Schreiber, dem Beamten der Stadtbehörde. Auch er hat eine Menge zu fragen
und richtig zu stellen -weil er das Protokoll seines Münchener Kollegen
nicht lesen kann. Dann endlich — die Prozedur hat drei Stunden gedauert —
reicht er dir einen Zettel hin, wofür er Mk. 20.20 verlangt. Der Zettel
stellt die nachträglich erteilte Einreise- und Aufenthaltsbewilligung dar
und das Geld die dafür nach Recht und Gesetz zu entrichtenden Gebühren. Und
mit diesem feierlichen Notenwechsel bist du entlassen.
Wer aber glaubt, dass damit die Sache ihr Ende erreicht hat, wird bald eines
Besseren belehrt. Nach zwei Tagen überbringt dir dein Freund - wer hätte
nicht in der Sommerfrische schon am ersten Tage mit dem Briefträger enge
Freundschaft geschlossen? — unter andern guten Dingen ein fein säuberlich
zusammengefaltetes Amtsschreiben, in dem du lesen kannst: 'Sie haben gegen
folgende §§ der Verordnungen Nr... verstoßen und werden für Punkt 1 in eine
Strafe von ... für Punkt 2 . . ." und so weiter bis zum letzten Punkte, bei
dem dein Kapitalverbrechen schon auf eine mehrstellige Ziffer angewachsen
ist...
Das ist die mildeste Form. In den meisten Fällen lautet aber der Vordruck:
'Wegen Vergehens gegen... haben Sie binnen 24 Stunden das bayrische
Staatsgebiet zu verlassen, widrigenfalls usw."
In vielen Fällen kommt mit der ersten Post der Strafbefehl, mit der zweiten
die Ausweisung.
Ein Herr, der in Frankfurt seit Jahrzehnten wohnt und dort eine hoch
geachtete Stellung einnimmt, der aber noch im Besitze seines ungarischen
Passes ist, obwohl einer seiner Söhne unter deutschen Fahnen gekämpft hat
und gefallen ist, wurde mit seiner Frau von der eintägig befristeten
Ausweisung am Sabbateingang ereilt. Er wagte es, noch 12 Stunden länger den
bayrischen Boden mit seiner illegalen Anwesenheit zu entweihen und zu
gefährden...
Nach Hunderten zählten die Ausgewiesenen, die ich in wenigen Tagen durch die
Kontrolle am Bahnhofe passieren sah, und sie hatten — mit verschwindend
wenigen Ausnahmen — alle jüdische Gesichter.
Einer sagte sarkastisch: 'Bayrisches System!' Und er sprach es so aus, dass
die Silbengruppierung entstand: 'Bayer-Risches-System!.." (sc.
Risches = Gotteslästerung)
Wollten sie aus Kissingen ein unterfränkisches Borkum machen?
Stadtverwaltung und Badebehörden gewiss nicht. Ein Vertreter der letzteren
sagte mir, sie hätten 100.000 Mark für Propaganda ausgegeben, um die Fremden
aus allen Weltteilen nach Kissingen zu locken.
Und die Münchener Regierung lässt sich's fast ebensoviel kosten, für die
Unterhaltung einer auf Menschenjagd abgerichteten Fremdenpolizei zu sorgen,
die Tag und Nacht Propaganda macht — für nichtbayrische Bäder."
(Fortsetzung folgt.)" |
Kissinger Badebrief (III und IV, 1921)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. August
1921: "Kissinger Badebriefe. Kissingen, 29. Juli.
'Wer von der Quelle der Witoscha getrunken, kommt wieder!' sagt der Bulgare
von seiner schönen Hauptstadt Sofia. Ein Gleiches gilt auch von den Quellen
des Rakoczy und der Prandur in Kissingen. Wer einmal hier war, den zieht es
doch, wenn die Tage der heißen Sonne gekommen und sich an allen Ecken des
Organismus die Legitimationen für ein paar Wochen Erholung einstellen,
wieder und immer wieder mit magnetischer Kraft nach den lieblichen Auen und
herrlichen Brunnen an der unterfränkischen Saale hin.
Da man zum Glücke nicht jeden Tag baden darf, nicht jeden Tag im Wartezimmer
des Arztes sitzen muss und auch nicht jeden Tag von der Kriminalpolizei
verhört wird, so gibt es doch Stunden, die ganz der ersten und obersten
Pflicht dieser Tage gehören, dem süßen Nichtstun und Wohlleben. Ruhe,
Sorglosigkeit und leichter Sinn sind ärztlich befohlen. Aller Gram, Kampf
und Streben liegt weit hinten. Dazu sonniger Himmel und herrliche
Verpflegung in einem wahrhaft gastlichen Hause, in dem bei aller modernen,
sachgemäßen Aufmachung die Bewirtung noch etwas anderes als nur 'Betrieb'
ist...
Unwillkürlich muss ich an den bekannten Bahnhofswirt in Göschenen
denken, an Ernst Zahn. Für Feinschmecker, 'die nicht allein vom Brote
leben', hat dieser Hochsteiger-Wirt eine Aufwartung erlesener Art in petto.
Er führt sie im Abenddämmer da hinaus, wo die letzten roten Sonnenstrahlen
zum Abschiede den Gletscher küssen und zeigt ihnen den Hintergrund seiner
Bilder, den harten Granit, aus dem manch wuchtiges Kapitel seiner Romane
gehauen ist, zeigt ihnen auch die stillen, gesunden, knorrigen
Alpenmenschen, die ihm für seine Helden Modell gestanden ... Unser Wirt
führt den 'Feinschmecker' in die halbdunklen Gemächer hinunter, zu seiner
reichen Büchersammlung, wo ihn kostbare Heldenwerke des jüdischen Geistes
gefangen nehmen, und zeigt ihm mit besonderem Stolze die ältesten und
wertvollsten Hoggodaus-Ausgaben der Welt ...
Aber man ist ja nicht zum Studieren hier.
Wer gut zu Fuß ist, nimmt den Weg links vom Hotel, an den vielen
Kunstauslagen — gute und kitschige Landschaftsbilder, Porträts, kostbares
Porzellan — vorbei, zwischen schattigen Bäumen nördlich der Saale entlang,
bis zur Saline, wo ein monumentaler Bismarck in Erz und Bronze auf das
gewaltige Räder- und Walzengetriebe des großen Solwasserwerkes hinschaut,
als stände er gerade an der Schmiede der deutschen Reichseinheit . . . Hier
kann man der guten Mutter Saline, die unermüdlich und unverdrossen tagein
tagaus ihre heilbringende Nahrung den Töchtern, den Bädern in der Stadt,
zuführt, in der sprühenden und perlenden nass-salzigen Luft der Holzgänge
oder in schattiger Laube bet einer guten Tafle Kaffee seine Huldigung
darbringen.
Wer noch bester zu Fuß ist und nicht nur am Geldbeutel abnehmen will,
gelangt über die Brücke in den etwas schüttern, aber von würziger Rhönluft
durchtränkten Wald und steigt sanft hinauf bis Kloster-Wald oder Hausen, wo
man bequem täglich einen Teil der Körper- und Börsenschwere — es sind dort
gute Restaurants — lassen kann.
Wem aber Ruhe erste ärztlich gebotene Bürgerpflicht ist, nimmt vom Hotel aus
immer und immer wieder — auch nicht zur Trinkzeit — den Weg rechts nach dem
Herzpunkte des Badelebens, dem Kurgarten.
Wohl in keiner Badestadt der Welt dürfte der Kurgarten so zentral, so
harmonisch und konzentriert in seiner strahlenden Schönheit sich strecken
wie in Kissingen. Morgens, nachmittags und abends flutet es in den
schattigen Alleen auf und nieder, von den Klängen der Musik begleitet. Durch
das offen stehende Portal gelangt man bei kühlem oder regnerischem Wetter in
die Wandelhalle, die so groß ist wie ein Dom und seitlich der Quellenhalle
mit ihrer messing-blinkenden Zirkulationsleitung in herrlichem Blumen- und
Palmenschmucke prangend, in vornehmer Ruhe das ganze bewegte, farbenfrohe
Getriebe in sich aufnimmt, als wollte sie mit Sonne, Allee und klarem Himmel
draußen wetteifern.
Im Süden sind die Tore geöffnet nach den lang gestreckten, frischgrünen
Wiesen, die sich, von der plätschernden Saale malerisch durchzogen, bis zum
Luitpoldparke hindehnen, wo in schattigen Baumgruppen und umgeben von
üppigen Blumenanlagen, geschätzte Ruheplätze des Ermüdeten harren.
Ohne vom Regen berührt zu werden, zwischen Säulen und unter Schutzdach
wandelnd, gelangt man in die Gesellschaftsräume des Kurhauses. In einem
Festsaale sind auf Parkett und Gallerte über 1000 Sitzplätze verteilt. So
viele sind es wohl, die alljährlich Herkommen, um Feste zu feiern . . .
Weiter nördlich wird auf glattem Boden getanzt. Gott fei Dank, nicht jetzt,
sondern erst abends, wenn ich in meiner stillen Bude diesen Bericht
schreibe. Erfrischungs- und Speise räume schließen sich an, alles — auch die
Preise — erstklassig und eines Weltbades würdig . . . Auch für geistige
Erfrischung ist gut gesorgt. Zwei Lesesäle bieten fast jedem die ihm
liebgewordene Heimatlektüre. Die geistige Massenspeisung in dielen Sälen
interessierte mich ganz besonders. Die 'Deutsche Tageszeitung" liegt auf,
richtiger liegt nicht auf, weil sie stets vergriffen ist . . . 'Reichsboten"
und 'Auf Vorposten" kann man auch haben, sofern sie nicht schon ein —
jüdischer — Leser in Beschlag genommen hat . . . Der Parität wegen hängen
auch ein paar große liberale Blätter an der Wand. Man liest sie nicht — man
ist ja selber auf sie abonniert.
Und am Eingänge der Gesellschaftsgebäude ist in großen Lettern zu lesen:
'Nur Leuten in anständiger Gesellschaftskleidung ist der Eintritt
gestattet."
Ich freute mich ungemein über diese gerechte Forderung. 'Anständige
Gesellschaftskleidung!" Nie war die Mahnung zeitgemäßer als heule. Da kommt
ja schon so eine Dame auf Stöckelschuhchen dahergetrippelt, deren Kleidung
in der Hauptsache in dem besteht, was sie nicht an hat... Ich freue mich
aufrichtig auf die praktische Anwendung der weisen Aufschrift. Aber siehe
da: sie darf, vom Kurdiener unbehelligt, frei passieren.
Ein Mann, schwarzbärtig und klaräugig, zugeknöpft bis zum Kinn und
schwarzbedeckt bis zu den Fußspitzen, im übrigen sauber und vornehm, will
ins Schreibzimmer. Der Diener versperrt ihm den Weg. Ob er nicht die
Aufschrift gelesen hätte? Anständige Kleidung wird verlangt !...
Da verstand ich erst den Sinn der Verordnung. Die Polen sind doch in ihrer
Ausdrucksweise weit präziser und ehrlicher. Sie schrieben ans Portal des
'Sächsischen Gartens' in Warschau einfach und klar deutlich: 'Juden in
Kaftan ist der Eintritt verboten!'...
Inzwischen hat sich draußen der Himmel wieder aufgeheitert und die Kapelle,
die auf drehbarer Bühne bereits dreimal abwechselnd nach der Halle und nach
dem Garten Front genommen hat, spielt wieder ins Freie, nachdem sie vorher
die Marseillaise von sich gegeben — in verschlungenen Varianten das
'Deutschlandlied". Sie hat ihr Tagesprogramm heute mit 'I/ ist meine
Zuversicht" begonnen und als Schlußattraktion steht heute mittag noch auf
dem Programm: 'Kol nidre" von Kaiser . . .
Die Kunst — und die Tonkunst erst — ist doch immer noch neutral. Die Kapelle
sitzt auch auf einer Schiebebühne und dreht sich nach dem Wetter ...
IV. Kissingen. 1. August.
Man kann auf vierfache Art die Tage der Muße in der Sommerfrische ausfüllen.
Ich heiße diese vier Arten: 1. die banale, 2. die isolierte, 3. die
naturfrohe, 4. die beobachtende.
Die banale — und entschieden gesündeste — Art ist, wenn man ein paar
Wochen lang gänzlich vergisst, dass es Not und Steuern gibt, dass in Paris
Männer über die Weltteilung befinden, dass sich in Oberschlesien die
Menschen zerfleischen, dass irgendwo im Osten fünfzig Millionen Menschen
verhungern, dass anderswo . hunderttausend jüdische Kinder nach Vater und
Mutter schreien, dass daheim... Nein daran denke man schon gar nicht.... Man
spreche nicht von Aguda und nicht von Zionismus, nicht von Misrachi und
nicht von Palästina. Sondern man mische sich unter die alten und neuen
Kurfreunde beiderlei Geschlechts und allen Alters, man unterhalte sich acht
Stunden im Tage über das Essen, und in den restlichen vier Stunden über
jeden, der gerade nicht dabei ist . . . und lasse sich von jedem und jeder
haarklein über ihre Leiden, die ärztlichen Befunde und die Wirkungen des
Rokoczy berichten. Das tut gut und verschafft Freunde... Im Mittelpunkt des
Interesses steht die Speisekarte und aller Sorgen höchste ist: wo
trinkt man am besten seinen Nachmittagskaffe...
Will man aber isoliert leben, so geht man in den Kurgarten, lässt sich auf
einer der blendend weißen Bänke nieder, deren einzelnen dunklen Punkt 'Nur
für Kurgäste' ausmacht, und lässt das ganze bunte Badeleben, mit all seiner
Behendigkeit und Lässigkeit, mit all seiner 1 Wohlbeletbtheit und
Halbnacktheit, mit all seinem I eitlen Glanz, seinem Brillantengeschtmmer
uriö| Pelzengefltmmer, mit all seinem Geplapper und I Geplauder an sich
vorüberziehen. Man schnappt I halbe Worte auf, auf die keiner hört,
abgerissene I Witze, über die keiner lacht, abgehackte Fragen I über den
Stand des Dollar, verwaiste Klänge I aus 'Meistersinger" — und fühlt sich
bei all | diesem bunten Gewoge und Getriebe so mutterseelenallein und
weltverlassen wie Robinson I Crusee auf seiner Insel ... I
Wer aber Gesellschaft sucht, geht in den ! Wald hinaus — wo er keinen
Menschen an-1 trifft,- es sei denn solche, die hier nicht zählen:! Bauern
mit Körben, grünberockte Forstbeamte I und jugendliche Touristen mit nackren
braun- I gebrannten Beinen und riesigen Rucksäcken, in I denen sie ihr
ganzes Kurhotel verstaut haben.» Dafür gibt es aber hier muntere
Gesellschaft, I bester Art. Unten rauscht und raunt die Saalei und schäumt
vor Wut, da von Zeit zu Zeit ein I Schifflein mit Gepfiffe und Gefauche eine
I Kollektion Kisstnger Wohlbeletbtheit und Halbnackt- ! heit über ihren
glatten Spiegel der Saline zu hin- I schaukelt . . . Auf den Eichen und
Buchen, durch ! die sich mit scharfem Duft einzelne dunkle Tannen I
durchsetzen, fingen, pfeifen und zwitschern gefiederte I Chöre ganze
Symphonien, ohne Programm und I Hofrat als Kapellmeister . . . Buntfarbige
Schmetterlinge in großer luftiger Sommertoilette und Hermelinärmeln hüpfen
und tanzen im Kreise... |
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Kissinger Badebrief - im VI. Brief über "Rabbiner und Oberkantoren"
bei der Kur (V und VI, 1921)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom |
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Kissinger
Badebrief (VII und VIII, 1921)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 8. September 1921 |
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Kissinger
Badebrief (IX, 1921)
Anmerkung: geschildert wird die Rückfahrt von Bad Kissingen nach Frankfurt
über Bad Orb, Gelnhausen, Hanau und Offenbach
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. September
1921: |
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"Kissinger Allerlei" - der Antisemitismus in der Stadt wird zum
Hauptthema (I, 1924)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Juli
1924: |
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"Kissinger Allerlei"
- mit Schilderung der 50-Jahr-Feier des Kriegervereins und Gottesdienst in
der Synagoge (II, 1924)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 7. August 1924: |
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"Kissinger Allerlei"
- das Hakenkreuz kommt auf (III, 1924)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 14. August 1924: |
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Kissingen
ist nicht "judenfeindlich" (1924)
Artikel in der "CV-Zeitung" ( Zeitschrift des
"Central-Vereins") vom 24. Juli 1924: "Mehrere Anfragen
betr. Kissingen. Die Behauptung, Bad Kissingen sei judenfeindlich, ist
gänzlich unrichtig..." |
"Frieden in Bad Kissingen"
- die Zeiten haben sich wieder beruhigt (1927)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. August
1927: |
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Bericht aus Bad Kissingen
- "Momentbilder" (1927)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 8. September 1927: |
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Bericht
aus Bad Kissingen "Momentbilder" (1929)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 15. August 1929: |
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Die Zahl der jüdischen Kurgäste in Bad Kissingen geht
zurück (1931)
Artikel in der "Bayerischen israelitischen Gemeindezeitung"
vom 15. Juni 1931: |
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Artikel in der "Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen und
Waldeck" vom 12. Juni 1931: |
Ferienbericht aus Bad Kissingen (1932)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Mai
1932: |
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Zurückgehende Zahlen bei den jüdischen Kurgästen und die
Auswirkungen (1933 / 1934)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Juni
1933: |
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Artikel in der "Bayerischen israelitischen Gemeindezeitung"
vom 1. Juli 1933: |
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Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Mai 1934:
"Bad Kissingen, 30. April (1934). Man schreibt uns: Zu
denjenigen Kreisen, die durch die Zeitverhältnisse am empfindlichsten in
Mitleidenschaft gezogen sind, gehören vor allem die zahlreichen an den
deutschen Badplätzen tätigen jüdischen Familien, die Badeärzte, die
Hotels, Restaurants, jüdische Kurhäuser und Kaufleute. Und da vermag nur
die Solidarität der Juden diese an den Badeplätzen ansässigen Kreise
vor der völligen Vernichtung zu retten. Es ist daher ein Gebot der
Stunde, dass die kurbedürftige Juden, auch des Auslandes, in erster Linie
die vortrefflichen deutschen Badeplätze aufsuchen und dass andererseits
die Ärzte in der Stadt ihre Patienten, soweit es eben in ihrer Macht
liegt, in deutsche Kurorte verweisen. Es ist, um einen Einwand zu beheben,
vollste Garantie geboten, dass wie in Bad Kissingen, so auch anderwärts
alle Kurgäste, auch die aus dem Ausland, völlig ungestört und in Ruhe
ihrer Kur obliegen könnten. Eine wirkliche Sympathie für die deutschen
Juden kann doch nur darin bestehen, dass die Juden aus dem Inland und
Ausland die deutschen Kurorte aufsuchen und ihre daselbst ansässigen
Glaubensbrüder in ihrer bedrohten Existenz unterstützen!" |
Allgemeiner
Bericht über Bad Kissingen als Kurort (1934)
Artikel
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15.
April 1934 (in einer Reihe von Berichten über die bayerischen
Kurorte): |
Die
Kureinrichtungen stehen für jüdische Kurgäste noch uneingeschränkt zur
Verfügung (1934)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
2. August 1934: |
Die Zahl der jüdischen Einwohner ist stark
zurückgegangen (1937)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 18. Februar 1937: |
NS-Badevorschriften für jüdische Kurgäste
(1938)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
19. Mai 1938: |
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Artikel in "Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der
Rheinpfalz" vom 1. Juni 1938: |
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