Marum-Zwillinge werden 85

In Sobernheim geborene Töchter des Strumpffabrikanten leben in USA


Hildegard und Margot, die beiden Marum-Zwillinge, wurden einst (um 1919) von ihrem Bruder Arnold mit der Glasplattenkamera im Garten abgelichtet.
Repro: P.
Bregenzer

Vom 27.08.2002
 
pb. BAD SOBERNHEIM Gefeiert wird heute in Andover im US-Staat Massachussetts der doppelte 85. Geburtstag, weil zwei Zwillingsschwestern am 27. August 1917 in Sobernheim das Licht der Welt erblickten. Es handelt sich um Hildegard und Margot Marum. Das Bild zeigt die Zwillinge um das Jahr 1920, von ihrem Bruder Arnold auf die lichtempfindliche Glasscheibe einer Plattenkamera gebannt. Seit ihrer Heirat heißen die beiden Frauen aus dem jüdischen Fabrikantenhaus auch im Familiennamen ähnlich: Hildegard Lebow und Margot Lebach.

Strumpffabrikant Alfred Marum hatte sechs Kinder. Der eine Junge hieß Arnold, er starb früh, nach ihm ist der Arnold Marum-Park, eine vor nunmehr 50 Jahren getätigte Stiftung an die Stadt, benannt worden. Hans Marum starb vor fünf Jahren. Die Marumkinder kamen im Hause Schlarb Ecke Breitlerstraße/Kuhweg zur Welt. Als ihr Vater das Haus Bahnhofstraße erwarb (auf seinem Keller steht heute Rathaus 2) zogen sie dorthin um und dort erlitten Marums auch die „Reichskristallnacht“, als Nazi-Schergen das Inventar verwüsteten. Marums flüchtete nach der „Arisierung“ ihrer Strumpfstrickerei 1939 nach USA, wo sie in Massachussetts eine neue Strumpffabrik errichteten.

Frau Lebow wohnt in Andover im Hause ihres Vaters. Frau Lebach lebte in den 60er Jahren in Sobernheim, weil ihr Mann in der Firmenleitung des hiesigen Unternehmens tätig war. Später zog sie mit ihm nach Lörrach, seit zehn Jahren ist sie bei ihrer Zwillingsschwester in Andover. Die beiden nun 85 Jahre alten Damen sind rüstig und reisefreudig.

Frühere Marum-Mitarbeiter und der Synagogen-Förderverein werden den beiden Geburtstagsschwestern gerne gratulieren, ebenso Bürgermeister Hans-Georg Janneck. Und die Allgemeine Zeitung, Nachfolgerin des einst dem Marumhaus benachbarten „Sobernheimer Anzeiger“ wünscht ebenfalls alles Gute.

 

 

 

 

 

Schub für die Synagoge

Berkemann zeigte sich bei Berliner Preisverleihung nachdenklich


Aus den Händen von Arthur Obermayer, dem Stiftungspräsidenten, erhielt Hans Eberhard Berkemann im Berliner Abgeordnetenhaus den "German Jewish History Award".
Bild: mun

Vom 31.01.2003
 
mun. BERLIN/BAD SOBERNHEIM - Hans Eberhard Berkemann erhielt im Rahmen einer Feierstunde im Berliner Abgeordnetenhaus mit sechs weiteren Preisträgern den "German Jewish History Award". "Ich stehe hier stellvertretend für die 80 Mitglieder des Fördervereins", betonte Berkemann in seiner Dankadresse. Die Überraschung über die Ehrung sei abgelöst worden von der Hoffnung, dass die Preisverleihung einen weiteren Schub für die Restaurierung der ehemaligen Sobernheimer Synagoge darstellen könnte.

Fünf Nachkommen der Familie Marum waren - teilweise mit ihren Ehepartnern - nach Berlin gekommen. Dr. Arthur Obermayer, Präsident der Obermayer-Stiftung, die den "German Jewish-History-Award" verleiht, wies darauf hin, dass alle Preisträger von jüdischen Familien aus Israel, den USA, Kanada, England und Frankreich vorgeschlagen worden waren.

Das Engagement für die Bewahrung des jüdischen Erbes werde sehr hoch eingeschätzt, betonte Obermayer. "Sie haben eine Brücke von der Vergangenheit in die Zukunft geschlagen", sagte er. Die Arbeit Berkemanns und seiner Mitstreiter wurde auch durch die Anwesenheit des israelischen Gesandten Levy sowie eines Vertreters der Jüdischen Gemeinde von Berlin gewürdigt.

"Sie haben Zeichen gesetzt, und Menschen jüdischen Glaubens und jüdischer Herkunft haben diese Zeichen verstanden", erklärte der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, Walter Momper. Er dankte den Preisträgern für ihre Initiativen zur Erhaltung der Zeugnisse jüdischer Kultur und stellte es in den Zusammenhang des Engagements gegen Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit.

Dr. Michel Friedman, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, würdigte die Preisträger als "Brückenbauer im besten Sinn des Wortes". Das Engagement der Preisträger lasse die Ansprachen am Tag der Unterzeichnung des Staatsvertrages zwischen dem Zentralrat der Juden und der Bundesrepublik, die wenige Stunden zuvor stattgefunden hatte, lebendig werden: "Ohne diese Menschen wären alle Festreden heiße Luft."

Jüdische Kultur und Geschichte werde vor allem jungen Menschen durch die Arbeit der Ausgezeichneten in einer Weise nahe gebracht, die Schulbücher nicht vermitteln könnten, äußerte Ute Vogt, Staatssekretärin im Bundesinnenministerium.

Die Pressekonferenz, die der Preisverleihung voran ging, nutzte Berkemann, um einmal mehr vehement für sein Anliegen, den Erhalt der jüdischen Friedhöfe und der einstigen jüdischen Gotteshäuser, zu werben. "Nach dem Zweiten Weltkrieg sind mehr Synagogen zerstört worden, als im gesamten Dritten Reich", erklärte Berkemann. Nur knapp sei auch das Bad Sobernheimer Kultgebäude diesem Schicksal entgangen. Auch auf die ständige Gefahr für die jüdischen Grabstätten wies Berkemann hin. Die Zahl der Friedhofsschändungen liege bei 1000 pro Jahr - mit steigender Tendenz. "Wenn wir uns auf die Position des Nichtstuns beschränken, vollenden wir das, was die Nazis nicht fertig gebracht haben", warnte er.

 

 

 

 

 

 

Hoffnung auf jüdisches Leben in Bad Sobernheim

Jüdische Journalisten bei einem Fachseminar im Max Willner-Haus/Teilnehmerin beschreibt ihre Eindrücke von der ehemaligen Synagoge


Jüdische Journalisten lassen sich von AZ-Redakteur Paul Bregenzer das Zeitungsmachen erklären.
Foto: G.
Schatto

Vom 27.09.2004
 
pb. BAD SOBERNHEIM In der Felkestadt hielt sich einejüdische Gruppe auf, die sich journalistisch betätigt. In ihren jeweiligen Gemeinden in ganz Deutschland sorgen diese Frauen und Männer für Informationsschriften. Dazu erhielten sie auf dem Nohfelsen in der Fortbildungs- und Freizeitstätte des Zentralen Wohlfahrtsverbandes der Juden in Deutschland, im "Max-Willner-Heim", bei einem Fachseminar weitere handwerkliche Fähigkeitender Medienbranche vermittelt. Zum Aufenthalt gehörte ein informativer Rundgang durch die Stadt, geführt von Hans-Eberhard Berkemann. Ein Besuch der AZ-Lokalredaktion gleich neben dem Alfred-Marum-Park war ebenfalls im Programm.

Janina Abramova, eine der Teilnehmerinnen, beschreibt für die AZ aus diesem Stadtgang den Besuch der früheren Synagoge und ihre Eindrücke:

"Die Synagoge - gut als Möbellager, Futterspeicher oder einfach fürs Wäschetrocknen - weil sie kühl und trocken ist? Mir kamen unendlich viele Fragen in den Kopf, als ich in Sobernheims Synagoge auf dem Stuhl saß und ihre nicht einfache Geschichte hörte.

Bad Sobernheim ist eine kleine Stadt im Nahetal, eine Stunde entfernt vom großen Mainz. Nur siebentausend Bewohner, ruhig und grün. Und es gibt keine Juden in der Stadt, aber eine Synagoge. Eine lange und traurige Geschichte - wie von vielen anderen kleinen Städten in Deutschland, wo es einst jüdische Gemeinden gab.

Erste jüdische Siedler sind etwa im 12. Jahrhundert nach Sobernheim eingewandert. Damals nur ein Paar Familien, mehr durften es nicht sein.

Und über einige Jahrhunderte hinweg ist die jüdische Bevölkerung in der Stadt unverändert geblieben. Die Reichen und Unternehmungslustigen von ihnen haben schon damals die Geschäfte gegründet, an die sich die Stadtbewohner immer noch erinnern können. Denn die Häuser, in denen sie wohnen, gehörten jüdischen Geschäftsleuten. Die Geschichte der Sobernheimer Juden versteckt sich in verwinkelten Gassen der Stadt: in der Metzgerei, dem Gemüseladen, in der Schuhmacherei und einem Laden, der sich im Laufe der Jahre in einen Möbelgroßhandel verwandelt hat. Darunter sogar eine Strumpffabrik, deren Gebäude jetzt leer und verlassen mitten in der Stadt steht. Niemand kann es gebrauchen.

Nicht nur die Gebäude, sondern auch die mit ihnen verbundenen Namen kennt man in der Stadt: Marum, Wolf und Feibelmann. Gerade zum Anfang der Nazizeit haben diese und viele andere jüdische Familien in Sobernheim ihren höchsten Wohlstand erreicht und friedlich zusammen und zwischen den anderen Stadtbewohnern gelebt und gearbeitet.

Sogar die langersehnte eigene Synagoge konnten sie Mitte des 19. Jahrhunderts unter großen finanziellen Opfern erbauen und im Jahre 1904 erweitern. Eine Thora-Rolle in der Synagoge zu haben ist großer Stolz jeder jüdischen Gemeinde. Diese Synagoge hatte acht!

Die Macht des National-Sozialismus vernichtete, was sie unter Tränen und Schweiß geschaffen haben: Sie mussten ihre Geschäfte an "arische" Stadtbewohner verkaufen, natürlich unter Wert, ihre Läden schließen, ihre Bankguthaben abgeben. Einige kluge und vorsorgliche Familien ahnten das Schlimmste und konnten sich zeitig retten. Andere wurden geplündert und deportiert.

Die geplünderte, demolierte Synagoge blieb zwar stehen, aber sie war keine Synagoge mehr. Jahrelang stand sie ohne Fenster und Türen allen Winden offen. Dann wurde sie Futterspeicher, dann Möbellager, zuletzt Getränkelager.

Emigrierte Sobernheimer Juden sind zurück gekommen - die Synagoge nicht. Die Generation der Nachkriegszeit betrachte das Gebäude ohne jüdische Symbole, die einst von Nazis abgerissen worden waren, nur als Lagerraum. Anfang der 90er Jahre versuchte ein Sobernheimer Lehrer, die Geschichte der Juden dieser Stadt dem Vergessen zu entreißen. Es war seine Idee, der Synagoge neues Leben zu geben.

Langer Kampf mit Behörden, die davon wenig wissen wollten, mit Geschäftsbesitzern, die es nicht akzeptieren wollten, in ihren Räumen wieder die Synagoge zu sehen. Bad Sobernheim verdankt Hans-Eberhard Berkemann die Wiedererstehung der Synagoge.

Das Gebäude dient heute zwar nicht mehr dem ursprünglichem Zweck, ist aber auch kein Lager mehr. Der Davidstern und die schöne Eingangsverzierung sagen jedem, dass es ein jüdisches Gotteshaus war. Nach der Renovierung soll daraus auch eine Bücherei entstehen, was auf jeden Fall besser als ein Möbellager ist.

Und es bleibt die Hoffnung, dass jüdisches Leben einmal wieder nach Bad Sobernheim kommt und für immer bleibt."