recherchiert von Rolf
Hofmann
Bereits im Jahr 1695 hatte die 1671 gegründete
jüdische Gemeinde von Harburg von Fürst Albrecht Ernst (evangelische Linie
Oettingen-Oettingen) die Erlaubnis zum Bau eines eigenen Synagogengebäudes
erhalten. Bedingung war allerdings, dass hier keine baulichen Besonderheiten
geschaffen werden sollten, um nicht mit der evangelischen St Barbara Kirche in
Konkurrenz zu stehen. Die noch kleine jüdische Gemeinde entschied sich jedoch
zunächst einmal wohl aus Kostengründen für die Beibehaltung des bisherigen
Betsaals im Haus des Moyses Weil. Jener hatte bereits bei seiner Ansiedlung im
Jahr 1671 dieses heute noch erhaltene stattliche Haus am Marktplatz erworben.
Als das Haus dann 1719 an einen Christen verkauft wurde, stellte sich die
Notwendigkeit eines Synagogenbaus in aller Dringlichkeit. Fürst Albrecht Ernst
befahl nun definitiv den Bau derselben, worauf die jüdische Gemeinde vom
kaiserlichen Proviantfactor Simon Oppenheimer einen noch unbebauten Platz in
der Egelseegasse erwarb und darauf ein Synagogengebäude errichtete, in dem auch
die Wohnung des Vorsängers untergebracht war.
Die Lage an der in unmittelbarer Nachbarschaft
vorbeifliessenden Wörnitz war zwar idyllisch, andererseits wegen der häufigen
Hochwassergefahr auch mit gravierenden Nachteilen verbunden. Mehrere
Überschwemmungen führten in wenigen Jahrzehnten bereits dazu, dass die aus
schlechtem Holz gebaute Synagoge einzustürzen drohte. So kam es 1754 zum Abriss
und nachfolgendem Neubau der heute noch existierenden zweiten Harburger
Synagoge. Aus Schaden klug geworden, errichtete man den tonnengewölbten Betsaal
hochwasserfrei im Obergeschoss. Im Erdgeschoss wohnte der Ortsrabbiner bzw
Vorsänger, ausserdem hatte die Verwaltung der jüdischen Gemeinde dort ihren
Geschäftsraum. Die neue Synagoge war für damalige Zeit ein gewaltiges Bauwerk
mit ihren ans Mittelalter erinnernden Spitzbogenfenstern, ihren fast einen
Meter dicken Mauern und ihrer imposanten Lage am Fluss. Sie war nach Kirche und
Pfarrhaus das grösste Gebäude am Ort und damit ein gewichtiges Element im
malerischen Stadtpanorama mit der alles dominierenden herrschaftlichen
Burganlage im Hintergrund.
MITTELALTERLICHER BAUSTIL
In der Männersynagoge stand der Almemor frei im Raum
und entsprach damit uralter Tradition. Die Frauensynagoge war hinter
halbtransparentem Holzwerk auf der Empore. Beleuchtet wurde mit
kerzenbestückten Kronleuchtern und Kandelabern an den Wänden. Frauen und Männer
hatten separate Eingänge, was sich auch in der Fassade abzeichnete, die
übrigens zum Ort hin relativ bescheiden strukturiert war, wenn man einmal vom
hohen Fenster im Westen absieht. Die Spitzbogenfenster und den Aron Hakodesh
konnte man mit aller Deutlichkeit lediglich vom anderen Ufer der Wörnitz aus
erkennen. Vermutlich wollte man so eine allzu augenfällige Konkurrenz zur
christlichen Kirche optisch vermeiden. Es ist anzunehmen, dass ein gewaltiges
Bauwerk dieses Umfangs unter massgebendem Einfluss der Herrschaft errichtet
worden sein muss, unter Umständen auch mit Baumeistern, die von weit her kamen,
denn dieser Baustil war in jener Gegend damals nicht mehr üblich. Übrigens hat
auch der Historiker Krautheimer um 1920 noch vermutet, es könne sich bei der
Harburger Synagoge um ein Bauwerk mit mittelalterlichem Kern handeln, bis
Toeplitz dann das Baujahr mit 1754 angeben konnte.
Die hohe Zeit der Harburger Synagoge war wohl das
folgende Jahrhundert bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Neuordnung Europas
nach den Kriegen Napoleons führte zur Gründung der Königreiche Bayern und
Württemberg und damit auch zum Ende der Grafschaft Oettingen, auf deren
Territorium Harburg lag. Die dynamischen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts
bewirkten, dass jüdische Familien mehr und mehr aus den ländlichen Regionen wegzogen,
in den grossen Städten neue Existenzen gründeten oder aber auch oft genug nach
Nordamerika auswanderten, um dort ihr Glück zu suchen. Manche wurden reich,
Viele versanken im Elend.
DAS ENDE DER JÜDISCHEN GEMEINDE
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten nicht mehr
allzu viele jüdische Familien in Harburg, jedoch war das Gemeindeleben noch
intakt, die Synagoge war immer noch das gut besuchte Zentrum jüdischer
Religiosität. Allerdings zeichnete sich jetzt bereits das nahende Ende der
jüdischen Gemeinde ab. Man installierte zwar noch eine damals viel bestaunte
elektrische Beleuchtung im Betsaal, jedoch wurde es in den Zwanziger Jahren
immer schwerer die geforderte Mindestzahl von zehn religionsmündigen männlichen
Personen für den Synagogendienst zusammen zu bekommen. Die
nationalsozialistische Machtübernahme im Jahr 1933 führte in der Folgezeit zu
massiven und zunehmenden Schikanen jüdischer Mitbürger am Ort. Manche Familien
emigrierten, manche ältere Juden zogen weg zu anderen Verwandten an anderen Orten,
manche starben noch rechtzeitig vor dem drohenden Unheil. Ein paar wenige Juden
aus der Familie Nebel blieben in Harburg und wollten nicht daran glauben, dass
man Ihnen Übles antun würde. Ihr Schicksal, und das vieler anderer in Harburg
geborener Juden, führte sie in die Vernichtungslager Osteuropas.
1936 wurde die jüdische Gemeinde in Harburg
aufgelöst und der Nördlinger Kultusgemeinde zugeordnet. Die Synagoge stand nun
leer. In der Pogromnacht im November 1938 wurde das Gebäude zwar nicht
zerstört, Nachbarn plünderten jedoch in aller Offenheit das Inventar. Im
zweiten Weltkrieg diente das verlassene Kultgebäude als Lagerraum und wurde
danach in sanierungsbedürftigen Zustand an die jüdische Vermögensverwaltung
JRSO zurückgegeben. Da diese mit dem ramponierten Kultgebäude wegen einer
fehlenden jüdischen Gemeinde nichts mehr anfangen konnte, wurde die ehemalige
Synagoge an eine Flüchtlingsfamilie für wenig Geld verkauft, die dann dort auch
behelfsmässig wohnte.
Dem Landratsamt Donauwörth war die kulturgeschichtliche
Bedeutung der Harburger Synagoge damals schon seit langem bekannt, war sie doch
als einziges jüdisches Kulturdenkmal bereits vor dem Krieg noch ausführlich
gewürdigt worden. Allein es fehlte das Geld und auch die Bereitschaft dieses
Gebäude zu sanieren, bis dann um 1965 ein ortsansässiger Ingenieur die
ehemalige Synagoge mit amtlicher Genehmigung zu einem Wohn- und Geschäftshaus
umbaute und dadurch die wesentliche Bausubstanz nachhaltig vor dem Verfall
rettete.
KULTURZENTRUM VON ÜBERREGIONALER BEDEUTUNG
Von 1989 bis 1992 wurde die Harburger Synagoge nach
nochmaligem Umbau im Innern in Privatinitiative als überregional bedeutendes
Kulturzentrum mit über 120 anspruchsvollen Veranstaltungen geführt. Die
fehlende Unterstützung durch die öffentliche Hand führte dann zwangsläufig zur
Aufgabe dieser über alle Massen erfolgreichen Initiative. Politische und auch
kirchliche Intrigen haben letzten Endes zur Beseitigung dieser unerwünschten
kulturellen "Konkurrenz" geführt. Das Gebäude wurde 1995 von einem
Arzt gekauft, der dort seine Praxis betreibt und mit seiner Familie auch dort
wohnt.
So ist nun die Harburger Synagoge zu ihrer
wohlverdienten Ruhe gekommen, wird vor allzu neugierigen Touristen verschont
und erfüllt einen guten Zweck im gesellschaftlichen Gefüge des trotz aller
Bausünden der letzten Jahrzehnte immer noch malerischen Städtchens Harburg. Das
Altstadtpanorama zeigt wie eh und je das stattliche Synagogengebäude am Fluss,
umrahmt von kleinteiliger alter Baustruktur, im Hintergrund die St Barbara
Kirche und droben am Berg die mächtige Burganlage.
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